{"id":14223,"date":"2015-05-01T00:00:00","date_gmt":"2015-04-30T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2015\/05\/la-ruta-mortal-die-todesstrasse\/"},"modified":"2022-07-26T14:22:14","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:14","slug":"la-ruta-mortal-die-todesstrasse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/05\/la-ruta-mortal-die-todesstrasse\/","title":{"rendered":"La ruta mortal &#8211; die Todesstra\u00dfe"},"content":{"rendered":"<h3>Alternativen sehen nur die Wenigsten<\/h3>\n<p>Unter den mittelamerikanischen Staaten war in den vergangenen                 Jahren Honduras das Land mit der am schnellsten wachsenden Fl\u00fcchtlingsquote.                 270 Menschen machten sich von hier aus jeden Tag auf den Weg nach                 Norden. Zwei Drittel der honduranischen Bev\u00f6lkerung leben unterhalb                 der Armutsgrenze, viele in extremer Armut. Zahlreiche Familien                 \u00fcberleben \u00fcberhaupt nur dank der &#8222;Remesas&#8220;, regelm\u00e4\u00dfiger \u00dcberweisungen                 von Familienangeh\u00f6rigen, die den Grenz\u00fcbertritt in die USA geschafft                 haben. Dort ist ihr Aufenthaltsstatus h\u00e4ufig illegal, sie arbeiten                 in prek\u00e4ren Verh\u00e4ltnissen ohne jegliche soziale Absicherung und                 sind st\u00e4ndig bedroht von Abschiebung &#8211; mit verheerenden Folgen                 f\u00fcr ihre Familien. 2006 machten &#8222;Remesas&#8220; knapp 25% des honduranischen                 Bruttoinlandsproduktes aus. Nach j\u00fcngeren Erkenntnissen lebte                 zwischenzeitlich fast ein Viertel der mittelamerikanischen Bev\u00f6lkerung                 von \u00dcberweisungen aus Nordamerika. Der &#8222;Krieg gegen illegale Fl\u00fcchtlinge&#8220;,                 den die USA insbesondere seit der Macht\u00fcbernahme Barack Obamas                 medienwirksam erkl\u00e4rt hat, gef\u00e4hrdet also das \u00dcberleben der Menschen                 in Mittelamerika auf unmittelbare Weise. Jede Abschiebung schafft                 dort neues Elend &#8211; und st\u00e4rkt die Notwendigkeit zur Migration.                 Deshalb bem\u00fcht sich die Administration Obama, \u00e4hnlich wie ihre                 Amtskolleginnen und -kollegen in Europa, die &#8222;Frontlinie&#8220; immer                 weiter vom eigenen Territorium weg zu schieben.<\/p>\n<h3>Programa Frontera Sur<\/h3>\n<p>Auf Druck und mit tatkr\u00e4ftiger finanzieller und logistischer                 Hilfe der USA hat Mexiko, als letztes und wichtigstes Transitland                 f\u00fcr Migrantinnen und Migranten auf dem Weg nach Norden, mit dem                 sogenannten Programa Frontera Sur [\u201aProgramm S\u00fcdgrenze&#8216;] die Militarisierung                 der Grenze im S\u00fcden vollzogen.<\/p>\n<p>Dort erledigen Beamte des ber\u00fcchtigten Instituto Nacional de                 Migraci\u00f3n (INM) [\u201aNationales Institut f\u00fcr Migration&#8216;], des Milit\u00e4rs                 und der Staatspolizei, dicht verfilzt mit dem organisierten Verbrechen,                 die schmutzige Arbeit f\u00fcr den gro\u00dfen Nachbarn im Norden. <\/p>\n<p>&#8222;Mexiko hat seine H\u00e4nde in Blut getaucht&#8220;, sagt der Franziskanerm\u00f6nch                 Fray Tom\u00e1s Gonz\u00e1lez Castillo, Leiter einer sicheren Herberge f\u00fcr                 Fl\u00fcchtlinge in Tenosique (Tabasco), keine 60 Kilometer n\u00f6rdlich                 der Grenze zu Guatemala: &#8222;Das Land ist zum Verr\u00e4ter an seinen                 mittelamerikanischen Br\u00fcdern geworden.