{"id":14234,"date":"2015-05-01T00:00:00","date_gmt":"2015-04-30T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2015\/05\/wenn-du-den-feind-und-dich-selbst-kennst\/"},"modified":"2022-07-26T14:12:02","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:02","slug":"wenn-du-den-feind-und-dich-selbst-kennst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/05\/wenn-du-den-feind-und-dich-selbst-kennst\/","title":{"rendered":"&#8222;Wenn du den Feind und dich selbst kennst&#8230;&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Der Google-Manager und Obama-Berater Eric Schmidt brachte dieses Verh\u00e4ltnis mit folgenden programmatischen Worten auf den Punkt: &#8222;Wenn es etwas gibt, von dem Sie nicht wollen, dass irgendwer es \u00fcber Sie wei\u00df, dann sollten Sie es vielleicht erst gar nicht tun.&#8220;<\/p>\n<p>Diese Disziplinarfunktion der \u00dcberwachung beschreibt auch George Orwell wenn es in seinem totalit\u00e4ren Staat von 1984 keine Subversion mehr gibt, weil die &#8222;Televisoren&#8220;, die allgegenw\u00e4rtigen Kommunikations- und Unterhaltungsger\u00e4te, potentiell zur\u00fcckschauen: &#8222;Es war ein R\u00e4tsel, wie oft oder auf welchem System eines Individuums sich die Gedankenpolizei einw\u00e4hlte. Man musste mit der Annahme leben &#8211; lebte mit der Annahme, die zum Instinkt wurde &#8211; dass jedes Ger\u00e4usch, das man machte, mitgeh\u00f6rt und, au\u00dfer bei Dunkelheit, jede Bewegung registriert wurde.&#8220;<\/p>\n<p>Die Televisoren sind Multifunktionsger\u00e4te. In Gestalt eines Bildschirms sind sie gleichzeitig Fernseher, Uhr, Telefon, Fitnesstrainer und vieles mehr. Also das, was wir heute Smartphone nennen. Mit dem Unterschied, dass wir heute unseren &#8222;Televisor&#8220; mit uns herumtragen und freiwillig mit Informationen f\u00fcttern, die auch die ausgefeilteste \u00dcberwachungstechnologie nicht gegen unseren Willen ermitteln k\u00f6nnte. Hierin liegt die neue Qualit\u00e4t von \u00dcberwachung, die sich in den letzten zwei Jahrzehnten ausgebildet hat: Wir \u00fcberwachen uns selbst. Und zwar mit einer Leidenschaft, die jeden Blockwart alt aussehen l\u00e4sst. W\u00e4hrend in 1984 auf das F\u00fchren eines Tagebuchs die Todesstrafe steht, machen wir uns heute geradezu verd\u00e4chtig, wenn wir unser Leben nicht minuti\u00f6s, und zwar bitte mit audiovisuellem Material unterlegt, auf der Website mit dem blauen Daumen dokumentieren.<\/p>\n<h3>Das quantifizierte Selbst<\/h3>\n<p>Aber auch Facebooks R\u00f6ntgenstrahlen gehen vielen transparenten B\u00fcrger_innen schon lange nicht mehr tief genug. Wer sich wirklich bis auf die Knochen durchleuchten will, schlie\u00dft sich heute der boomenden &#8222;Quantified-Self&#8220;-Bewegung an. Das erkl\u00e4rte Ziel dieser Bewegung ist die &#8222;Selbsterkenntnis durch Zahlen&#8220;. Diese soll erreicht werden, indem das eigene Leben mittels automatisierter digitaler \u00dcberwachung vermessen und ausgewertet wird. Begonnen hat der Trend mit den Schrittz\u00e4hlern f\u00fcr Jogger_innen, die mittlerweile meist als App ins Smartphone integriert sind, und neben den Schritten auch die Herzfrequenz, verbrauchte Kalorien und allerlei mehr z\u00e4hlen. Da das Smartphone ja gleichzeitig auch MP3-Player, GPS-Peilsender, Wetterstation, Tagebuch und