{"id":14784,"date":"2015-06-01T00:00:00","date_gmt":"2015-05-31T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2015\/06\/ein-soziologe-im-minenfeld\/"},"modified":"2022-07-26T14:12:01","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:01","slug":"ein-soziologe-im-minenfeld","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/06\/ein-soziologe-im-minenfeld\/","title":{"rendered":"Ein Soziologe im Minenfeld"},"content":{"rendered":"<p>Christian war einige Tage zuvor zu Hause die Treppe heruntergefallen und lag mehrere Stunden lang auf dem Boden, bevor ihn morgens eine seiner Assistentinnen fand und ins Krankenhaus brachte. Am 25. M\u00e4rz 2015 w\u00e4re er achtzig Jahre alt geworden.<\/p>\n<p>Wir hatten nicht damit gerechnet, dass er so pl\u00f6tzlich sterben k\u00f6nnte.<\/p>\n<h3>Wer war Christian Sigrist?<\/h3>\n<p>Geboren am 25. M\u00e4rz 1935 im s\u00fcddeutschen St. Blasien, hatte Christian eine traumatische Kindheit, die ihn sein Leben lang pr\u00e4gte und auch seine bisweilen befremdlich wirkenden Marotten erkl\u00e4ren kann.<\/p>\n<p>Christians Vater war nach der Schlie\u00dfung des Internats auf Schloss Salem wegen &#8222;j\u00fcdischer Versippung&#8220; mit einem Berufsverbot belegt. 1935 wurde er am Kolleg St. Blasien als Philologe angestellt und dort &#8222;schamlos ausgenutzt&#8220;, erz\u00e4hlte Christian.<\/p>\n<h3>Sch\u00fcler in St. Blasien<\/h3>\n<p>Ab September 1946 war Christian Sch\u00fcler in diesem Eliteinternat, bis er im Dezember 1947 rausgeschmissen wurde, weil er nach Ansicht des Rektors die &#8222;Internatsdisziplin untergraben&#8220; habe. In einem Artikel in der &#8222;Neuen Rheinischen Zeitung&#8220; beschrieb Christian im April 2010 das Klima in diesem jesuitischen Internat, das von Gewalt, Antisemitismus, Unterdr\u00fcckung und Pr\u00fcderie gepr\u00e4gt war:<\/p>\n<p>&#8222;Physische und psychische Misshandlung war das Problem jener Jahre. Die sch\u00e4rfste physische Sanktion war der &#8218;Hosenspanner&#8216;, eine auf einem eigens daf\u00fcr konstruierten Pult mit dem Rohrstock vollzogene Pr\u00fcgelstrafe, ausgef\u00fchrt vom Generalpr\u00e4fekten, der anschlie\u00dfend die Tr\u00e4nen des Delinquenten mit einem speziell daf\u00fcr vorgesehenen Taschentuch auffing. Hinzu kamen spontane Misshandlungen didaktisch \u00fcberforderter Lehrer in den Klassenr\u00e4umen. Trotz dieses repressiven Klimas waren wir alle stolz darauf, Kollegsch\u00fcler zu sein, zumal selbst uns kleinen Sch\u00fclern immer wieder gesagt wurde, wir sollten die k\u00fcnftige deutsche Elite werden. \u2026 Obwohl wir damals eigentlich ganz andere Sorgen hatten, z. B. Mangelern\u00e4hrung, wurde uns 11- bis 13-J\u00e4hrigen an einem Abend ein \u2026 Vortrag \u00fcber die Gefahren der islamischen Expansion geboten. Ich war zwar verwundert, aber nicht sonderlich betroffen. Ganz anders sah es dagegen mit den unglaublichen \u00c4u\u00dferungen antij\u00fcdischer Gesinnung aus &#8211; zwei Jahre nach der Befreiung von Auschwitz. Der Mathematikunterricht wurde durch die verzweifelte Pr\u00fcgeldidaktik von Pater Kathold so chaotisiert, dass der Rektor, ein promovierter Theologe mit autorit\u00e4rer Ausstrahlung, mit seinem Brevier im Klassenraum erschien und sagte: &#8218;Wir sind hier doch nicht in einer Judenschule!&#8216; Ich traute meinen Ohren nicht. Er wusste, dass ich &#8218;Vierteljude&#8216; war. Am Ende der Quinta, im Sommer 1947, wurden in den letzten Tagen anstelle des regul\u00e4ren Unterrichts Geschichten vorgelesen und Lieder gesungen. H\u00f6hepunkt war das mehrstrophige Lied &#8218;Freut euch des Lebens, Gro\u00dfmutter wird mit der Sense rasiert!