{"id":14240,"date":"2015-05-01T00:00:00","date_gmt":"2015-04-30T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2015\/05\/gandhis-schatten-ueber-hannover\/"},"modified":"2022-07-26T13:17:59","modified_gmt":"2022-07-26T11:17:59","slug":"gandhis-schatten-ueber-hannover","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/05\/gandhis-schatten-ueber-hannover\/","title":{"rendered":"Gandhis Schatten \u00fcber Hannover"},"content":{"rendered":"<p>Partnerland der Industriemesse Hannover war Indien (&#8222;Make in India&#8220; warb f\u00fcr Produktionsverlagerungen dorthin). Mit einer Aufstellung allerdings gab es ein Problem:<\/p>\n<p>Vor Er\u00f6ffnung der Messe am 12. April enth\u00fcllte der indische Premierminister Narendra Modi &#8211; er hatte gerade die Modernisierung von Indiens Luftwaffe durch Dassault f\u00fcr etwa 4 Milliarden Euro in Auftrag gegeben &#8211; eine Gandhi-Statue, die f\u00fcr betr\u00e4chtliche Unruhe gesorgt hatte. Dies nicht etwa weil Gandhi noch immer eine Provokation darstellt (oder doch? Aber was kann heute noch provozieren?), sondern &#8211; wegen der Kosten (und diese k\u00f6nnen nat\u00fcrlich eine echte Provokation sein!): Nicht die Statue selbst, diese sollte ein Geschenk des indischen Staates an die Stadt Hannover sein, wohl aber der Sockel, auf dem diese errichtet werden sollte und die Folgekosten: Die Stadtverwaltung veranschlagte gro\u00dfz\u00fcgig 30.000 Euro f\u00fcr den Sockel und 2.000 Euro j\u00e4hrliche Reinigungskosten, so da\u00df ein &#8222;Stein des Ansto\u00dfes&#8220; (Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 09. 04.15) geschaffen wurde.<\/p>\n<p>Ein Geschenk mit &#8222;Schattenseiten&#8220; (Hannoversche Allgemeine Zeitung, 26.03.15) also.<\/p>\n<p>&#8222;Die Herren im Rat der Stadt betrachten das Geschenk als Anma\u00dfung. Am liebsten m\u00f6chte man die Annahme verweigern&#8220;, kommentierte ein Leserbrief in der HAZ (18.03.2015).<\/p>\n<h3>Lernschritt 1: Alles eine Standort-Frage<\/h3>\n<p>&#8222;Wirbel um Freundschafts-Geschenk aus Indien: Wohin mit der Gandhi-Statue?&#8220; fragte die Regionalausgabe der &#8222;Bild&#8220; (17.12.2014):<\/p>\n<p>&#8222;Der Opernplatz im Herzen der Stadt &#8211; ein begehrter Standort: Erst wollte die SPD im Bezirksrat Mitte dort ein WC-H\u00e4uschen aufstellen, dann eine Gedenktafel f\u00fcr Suchtopfer &#8211; beides von der Verwaltung abgelehnt.<\/p>\n<p>Jetzt kommen die Genossen mit einem neuen Vorschlag: die Errichtung einer Statue des indischen Weltver\u00e4nderers Mahatma Gandhi.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Bild&#8220; zitiert die GegnerInnen: &#8222;FDP-Ratsfraktionschef Wilfried Engelke: \u201aAm Opernplatz steht das J\u00fcdische Mahnmal im Fokus &#8211; das darf sich nicht \u00e4ndern.&#8216;<\/p>\n<p>Gr\u00fcnen-Bezirksrat Martin Nebendahl: \u201aDer Platz ist mit Mahnmalen und Gedenksteinen schon voll&#8216;.<\/p>\n<p>Einstimmiges Bedenken der Gegner: Gandhi habe die Einf\u00fchrung (! Hier sehen wir die &#8222;schwarze Legende&#8220; schon in voller Bl\u00fcte, der Verf.) des Frauen unterdr\u00fcckenden Kasten-Systems in Indien bef\u00fcrwortet. Das Argument war das Aus f\u00fcr den Standort Opernplatz.&#8220;(Bild, Hannover 17.12.14).