vieles mehr ist, k\u00f6nnen dabei allerlei Daten korreliert werden. So kann ich nach wenigen Runden erfahren, dass ich die beste Leistung erziele, wenn ich bei 16 Grad im Wald laufe, die Toten Hosen h\u00f6re, in melancholischer Stimmung bin und die letzte Mahlzeit zwei Stunden zur\u00fcckliegt. Diese Daten k\u00f6nnen dann ins Facebook-Profil integriert werden oder auf der Website des jeweiligen Anbieters z.B. in Rankings angezeigt werden. Tue ich das, so kann meine Joggingroute live mitverfolgt werden und meine Freund_innen k\u00f6nnen mich per Facebook anfeuern &#8211; was mir \u00fcber die Kopfh\u00f6rer meines Smartphones als frenetischer Applaus eingespielt wird.<\/p>\n<h3>Auf der Jagd nach Produktivit\u00e4tsorden<\/h3>\n<p>Dieses sogenannte Self-Tracking ist l\u00e4ngst nicht mehr auf den Sport beschr\u00e4nkt. Beliebt ist beispielsweise auch die Zeitmanagement-Software. Diese misst wie viel Zeit die Nutzer_innen mit verschiedenen T\u00e4tigkeiten verbringen und errechnet auf dieser Grundlage, wie &#8222;effizient&#8220; sie dabei sind &#8211; und wo sie sich verbessern sollten. Die gr\u00f6\u00dften Anbieter von Zeitmanagement-Software sind RescueTime und TimeDoctor. Alleine RescueTime wird von knapp einer Million Personen genutzt. Den Nutzer_innen werden statistische Auswertungen ihrer Aktivit\u00e4ten am Computer geliefert. Diese Statistiken werden in sogenannte &#8222;Produktivit\u00e4ts-Punkte&#8220; umgerechnet, die dann mit anderen Nutzer_innen in Rankings verglichen werden k\u00f6nnen. Unter diesen sind dann Kommentare zu lesen wie: &#8222;Ich schlafe durchschnittlich nur vier Stunden und 48 Minuten, aber ich habe immer noch zu wenig Zeit. Was soll ich tun?&#8220; Au\u00dferdem verf\u00fcgen die Programme \u00fcber &#8222;Motivationshilfen&#8220; wie Alarme, die ausgel\u00f6st werden, wenn zu viel Zeit auf eine bestimmte Aufgabe verwendet wird, oder virtuelle &#8222;Orden&#8220;, die f\u00fcr Hochleistungen freigeschaltet werden. Dar\u00fcber hinaus k\u00f6nnen bestimmte &#8222;ablenkende&#8220; Webseiten gesperrt werden, so lange nicht ein bestimmtes Ma\u00df an Arbeit geleistet wurde. Die sogenannten &#8222;Team-Versionen&#8220; der Programme k\u00f6nnen zudem von Vorgesetzten dazu genutzt werden, genau zu \u00fcberwachen, was ihre Untergebenen wann tun und ihnen gegebenenfalls mit der sogenannten &#8222;nudge&#8220;-Funktion mitteilen, dass ihre mangelhafte Produktivit\u00e4t bemerkt wurde.<\/p>\n<h3>Rating-Agenturen f\u00fcr Privatpersonen<\/h3>\n<p>Das Einsortiertwerden in Rankings ist ein wesentlicher Bestandteil des Self-Trackings. Einige Anwendungen sind sogar ausschlie\u00dflich darauf ausgerichtet &#8211; eine Art Rating-Agenturen f\u00fcr Privatpersonen. &#8222;Wenn Reputationskapital die neue W\u00e4hrung der Online-Interaktionen ist, dann m\u00fcssen Sie wissen, was Sie im Geldbeutel haben&#8220;, wirbt etwa Trustcloud. Anwendungen wie diese analysieren die digitale Kommunikation ihrer Nutzer_innen und die Reaktionen auf deren Online-Verhalten. Dabei wird beispielsweise untersucht, welche Worte sie verwenden und wie schnell sie auf Nachrichten reagieren, um eine Punktzahl zu berechnen, die ihre Vertrauensw\u00fcrdigkeit oder ihren Einfluss angeben soll. Die Firma Klout gibt an, dass ihre geheimen Algorithmen solch eine Punktzahl bereits f\u00fcr 620 Millionen Personen berechnet h\u00e4tten und dabei t\u00e4glich 12 Milliarden &#8222;soziale Signale&#8220; aus dem Internet auswerten. &#8222;Das macht wirklich etwas mit Ihrem Leben!