{"id":14777,"date":"2015-06-01T00:00:00","date_gmt":"2015-05-31T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2015\/06\/ein-missgluecktes-anarchistisches-farbenspiel\/"},"modified":"2022-07-26T14:12:01","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:01","slug":"ein-missgluecktes-anarchistisches-farbenspiel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/06\/ein-missgluecktes-anarchistisches-farbenspiel\/","title":{"rendered":"Ein missgl\u00fccktes anarchistisches Farbenspiel"},"content":{"rendered":"<p>Das Schwarz der Negation trifft hier z.B. bei AnarchosyndikalistInnen,                 kommunistischen AnarchistInnen und diversen Anderen bekanntlich                 auf affirmatives Rot, beim Anarchafeminismus auf Lila, bei \u00d6ko-AnarchistInnen                 auf Gr\u00fcn, beim Queer-Anarchismus auf Pink und \u2026 beim gewaltfreien                 Anarchismus\/Anarchopazifismus auf Wei\u00df?! <\/p>\n<p>Ja, auf der englischsprachigen Wikipedia (sowie mittlerweile                 auch auf der deutschsprachigen) ist bei den Artikeln zu &#8222;Anarcho-pacifism&#8220;                 und &#8222;Anarchist symbolism&#8220; die Farbkombination Schwarz-Wei\u00df als                 charakteristisch f\u00fcr diese anarchistische Str\u00f6mung angef\u00fchrt.               <\/p>\n<p>Woher diese Kombination r\u00fchrt, ob und wenn ja, welche historischen                 Referenzen es gibt, konnte der Verfasser dieser Zeilen nicht ausfindig                 machen. <\/p>\n<p>Au\u00dferhalb von Wikipedia scheint sich das Schwarz-Wei\u00df auch nicht                 wirklich durchgesetzt zu haben. <\/p>\n<p>Man bekommt aber das Gef\u00fchl nicht los, als ob sich das Ganze                 jemand mit einer verzerrten Vorstellung von gewaltfreiem Anarchismus                 und Anarchopazifismus einfallen lie\u00df. Denn bei dieser Symbolik                 passt gar nichts.<\/p>\n<h3>Eine wei\u00dfe Flagge f\u00fcr den gewaltfreien Anarchismus?<\/h3>\n<p>Die wei\u00dfe Flagge wurde und wird in vielen unterschiedlichen Kontexten                 eingesetzt, sei es nun in kriegerischen Auseinandersetzungen,                 als Zeichen des Erfolgs \u00f6sterreichischer MaturantInnen (AbiturientInnen)                 nach bestandener Pr\u00fcfung oder im Rennsport. Vor allem bekannt                 ist sie aber im Kontext des Kriegs. Sie gilt z.B. als Schutzzeichen                 des sog. &#8222;Kriegsv\u00f6lkerrechts&#8220; und hei\u00dft dort Parlament\u00e4rflagge.                 Ein Parlament\u00e4r war ein Unterh\u00e4ndler zwischen Krieg f\u00fchrenden                 Armeen und genoss durch das Tragen einer wei\u00dfen Flagge einen v\u00f6lkerrechtlich                 garantierten Schutz. Die wei\u00dfe Flagge war\/ist hier also ein Schutzzeichen                 f\u00fcr einen (tempor\u00e4ren) Waffenstillstand zu Verhandlungszwecken.                 Daraus entwickelte sich eine Symbolik und folglich ein Gebrauch                 der wei\u00dfen Flagge, die daf\u00fcr bestimmend sind, wie sich dieses                 Symbol im kollektiven Ged\u00e4chtnis verankert hat. Diese Frage ist                 f\u00fcr das behandelte Thema auch ausschlaggebender als wenig bekannte                 und heute eher irrelevante historische Details. Denn die Symbolik                 ist klar: Eine wei\u00dfe Flagge steht f\u00fcr Kapitulation, Widerstandslosigkeit,                 sich Ergeben, Niederlage. Der gewaltfreie Anarchismus als Anarchismus                 der kampflosen Kapitulation, des widerstandslosen Hinnehmens,                 der akzeptierten Niederlage? Hier ist im kreativen Anarcho-Farbenspiel                 eindeutig etwas richtig schief gelaufen. Eine derartige Symbolik                 kommt schlichtweg einer Karikatur des gewaltfreien Anarchismus                 gleich.<\/p>\n<h3>Kampf, nicht Kapitulation!