<\/p>\n<p>Nachdem die Freunde der Hannoverschen Oper ihre Aufgabe gemeistert hatten, ging die Diskussion \u00fcber m\u00f6gliche Standorte weiter bis schlie\u00dflich f\u00fcr Gandhi &#8222;noch ein bisschen Platz neben den Statuen von Martin Luther King, Mutter Teresa, Jesus Christus und den Teletubbies, alles charismatische Figuren und Vorbilder&#8220; (so ein satirischer Beitrag in der HAZ, 20.12.14) gefunden war: eine Parkanlage (Maschpark) an der befahrenen Culemannstra\u00dfe, von der ein Clara-Zetkin-Gang abzweigt.<\/p>\n<p>Die Bedenken aber blieben, f\u00fcr die FDP eine Chance ihre soziale Seite herauszukehren: Ihr Ratsherr Engelke: &#8222;\u201aSchultoiletten stinken, aber die Stadt gibt 30.000 Euro f\u00fcr einen Sockel aus. Unverantwortlich!&#8216;<\/p>\n<p>Gandhi d\u00fcrfe u.a. wegen seines Frauenbildes &#8222;nicht glorifiziert&#8220; werden. Gunda Pollok-Jabbi (Linke) verwies darauf, dass Gandhi auch in Indien nicht unumstritten ist.<\/p>\n<p>Rats-Chef Thomas Hermann (SPD) nannte Engelkes Kritik besch\u00e4mend, Kulturdezernentin Marlis Drevermann (SPD) wies sie zur\u00fcck: &#8218;Wir reden \u00fcber ein Vorbild, das internationalen Stand (?! der Verf.) hat. Gandhi hat sich gegen Rassentrennung und f\u00fcr Gleichberechtigung eingesetzt&#8216;.&#8220; (alles aus Bild, Regionalausgabe Hannover, 13.03.15)<\/p>\n<h3>Lernschritt 2: Standortfragen sind Kostenfragen<\/h3>\n<p>Nat\u00fcrlich fanden sich sofort LeserInnen, die die &#8222;Verschwendung von Steuergeldern&#8220; beklagten, es gab Angebote, die Reinigung des Denkmals billiger auszuf\u00fchren, es wurde bem\u00e4ngelt, die Herstellung der B\u00fcste in Indien habe nicht einmal 500 Euro gekostet, und nat\u00fcrlich gab es sogar weiter Streit \u00fcber die Frage: Wohin damit?! Schnell kam das &#8222;Amt f\u00fcr Migrationsangelegenheiten&#8220; in Vorschlag, in Innenr\u00e4umen aufgestellt werde auch die Reinigung des Denkmals billiger (Leserbrief 18.3.15).<\/p>\n<p>&#8222;F\u00fcr den Preis des Sockels bekomme man eine sch\u00f6ne Doppelgarage, sagt der Obermeister der Innung des Bauhandwerks in Hannover, Klaus-Gernot Richert. Bei den Preisen f\u00fcr den Bau eines Sockels gebe es jedoch eine gro\u00dfe Bandbreite, meinte er. Bei einem schlichten Betonsockel mit frostsicherer Gr\u00fcndung gehe es bei einem Preis von rund 2500 Euro los&#8220; (HAZ 13.03.15).<\/p>\n<p>Antwort eines Leserbriefschreibers: &#8222;F\u00fcr 30.000 Euro gibt es auch 1270,11 LED-Pflastersteine oder wahlweise 19354,84 laufende Meter Rasensteinkante, 2.000 Gartenzwerge, 30.000 L\u00fcttje Lagen, oder die Stadt schenkt jedem ihrer B\u00fcrger 0,057 Euro.&#8220; (HAZ 18.03.15)<\/p>\n<p>Werden hier nicht Rasensteinkante, Gartenzwerge und Doppelgarage mit leichter Hand abgetan? Ganz zu schweigen von L\u00fcttjen Lagen (&#8222;Lagen&#8220; haben ja direkt mit Standorten und Aufstellungen zu tun).Warum sollte am Clara-Zetkin-Gang nicht Platz f\u00fcr eine formsch\u00f6ne und moderne Doppelgarage sein?<\/p>\n<p>Und es wurden weitere Einw\u00e4nde gegen Gandhi laut: &#8222;Nunmehr gehen die Entscheidungstr\u00e4ger dazu \u00fcber, B\u00fcsten von Ber\u00fchmtheiten aus dem Ausland (!) an exponierten Pl\u00e4tzen auszustellen &#8211; ohne Kenntnis oder R\u00fccksicht darauf, dass auch deren Stern schon lange verblasst ist: Gandhi galt als selbstgef\u00e4llig und ignorant, setzte sich vehement f\u00fcr die weltweit gewaltt\u00e4tigste Gesellschaftsform, das Kastensystem, ein, \u00e4u\u00dferte sich abf\u00e4llig \u00fcber Farbige. Und ihm soll ein teures Denkmal gewidmet werden? Wirklich: Armes Hannover!