{"id":14771,"date":"2015-06-01T00:00:00","date_gmt":"2015-05-31T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2015\/06\/400-und-weiter\/"},"modified":"2022-07-26T14:12:01","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:01","slug":"400-und-weiter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/06\/400-und-weiter\/","title":{"rendered":"400! &#8211; und weiter!"},"content":{"rendered":"<h3>Was war nicht alles schon &#8222;Anarchismus&#8220;!<\/h3>\n<p>So sehr wir uns noch manchmal an der Verwendung des &#8222;Anarchismus&#8220;-Begriffs im Sinn von Chaos oder Gewalt st\u00f6ren: Insgesamt gibt es eine viel gr\u00f6\u00dfere Bereitschaft auch in etablierten Medien, Anarchismus als eine historische und aktuelle soziale Bewegung, eine theoretische Str\u00f6mung oder eine individuelle Haltung ernst zu nehmen. Weil wir dazu einen Beitrag geleistet haben, soll noch einmal daran erinnert werden, dass es 1974\/75 m\u00f6glich war, Schlagzeilen wie die folgende zu finden: &#8222;Anarchisten-Chef Wegener jetzt S\u00f6ldner-Bo\u00df in Algier?&#8220; ((3)) Der Text erl\u00e4utert: &#8222;Seit einem Jahr glaubt sich die \u00d6ffentlichkeit in Sicherheit vor dem anarchistischen Wirrkopf, der in G\u00f6ttingen bei der Bundeswehr diente \u2026 Ex-Unteroffizier Wegener ist der bundesdeutschen Justiz entwischt. Gegenw\u00e4rtig sucht Wegener offensichtlich neue Kumpels f\u00fcr seine hausgemachte Revolution. Aus zuverl\u00e4ssiger Quelle verlautet jetzt: Der Anarchist hat sich nach Algier abgesetzt, wo er eine S\u00f6ldner-Truppe aufziehen will!&#8220;<\/p>\n<p>Der Hintergrund des Mannes, &#8222;der die Revolution um jeden Preis will&#8220; ((4)): Er war Feldj\u00e4ger- Unteroffizier der Bundeswehr gewesen, hatte in der Nacht vom 30. auf den 31. M\u00e4rz 1974 den KBW-Buchladen &#8222;Polibula&#8220; mit einer Brandbombe schwer besch\u00e4digt, nach der Tat auf dem j\u00fcdischen Friedhof 100 Grabsteine umgest\u00fcrzt, am 15. April 1974 aus der Zollstation Sch\u00f6ningen acht Maschinenpistolen und Munition geraubt \u2026 &#8211; kurz: Ein terroristischer Nazi (ja, das gab es damals bereits!). Offensichtlich ist seine Geschichte die der Jagd auf Fahnenfl\u00fcchtige im Dienste der Bundeswehr, nicht eine, die auf antiautorit\u00e4re Gruppen verweist.<\/p>\n<p>Das Milieu der Feldj\u00e4ger lernte ich etwas genauer kennen als ich bei einem \u00d6TV-Bildungsseminar auf einen der &#8222;Kollegen&#8220; traf, die eben dort gewerkschaftlich organisiert waren und der stolz berichtete, wie man einen Fahnenfl\u00fcchtigen bei dessen Freundin auflauerte und antraf: Es erging dann die Aufforderung: &#8222;Abspritzen, rausziehen, mitkommen!&#8220;<\/p>\n<p>Nirgendwo hat es so weitreichende Ver\u00e4nderungen gegeben wie zwischen den Geschlechtern, nat\u00fcrlich ungleichzeitig in unterschiedlichen sozialen Milieus und immer von &#8222;Backlash&#8220;-Str\u00f6mungen bedroht. Aber es d\u00fcrfte selten zuvor eine weltweit so gro\u00dfe Bereitschaft gegeben haben, \u00fcberkommene K\u00f6rperbilder und Rollenmuster in Frage zu stellen, Festlegungen zu vermeiden, Ver\u00e4nderungen zuzulassen. Allerdings ist dies auch ein Feld, wo soziale Bewegungen antiautorit\u00e4re Dynamik an b\u00fcrokratische Gleichstellungspolitik verloren haben, &#8222;Macht&#8220; zunehmend ganz konventionell begriffen und ein &#8222;Bringing the state back in&#8220; vollzogen wurde.