{"id":14309,"date":"2015-05-14T18:58:26","date_gmt":"2015-05-14T16:58:26","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=14309"},"modified":"2022-07-26T14:12:02","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:02","slug":"tierrechtsbewegung-zwei-einfuehrungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/05\/tierrechtsbewegung-zwei-einfuehrungen\/","title":{"rendered":"Tierrechtsbewegung: Zwei Einf\u00fchrungen"},"content":{"rendered":"<p>Beide B\u00fccher firmieren unter dem Begriff &#8222;Einf\u00fchrung&#8220;, sind aber                 mehr als das. In ihrem hervorstehenden Beitrag schreibt Renate                 Brucker in &#8222;Das Mensch-Tier-Verh\u00e4ltnis&#8220; \u00fcber die Tierrechtsbewegung                 in der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts; im Buch von Rude geht                 es um Darstellungen historischer und moderner Tierrechtsbewegungen,                 ihrer Ideengeschichte und Str\u00f6mungen. <\/p>\n<p>Wenn wir das bereits 2009 erschienene Buch von Mieke Roscher,                 &#8222;Ein K\u00f6nigreich f\u00fcr Tiere. Die Geschichte der britischen Tierrechtsbewegung&#8220;                 (Tectum Verlag, Marburg), hinzunehmen, liegen damit wertvolle                 Darstellungen der ersten und zweiten Tierrechtsbewegung f\u00fcr den                 deutsch- und englischsprachigen Raum vor, die, nacheinander gelesen,                 faszinierend und voller Informationen sind.<\/p>\n<p>Rude gelingt es, die entstandenen tiersch\u00fctzerischen, tierrechtlichen,                 vegetarischen und veganen Str\u00f6mungen inmitten ihres jeweiligen                 sozialen Kontexts zu beschreiben, seien es die Englische, die                 US-amerikanische oder die Franz\u00f6sische Revolution bis hin zur                 Pariser Kommune, und so Vorurteilen angeblicher Ferne von Klassenk\u00e4mpfen                 die Grundlage zu nehmen. <\/p>\n<p>F\u00fcr das fr\u00fche 20. Jahrhundert werden sowohl von Brucker wie von                 Rude die Gruppierungen des &#8222;Bund f\u00fcr radikale Ethik&#8220; (1907-1934)                 um Magnus Schwantje sowie der &#8222;Internationale Sozialistische Kampfbund&#8220;                 (ISK; 1916-1945) um Leonard Nelson hervorgehoben und damit an                 die engen Verbindungen tierrechtlicher Gruppen sowohl zum Antimilitarismus                 und zur Verurteilung des Ersten Weltkriegs aus auch zur radikalen                 Arbeiterbewegung und dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus                 erinnert. Vergessen wurde und wird auch immer wieder die &#8222;\u00fcberwiegende&#8220;                 (Brucker u.a., S. 88) Anzahl von Frauen als AktivistInnen in vegetarischen,                 Tierrechts- und Anti-Tierversuche-Gruppen sowie ihre enge Verbindung                 zur historischen Frauenbewegung mit Personen wie Emily Pankhurst,                 Louise Michel, George Sand, Severova Nordman, Anita Augspurg,                 Lida Gustava Heymann oder Clara Wichmann. Brucker nennt das &#8222;Bewegungsfamilien&#8220;,                 die ProtagonistInnen waren zugleich in &#8222;verwandten&#8220; Bewegungen                 wie der Friedens- oder der anarchistischen Bewegung, oft in Doppelmitgliedschaften,                 ebenso aktiv wie f\u00fcr die Tierrechte.<\/p>\n<p>Sowohl bei Brucker wie bei Rude sind Details zu finden, die f\u00fcr                 Anh\u00e4ngerInnen der Gewaltfreiheit und des Anarchismus interessant                 sind: So war der P\u00e4dagoge und Veganer Amos Alcott, der Gr\u00fcnder                 der vegetarischen Gemeinschaft &#8222;Fruitlands&#8220; in den USA, als er                 1843 wegen Verweigerung der Steuerzahlung inhaftiert wurde, Anlass                 f\u00fcr den Essay von H.D. Thoreau: &#8222;Resistance to Government&#8220; (Ziviler                 Ungehorsam gegen den Staat, 1849). In der libert\u00e4r-lebensreformerischen                 Gemeinschaft auf dem Monte V\u00e9rita in der Schweiz hatte sich 1916,                 mitten im Ersten Weltkrieg, eine Gesellschaft f\u00fcr &#8222;social-antinationalen                 Vegetarismus&#8220; gegr\u00fcndet. <\/p>\n<p>Bei der Vermittlung zwischen erster und zweiter Tierrechtsbewegung                 sowie f\u00fcr die Gr\u00fcndung der anfangs explizit gewaltfrei-anarchistischen                 &#8222;Animal Liberation Front&#8220; (1976) spielte die englische GWR-Schwesterzeitung                 &#8222;Peace News&#8220; eine wichtige Rolle. Und auch der 1910 vom linken                 Vegetarier Evgenij I. Lozinskij mit ausdr\u00fccklicher Zustimmung                 Tolstois propagierte &#8222;soziale Vegetarismus&#8220;, der sich gegen die                 blo\u00df individuell-gesundheitliche vegetarische Ern\u00e4hrung der reichen                 Klassen und deren Aufrechterhaltung von Eigentumsordnung und Krieg                 richtete (&#8222;Der heutige typische Vegetarier ist ein Menschenfresser!