&#8220; (LeserInnenbrief, HAZ 18.3.15).<\/p>\n<p>Und dies obwohl &#8222;vor Monaten&#8220; der Oberb\u00fcrgermeister &#8222;auf einen Artikel im \u201aStern&#8216; vom 25. September 2014&#8220; aufmerksam gemacht worden war, der Gandhis &#8222;zweifelhafte Rolle&#8220; beschrieb (Leserbrief HAZ vom 01.04.15).<\/p>\n<p>&#8222;Spannend&#8220;, eine Person als &#8222;selbstgef\u00e4llig und arrogant&#8220; zu beschreiben, die von sich sagte, der &#8222;Mahatma&#8220;-Titel habe sie &#8222;tief gepeinigt&#8220;, ihre Experimente mit der Wahrheit lie\u00dfen &#8222;f\u00fcr Selbstlob keinen Raum&#8220;, dem\u00fctige Selbstbeobachtung lie\u00dfen ihre &#8222;Fehler, gro\u00df wie der Himalaya&#8220; erscheinen (alles aus der 1925 geschriebenen Einleitung zur Autobiographie), w\u00e4hrend heute Selbst-Marketing als Menschenrecht betrachtet wird und diesem Selbstmarketing dienende LeserInnenbriefe und Kommentare im Netz keine r\u00e4soniernde \u00d6ffentlichkeit bilden, sondern Mobbing oder Posieren, ziemlich viel Shit-Storm.<\/p>\n<p>Ein anderer LeserInnenbrief wies darauf hin, dass auch die Freiheitsstatue, die 1876 anl\u00e4sslich des 100sten Jahrestages der Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung den USA von der Republik Frankreich geschenkt worden war, jahrelang nicht aufgestellt werden konnte, weil weder die Stadt New York noch die US-Regierung die Kosten f\u00fcr den Sockel \u00fcbernehmen wollten: &#8222;Es mu\u00dfte erst ein Auswanderer aus Deutschland kommen, der ein erfolgreicher Zeitungsverleger in New York war, und eine Spendensammlung initiieren &#8230;&#8220; (Leserbrief, HAZ 01.04.15, nein, das war kein Wink an die in Hannover lebenden Inder!)<\/p>\n<p>Hannovers ber\u00fchmtester Sohn aber mu\u00df immer noch ohne \u00f6ffentliches Denkmal auskommen.<\/p>\n<p>http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Fritz_Haarmann<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Partnerland der Industriemesse Hannover war Indien (&#8222;Make in India&#8220; warb f\u00fcr Produktionsverlagerungen dorthin). Mit einer Aufstellung allerdings gab es ein Problem: Vor Er\u00f6ffnung der Messe am 12. April enth\u00fcllte der indische Premierminister Narendra Modi &#8211; er hatte gerade die Modernisierung von Indiens Luftwaffe durch Dassault f\u00fcr etwa 4 Milliarden Euro in Auftrag gegeben &#8211; eine &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/05\/gandhis-schatten-ueber-hannover\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Gandhis Schatten \u00fcber Hannover - graswurzelrevolution","description":"Partnerland der Industriemesse Hannover war Indien (\"Make in India\" warb f\u00fcr Produktionsverlagerungen dorthin). Mit einer Aufstellung allerdings gab es ein Prob"},"footnotes":""},"categories":[772,1030,1026],"tags":[],"class_list":["post-14240","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-399-mai-2015","category-es-wird-ein-laecheln-sein","category-geld-oder-leben"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14240","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14240"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14240\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14240"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14240"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14240"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}