{"id":14770,"date":"2015-06-01T00:00:00","date_gmt":"2015-05-31T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2015\/06\/kartoffel-schleuder-anarchie\/"},"modified":"2022-07-26T14:12:01","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:01","slug":"kartoffel-schleuder-anarchie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/06\/kartoffel-schleuder-anarchie\/","title":{"rendered":"Kartoffel-Schleuder-Anarchie"},"content":{"rendered":"<p><b>Bernd Dr\u00fccke (GWR): Heinz, Du bist seit Anfang der 1990er Jahre aktiv in den Neuen Sozialen Bewegungen der Bundesrepublik. Wie fing das alles an? Wie begann Deine &#8222;politische Sozialisation&#8220;?<\/b><\/p>\n<p><i>Heinz Wittmer:<\/i> Ich bin in der Region von Heidelberg gro\u00df geworden. Gepr\u00e4gt war ich durch die Friedens- und Umweltbewegungen in den 1980ern, auch wenn ich da noch nicht aktiv mitgemacht habe. Ein Startpunkt als Aktivist war f\u00fcr mich der Golfkrieg 1990\/91. Ich war zu dem Zeitpunkt Zivildienstleistender und wir hatten uns dann in der Selbstorganisation der Zivildienstleistenden (SOdZDL) organisiert. Wir haben uns gewehrt und zum Beispiel Briefe an die Ministerien f\u00fcr Jugend, Arbeit und Verteidigung geschrieben, dass wir in einem Ernstfall nicht dabei sein werden bei jeder Art von Krieg, auch nicht f\u00fcr den &#8222;Dienst ohne Waffe&#8220;. Als Reaktion kam ein offener Brief aus dem Ministerium, f\u00fcr den ich auf der Dienststelle den Empfang zu best\u00e4tigen hatte. Im Brief wurde die Moralkeule geschwungen, aber auch gedroht. Zum Gl\u00fcck hatte ich eine sympathisierende Dienststelle.<\/p>\n<p><b>GWR: Du warst auch in der Graswurzelgruppe Heidelberg. Dann bist Du nach Meck-Pomm gezogen, in ein Bundesland, das bekannt daf\u00fcr ist, dass dort besonders viele Nazis ihr Unwesen treiben. Was hat Dich ausgerechnet dahin verschlagen?<\/b><\/p>\n<p>Heinz: Das war nach dem G8-Gipfel in Heiligendamm 2007. Zu dem Zeitpunkt war ich zur Zwischenmiete in Berlin f\u00fcr ein paar Monate. Ich merkte damals, dass die Gro\u00dfstadt nix f\u00fcr mich ist. Im Zusammenhang mit den Aktionen gegen G8 habe ich dann viel zum Schwerpunkt Landwirtschaft gemacht. Ich habe bei den Protesten nette Leute kennengelernt und gedacht, zu denen ziehe ich aufs Land und lebe dort in einer Gemeinschaft in Mecklenburg-Vorpommern. Das gef\u00e4llt mir bis heute, so im Gr\u00fcnen zu wohnen.<\/p>\n<p><b>GWR: Du spielst mit in dem &#8222;Mit dir&#8220;-Musikvideo von &#8222;Feine Sahne Fischfilet&#8220; ((1)), einer mittlerweile sehr bekannten, politischen, radikal linken Punkband aus Mecklenburg-Vorpommern. Kannst Du dazu etwas sagen?<\/b><\/p>\n<p>Heinz: Wir haben uns \u00fcber das antifaschistische Engagement hier kennengelernt. Das war bei den Ereignissen um den 8. Mai in Demmin. Da laufen die Nazis j\u00e4hrlich auf. Die Mitglieder der Punkband sind in der Region aufgewachsen und zur Schule gegangen. Da ich in der N\u00e4he von Demmin wohne, sind wir uns \u00fcber den Weg gelaufen und dann, als wir uns schon gut kannten, haben sie gefragt: &#8222;Hast Du Lust, in einem Video mitzuspielen?