&#8220;, freut sich der Gr\u00fcnder von Klout in einem Interview. &#8222;Menschen setzen ihre Klout-Punktzahl unter ihren Lebenslauf und Personalabteilungen fragen bei uns nach.&#8220; Sogar Hotels in Las Vegas w\u00fcrden beim Check-In automatisch das System von Klout \u00fcber ihre Kund_innen abfragen und ihnen bessere Zimmer bereitstellen, wenn ihre Klout-Punktzahl hoch sei. Besonders brisant ist dabei, dass Klout anfangs nicht nur diejenigen Personen bewertet hat, die dort willentlich ein Profil erstellen, sondern auch deren gesamten digitalen Freundeskreis, um herauszufinden, ob die Bewerteten &#8222;lohnende&#8220; Kontakte haben oder nicht. Nachdem so auch zahlreiche Bewertungen f\u00fcr Minderj\u00e4hrige entstanden, musste das Feature abgeschaltet werden.<\/p>\n<h3>Soldatische Ern\u00e4hrungs-Disziplin<\/h3>\n<p>Zum Standardrepertoire des Self-Trackings geh\u00f6rt auch das Ern\u00e4hrungs-Tracking, bei dem per Smartphone jegliche Nahrungsaufnahme protokolliert wird. Am besten funktioniert das bei Fertiggerichten, weil dann nur QR-Codes eingescannt werden m\u00fcssen, damit die gesamte N\u00e4hrwert-Tabelle sofort auf dem Smartphone landet. Bei anderen Apps wird die Mahlzeit abfotografiert und dann per automatische Bilderkennung ausgewertet. Sobald die Kaloriengrenze erreicht ist, schl\u00e4gt die Anwendung Alarm und pr\u00e4sentiert sofort einen alternativen Ern\u00e4hrungsplan. Diese digitale Variante des Di\u00e4ttagebuchs wird von der Firma Weightwatchers unter dem Slogan &#8222;abnehmen wie ein Mann&#8220; vertrieben. Im Werbevideo erkl\u00e4rt ein US-Soldat wie er durch das Ern\u00e4hrungstracking zum Vorbild f\u00fcr seine M\u00e4nner wurde. Tats\u00e4chlich ist das Bild des Soldaten im Self-Tracking sehr pr\u00e4sent. Fast alle Anwendungen arbeiten mit virtuellen &#8222;Orden&#8220; und auff\u00e4llig oft ist die Werbung mit Bildern von Muskelm\u00e4nnern in k\u00e4mpferischen Posen illustriert. So wird an die Selbstdisziplinierung appelliert, die ja das wesentliche Ziel des Self-Tracking ist.<\/p>\n<p>Die milit\u00e4rische Komponente bleibt beim \u00dcbergang von der Spionage zur Selbst\u00fcberwachung also offensichtlich erhalten. Fast scheint es sogar so als w\u00fcrde Sunzis Aphorismus &#8222;Wenn du den Feind und dich selbst kennst&#8230;&#8220; erst im Self-Tracking seine volle Wahrheit finden. M\u00f6glicherweise m\u00fcsste er aber auch umformuliert werden: &#8222;Wenn du den Feind, also dich selbst kennst&#8230;&#8220; Denn im Self-Tracking verschmelzen Polizei und Verd\u00e4chtige_r zu einer Person, die sich selbst mit allen zur Verf\u00fcgung stehenden technischen Mitteln ausspioniert. Jede vers\u00e4umte Joggingrunde, jede \u00fcberz\u00e4hlige Kalorie, jede vertr\u00e4umte Minute Arbeitszeit wird registriert und angemahnt, um nicht vor sich selbst in den Verdacht zu geraten, das Kapitalverbrechen der Leistungsgesellschaft zu begehen: Nicht das Maximum aus sich herauszuholen. So wirbt die Firma Tictrac damit &#8222;ein vollst\u00e4ndiges Bild dar\u00fcber zur Verf\u00fcgung zu stellen, was n\u00f6tig ist, Erfolg zu maximieren.