{"id":14778,"date":"2015-06-01T00:00:00","date_gmt":"2015-05-31T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2015\/06\/ein-wald-vor-gericht\/"},"modified":"2016-11-18T23:28:45","modified_gmt":"2016-11-18T21:28:45","slug":"ein-wald-vor-gericht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/06\/ein-wald-vor-gericht\/","title":{"rendered":"Ein Wald vor Gericht"},"content":{"rendered":"<p>Ich fand mich zum angesetzten Prozessbeginn, um 9 Uhr fr\u00fch, beim                 Gericht ein. Etwa hundert Unterst\u00fctzerInnen waren schon dort,                 darunter viele BewohnerInnen des fraglichen Camps. Um in das Geb\u00e4ude                 zu kommen, muss man eine von zwei Metalldetektor-Schleusen passieren.                 Wie am Flughafen. Nur dass es bei Gericht zehnmal so lange dauert.                 Wegen Unverm\u00f6gen? Oder um die \u00d6ffentlichkeit der Verhandlung einzuschr\u00e4nken?                 Man wei\u00df es nicht.<\/p>\n<p>Um 10 Uhr konnte ich den Verhandlungssaal betreten, wo der Kl\u00e4ger                 gerade dabei war, den gerichtlichen Sachstandsbericht zu korrigieren.                 Nein, der \u00f6kologisch einzigartige Hambacher Forst habe vor dem                 Braunkohletagebau nicht 5500 Hektar, sondern sogar 8900 Hektar                 umfasst (ca. 1000 Hektar sind heute noch \u00fcbrig und sollen in den                 n\u00e4chsten Jahren dem Braunkohletagebau zu Opfer fallen). Nein,                 nicht &#8222;teilweise&#8220; sei der Restbestand bedroht, sondern vollst\u00e4ndig.                 Nein, die Protestbewegung sei nicht ausschlie\u00dflich durch die Bedrohung                 des Waldes motiviert, sondern auch durch die verheerenden Klimaeffekte                 der Braunkohleverstromung, durch die Art der Entscheidungsfindung                 und durch einige Dinge mehr. Er, der Kl\u00e4ger, z\u00e4hle sich ebenfalls                 zur Protestbewegung und vertrete die Maxime &#8222;Change System, Not                 Climate&#8220;. Diese Klarstellungen zogen sich bis 11:15 Uhr hin. Der                 Kl\u00e4ger betonte, das Protestcamp der Waldsch\u00fctzerInnen m\u00fcsse nach                 dem Versammlungsrecht behandelt werden, nicht nach Baurecht. <\/p>\n<p>Das ist der springende Punkt, der zu entscheiden war: Gegen ein                 versammlungsrechtlich relevantes Camp g\u00e4be es keine R\u00e4umungshandhabe.                 Vertreter der beklagten Partei &#8211; des Kreises D\u00fcren &#8211; waren wesentlich                 einsilbiger: Ihr ganzer Redebeitrag bestand in den drei Worten                 des Appells, &#8222;die Klage abzuweisen&#8220;.<\/p>\n<p>Das Gericht zog sich zu einer halbst\u00fcndigen Besprechung zur\u00fcck,                 um anschlie\u00dfend den Urteilsspruch zu verk\u00fcnden, von dem man den                 Eindruck hatte, dass er nicht erst in diesen 30 Minuten entstanden                 war: Die Klage wurde abgewiesen, alle Gerichtskosten dem Kl\u00e4ger                 auferlegt. Die Vorsitzende Richterin verk\u00fcndete noch eine Kurzfassung                 der Begr\u00fcndung: Die Behausungen des Camps bes\u00e4\u00dfen &#8222;keinerlei funktionale                 Bedeutung f\u00fcr die Ziele der Protestbewegung&#8220;. Und deswegen sei                 das Camp eben nicht versammlungsrechtlich, sondern baurechtlich                 zu beurteilen.