&#8220;<\/p>\n<p><b>GWR: Wie u.a. auch die GWR wird Feine Sahne Fischfilet vom Verfassungsschutz als &#8222;linksextremistisch&#8220; stigmatisiert. <\/b><\/p>\n<p>Heinz: 2012 ist ihre Platte &#8222;Scheitern und Verstehen&#8220; herausgekommen. Kurz danach sind sie auch im Verfassungsschutzbericht Mecklenburg-Vorpommern aufgetaucht. Das war eigentlich wie eine Art Promotion. Der Verfassungsschutzbericht hat der sechsk\u00f6pfigen Punkband zweieinhalb Seiten gewidmet, mehr als allen neofaschistischen Bands zusammen, mehr als dem NSU, der zu dem Zeitpunkt schon bekannt war. Das war gruselig.<\/p>\n<p><b>GWR: Ja, das ist absurd. 2009 warst Du in Mecklenburg-Vorpommern an einer bundesweit Aufsehen erregenden Aktion gegen ein Genkartoffelfeld beteiligt. Das hat dazu beigetragen, dass die Pl\u00e4ne der Gentechnik-Konzerne durchkreuzt wurden. Wie habt Ihr das gemacht? Was genau ist da passiert?<\/b><\/p>\n<p>Heinz: Es gab um diesen Amflora-Gentech-Kartoffelacker schon viele Aktionen gegen Gentechnik, auch in dem Jahr vor dieser Aktion. Wir hatten zum Beispiel eine Besetzung des Ackers organisiert. Wir merkten aber, dass wir mit den Aktionen relativ wenig Aufmerksamkeit bekamen. Auch weil die BASF, die die Amflora angebaut hat, immer wieder die Aktionen verschwiegen hat. Es wurde geleugnet, dass Anti-Gendreck-Aktive zwischen die Amflora-Kartoffeln viele Bio-Kartoffeln gepflanzt hatten. Als dann 2009, kurz vor der Aussaat, bei der \u00f6rtlichen B\u00fcrgerinitiative das ZDF und die ARD anriefen, weil sie ein Interview haben wollten, sind wir einfach zu diesem Interview dazu gekommen und haben gesagt: &#8222;Wir machen jetzt eine Gegen-Saat vor laufender Kamera.&#8220; Wir haben Linda-Bio-Kartoffeln in den Gen-Kartoffel-Acker buddeln wollen. Eigentlich gingen wir davon aus, dass dort schon eine Absperrung oder ein Schutzzaun ist, weswegen ich gedacht habe, na ja, die zehn Meter dahinter ist ja dieser Absperrbereich. Wie kommen wir da \u00fcberhaupt sinnvoll dr\u00fcber? Wenn da noch ein Wachtrupp ist, muss man ja schon richtig weit werfen. Dann habe ich eine Schleuder mitgenommen und wir hatten das Gl\u00fcck, als wir hinkamen, dass keine Absperrung da und der Wachschutz ein bisschen verpennt war. Deshalb haben wir die Bio-Kartoffeln gut einbuddeln k\u00f6nnen. Wir haben die Schleuder trotzdem ausgepackt und dann damit auf den riesigen 30 Hektar-Acker Bio-Kartoffeln verschossen.<\/p>\n<p>Bio-Kartoffeln sind \u00e4u\u00dferlich nicht von Gen-Kartoffeln zu unterscheiden. Wegen unserer Aktion konnten zwei Hektar des Ackers nicht mehr wie geplant mit Gen-Kartoffeln bepflanzt werden.