<\/p>\n<p>Erfolge auf diesem Weg haben einen Preis und wenn das Erfolgskriterium ein umfassender Begriff von Emanzipation ist, so bleibt am Ende oft die Frage: Welcher Erfolg?<\/p>\n<p>Im letzten Jahr widmete der &#8222;Mittelweg 36&#8220; Shulamith Firestone ein Heft ((5)). Bevor sie wegen ihrer zu sehr auf Reproduktionstechnologien setzenden Emanzipationshoffnungen kritisiert wurde, geh\u00f6rte ihre Programmschrift &#8222;Frauenbefreiung und sexuelle Revolution&#8220; auch zu unserem Kanon, denn unsere amerikanischen FreundInnen vom &#8222;Movement for a New Society&#8220; hatten sich positiv auf dieses Werk schon vor der deutschen \u00dcbersetzung bezogen, etwa auch im Manifest f\u00fcr eine gewaltlose Revolution ((6)). Diese fr\u00fche Theoretikerin eines radikalen Feminismus starb einsam und verarmt und hatte keinen Anteil an den Scheinsiegen der Bewegung mehr. Ja, sie galt als psychisch krank. Und als ich (S. 25) las, dass sie glaubte, Menschen w\u00fcrden sich &#8222;hinter Masken mit ihren eigenen Gesichtern verbergen&#8220; dachte ich: Wie recht sie hat! Deshalb hei\u00dft es ja &#8222;Facebook&#8220;!<\/p>\n<h3>Anarchistische Kritik der Gewaltzusammenh\u00e4nge<\/h3>\n<p>Unver\u00e4ndert aktuell ist ein Zusammenhang, der auch in der Graswurzelrevolution fr\u00fch behandelt wurde: M\u00e4nnlichkeit und Gewalt. ((7)) Jeder B\u00fcrgerkrieg beweist die Verbindung. Vergewaltigungen, die m\u00e4nnliche Macht \u00fcber Frauen best\u00e4tigen oder herstellen, sind auch jenseits von offenen Kriegshandlungen Krieg gegen soziale Ver\u00e4nderungen &#8211; wie beispielsweise in Indien ((8)).<\/p>\n<p>Um nur ein aktuelles Beispiel aus der Bundesrepublik zu nennen: Der Bundespolizist, der auf der Polizeiwache im Bahnhof Hannover Fl\u00fcchtlinge drangsalierte, posierte im Netz als harter Mann mit Hang zu Waffen. Nat\u00fcrlich bilden auch andere M\u00e4nnlichkeitskonstruktionen (&#8222;Kameradschaft&#8220;) eine Struktur, die solche Taten erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Wenn man alte programmatische Texte unserer Bewegung wieder liest, macht man schnell die Entdeckung, dass sie noch immer gut gesellschaftliche Probleme und unsere Antworten beschreiben. Das beginnt bei &#8222;Was hei\u00dft Graswurzelrevolution?&#8220; ((9)), dem ersten Versuch einer Selbstverst\u00e4ndigung der Gewaltfreien Aktionsgruppen. Dass diese Programmatik einer antiautorit\u00e4r-sozialistischen, gewaltfreien Revolution ihre G\u00fcltigkeit behalten hat, zeigt auch, dass wir uns von diesem Ausgangspunkt nicht wirklich weit entfernt haben, die entscheidenden Probleme nach 40 Jahren sozialer Bewegungen, nach dem Zusammenbruch der bipolaren Weltordnung und weltbewegender Globalisierung, nach weitreichenden technischen Ver\u00e4nderungen nur Verschiebungen und Intensivierungen zeigen.