&#8220; TicTrac nennt sich selbst eine &#8222;Self-Tracking Universalplattform&#8220;, das hei\u00dft dort k\u00f6nnen Daten aus den verschiedensten Quellen wie Zeitmanagement-Software, Bewegungssensoren, digitalen Waagen, Kalendern, Emailprogrammen und Di\u00e4t-Apps zusammengef\u00fchrt und miteinander korreliert werden, um beispielsweise den Zusammenhang zwischen Kaffeekonsum und Produktivit\u00e4t zu berechnen.<\/p>\n<h3>Alles eine Frage des Managements<\/h3>\n<p>Es sieht aber keineswegs danach aus, als w\u00fcrde die Selbst\u00fcberwachung die hierarchische Fremd\u00fcberwachung abl\u00f6sen. Viele Self-Tracking-Technologien k\u00f6nnen ohne weiteres im Kontext eines Unternehmens zur Kontrolle der Arbeiter_innen verwendet werden, wie bei der Zeitmanagement-Software: &#8222;RescueTime ist eine Aufkl\u00e4rungsanwendung f\u00fcr Firmen, die Manager informiert h\u00e4lt \u00fcber ihre wertvollste Ressource&#8220;, hei\u00dft es auf der Website. &#8222;Es schafft eine un\u00fcbertroffene Kultur der Arbeitsplatz-Transparenz.&#8220; Im Grunde k\u00f6nnen die meisten Self-Tracking-Anwendungen als Humankapital-Management-Technologien verstanden werden. Ob dieses Humankapital nun von einem Gro\u00dfkonzern, einem Staat, oder einem einzelnen &#8222;Unternehmer seiner Selbst&#8220; (Foucault) verwaltet wird &#8211; die buchhalterische Logik bleibt dieselbe. Im Self-Tracking geht es ebenso wie im Human-Ressource-Management oder in der Arbeitslosenstatistik darum, menschliches Handeln zu vermessen und damit regierbar zu machen. Ebenso wie f\u00fcr jeden Konzern ist es f\u00fcr den &#8222;Unternehmer seiner Selbst&#8220; nur dann m\u00f6glich, der allgegenw\u00e4rtigen Anforderung nach der Optimierung seines Outputs nachzukommen, wenn er \u00fcber buchhalterische Informationen \u00fcber sein Unternehmen, also sich selbst, verf\u00fcgt. So kann der Boom des Self-Trackings verstanden werden als Ausdruck eines \u00f6konomischen Verh\u00e4ltnisses zu sich selbst. Wenn die Humankapitalist_in Sport treibt, so muss sie wissen, wie viel Zeit sie daf\u00fcr ben\u00f6tigt, wie viele Kalorien sie dabei verbrennt, wann und wie oft sie trainieren muss, um den besten Output zu erzielen usw.. Dieser \u00f6konomische Selbstbezug beschr\u00e4nkt sich keineswegs auf die klassische Sph\u00e4re der Arbeit. Jede Lebens\u00e4u\u00dferung vom Sex bis zur Gesundheit muss in \u00f6konomischen Begrifflichkeiten verstanden werden. &#8222;Wir machen Gesundheit messbar&#8220;, wirbt ein Anbieter des sogenannten Bio-Tracking, bei dem Speichelproben ausgewertet werden. &#8222;Denn man kann nur managen, was man auch messen kann.&#8220; Auch Regierungsstellen scheinen ein Interesse daran zu haben, ein solches \u00f6konomisches Selbstverh\u00e4ltnis zu wecken. So schlug das Britische Gesundheitsministerium \u00c4rzt_innen unl\u00e4ngst vor, ihren Patient_innen Self-Tracking Anwendungen zu verschreiben, &#8222;damit diese in die Lage versetzt werden, ihre Gesundheit effektiver zu \u00fcberwachen und zu managen und so mehr Verantwortung f\u00fcr ihre Gesundheit \u00fcbernehmen.