<\/p>\n<p><b>GWR: Diese Sabotage des Gentech-&#8222;Versuch-Ackers&#8220; war medienwirksam. Im heute-journal und in der Tagesschau war zu sehen, wie ihr die Kartoffeln aufs Feld geschleudert habt und ein w\u00fctender Genbauer versucht hat, Euch daran zu hindern. Stefan Raab hat den heute-Ausschnitt in seiner TV-total-Sendung gezeigt und dann in seiner typisch ironischen Art \u00fcber &#8222;diese \u00d6ko-Terroristen mit ihren Mega-Schleudern&#8220; gesprochen. Insgesamt war das sehr erfolgreich. Auch vor dem Hintergrund, dass sich Mecklenburg-Vorpommern eigentlich als Gentechnik-Land definiert hat. Was war dort von Landesregierung und Gentechnik-Konzernen geplant? Wie ist das letztlich gescheitert?<\/b><\/p>\n<p>Heinz: Wir hatten hier ein Versuchszentrum f\u00fcr Gentechnik, vom Staat finanziert mit mehreren Millionen Euro, auch von der Landesregierung. Nachdem es auch an verschiedenen anderen Stellen in Deutschland Widerstand gegen die Gentechnik gab, hat Frau Professorin Broer von der Uni Rostock gesagt: &#8222;Bringt doch eure Versuche nach Mecklenburg-Vorpommern, hier gibt es nicht so viel Widerstand. Hier k\u00f6nnen wir das durchsetzen.&#8220; Pl\u00f6tzlich waren viele Versuchsfelder hier in Mecklenburg-Vorpommern: Tabak, Weizen, Raps, Amflora und andere Gen-Kartoffelsorten, die im Freiland angebaut werden sollten. Aber dann haben sich viele Leute gefunden, die sich dagegen gewehrt haben. Die haben gesagt: &#8222;Das wollen wir hier nicht haben!&#8220; Da gab es dann recht breite B\u00fcndnisse und unterschiedliche Aktionen. Was ich skurril fand: Am Anfang war der Landwirtschaftsminister Backhaus (SPD) komplett f\u00fcr die Gentechnik. Irgendwann hat sich dieser Wind gedreht. 2010 hatten wir eine Pressekonferenz mit europ\u00e4ischen Feldbefreiern unter anderem aus England und Frankreich. Der Minister tauchte auf und wollte bei der Pressekonferenz eine Rolle spielen. Er sa\u00df dann mit am Tisch, an dem er nur eine Ecke bekommen hat. Er wollte unbedingt mit aufs Bild, mit den Leuten, die die Gentech-Pflanzen kaputt machen. Das war absurd.<\/p>\n<p><b>GWR: Es gab dann Prozesse, auch gegen Dich.<\/b><\/p>\n<p>Heinz: Ja. Der Prozess gegen mich endete in der zweiten Instanz mit Freispruch. Viele andere Verfahren wurden eingestellt, oft mit unterschiedlichen Begr\u00fcndungen. ((2)) Bei mir war es so, dass Kartoffeln verteilen auf einem Acker, der f\u00fcr Kartoffelanbau vorgesehen ist, keine Sachbesch\u00e4digung oder N\u00f6tigung ist. Das ist kein Strafdelikt. Zwar k\u00f6nnte die Betreibergesellschaft sagen, dass ihr ein Schaden entstanden sei, aber das m\u00fcsste sie zivilrechtlich einklagen. Das wollte die BASF nicht, weil sie ansonsten auch alle Vertr\u00e4ge mit dem Landwirt, dem die Fl\u00e4che geh\u00f6rte, offenlegen m\u00fcsste. Da w\u00e4ren Fakten aufgetaucht, die wir gerne gewusst h\u00e4tten. Das haben sie lieber verschwiegen. Deshalb haben sie diesen Prozess gar nicht erst angefangen.<\/p>\n<p><b>GWR: Das war eine geniale Direkte Gewalfreie Aktion. Kannst Du beschreiben, was Gewaltfreie Aktion f\u00fcr Dich bedeutet?