<\/p>\n<p>Wir haben einen gro\u00dfen Beitrag zu den \u00f6kologischen Bewegungen in der Bundesrepublik geleistet, besonders zur Bewegung gegen die &#8222;friedliche Nutzung&#8220; der Atomenergie, beginnend mit unserem Sommerlager 1974 im Kaiserstuhl \u00fcber viele Aktionsvorschl\u00e4ge zu Demonstrationen und Blockaden, Besetzungen (von Baupl\u00e4tzen oder der ber\u00fchmten Tiefbohrstelle1004 in Gorleben und der Gr\u00fcndung der Republik Freies Wendland! ((10))), kreative Widerstandsformen wie den Stromzahlungsboykott. Und hier ist mit dem unvollendeten, aber immerhin proklamierten &#8222;Atomausstieg&#8220; und dem Ausbau von regenerativen M\u00f6glichkeiten der Energiegewinnung ein tats\u00e4chlicher Durchbruch erzielt worden. Andererseits ist die weltweite Situation durch extreme Ausbeutung noch der letzten Rohstoffquellen, durch Klimaver\u00e4nderungen, Verw\u00fcstungen ganzer L\u00e4nder mit verheerenden sozialen Folgen bedrohlicher geworden, so dass auch unter dieser Perspektive revolution\u00e4re Ver\u00e4nderungen notwendig sind um einen Bruch mit der auf Wachstum angewiesenen Politik zu vollziehen, Klimakriege, Verelendung ganzer Kontinente und weltweite Fluchtbewegungen zu verhindern ((11)).<\/p>\n<p>Bei vielen Themen, die uns bereits Anfang der 70er Jahre bewegten, muss man den Eindruck gewinnen, dass es eine auseinandergehende Entwicklung zwischen Metropolen und Peripherie gegeben hat, f\u00fcr die die weltweiten Fluchtbewegungen heute ein Beweis sind: Die Gewalt wurde exportiert in die fr\u00fcheren Kolonialgebiete ((12)) und Armutszonen, hier kehren Formen der Sklaverei zur\u00fcck und werden oft unter schlimmsten Arbeitsbedingungen die Rohstoffe gewonnen und Waren f\u00fcr die (noch) befriedeten Zonen der Welt produziert.<\/p>\n<p>So kann in den &#8222;westlichen&#8220; Gesellschaften ein Machtzuwachs von Kindern und Jugendlichen beobachtet werden: eine &#8222;gewaltfreie Erziehung&#8220; ist oft Gesetz geworden, die autorit\u00e4ren Schlag- und Tadel-Rituale geh\u00f6ren der Vergangenheit an. &#8222;Kindheit&#8220; und &#8222;Jugend&#8220; bilden Zukunfts-M\u00e4rkte; Jugendlichkeit ist f\u00fcr die \u00c4lteren geradezu Leitbild, Garant eigener Verk\u00e4uflichkeit. Die Achtung der Rechte J\u00fcngerer ist in den westlichen konsumorientierten Metropolen selbstverst\u00e4ndlich geworden &#8211; w\u00e4hrend gleichzeitig Kindersoldaten und Kinderarbeit und viele Formen von Misshandlung und Missbrauch weltweit zunehmen.<\/p>\n<p>Arbeitsbedingungen haben sich auch in den Metropolen stark ver\u00e4ndert, unbefristete, tariflich abgesicherte Arbeitsverh\u00e4ltnisse waren vor 40 Jahren noch die Regel, Ferienjobs zu finden kein Problem. Heute gibt es weltweit Millionen Arbeitslose ohne Perspektive, je von ihrer Arbeit leben zu k\u00f6nnen, \u00fcberfl\u00fcssige Bev\u00f6lkerungen solange &#8222;Arbeit&#8220; das Zentrum des Lebens bleibt. Die Internationale Arbeitsorganisation hat gerade bekannt gemacht, dass weltweit zwei Drittel der arbeitenden Bev\u00f6lkerung keinen Arbeitsvertrag haben.