&#8220;<\/p>\n<p>Diese Logik der Individualisierung von Verantwortung gef\u00e4llt nat\u00fcrlich auch den Krankenkassen. Viele haben bereits begonnen, Self-Tracking Bonusprogramme einzuf\u00fchren, bei denen Verg\u00fcnstigungen winken, wenn per l\u00fcckenloser Statistik ein tadelloser Lebenswandel nachgewiesen werden kann. Die AOK hat sogar bereits begonnen, eigene Self-Tracking-Anwendungen zu entwickeln. Aber das ist nat\u00fcrlich alles v\u00f6llig freiwillig, wer nicht will, zahlt eben mehr. Die Europ\u00e4sche Kommission geht davon aus, dass bis 2017 3,4 Milliarden Menschen weltweit ein Smartphone besitzen werden und jede_r zweite von ihnen auch Gesundheitstracking-Apps verwenden wird. Von diesem Trend verspricht sich die Kommission immense Einsparungen f\u00fcr die schrumpfenden Gesundheitsbudgets der EU-Staaten.<\/p>\n<h3>Zwischen \u00dcberwachung und Manipulation<\/h3>\n<p>Offensichtlich haben also nicht nur die betreffenden Personen selbst ein Interesse an den Buchhaltungsdaten ihres K\u00f6rpers. Tats\u00e4chlich beinhalten fast alle Self-Tracking-Anwendungen, auch wenn sie f\u00fcr ihre Anwender_innen nicht als Fremd\u00fcberwachungstechnologien nutzbar sind, eine Dimension der Fremdkontrolle. Denn die mit ihnen erhobenen Daten sind stets erst dann f\u00fcr die Nutzer_in einseh- und auswertbar, wenn sie auf die Server der jeweiligen Firma hochgeladen wurden. Meist sehen die jeweiligen AGBs auch vor, dass die Anwendung keineswegs nur diejenigen Daten erheben darf, die der Nutzer_in am Ende angezeigt werden, sondern beispielsweise auch Informationen \u00fcber die Ger\u00e4te, auf denen sie installiert werden. Daraus kann z.B. hervorgehen, welche anderen Programme auf dem Ger\u00e4t installiert sind, mit wem die Nutzer_in wie oft Kontakt hat, welche Musik sie h\u00f6rt usw. Die ermittelten Daten gehen in den Besitz der Self-Tracking-Firmen \u00fcber und werden von diesen \u00fcblicherweise weiterverkauft. Sie weisen normalerweise wenige Erhebungsfehler auf, weil sie ja unter der eifrigen Mitwirkung der Nutzer_innen entstehen, die jede Fehlinterpretation korrigieren. Sie k\u00f6nnen je nach Art des Trackings von der aktuellen Joggingroute, \u00fcber die H\u00e4ufigkeit sexueller Kontakte bis zu minuti\u00f6sen Protokollen aller Aktivit\u00e4ten am Computer oder Smartphone reichen. Aus einer solchen Dichte intimster Informationen k\u00f6nnen mehr oder weniger genaue psychologische Profile erstellt werden, mittels derer die betreffende Person nicht nur mit passgenauer Werbung adressiert, sondern auch manipuliert werden kann. In diesem Bereich der smartphonebasierten Werbung werden dieses Jahr laut Financial Times Investitionen von 60 Mrd. US-Dollar erwartet. Bis zum Jahr 2018 wird ein Wachstum der Branche auf 160 Mrd. Dollar prognostiziert &#8211; ein Viertel der weltweiten Werbungsausgaben.<\/p>\n<h3>Big Data<\/h3>\n<p>Durch derart exzessive Selbst- und Fremd\u00fcberwachung wie sie mit dem Internet \u00fcblich geworden ist, verdoppelt sich das weltweit gespeicherte Datenvolumen alle zwei Jahre. Infolgedessen macht das klassische Abh\u00f6ren oder Observieren nur noch einen winzigen Bruchteil der \u00dcberwachungspraxen aus. Selbst wenn jede_r von uns einen Marktforscher und eine Polizistin zugeteilt bek\u00e4me &#8211; sie w\u00e4ren mit der Auswertung all den Datenspuren, die wir beim Einkaufen, Telefonieren, Autofahren und beim Surfen im Internet hinterlassen, heillos \u00fcberfordert.