<\/b><\/p>\n<p>Heinz: Gewaltfreie Aktion hei\u00dft, sich direkt zu wehren gegen das Unrecht, gegen Unterdr\u00fcckung, gegen die Schei\u00dfe, die einfach l\u00e4uft. Allerdings nicht mit allen Mitteln, sondern mit Mitteln, wie ich mir eine zuk\u00fcnftige Gesellschaft auch vorstelle. Das hei\u00dft, dass ich einige Sachen beachte, dass wir Entscheidungen gemeinsam treffen, dass wir w\u00e4hrend der Aktion auch gegenseitig auf uns und andere achten, dass die Aktion vermittelbar ist, dass man also nicht Exzesse der eigenen Subkultur auslebt, wenn man zum Beispiel Aktionen gegen Tierhaltung macht,\u2026<\/p>\n<p><b>GWR: \u2026phantasievoll und ohne, dass Menschen verletzt werden. Du bist sehr aktiv, nicht in Parteien, sondern in den Neuen Sozialen Bewegungen. Was f\u00fcr Erfahrungen hast Du da gemacht? Was war gut? Was vielleicht nicht so gut?<\/b><\/p>\n<p>Heinz: Ich denke, dass man einen langen Atem braucht. Es ist ja so, dass vieles nicht schon nach zwei, drei Jahren die vollen Erfolge einheimst, sondern dass sich das ziehen kann. Komisch ist, dass man Hochphasen von Protestbewegungen hat, Forderungen stellt und ein paar Jahre sp\u00e4ter kommen dann Politiker und verkaufen dasselbe dann als ihre Neuerung, die sie jetzt umsetzen. Die feiern das dann als ihren Erfolg, was absurd ist, weil ja die Soziale Bewegung den Stimmungsumschwung innerhalb der Bev\u00f6lkerung erreicht hat. Damit man etwas erreicht, braucht man eine vielf\u00e4ltige, phantasievolle und breite Bewegung, nicht nur ein, zwei Aktionsformen. Dabei darf man sich stimmungsm\u00e4\u00dfig nicht unterkriegen lassen. Ab und zu ist das z\u00e4h, gerade wenn man l\u00e4nger dabei ist, dann merkt man: &#8222;hmm, jetzt schon wieder das&#8220;. Man muss dran bleiben und irgendwann merkt man, das wird jetzt erfolgreich.<\/p>\n<p><b>GWR: Ein Erfolg waren auch die antimilitaristischen Aktionen gegen das Gefechts\u00fcbungszentrum (G\u00dcZ) bei Magdeburg, an denen Du dich beteiligt hast. Was ist das G\u00dcZ? Was lief dagegen? Was ist weiter geplant?<\/b><\/p>\n<p>Heinz: Das G\u00dcZ ist eine der zentralen \u00dcbungsstellen, wo alle NATO-Soldaten nochmal ein konkretes Feindbild bekommen, bevor sie dann in weltweite Eins\u00e4tze gehen. Sie \u00fcben im G\u00dcZ die Transportsicherung durch gegnerisches Gebiet und den H\u00e4userkampf in extra gebauten D\u00f6rfern, die nach Afrika, Balkan oder Afghanistan aussehen. Alles, was sie \u00fcben, wird aufgezeichnet und anschlie\u00dfend zur Man\u00f6verkritik ausgewertet. Das sind 232 Quadratkilometer Gel\u00e4nde, die in den 1930er Jahren von den Nazis eingerichtet wurden, wo sie den Zweiten Weltkrieg vorbereitet haben. Das Gel\u00e4nde ist nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs von der Roten Armee und dann von der NVA \u00fcbernommen worden. Jetzt trainiert die Bundeswehr hier intensiv das Kriegf\u00fchren.