<\/p>\n<p>Wir haben Anfang der 70er Jahre auch unter dem Einfluss von Johan Galtungs Begriff der &#8222;strukturellen Gewalt&#8220; beschlossen, auch solche Verh\u00e4ltnisse als Gewalt zu kritisieren. Manchmal wurde dagegen eingewandt, so werde alles zur Gewalt erkl\u00e4rt und die wirklichen Verh\u00e4ltnisse k\u00f6rperlicher Brutalit\u00e4t wiederum w\u00fcrden nicht gen\u00fcgend akzentuiert, es w\u00fcrde gar Gegengewalt nahegelegt. Schon bei Galtung war aber der Ausgangspunkt ein anderer: Die PazifistInnen m\u00fcssen erkennen, dass nicht nur Waffen t\u00f6ten. Wenn unser Ziel Freiheit von Furcht und Gewalt ist, dann hat das Dimensionen, die gesellschaftliche Strukturen und nur an der Oberfl\u00e4che &#8222;friedliche&#8220; Verh\u00e4ltnisse in Frage stellen. Denn diese ben\u00f6tigen zu ihrer Absicherung auch direkte Gewalt oder sie f\u00fchren zur k\u00f6rperlichen Gewaltanwendung statt zur Solidarisierung unter den Unterdr\u00fcckten.<\/p>\n<p>Schon in &#8222;Was hei\u00dft Graswurzelrevolution?&#8220; werden Angst, Anpassungszw\u00e4nge und die scheinbaren Auswege in Leistung und Konsum thematisiert. Durch das Prek\u00e4r-werden aller sozialen Verh\u00e4ltnisse durch &#8222;Globalisierung&#8220; und &#8222;Individualisierung&#8220; (zwei Seiten einer Medaille) hat seitdem auch die Angst, zu den Ausgeschlossenen zu geh\u00f6ren und Angst vor sozialem Abstieg eine neue Dimension erhalten, die soziale Beziehungen und Bewegungen pr\u00e4gt:<\/p>\n<p>Die Angst vor dem Abstieg treibt die Mittelschichten zu rechtspopulistischen Bewegungen, der Kauf (und sogar Raub) von Waren hat stark die Dimension erhalten, zu zeigen, dass man &#8222;dazu geh\u00f6rt&#8220;, nicht zu den Ausgeschlossenen gerechnet werden darf; demonstrative Auftritte, etwa auch in &#8222;sozialen Netzwerken&#8220;, sollen vor dem sozialen Tod sch\u00fctzen: Nicht beachtet zu werden, keine FreundInnen (nicht mal Alkohol?) zu haben, nicht dazu zu geh\u00f6ren. Unter solchen Bedingungen ist auch der Wille, sich zu verkaufen, sich so zu pr\u00e4sentieren, dass man\/frau f\u00fcr M\u00e4rkte attraktiv wird oder bleibt, geradezu Pflicht geworden, Voraussetzung f\u00fcr alles andere. Am besten, man\/frau wird selbst (und sich selbst) zum Markenartikel. Der Konsumismus hat gegenkulturelle Tendenzen aufgesogen:<\/p>\n<p>Wo in den 60er Jahren lange Haare bei M\u00e4nnern, in manchen Zusammenh\u00e4ngen (vielleicht bei einer &#8222;Amtm\u00e4nnin&#8220;) auch Hosen bei Frauen, Rockmusik schwerste kulturrevolution\u00e4re Herausforderungen darstellen konnten, ist heute noch in Diktaturen und sich streng religi\u00f6s legitimierenden Staaten &#8222;abweichendes Verhalten&#8220; von enormer Sprengkraft, weil es eine direkte Herausforderung der herrschenden Ordnung darstellt und diese zeigen muss, dass ihre Macht zu strafen funktioniert.<\/p>\n<p>In solchen L\u00e4ndern (der Iran w\u00e4re ein Beispiel) stehen sich autorit\u00e4r-theokratische und staatskonsumistische Herrschaftsformen gegen\u00fcber: Ist da Platz f\u00fcr einen antiautorit\u00e4ren gewaltfreien Sozialismus?