{"id":14769,"date":"2015-06-01T00:00:00","date_gmt":"2015-05-31T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2015\/06\/meine-erste-graswurzelrevolution\/"},"modified":"2022-07-26T14:12:01","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:01","slug":"meine-erste-graswurzelrevolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/06\/meine-erste-graswurzelrevolution\/","title":{"rendered":"Meine erste graswurzelrevolution"},"content":{"rendered":"<h3>Erste GWR I<\/h3>\n<p>Sollte es also von irgendeiner allgemeinen Relevanz sein, wie                 ich zu meinem ersten Exemplar einer Ausgabe der graswurzelrevolution                 gelangt bin und was das f\u00fcr mich bedeutet hat, dann vielleicht                 in diesem Sinne, allerdings vom Allgemeinen ins Pers\u00f6nliche, vom                 Globalhistorischen in die individuelle Sozialisation verlegt.               <\/p>\n<p>Anders gesagt, der mehr oder weniger gro\u00dfe Zufall, das erste                 Mal eine graswurzelrevolution in den H\u00e4nden gehabt und auch gekauft                 zu haben, in einem T\u00fcbinger Buchladen &#8211; wo ich \u00fcberhaupt nur ein                 einziges Mal in meinem Leben in T\u00fcbingen war -, das hat f\u00fcr mich                 wichtige Wege geebnet. Wege meiner Politisierung. Auch wenn ich                 erstmal gar nicht viel verstanden habe vom Inhalt des Heftes,                 angezogen hatten mich letztlich auch weniger die konkreten Themen                 als vielmehr allgemein die Worth\u00e4lfte &#8222;-revolution&#8220;. <\/p>\n<p>Es war 1988 und ich hatte das in diesem Jahr erschienene GWR-Sonderheft                 zur &#8222;Sozialen Verteidigung&#8220; erworben, siebzehnj\u00e4hrig und w\u00e4hrend                 wir mit unserer Sch\u00fclerInnen-Kabarettgruppe &#8222;Die Kettwichte&#8220; beim                 &#8222;Sch\u00fclertheater der L\u00e4nder&#8220; gastierten. Wir sa\u00dfen auf den Treppen                 vor einer Kirche, gegen\u00fcber hatte jemand einen H\u00f6lderlin-Satz                 an die Wand gespr\u00fcht, bl\u00e4tterten in dem eng bedruckten Heft herum                 und tranken Bier.<\/p>\n<h3>Erste GWR II<\/h3>\n<p>Der Zufall des Zeitschriftenkaufes ist selbstverst\u00e4ndlich ein                 relativer. Die Kontexte des Sch\u00fclerkabaretts, in dem ich auftrat,                 und des Buchladens, in dem ich st\u00f6berte, zeigen schon an, dass                 bestimmte Dispositionen bereits vorhanden waren, die damals noch                 als &#8222;alternativ&#8220; bezeichnet wurden. Ein Jahr sp\u00e4ter kaufte ich                 dann abermals zuf\u00e4llig einem Stra\u00dfenverk\u00e4ufer meine erste regul\u00e4re                 graswurzelrevolution ab. Die Freude \u00fcber das Wiedererkennen war                 gro\u00df. Das war in Westberlin, wo ich u.a. wegen des Evangelischen                 Kirchentages war, von mir damals in erster Linie als Zusammentreffen                 alternativer Bewegungsinitiativen erlebt (und auch nur deshalb                 aufgesucht). <\/p>\n<p>In einem von 1968 v\u00f6llig unber\u00fchrten Haushalt aufgewachsen, war                 mir an einem Projekt gelegen &#8211; ohne dass ich selbstverst\u00e4ndlich                 konkret danach gesucht h\u00e4tte -, das m\u00f6glichst viel von dem vereinte,                 was ich auf dieses vor meiner Geburt liegende Jahr zu projizieren                 begann: allt\u00e4gliche Revolte und Kritische Theorie, subkulturelle                 Aktion und vor allem eine antiautorit\u00e4re Haltung. Ziele und Mittel                 der Politik sollten irgendwie in Einklang stehen, deshalb war                 mir alles Leninistische von vornherein unsympathisch. So wurde                 ich Abonnent. <\/p>\n<p>Am 12. Mai 1990 fuhr ich dann mit ein paar Leuten nach Frankfurt                 am Main und wir demonstrierten mit 20.000 anderen Linken unter                 dem Motto &#8222;Nie wieder Deutschland!&#8220;, ich pendelte zwischen dem                 Schwarzen Block und den Leuten mit der Fahne, auf dem das zerbrochene                 Gewehr auf dem schwarzen Stern prangte, traute mich aber nicht,                 einen von ihnen anzusprechen. <\/p>\n<p>Im selben Jahr nahm ich dennoch erstmals an einem Treffen der                 damals noch sehr aktiven &#8222;F\u00f6deration gewaltfreier Aktionsgruppen&#8220;                 (F\u00f6GA) teil, ein Sammelsurium von PazifistInnen, AnarchistInnen                 und auch linken Gr\u00fcnen, ein paar DDR-Oppositionelle waren auch                 da. Selbst war ich noch nicht Teil einer solchen Aktionsgruppe,                 w\u00e4re es aber immer gern gewesen. Da jedenfalls lernte ich auch                 die ersten Totalverweiger pers\u00f6nlich kennen, also Leute, die weder                 Milit\u00e4r- noch Zivildienst leisten wollten, die Wehrpflicht als                 solche ablehnten und das auch politisch begr\u00fcndeten. Im Herbst                 1990 brach ich dann nach zwei Monaten meinen so genannten Zivildienst                 ab. Ich wollte nicht Teil der NATO-Gesamtverteidigungsstrategie                 sein und fand auch den staatlichen Zugriff auf mich moralisch                 und politisch illegitim. Nicht, dass dieses Treffen oder das Kennenlernen                 allein ausschlaggebend f\u00fcr meine eigene Entscheidung gewesen w\u00e4ren.                 