&#8220; Fray Tom\u00e1s, 41 Jahre alt,                 leitet nicht nur die Herberge &#8222;La 72&#8220;, benannt nach 72 Opfern                 eines Massakers an Migrantinnen und Migranten in San Fernando                 (Tamaulipas) im Jahr 2010, sondern gemeinsam mit Glaubensbr\u00fcdern                 und Freiwilligen auch eine Menschenrechtsorganisation gleichen                 Namens, die \u00dcbergriffe gegen Migrantinnen und Migranten dokumentiert                 und \u00f6ffentlich macht. Seine T\u00e4tigkeit wird von Polizei und organisiertem                 Verbrechen nicht gesch\u00e4tzt. Er erhielt bereits mehrere Morddrohungen.                 Fray Tom\u00e1s nennt die Fl\u00fcchtlingskatastrophe in Mittelamerika &#8222;ein                 humanit\u00e4res Problem, kein Problem der nationalen Sicherheit&#8220;.               <\/p>\n<p>Das Programa Fontera Sur habe die Gewalt gegen die schutzlosen                 Fl\u00fcchtlinge drastisch versch\u00e4rft. Am 6. M\u00e4rz 2015 dokumentierte                 &#8222;La 72&#8220; einen Fall unter hunderten: Damals lie\u00dfen Beamte des INM                 im Zuge einer Razzia auf einen G\u00fcterzug einen jungen Honduraner                 im Fluss ertrinken, obwohl er laut um Hilfe rief und beistehende                 Fl\u00fcchtlinge zur Hilfe eilen wollten. Als einer der Beamten sich                 anschickte, einzugreifen, wurde er von seinen Kollegen zur\u00fcckgehalten:                 &#8222;Lass den Trottel!&#8220; Die Leiche des jungen Mannes lag anschlie\u00dfend                 \u00fcber zehn Stunden am Ufer. <\/p>\n<p>Ein Fl\u00fcchtlingsleben gilt im Transitland Mexiko so gut wie nichts.                 Sie werden beleidigt, misshandelt, ausgeraubt oder nachts auf                 offener Stra\u00dfe willk\u00fcrlich erschossen, erschlagen oder \u00fcberfahren.                 Nicht selten werden ihre Leichen in namenlosen Gr\u00e4bern verscharrt,                 die bald darauf wieder ge\u00f6ffnet werden m\u00fcssen, um Platz f\u00fcr neue                 Leichen zu schaffen. Jahr f\u00fcr Jahr sterben sch\u00e4tzungsweise 1.000                 Menschen auf und an der &#8222;ruta mortal&#8220;. <\/p>\n<p>Dass die mexikanische Regierung das &#8222;Programm S\u00fcdgrenze&#8220; als                 Ma\u00dfnahme zum Schutz der Menschenrechte von Migrantinnen und Migranten                 zu verkaufen versucht, entlockt Fray Tom\u00e1s ein bitteres L\u00e4cheln.                 &#8222;Genau das Gegenteil ist passiert&#8220;, erl\u00e4utert er. Seit dem Beginn                 des Programms h\u00e4tten zum Beispiel die Razzien auf G\u00fcterz\u00fcge stark                 zugenommen. Die G\u00fcterbahnlinie durch Mexiko sei noch immer die                 meistgenutzte, aber auch gef\u00e4hrlichste M\u00f6glichkeit f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge,                 in den Norden zu gelangen: &#8222;Ansonsten m\u00fcssen sie durch den Dschungel                 marschieren oder teure Schlepper bezahlen&#8220;, so Gonz\u00e1lez. Im Zuge                 des neuen Programms zur Fl\u00fcchtlingsabwehr w\u00fcrden die Z\u00fcge von                 der INM nun oft an besonders unwegsamen Orten gestoppt, zu denen                 keine Presse vordringe und niemand \u00fcberpr\u00fcfen k\u00f6nne, was