<\/p>\n<p>Der Aufmerksamkeitswert von Provokationen ist begrenzt und funktioniert in den tolerant-gleichg\u00fcltigen westlichen Gesellschaften zunehmend nach einer Logik der \u00dcberbietung, die immer extremistischere Positionen bis zum offenen Wahn der Verschw\u00f6rungstheorien f\u00f6rdert. Dazu kommen sich best\u00e4tigende Teil\u00f6ffentlichkeiten, die sich immer mehr gegen Informationen abschotten, die nicht ihrem Weltbild\/Freundeskreis entsprechen und alle mit hemmungslosem Shit-Storm \u00fcberziehen, die ihr Weltbild nicht teilen.<\/p>\n<h3>Schlechte Zeiten f\u00fcr die Aufkl\u00e4rung?<\/h3>\n<p>Warum ist beispielsweise der Islamismus f\u00fcr manche Jugendliche auch in Deutschland und Frankreich ein Identifikationsangebot? Nicht nur, aber auch nicht zuletzt, weil er verspricht, ihrem Leben Sinn und Richtung und eine Zugeh\u00f6rigkeit, eine emotionale Sicherheit zu geben. Dagegen kann nicht nur Denunziation und Repression helfen (im Gegenteil: Die Gef\u00e4ngnisse sind &#8211; wieder einmal &#8211; die hohen Schulen und Rekrutierungsfelder!), sondern der Aufruf, dem Leben einen anderen Sinn und eine andere, befreiende Richtung zu geben &#8211; und das kann nicht der Konformismus Arbeit-Konsum-Urlaub sein.<\/p>\n<p>Und nat\u00fcrlich sind Islamismus und Dschihadismus auch (!) Reaktionen auf die Kriege in Afghanistan, Irak \u2026 eine Antwort auf Folter in Abu Ghraib und Guantanamo, eine Antwort auf empfundene Dem\u00fctigungen (vielleicht d\u00fcrfen und m\u00fcssen gerade wir das sagen, weil wir von der islamistischen Ideologie und erst recht Praxis weiter entfernt sind als die &#8222;Islamkritiker&#8220;! Und weil wir im Islam auch Traditionen der Gewaltkritik und Toleranz kennen).<\/p>\n<h3>Noch immer: Die Waffen nieder!<\/h3>\n<p>Denn den Krieg zu verweigern und zu verhindern war von Anbeginn unser zentrales Anliegen &#8211; und ist es geblieben. Ja, DEN Krieg, nicht blo\u00df diesen oder jenen. Dazu sagen unsere KritikerInnen nun: Das sei ja wohl unpolitisch. Nein, es ist revolution\u00e4r, weil es sich nicht mit einer Politik gemein macht, die immer wieder nur unterdr\u00fcckt und ausbeutet.<\/p>\n<p>Aber jetzt sind Kriege nicht mehr die gleichen wie wir sie uns in den Zeiten der &#8222;gegenseitigen gesicherten Vernichtung&#8220; zwischen NATO und Warschauer Pakt vorstellen mussten, in einem Weltsystem, das mehr als einmal kurz vor der Realisierung dieser M\u00f6glichkeit stand (etwa zur Zeit der Kuba-Krise, aber auch w\u00e4hrend vieler &#8222;kleinerer&#8220; Konfrontationen). Nachdem wir gegen Man\u00f6ver, Truppen\u00fcbungspl\u00e4tze, Aufr\u00fcstung so lange gek\u00e4mpft hatten und nach der &#8222;neuen Friedensbewegung&#8220; Anfang der 80er Jahre etwas ratlos waren, wie ein antimilitaristisches au\u00dferparlamentarisches Engagement verstetigt werden k\u00f6nnte, schien es um 1990 kurze Zeit so als sei der Krieg &#8222;ein Anachronismus&#8220; und jetzt eine &#8222;Friedensdividende&#8220; f\u00e4llig &#8211; wir wissen heute alle, dass die Dividenden anders erwirtschaftet wurden und auch die ausbleibenden Dividenden eher die R\u00fcstung ankurbeln &#8211; aber eine etwas andere R\u00fcstung:<\/p>\n<p>In der Bundesrepublik wurde die Wehrpflicht ausgesetzt, Kriege werden weniger mit den Massen der Wehrpflichtigen gef\u00fchrt (obwohl diese als Rekrutierungsbasis f\u00fcr l\u00e4nger dienende SoldatInnen schwer ersetzt werden k\u00f6nnen), sondern durch spezialisierte Einheiten mit zunehmend technisierter Ausr\u00fcstung und Logistik bis hin zu den Phantasien des &#8222;automatisierten Schlachtfelds&#8220;, der Roboterkriege und des Cyberwar. Die Rekrutierungsprobleme der Armeen verschieben sich so auf hochspezialisierte Fachkr\u00e4fte, weg von den Massenarbeitern des Krieges; massenhafte Verweigerung und die Ent-Legitimation des Krieges in den Bev\u00f6lkerungen (so k\u00f6nnte man unsere Ziele bisher umschreiben) k\u00f6nnen unter diesen Bedingungen Krieg nicht unbedingt verhindern. ((13))<\/p>\n<p>Andererseits k\u00f6nnen die Strukturen der globalisierten Welt mit nicht-milit\u00e4rischen Mitteln geradezu terroristisch attackiert werden &#8211; wobei nicht einmal milit\u00e4rische Abwehr m\u00f6glich w\u00e4re, aber als eskalierende Antwort u.U. wahrscheinlich wird. Neben Eingriffen in die technischen Infrastrukturen und Steuerungssysteme ist dabei sogar an zivil vorgehende Boykott- und Embargostrategien zu denken, die durch die hohe Anf\u00e4lligkeit der Versorgungssysteme massenm\u00f6rderische Auswirkungen haben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Im Kampf um Rohstoffe und Einflusssph\u00e4ren haben sich neue Interventionsstrategien ebenso verbreitet wie Warlord-Regime; der &#8222;Krieg gegen den Terror&#8220; wie der &#8222;Krieg gegen Drogen&#8220; haben h\u00e4ufig militarisierend auf gesellschaftliche Konflikte eingewirkt; &#8222;scheiternde&#8220; Staaten f\u00fchren in Ausscheidungsk\u00e4mpfen zu neuen Staatsbildungsprozessen, in einigen Teilen der Welt entstehen &#8222;Bloodlands&#8220;, die an Europa w\u00e4hrend des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges, aber auf einem technologisch extrem fortgeschrittenen Niveau erinnern. Die Metropolen militarisieren ihre Au\u00dfengrenzen (so wie sie im Inneren bewachte Stadtviertel der Reichen mit Zugangskontrollen etablieren). Da bei allen peripheren Konflikten droht, dass R\u00fcckzugsgebiete f\u00fcr Milizen, Ausbildungsst\u00e4tten f\u00fcr Terrorgruppen und jedenfalls Fl\u00fcchtlingsbewegungen entstehen, wird immer neu \u00fcber &#8222;humanit\u00e4re&#8220; Interventionen oder &#8222;friedens&#8220;-erzwingende Ma\u00dfnahmen debattiert: Die Rollen von UNO, einzelnen Staaten, Milit\u00e4rb\u00fcndnissen (&#8222;der Willigen&#8220;) muss immer neu ausgelotet werden. F\u00fcr die antimilitaristischen Bewegungen hat das neue, oft schwer aufzugreifende Probleme geschaffen. R\u00fcstungsindustrie und Waffenhandel sind wichtige Ansatzpunkte, die Kritik an milit\u00e4rischen Konzepten und einer Kultur der Kriegslegitimation. Aber es gibt auch viele Gewaltstrategien, die der gewaltlosen antimilitaristischen Opposition wenige Angriffsfl\u00e4chen bieten, weil sie mit der &#8222;Normalit\u00e4t&#8220; so ununterscheidbar verflochten sind.