<\/p>\n<p>Es gibt seit einigen Jahren immer wieder Proteste gegen den Truppen\u00fcbungsplatz (siehe GWR-Berichte in GWR Nr. 392 ff.). Im letzten Jahr fand das war-starts-here-Camp zum dritten Mal statt. In diesem Jahr zum vierten Mal. <a href=\"u3\">(3)<\/a> 2014 ist die Gewaltfreie Aktion G\u00dcZ abschaffen \u00f6ffentlich angek\u00fcndigt drei Mal in gr\u00f6\u00dferen Gruppen auf das Gel\u00e4nde gelaufen und wir haben eine Besiedlungsaktion gemacht, unsere Zelte aufgebaut und dort buntes Leben hingebracht. Wir haben Buchweizen verteilt, weil man ja auch etwas anbauen m\u00f6chte, wenn man siedeln will. Eine Folge dieser Aktion ist, dass \u00fcber 50 Leute jetzt Bu\u00dfgeldbescheide \u00fcber jeweils 400 oder 500 (statt wie sonst \u00fcblich bis zu 100) Euro bekommen und dagegen Widerspruch eingelegt haben. Die Bu\u00dfgeldbescheide sollen abschrecken und Angst davor machen, eine solche Aktion zu wiederholen. Auch wenn wir vorher schon wussten, worauf wir uns eingelassen haben, hat uns die H\u00f6he der Bescheide \u00fcberrascht. Aber eigentlich ist das f\u00fcr viele eine Motivation, das Gerichtsverfahren jetzt trotzdem durchzuziehen.<\/p>\n<p>Wir wollen eine gro\u00dfe, medial begleitete Prozesskampagne machen, mit einer Website, \u00d6ffentlichkeitsarbeit, \u00f6ffentlichen Aktionen zu den Prozessen. Ein Prozesstraining zur Vorbereitung auf die Gerichtsverhandlungen mit Rollenspielen, juristischen Informationen usw. gab es schon. In der Hochphase der Kampagne (also wenn die Prozesse laufen) kostet uns die juristische Begleitung durch das Rechtshilfeb\u00fcro Hamburg gut 750 Euro pro Monat. Wir rechnen insgesamt mit Kosten von mindestens 10.000 Euro. Wenn die Urteile gegen uns gef\u00e4llt werden, drohen Bu\u00dfgelder, Gerichtskosten usw. bis wahrscheinlich \u00fcber 34.000 Euro. Wir w\u00fcrden uns \u00fcber Leute freuen, die uns finanziell und\/oder aktiv unterst\u00fctzen. ((4))<\/p>\n<p><b>GWR: Wann und wie bist Du mit der Zeitung Graswurzelrevolution in Ber\u00fchrung gekommen? <\/b><\/p>\n<p>Heinz: 1994 bin ich enger mit der Graswurzelrevolution in Kontakt gekommen. Eine der ersten Sachen dabei war, dass wir die Proteste gegen den Castor-Transport von Philippsburg nach Gorleben mitgemacht haben. Die Aktionsform, die wir damals gew\u00e4hlt haben, ist von der Graswurzelgruppe Kiel initiiert worden. Wir haben da bundesweit, koordiniert von Graswurzelgruppen, gemeinsam Aktionen gemacht. Zum Beispiel wurde in Z\u00fcgen an der Strecke die Notbremse gezogen und dann wurden Flugbl\u00e4tter an die Fahrg\u00e4ste verteilt. Das lief gut.<\/p>\n<p><b>GWR: Du bist seit Ende der 1990er Jahre auch Mitherausgeber der Graswurzelrevolution. Wie bist Du direkt mit der Redaktion in Kontakt gekommen?<\/b><\/p>\n<p>Heinz: Also, es gab einen GWR-Mitherausgeber, der stand oft an der Uni Heidelberg und hat versucht, dort die Graswurzelrevolution zu verkaufen. Das fand ich von Anfang an sympathisch, wie er das gemacht hat, auch bei vielen Veranstaltungen. Ich habe ihn dann n\u00e4her kennengelernt, eigentlich mit diesen Anti-Castor-Aktionen. Dann hatte eine Freundin, bevor sie bei uns zu studieren angefangen hat, ein Praktikum im Graswurzelrevolution-Redaktionsb\u00fcro in der Kurve Wustrow im Wendland gemacht, beim damaligen GWR-Koordinationsredakteur Jochen Stay. Als sie dann bei uns in der Foodcoop aufgetaucht ist, hat sie gemeint: &#8222;Willst Du nicht mitkommen in die \u00f6rtliche Graswurzelgruppe? Ich habe rausbekommen, wo die sich trifft und dann gehen wir da einfach mal hin.