dort                 mit den Fl\u00fcchtlingen geschehe. Was dort mit ihnen geschieht, wissen                 Menschen wie Fray Tom\u00e1s, die sich in Mexiko f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge engagieren,                 allerdings nur zu gut&#8230;<\/p>\n<h3>Ein Gesch\u00e4ft <\/h3>\n<p>Denn tats\u00e4chlich liegt die eigentliche Perversion darin, dass                 sowohl Fl\u00fcchtlinge als auch Fl\u00fcchtlingsabwehr f\u00fcr Wirtschaft,                 Staat und organisiertes Verbrechen ein florierendes Gesch\u00e4ft geworden                 sind, bei dem niemand zur\u00fcckstehen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Die Militarisierung der Grenzen hat sowohl in den USA als auch                 in Mexiko die Preise explodieren lassen &#8211; vom Steigen der Schmiergeldforderungen                 an Grenzposten \u00fcber als Entwicklungshilfe getarnte Finanzspritzen                 zur Militarisierung bis hin zum Handel mit teurer Technik zur                 &#8222;Grenzsicherung&#8220;. Im S\u00fcden der USA, einer wirtschaftlich zerr\u00fctteten                 Region, boomt seit langem schon das Gesch\u00e4ft mit der Entwicklung                 und Vermarktung von Sicherheitstechnik. An der S\u00fcdgrenze Mexikos                 dagegen bl\u00fcht seit Jahren die L\u00f6segelderpressung. Fl\u00fcchtlinge                 werden bei Razzien von der Polizei organisierten Banden zugef\u00fchrt,                 die die oft jungen M\u00e4nner und Frauen dann unter unmenschlichen                 Bedingungen in sogenannten &#8222;casas de seguridad&#8220;, &#8222;sicheren H\u00e4usern&#8220;                 gefangen halten. Dort m\u00fcssen sie Kontakt zu Familienangeh\u00f6rigen                 oder Freunden in der Heimat und den USA aufnehmen, damit diese                 das geforderte L\u00f6segeld (ca. 2500.- US-Dollar) f\u00fcr sie bezahlen.                 Sollten die Entf\u00fchrten keine Verwandten (mehr) haben oder sie                 nicht erreichen k\u00f6nnen, werden sie gefoltert und in den meisten                 F\u00e4llen ermordet. F\u00fcr viele Familien ist der Betrag ohnehin nicht                 zu bezahlen. Warum sonst h\u00e4tten ihre Angeh\u00f6rigen den lebensgef\u00e4hrlichen                 Weg in den Norden wagen sollen? Trotzdem: Die Gewinne sind gewaltig.                 Das Movimiento Migrante Mesoamericano (M3) [\u201aMittelamerikanische                 Fl\u00fcchtlingsbewegung&#8216;], eine vor allem aus M\u00fcttern verschwundener                 Migrantinnen und Migranten bestehende Menschenrechtsorganisation,                 die unter anderem mit der deutschen Organisation medico international                 zusammenarbeitet, hat ausgerechnet, dass die Gewinne aus dieser                 Art von Menschenraub allein in der zweiten H\u00e4lfte des Jahres 2014                 in Mexiko 25 Millionen Dollar betrugen. <\/p>\n<p>\u00c4hnlich eintr\u00e4glich ist die Zwangsprostitution von Migrantinnen,                 nicht zuletzt von Minderj\u00e4hrigen. Sechs von zehn Migrantinnen                 werden auf ihrem Weg durch Mexiko mindestens einmal vergewaltigt                 oder von organisierten Menschenh\u00e4ndlern in die Sexsklaverei gepresst.                 Seit zehn Jahren steigt die Zahl der ausl\u00e4ndischen Freier, vor                 allem aus den USA und Europa. Auch im Internet boomt das Gesch\u00e4ft.                 