<\/h3>\n<p>Dass gewaltfreier Anarchismus und Anarchopazifismus genau nichts                 mit oben erw\u00e4hnten Assoziationen des Symbols der wei\u00dfen Flagge                 zu tun haben, muss offenbar leider immer wieder auf&#8217;s Neue dargelegt                 werden &#8211; auch oder vor allem in der eigenen Szene. Die gewaltfreie                 Aktion, derer sich gewaltfreie AnarchistInnen in ihrem Widerstand                 bedienen, kann vieles sein. Sie kann symbolisch, passiv und legal,                 aber auch das Gegenteil davon, n\u00e4mlich direkt, konfrontativ und                 illegal sein. Passiver Widerstand ist nicht gleichbedeutend mit                 gewaltfreiem Widerstand, auch, wenn passive Formen des Widerstands                 Teil der breiten Palette gewaltfreier Aktionen sind. Gewaltfreie                 Aktion ist keine Form der Konfliktvermeidung oder Beschwichtigung,                 sondern schlicht eine andere Art der Konfliktaustragung. <\/p>\n<p>Genau genommen ist sie in vielen F\u00e4llen eine Form der Konflikteskalation.                 Sie tritt einem Gegner aktiv und entschlossen entgegen, nur eben                 in anderer Art und Weise, ohne diesen beispielsweise zu verletzen,                 zu bedrohen, zu t\u00f6ten oder zu enthumanisieren. Gewaltfreie AnarchistInnen                 w\u00e4hlen diese Kampfform u. a. deshalb, weil sie dem Ziel einer                 anarchistischen, gewaltfreien Gesellschaft entspricht und diese                 nicht konterkariert. Sie wollen in ihrem Kampf nicht auf die antiemanzipatorischen                 Mittel zur\u00fcckzugreifen, die z.B. der staatlich-kapitalistische                 Repressionsapparat so professionell anwendet, denn sie stehen                 bekanntlich jeglichen anarchistischen Werten diametral entgegen                 und entstellen das Ziel. <\/p>\n<p>Die Mittel definieren das Ziel, weshalb diese nicht im Widerspruch                 zueinander stehen sollten. Diese Feststellung war, ist und bleibt                 f\u00fcr alle AnarchistInnen &#8211; nicht nur f\u00fcr die gewaltfreien und nicht                 nur bei der Gewaltfrage &#8211; zentral. Aber letztendlich ist es egal,                 wie gewaltfreier Widerstand von AnarchistInnen genau aussieht,                 denn eines steht fest: Wei\u00dfe Fahnen der Kapitulation werden hier                 auf alle F\u00e4lle nie geschwenkt. Selbst der passive &#8222;Nicht-Widerstand&#8220;                 eines Leo Tolstoi ist vieles, aber sicher keine Kapitulation oder                 ein feiges sich Wegdr\u00fccken.<\/p>\n<h3>Der falsche Farbtopf<\/h3>\n<p>Farbenspiele mit der schwarzen Fahne des Anarchismus, die dazu                 dienen, einer Zugeh\u00f6rigkeit zu einer spezifischen anarchistischen                 Substr\u00f6mung Ausdruck zu verleihen, k\u00f6nnen schon charmant sein.               <\/p>\n<p>Wie man aber sieht, kann es auch v\u00f6llig daneben gehen. Was mit                 Schwarz-Wei\u00df als vermeintlicher Farbkombination des gewaltfreien                 Anarchismus\/Anarchopazifismus angedeutet wird, geht kilometerweit                 an dem vorbei, was gewaltfreier Anarchismus ist, was er in der                 Theorie vertritt und in der Praxis lebt. <\/p>\n<p>In diesem Sinne kann man bei der n\u00e4chsten Demo die schwarz-wei\u00dfe                 Fahne ruhig zuhause lassen und stattdessen Slogans bem\u00fchen wie:                 &#8222;Keine Kapitulation! F\u00fcr die gewaltfreie Revolution!&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Schwarz der Negation trifft hier z.B. bei AnarchosyndikalistInnen, kommunistischen AnarchistInnen und diversen Anderen bekanntlich auf affirmatives Rot, beim Anarchafeminismus auf Lila, bei \u00d6ko-AnarchistInnen auf Gr\u00fcn, beim Queer-Anarchismus auf Pink und \u2026 beim gewaltfreien Anarchismus\/Anarchopazifismus auf Wei\u00df?! 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