&#8220; Genau. Dann bin ich da aufgetaucht und zum ersten Mal vegan bekocht worden. Dann haben wir unsere ersten gemeinsamen Aktionen gemacht. Das war eine runde Sache, da einfach reinzurutschen. Es gab dann ein paar Spannungen in der Heidelberger Graswurzelgruppe, weshalb ich dann erstmal noch nicht so tief reingerutscht bin. Wir haben dann eher unsere Anti-Atom-Gruppe gemacht, weil die Graswurzelgruppe ein internes Problem mit sich hatte.<\/p>\n<p>Ende der 90er bin ich dann richtig reingekommen, als der Handverkauf an der Uni weitgehend eingestellt wurde, weil der GWR-Mitherausgeber, als er versuchte, eine Zeitung zu verkaufen, vor der Mensa angemacht worden ist mit Spr\u00fcchen wie: &#8222;Ich dachte ihr hattet eure Aufl\u00f6sungserkl\u00e4rung heute Morgen ver\u00f6ffentlicht. Warum steht ihr denn immer noch hier?!&#8220; Gemeint war die Aufl\u00f6sungserkl\u00e4rung der RAF. Da war dann eine s\u00e4uerliche Miene zu sehen: &#8222;Was hat denn die RAF mit der Graswurzelrevolution zu tun?!&#8220; Aber das war einer der Gr\u00fcnde zu sagen: &#8222;Die Jungstudis sind so \u00fcberdreht, das rentiert sich nicht mehr, hier Handverkauf zu machen.&#8220;<\/p>\n<p><b>GWR: Was bedeutet Graswurzelrevolution f\u00fcr Dich? Was unterscheidet diese Bewegungszeitung von anderen Zeitungen?<\/b><\/p>\n<p>Heinz: Als ich angefangen habe, gab es noch die F\u00f6gA, die F\u00f6deration der Gewaltfreien Aktionsgruppen, die ich kurz vor ihrer Aufl\u00f6sung kennengelernt habe. F\u00fcr mich war die Graswurzelrevolution immer eine Bewegungszeitung, die ganz nah an diesen Graswurzelbewegungen und Gewaltfreien Aktionsgruppen dran war. Und das, was sich ereignet hat und was mir wichtig ist, die Gewaltfreie Aktion, das hat die Zeitung immer wieder vermittelt, in vielf\u00e4ltiger Weise, in theoretischen Grundlagenartikeln, aber auch in Erfahrungsberichten, in allen m\u00f6glichen Ebenen. Deswegen habe ich angefangen in der Zeitung mitzuarbeiten und selber auch Artikel zu schreiben.<\/p>\n<p><b>GWR: Die Graswurzelrevolution ist ein anarchistisches Organ. Viele Menschen denken leider immer noch, Anarchie sei Chaos und Terror. Was ist Anarchie f\u00fcr Dich?<\/b><\/p>\n<p>Heinz: Anarchie ist f\u00fcr mich Freiheit. Das hei\u00dft, die Abwesenheit von Chefstrukturen, keine Politiker, keine Manager, niemand, der mir sagt, was ich zu tun und zu lassen habe, niemand, der mir einen Rahmen vorgibt. Ich will einen selbstorganisierten Rahmen. Es ist ja nicht so, dass ich keine Strukturen will, aber selbstorganisierte, keine von oben, keine, die von anderen vorgegeben werden. Selbstorganisation! Und Gewaltfreie Aktion ist ein Mittel, das einzufordern. Ich hoffe, in einer anarchistischen Gesellschaft muss man das dann nicht mehr machen, dass man so krass agiert, wie das aktuell notwendig ist.