<\/p>\n<p>Mit solchen zynischen S\u00e4tzen schafft man nat\u00fcrlich immenses Vertrauen                 in den Rechtsstaat. Ein Englisch sprechender Camp-Bewohner im                 Zuschauerraum sprang auf und rief erregt: &#8222;This is not a court                 &#8211; this is an auction! &#8211; Shame on you!&#8220;<\/p>\n<p>Frau Richterin hat selbstverst\u00e4ndlich nicht nur den aktuellen                 Fall im Auge gehabt. Gerade weil Camps zentraler Bestandteil heutiger                 Protestformen sind, ist dieser Urteilsspruch gegen den Protest                 als solchen gerichtet. Gerade im rheinischen Braunkohlerevier                 steht das Klimacamp 2015 bereits vor der T\u00fcr (7. bis 17. August).                 Dort werden Grundst\u00fccksbesitzer unter Druck gesetzt, kein Gel\u00e4nde                 f\u00fcr die Zeltlager der Protestierenden zur Verf\u00fcgung zu stellen.                 Der jetzige Urteilsspruch reiht sich in diese Angriffe auf das                 Versammlungsrecht ein.<\/p>\n<p>Mit einer baldigen R\u00e4umung des Camps am Hambacher Forst ist aber                 noch nicht zu rechnen. Das Urteil ist nicht rechtskr\u00e4ftig, weil                 eine Berufung zugelassen wurde. Und wer wei\u00df: Vielleicht gibt                 es ja in der n\u00e4chsten Instanz eine Richterin, die sich nicht so                 leicht von den Kohle-Fans eRWEichen l\u00e4sst. <\/p>\n<h3> Das erste Mal<\/h3>\n<p>Am Sonntag vor dem Gerichtstermin hatte ich den Rest des Hambacher                 Forsts zum ersten Mal besucht, im Rahmen einer Waldf\u00fchrung, die                 dort monatlich stattfindet. 120 Leute waren diesmal dabei. <\/p>\n<p>Dieser uralte, naturnahe Wald ist faszinierend. Er ist sch\u00f6n,                 vielf\u00e4ltig, er beherbergt seltene Spezies. Barrikaden aus Altholz                 \u00fcber viele der alten Waldwege lassen nur Fu\u00dfg\u00e4nger passieren.                 An einigen Stellen haben polizeiliche R\u00e4umungen und Zerst\u00f6rungen                 besetzter B\u00e4ume h\u00e4ssliche Wunden geschlagen. Aber im Ganzen ist                 er intakt. Man gewinnt fast den Eindruck, dass der Wald die \u00dcbermacht                 aus RWE und deren dienstbaren Verwaltungen und PolitikerInnen                 verspottet, wenn er, trotz massiver Grundwasserabsenkung durch                 den nahen Tagebau, sumpfige Biotope bewahrt. <\/p>\n<p>Dieses Widerst\u00e4ndige, das jeder Verwertungslogik hohnlacht, macht                 ihn seinen Besch\u00fctzerInnen, die teils im fraglichen Camp, teils                 in schwindelerregend hohen Baumh\u00e4usern leben, irgendwie \u00e4hnlich.               <\/p>\n<p>Und dagegen soll ein perfide instrumentalisiertes &#8222;Baurecht&#8220;                 obsiegen? Es lohnt sich jedenfalls, diese lebendige (einerseits                 \u00f6kologische, andererseits kulturelle) Alternative zur schlechten                 Wirklichkeit solidarisch zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich fand mich zum angesetzten Prozessbeginn, um 9 Uhr fr\u00fch, beim Gericht ein. Etwa hundert Unterst\u00fctzerInnen waren schon dort, darunter viele BewohnerInnen des fraglichen Camps. Um in das Geb\u00e4ude zu kommen, muss man eine von zwei Metalldetektor-Schleusen passieren. Wie am Flughafen. Nur dass es bei Gericht zehnmal so lange dauert. Wegen Unverm\u00f6gen? 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