&#8220;)                 kann als fr\u00fche Variante einer Unterscheidung zwischen privat-individuellem                 und politisch-aktivem Veganismus bezeichnet werden.<\/p>\n<p>So scheint mir sozialwissenschaftlich am fruchtbarsten die Geschichte                 der Tierrechtsbewegung als &#8222;Bewegungssoziologie&#8220; zu sein. Ansonsten                 scheint die Soziologie noch eher am Anfang ihrer &#8222;Human-Animals-Studies&#8220;                 zu stehen: Es wird eine bisherige L\u00fccke oder Ignoranz des Themas                 in den Sozialwissenschaften konstatiert, erste Ans\u00e4tze zur historischen                 Genese des Mensch-Tier-Dualismus (Du-Ambivalenz, das &#8222;ganz Andere&#8220;)                 werden pr\u00e4sentiert. Ausgangspunkt einer sozialwissenschaftlichen                 Besch\u00e4ftigung sind Texte aus der Kritischen Theorie (Horkheimer\/Adorno),                 erg\u00e4nzt etwa im Beitrag von Melanie Bujok durch eine Nutzbarmachung                 der Bourdieu-Kategorien &#8222;kulturelles Kapital&#8220; und &#8222;Sozialkapital&#8220;                 (S. 163ff.).<\/p>\n<p>Kurioserweise ist bei dem bewegungsorientierten, leichter lesbaren                 Buch von Rude die Rezeption Horkheimer\/Adornos nicht Ausgangs-,                 sondern bisheriger Endpunkt einer zweiten Tierrechtsbewegung.                 Das letzte Kapitel Rudes (S. 154-190) stellt interne Auseinandersetzungen                 schonungslos dar. <\/p>\n<p>Die Notwendigkeit einer Kritik an den behindertenfeindlichen                 Theorien Peter Singers (&#8222;Vernichtungsethik&#8220;, S. 164f.) wird betont,                 die selbstkritische \u00dcberwindung von KZ-Vergleichen oder die Abkehr                 von rechtslastigen Theoretikern wie Helmut F. Kaplan referiert.                 Genau wird der &#8222;Knall&#8220; der Tierrechtsbewegung mit den Autonomen                 1995 in der Hamburger &#8222;Roten Flora&#8220; geschildert, der sich am Auftreten                 der ebenso marginalen wie regressiven &#8222;Hardline&#8220;-Str\u00f6mung der                 Musik-Avantgarde-Szene &#8222;Straight Edge&#8220; entz\u00fcndete, welche sich                 nicht nur gegen Drogen, sondern auch gegen Homosexualit\u00e4t und                 Abtreibung aussprach, den Mensch als &#8222;Plage&#8220; sowie Naturkatastrophen                 als &#8222;Rache der Erde&#8220; bezeichnete (S. 170ff.). Dabei wurde Straight                 Edge von Autonomen f\u00e4lschlich mit der gesamten Tierrechtsbewegung                 identifiziert, was zur Abkehr der TAN von der autonomen Szene                 und einer scharfen Kritik an ihr f\u00fchrte: Sie sei ein &#8222;repressives                 System kollektiver Verhaltensnormierung&#8220;; die Anti-ismen (Anti-Faschismus,                 Anti-Sexismus) seien &#8222;Platzhalter f\u00fcr G\u00f6tter&#8220;, Inhalte w\u00fcrden                 bei Bedarf gef\u00e4lscht oder theoretisch nicht gef\u00fcllt, &#8222;sondern                 geglaubt. <\/p>\n<p>Wer zweifelt, gilt als Ketzer&#8220;; vor Denunziation und Ausschluss                 herrsche Angst, die in &#8222;Opportunismus, Konformismus bis hin zu                 Gehorsam oder in resigniertes Schweigen&#8220; f\u00fchre.<\/p>\n<p>An dieser Stelle m\u00f6chte ich den von Rude gew\u00e4hlten Titel &#8222;Antispeziesismus&#8220;                 hinterfragen, ein Relikt gerade dieser Szene, innerhalb der Linken                 nach wie vor Einfallstor f\u00fcr Biologismus-Unterstellungen, w\u00e4hrend                 es doch mit &#8222;Tierrechtsbewegung&#8220; oder &#8222;politischem Veganismus&#8220;                 so viel bessere Benennungen g\u00e4be. <\/p>\n<p>Leider f\u00fchrte diese Kritik der TAN zu einer Hinwendung auf den                 historischen Materialismus bis zur\u00fcck zu Marx\/Engels, die nun                 einmal keine Theorie der illegitimen Mensch-Tier-Ausbeutung entwickelt                 haben und deren propagierte &#8222;Entfesselung&#8220; der Produktivkr\u00e4fte                 sehr wohl ihren Anteil an der unhinterfragten industriellen Massentierhaltung,                 etwa in der Sowjetunion, hatte.<\/p>\n<p>Rudes Darstellung landet damit beim Marxismus als antimoralisch-antiidealistischem                 Materialismus, welcher die Vielfalt der historischen Str\u00f6mungen                 der Tierrechtsbewegung zu reinigen und zu vereinheitlichen sucht,                 anstatt sie auszuhalten und sich dann bewusst f\u00fcr die sozialistisch-feministisch-anarchistischen                 Theorietraditionen zu entscheiden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beide B\u00fccher firmieren unter dem Begriff &#8222;Einf\u00fchrung&#8220;, sind aber mehr als das. 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