<\/p>\n<p><b>GWR: Die Graswurzelrevolution erscheint jetzt seit 43 Jahren. Das ist f\u00fcr eine Alternativzeitung ein biblisches Alter. Wie erkl\u00e4rst Du dir diese Kontinuit\u00e4t? Welche Perspektiven siehst Du in den n\u00e4chsten 43 Jahren f\u00fcr die &#8222;Monatszeitung f\u00fcr eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft&#8220;, auch angesichts der allgemeinen Printmedienkrise?<\/b><\/p>\n<p>Heinz: Ich hoffe nat\u00fcrlich, dass die Graswurzelrevolution gro\u00dfe Perspektiven hat. Wobei sie durch ihre Art immer eine spezielle &#8222;Sparte&#8220; von Menschen angesprochen hat. Eigentlich braucht es noch ein paar mehr Zeitungen, die \u00e4hnliche Inhalte vermitteln. In der Zukunft wird die Zeitschrift vermutlich auch mehr und mehr online gelesen werden. Irgendwann kann man das Ganze auch als PDF lesen. Was meinst Du?<\/p>\n<p><b>GWR: Na ja, ich will die Zeitung ja auch weiterhin sch\u00f6n durchbl\u00e4ttern k\u00f6nnen und nicht nur am Computer lesen.<\/b><\/p>\n<p>Heinz: Nat\u00fcrlich. Ich genie\u00dfe das auch immer noch total, gem\u00fctlich im Caf\u00e9 zu sitzen und die Zeitung zu lesen. Das war vor 20 Jahren schon so. Die Zeitung zeigt ja auch, dass wir seit vielen Jahren eine recht konstante Anh\u00e4ngerschaft haben. Es gibt viele, die die GWR seit Jahren lesen und immer wieder lesen. Ich glaube, dadurch, dass wir diese au\u00dfergew\u00f6hnliche Message haben, wird sie nicht diese Abw\u00e4rtsbewegung wie andere Printmedien haben. Die Abozahlen zeigen das ja.<\/p>\n<p><b>GWR: Es ist erstaunlich, dass es trotz Printmedienkrise fast jeden Monat mehr Neuabos als K\u00fcndigungen gibt. <\/b><\/p>\n<p><b>M\u00f6chtest Du am Schluss dieses Gespr\u00e4chs Deine Utopie noch ein bisschen beschreiben? Hast Du noch ein sch\u00f6nes Schlusswort?<\/b><\/p>\n<p>Heinz: Wie die zuk\u00fcnftige Gesellschaft aussieht, kann ich ja nicht entscheiden. Das k\u00f6nnen nur ganz viele Menschen gemeinsam. Ich kann nur sagen, was mir wichtig w\u00e4re. Einmal m\u00f6chte ich, dass es \u00f6kologischer zugeht, dass man mehr auf die Lebensgrundlagen achtet, an vielen Stellen weniger industrialisiertes Vorgehen. Und dass die Welt solidarischer ist, miteinander, viel gastfreundlicher, viel offener, warmherziger. Dass man dann Sachen selbst organisiert, auch in der Produktion, dass man Gemeinschaften bildet, gemeinsam entscheidet, was man auch produzieren will, und in welchen Mengen und das dann bedarfsorientiert macht. Das ist das Wichtige bei der Produktion, dass man guckt, was brauchen die Leute, nicht nur irgendwelche Ersatzbefriedigungen stillt, nur weil es Geld bringt und unn\u00f6tige Dinge in die Landschaft setzt, die nur die Umwelt verpesten und andere Menschen nerven.<\/p>\n<p><b>GWR: Herzlichen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bernd Dr\u00fccke (GWR): Heinz, Du bist seit Anfang der 1990er Jahre aktiv in den Neuen Sozialen Bewegungen der Bundesrepublik. Wie fing das alles an? Wie begann Deine &#8222;politische Sozialisation&#8220;? Heinz Wittmer: Ich bin in der Region von Heidelberg gro\u00df geworden. 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