<\/p>\n<h3>Was k\u00f6nnen wir denn tun?<\/h3>\n<p>Es war Saul Alinsky, der den jugendlichen Rebellen Ende der 60er Jahre polemisch vorhielt, sie wollten Revolution machen &#8211; und k\u00f6nnten nicht einmal ein Picknick organisieren! Der Vorwurf ist sicherlich berechtigt. Dabei gab es damals und sp\u00e4ter viele, die mehr als ein Picknick organisieren konnten, die aber schnell aufh\u00f6rten, &#8222;Revolution zu machen&#8220; &#8211; und eben Picknick organisierten. Die Picknick-Veranstaltungen fanden zuerst &#8222;umsonst und drau\u00dfen&#8220; statt, wurden dann aber in Hallen verlegt, in S\u00e4le, sie fanden ihre professionellen Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerInnen und finden heute eigentlich immer und \u00fcberall statt, selbst wenn sie &#8222;revolution\u00e4r&#8220; daherkommen, vielleicht als &#8222;tempor\u00e4re autonome Zone&#8220; oder als situationistisch eingestimmte &#8222;Fete&#8220; oder &#8222;kommender Aufstand&#8220; &#8211; ganz weit links vor den Fernsehkameras? Und wenn fr\u00fcher vor den Ausflugslokalen stand &#8222;Hier k\u00f6nnen Familien Kaffee kochen&#8220;, so werden heute eben &#8222;revolution\u00e4re&#8220; Neuerungen aufgeboten, die aber harmloser und meist famili\u00e4rer bleiben als manches Picknick vor \u00fcber hundert Jahren es war, etwa unter dem Sozialistengesetz. Und es sind auch nur Ausfl\u00fcge aus einer unger\u00fchrt bleibenden Wirklichkeit. Man kann jetzt vom Picknick leben, es macht schlie\u00dflich auch Arbeit, so wie das ganze Leben.<\/p>\n<p>Der revolution\u00e4re Party-Service kann tats\u00e4chlich als Party oder auch als Partei kost\u00fcmiert auftreten, das \u00e4ndert nicht viel. Nein, das alles \u00e4ndert sogar \u00fcberhaupt gar nichts. Und gesteht es oft auch offen ein.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen neue, ernsthafte, nicht kommerzielle Assoziationen aufbauen, um \u00fcber die ver\u00e4nderten Bedingungen eine offene Diskussion zu organisieren: Auch, aber nicht nur in der Zeitung. Wir sind entschieden zu wenige, die unspektakul\u00e4r und mit langem Atem, nicht elit\u00e4r an gesellschaftlichen Alternativen arbeiten. Wir werden solidarische Zusammenh\u00e4nge noch brauchen. Und wir m\u00fcssen (wieder) interventionsf\u00e4higer werden.<\/p>\n<p>Durch Erich Fromms Schriften, die vor allem die Furcht vor der Freiheit in immer neuen Varianten zum Thema machten, haben wir aus dem Talmud die Passage gelernt und fr\u00fcher oft zitiert:<\/p>\n<p>&#8222;Wenn ich nur f\u00fcr mich bin, was bin ich dann? Wenn nicht jetzt &#8211; wann?&#8220; &#8222;Aber, aber!&#8220;, sagt da ein Genosse: &#8222;wie lange h\u00e4ltst Du das denn durch!? Es ist doch immer noch besser, im Gras zu liegen, die Wolken anschauen und von der Revolution zu tr\u00e4umen, als aufzugeben und reaktion\u00e4r zu werden. Widerspruchsfrei kann im Kapitalismus nur der Kapitalist leben&#8220;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was war nicht alles schon &#8222;Anarchismus&#8220;! 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