Wiederum arbeiten staatliche Autorit\u00e4ten und organisierte Banden                 Hand in Hand und teilen die Gewinne. Letztere erledigen auch die                 blutige Arbeit, wenn l\u00e4stige Menschenrechtsaktivistinnen oder                 kritische Journalisten beseitigt werden m\u00fcssen. &#8222;Heute&#8220;, stellt                 Fray Tom\u00e1s fest, &#8222;sprechen wir nicht mehr von organisierter Kriminalit\u00e4t,                 sondern von autorisierter Kriminalit\u00e4t&#8220;. <\/p>\n<p>F\u00fcr Menschen, die sich an solchen Verbrechen bereichern, ist                 der Fl\u00fcchtlingsstrom aus Mittelamerika ein niemals versiegender                 Geldfluss. W\u00fcrde die Massenmigration von einem Tag auf den anderen                 aufh\u00f6ren, w\u00e4re dies f\u00fcr viele in politischer Administration, Polizei,                 Wirtschaft und organisiertem Verbrechen ein herber Schlag. Auch                 in den USA w\u00fcrde ein pl\u00f6tzlicher Wegfall der illegalen Arbeitsmigration                 aus Mittelamerika die Profite betr\u00e4chtlich schm\u00e4lern und m\u00f6glicherweise                 die gesamte Wirtschaft gef\u00e4hrden. <\/p>\n<p>Man fragt sich bei alledem, was eigentlich widerlicher ist: die                 ma\u00dflose Hetze gegen angeblich &#8222;schadbringende&#8220; Fl\u00fcchtlinge oder                 das heuchlerisch-humanit\u00e4re Getue, mit dem Politiker gleichzeitig                 bei \u00e4rmeren Bev\u00f6lkerungsschichten auf Stimmenfang gehen? Wie weit                 der Zynismus der politisch Verantwortlichen dabei gehen kann,                 erwies sich unter anderem 2005, als der damalige mexikanische                 Pr\u00e4sident Vicente Vox, ein ehemaliger Manager von Coca Cola, der                 christlichen Menschenrechtsaktivistin Olga Kromm einen Preis f\u00fcr                 ihr Engagement f\u00fcr mittelamerikanische Fl\u00fcchtlinge \u00fcberreichte.                 Seine Regierung, so versprach er w\u00e4hrend der Zeremonie, werde                 Unterk\u00fcnfte f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge bauen, die gr\u00f6\u00dften Zentralamerikas.                 &#8222;Er verga\u00df zu erw\u00e4hnen&#8220;, schrieb damals die ebenso informierte                 wie kritische Journalistin Erika Harzer im Freitag, &#8222;dass die                 Anlage in Wahrheit als Abschiebecamp f\u00fcr die illegal nach Mexiko                 eingewanderten Arbeitsnomaden des Nordens gedacht war.&#8220;<\/p>\n<h3>Fazit<\/h3>\n<p>Solange die L\u00e4nder Mittelamerikas keine Chance haben, ihre Gesellschaften                 zu stabilisieren und sich vom neoliberalen G\u00e4ngelband der Weltbank                 zu l\u00f6sen, wird sich die humanit\u00e4re Fl\u00fcchtlingskatastrophe weiter                 versch\u00e4rfen. Das Erschreckende daran ist, dass eine Menge Menschen                 in Mexiko und den USA gegen eine derartige Versch\u00e4rfung gar nichts                 einzuwenden hat. Ganz im Gegenteil.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alternativen sehen nur die Wenigsten Unter den mittelamerikanischen Staaten war in den vergangenen Jahren Honduras das Land mit der am schnellsten wachsenden Fl\u00fcchtlingsquote. 270 Menschen machten sich von hier aus jeden Tag auf den Weg nach Norden. Zwei Drittel der honduranischen Bev\u00f6lkerung leben unterhalb der Armutsgrenze, viele in extremer Armut. 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