Aber zu sehen, dass es andere gibt, die \u00c4hnliches im Sinn haben                 und f\u00fcr ihre Entschl\u00fcsse einzustehen bereit sind, war sicherlich                 nicht einflusslos. Erfahren hatte ich davon aus der graswurzelrevolution:                 von der inoffiziellen M\u00f6glichkeit, total zu verweigern, wie auch                 von dem Treffen der F\u00f6GA. Andere Quellen waren rar, es sollten                 schlie\u00dflich noch mehrere Jahre vergehen, bis ein WG-Mitbewohner                 mir gegen\u00fcber an seinem Computer auf ein paar bunte, teletext\u00e4hnliche                 Zeilen deutete mit der Behauptung, darin l\u00e4gen ungeahnte Vernetzungsm\u00f6glichkeiten,                 man nenne es Internet.<\/p>\n<h3>Erste GWR III<\/h3>\n<p>Womit die Frage auftaucht, ob linke\/emanzipatorische Zeitungen                 und Zeitschriften f\u00fcnfundzwanzig Jahre sp\u00e4ter, angesichts der                 medientechnologischen Entwicklung, \u00fcberhaupt noch einen vergleichbaren                 Stellenwert haben k\u00f6nnen. Eine Bedeutung n\u00e4mlich, die den eines                 reinen Informationslieferanten bei Weitem \u00fcbersteigt: als Identifizierungstool,                 als Instrument der B\u00fcndelung von politischen Anspr\u00fcchen und Leuten,                 die in dieser Hinsicht Schnittmengen teilen. <\/p>\n<p>Sicherlich: Aufregung und Aufwand fallen weg, die es einst bedeutet                 hat, zuf\u00e4llig in einer fremden Kleinstadt oder absichtlich in                 der n\u00e4chstgelegenen Gro\u00dfstadt einen Buchladen zu betreten &#8211; mit                 Plattenl\u00e4den war es ganz \u00e4hnlich &#8211; und dabei auch noch ein diffuses                 Anliegen zu verfolgen (etwa Zeitungen mit &#8222;Revolution&#8220; im Titel                 durchzubl\u00e4ttern). Im autonomen Infoladen nach einer Zeitung mit                 gewaltfreiem Anspruch oder nach einer anarchistischen in der Karl                 Liebknecht-Buchhandlung zu fragen, das waren ja noch k\u00f6rperlich                 erlebte, kleine Wagnisse und Selbsteinordnungen zugleich. <\/p>\n<p>Dennoch betreiben Zeitschriftenprojekte wie die graswurzelrevolution                 nach wie vor &#8211; und auch im Netz &#8211; weit mehr als die Vermittlung                 von Inhalten. Zeitschriften geben Orientierung, indem sie \u00fcber                 einen l\u00e4ngeren Zeitraum zu Zustimmung und Widerspruch anregen,                 und dies vor dem Hintergrund einer in vielen grundlegenden Fragen                 geteilten &#8211; und selbstverst\u00e4ndlich auch in Grenzen variablen &#8211;                 Weltanschauung. Sie stiften kollektives Erleben. Sie erm\u00f6glichen                 Kontinuit\u00e4t, halten bei der Stange, auch wenn sich das direkte                 Engagement mit sich ver\u00e4ndernden Lebensumst\u00e4nden vielleicht abschw\u00e4cht                 gegen\u00fcber den zeitprallen und abw\u00e4gungs\u00e4rmeren Jugendjahren.<\/p>\n<p>1993 schickte ich dann erstmals eine Diskette per Post an die                 Redaktion im Wendland und nervte wenig sp\u00e4ter all meine MitbewohnerInnen                 mit meinem Stolz: Sie haben meinen Artikel gedruckt! Er hie\u00df &#8222;Von                 Brandherden und Werbestrategien&#8220; und war vom zust\u00e4ndigen Redakteur,                 wie ich fand, etwas einf\u00e4ltig untertitelt worden (&#8222;Alle fordern                 \u201akeine Gewalt&#8216; gegen Ausl\u00e4nderInnen, doch niemand fordert dies                 vom Staat&#8220;) &#8211; was ich mich damals nat\u00fcrlich nicht zu beanstanden                 traute. Auch die also, die Nummer 176, in der der erste von mittlerweile                 (laut http:\/\/ildb.nadir.org\/) weit \u00fcber Hundert Texten stand,                 die ich f\u00fcr diese Zeitschrift verfasst habe, war meine erste graswurzelrevolution.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erste GWR I Sollte es also von irgendeiner allgemeinen Relevanz sein, wie ich zu meinem ersten Exemplar einer Ausgabe der graswurzelrevolution gelangt bin und was das f\u00fcr mich bedeutet hat, dann vielleicht in diesem Sinne, allerdings vom Allgemeinen ins Pers\u00f6nliche, vom Globalhistorischen in die individuelle Sozialisation verlegt. Anders gesagt, der mehr oder weniger gro\u00dfe Zufall, &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/06\/meine-erste-graswurzelrevolution\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Meine erste graswurzelrevolution - graswurzelrevolution","description":"Erste GWR I Sollte es also von irgendeiner allgemeinen Relevanz sein, wie ich zu meinem ersten Exemplar einer Ausgabe der graswurzelrevolution gelangt bin und w"},"footnotes":""},"categories":[860,1030,59,1042],"tags":[],"class_list":["post-14769","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-400-sommer-2015","category-es-wird-ein-laecheln-sein","category-graswurzelrevolution","category-ohne-chef-und-staat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14769","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14769"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14769\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14769"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14769"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14769"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}