<\/p>\n<p>Deshalb l\u00e4uft \u00dcberwachung unter diesen &#8222;Big-Data&#8220;-Bedingungen fast ausschlie\u00dflich automatisiert ab. Sowohl Massen- als auch Einzel\u00fcberwachung besteht nunmehr haupts\u00e4chlich aus der Zusammenf\u00fchrung von riesigen Datenbergen aus unterschiedlichsten Quellen und deren automatischer Untersuchung auf Muster. So k\u00f6nnen ebenso Profile einzelner Personen erstellt, wie politische Gro\u00dfwetterlagen berechnet werden.<\/p>\n<p>Oft geht es dabei nicht mehr nur um das \u00dcberwachen eines Ist-Zustandes, sondern um die \u00dcberwachung der Zukunft. Die Frage ist nicht mehr, was Kunde X kaufen will, sondern was er in Zukunft kaufen wollen wird; nicht mehr, wo es politische Unruhen gibt, sondern wo es diese in Zukunft geben wird. Im Polizeijargon wird das &#8222;predictive policing&#8220; genannt. Dabei wird aus allerlei Daten aus Sozialen Netzwerken, Wetterberichten, aber auch aus der H\u00f6he der im Umlauf befindlichen Geldsumme berechnet, wo das n\u00e4chste Verbrechen geschehen wird. In den USA benutzen bereits \u00fcber 70 Prozent der Polizeidienststellen entsprechende Software und auch in Deutschland wurde sie mancherorts bereits eingef\u00fchrt, um die Patrouillenrouten von Streifenwagen zu optimieren. Das Verfahren ist aus der Epidemiologie bekannt: Dort wird z.B. aus Twitter-Nachrichten oder Google-Suchanfragen auf die Ausbreitung von Grippewellen geschlossen, um vorbeugende Ma\u00dfnahmen ergreifen zu k\u00f6nnen. Nach demselben Prinzip funktioniert auch das Krisen- oder Riot-Forecasting, mit dem Regierungen und Unternehmen politische Unruhen vorausberechnen und somit pr\u00e4ventiv bek\u00e4mpfen k\u00f6nnen. In einem Spiegel-Bericht zur algorithmischen Vorhersage des Arabischen Fr\u00fchlings hei\u00dft es dazu verst\u00e4ndnisvoll: &#8222;F\u00fcr viele in der Region t\u00e4tige Unternehmen war der Arabische Fr\u00fchling ein Schock. Seine Auswirkungen d\u00fcrften f\u00fcr sie mit denen eines Vulkanausbruchs vergleichbar sein: Auf lange Sicht mag die Asche den Boden fruchtbar machen, kurzfristig jedoch zerst\u00f6rt sie alles Leben.&#8220;<\/p>\n<h3>Das Regieren der Zukunft<\/h3>\n<p>Es w\u00e4re jedoch ein Missverst\u00e4ndnis zu glauben, es ginge bei dieser Art der Prognostik darum, die Zukunft exakt vorauszusagen. Die manipulierende Marktforschung oder das predictive policing zielt nicht darauf ab, richtige Erkenntnisse \u00fcber die Zukunft zu gewinnen, sondern darauf, diese bereits im Voraus regierbar zu machen.<\/p>\n<p>Es geht nicht um die Vorhersage der Zukunft, sondern um die Reproduktion der Vergangenheit. Relevant ist nicht mehr die Wahrheit einer Information, sondern ihre N\u00fctzlichkeit. Tats\u00e4chlich erweist sich unter diesen Bedingungen die Voraussage eines Verbrechens immer als wahr. Wenn es tats\u00e4chlich dazu kommt, ist das ein Beweis daf\u00fcr, dass das Programm funktioniert, weil es korrekte Berechnungen angestellt hat; wenn es nicht dazu kommt, ist das ein Beweis daf\u00fcr, dass das Programm funktioniert, weil das Verbrechen aufgrund der Vorhersage verhindert werden konnte.<\/p>\n<p>\u00dcberwachung, auch Selbst\u00fcberwachung, zielt stets darauf ab, den Gegenstand regierbar zu machen, sei es ein Volk oder ein K\u00f6rper. Werbung in der Gestalt der Manipulation durch positiv konnotierte Ger\u00fcche oder Worte ist kaum von unserem eigenen Willen zu unterscheiden und die pr\u00e4ventive Verhinderung von Unruhen l\u00e4sst es so aussehen als w\u00e4re nie jemand unzufrieden gewesen. Aus diesem Grund erweist sich das Regieren im Modus der Pr\u00e4vention als \u00e4u\u00dferst konfrontationsarm und damit als effizient.<\/p>\n<p>Das gilt auch f\u00fcr die Selbst\u00fcberwachung. Wer nicht mehr am Ende des Monats einen R\u00fcffel von der Chef_in bekommt, sondern unmittelbar vom Computer ermahnt oder mit Orden ausgezeichnet wird, der\/dem scheint die Arbeitswelt gleich viel harmonischer.<\/p>\n<p>Deshalb ist anzunehmen, dass die \u00dcberwachung, ohne die keine Pr\u00e4vention m\u00f6glich ist, in Zukunft noch ausgeweitet und die Kontrolle sozialer Bewegungen noch mehr ins Netz verlagert werden wird.<\/p>\n<p>All das bedeutet nicht, dass moderne Vernetzungstechnologien nicht auch f\u00fcr emanzipatorische Zwecke genutzt werden k\u00f6nnten. Gerade f\u00fcr eine nichthierarchische Organisierung erweisen sich Soziale Netzwerke oder digitale Kommunikationstechnologien wie Chatrooms als n\u00fctzliche Werkzeuge.<\/p>\n<p>Wer diese Medien subversiv nutzen will, muss jedoch wissen, dass sie ihren Preis haben. Dieser Preis wird leicht \u00fcbersehen, weil er meist nicht in Geld, sondern in Daten zu entrichten ist, aber er entf\u00e4llt so gut wie nie. Oft erweist er sich, gerade wenn es um politische Organisierung geht, als zu hoch. Dann ist es meist sinnvoller ihn in Form der Zeit zu entrichten, die es kostet, sich in die zahlreich vorhandenen nichtkommerziellen Open-Source-Alternativen einzuarbeiten und herauszufinden, wie eine Email verschl\u00fcsselt wird, oder welche sozialen Netzwerke nicht als Marktforschungs- und Polizeiarchive fungieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Google-Manager und Obama-Berater Eric Schmidt brachte dieses Verh\u00e4ltnis mit folgenden programmatischen Worten auf den Punkt: &#8222;Wenn es etwas gibt, von dem Sie nicht wollen, dass irgendwer es \u00fcber Sie wei\u00df, dann sollten Sie es vielleicht erst gar nicht tun.&#8220; Diese Disziplinarfunktion der \u00dcberwachung beschreibt auch George Orwell wenn es in seinem totalit\u00e4ren Staat von &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/05\/wenn-du-den-feind-und-dich-selbst-kennst\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"\"Wenn du den Feind und dich selbst kennst...\" - graswurzelrevolution","description":"Der Google-Manager und Obama-Berater Eric Schmidt brachte dieses Verh\u00e4ltnis mit folgenden programmatischen Worten auf den Punkt: \"Wenn es etwas gibt, von dem Si"},"footnotes":""},"categories":[772,1026,1042],"tags":[],"class_list":["post-14234","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-399-mai-2015","category-geld-oder-leben","category-ohne-chef-und-staat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14234","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14234"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14234\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14234"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14234"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14234"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}