&#8216; Es wurde auch folgende Strophe gesungen: &#8218;Zwei Juden badeten in einem Fluss\/ weil jedes Schwein einmal baden muss.\/ Der eine ist ersoffen\/ vom andern wollen wir&#8217;s hoffen.&#8216; Dieses Lied wurde vom Klassenlehrer und der gesamten Klasse mitgegr\u00f6lt. Auch ich sang mit im Bewusstsein der Ungeheuerlichkeit. Aber es w\u00e4re unm\u00f6glich gewesen, da auszuscheren. Ich habe diesen Moment als schwere Dem\u00fctigung und Selbsterniedrigung bis heute im Ged\u00e4chtnis.&#8220; ((1))<\/p>\n<h3>Zwischen Akademie und Anarchie<\/h3>\n<p>Christian Sigrist war libert\u00e4r-marxistischer Regimekritiker und von 1971 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2000 Soziologieprofessor an der Westf\u00e4lischen-Wilhelms-Universit\u00e4t (WWU) M\u00fcnster. Sein Hauptwerk &#8222;Regulierte Anarchie&#8220; wurde f\u00fcnfmal neu aufgelegt und gilt als &#8222;ein Meilenstein der Rekonstruktion antistaatlicher Formen gesellschaftlichen Zusammenlebens&#8220;, wie 1997 die anarchistische Zeitschrift &#8222;Schwarzer Faden&#8220; Nr. 60 konstatierte. Christian war ein brillanter Theoretiker und auch Gegenspieler unter anderem zum etatistischen Systemtheoretiker Niklas Luhmann.<\/p>\n<p>In einem in den &#8222;Westf\u00e4lischen Nachrichten&#8220; und online ver\u00f6ffentlichten Nachruf der Uni M\u00fcnster hei\u00dft es unter anderem: &#8222;Christian Sigrist \u2026 geh\u00f6rt zu jenen kritischen Intellektuellen und Unruhegeistern im Nachkriegsdeutschland, die sich Zeit ihres Lebens der Kritik der Herrschaft von Menschen \u00fcber Menschen sowie der t\u00e4tigen Intervention im Dienste der Wahrheit auch als Wissenschaftler unbedingt verpflichtet f\u00fchlten. So stand im Zentrum seines wissenschaftlichen Werkes die Frage nach den Bedingungen und M\u00f6glichkeiten der Herrschaftslosigkeit oder Akephalie, entwickelt an den Befunden der social anthropology in segment\u00e4ren Gesellschaften Afrikas. Sein theoretisches Konzept der Regulierten Anarchie (1967) fand breite wissenschaftliche Anerkennung und erwies sich \u00fcber die Fachgrenzen hinaus als fruchtbar. Erh\u00e4rtet wurde dieses Konzept in seinen Feldforschungen zu den Stammesgesellschaften in Afghanistan und ihrem Ehr- und Rechtskodex. Auch regte es interdisziplin\u00e4re Forschungen u.a. zum Alten Testament und zur Vor- und Fr\u00fchgeschichte Israels an. Zugleich beteiligte Christian Sigrist sich an intensiven Auseinandersetzungen \u00fcber die Rolle einer Kritischen Soziologie an deutschen Universit\u00e4ten, die ihn bis zu seinem Lebensende nicht loslie\u00dfen.&#8220; ((2))<\/p>\n<p>Dezent verschwiegen wird in diesem offiziellen Nachruf der Westf\u00e4lischen-Wilhelms-Universit\u00e4t, dass sich Christian mit gro\u00dfen Teilen der WWU \u00fcberworfen hat, unter anderem weil als &#8222;linksextrem&#8220; stigmatisierte Soziologen (mich eingeschlossen) vor die T\u00fcr gesetzt wurden und sich die Unileitung bis heute starrk\u00f6pfig weigert, endlich den &#8222;Wilhelm&#8220; in ihrem Namen zu tilgen. Jahrzehntelang hatte sich Christian Sigrist daf\u00fcr engagiert, dass endlich die nach dem Kriegsverbrecher und antisemitischen Kaiser Wilhelm II. benannte Westf\u00e4lische-Wilhelms-Universit\u00e4t umbenannt wird.<\/p>\n<p>Dass das gegen den Widerstand reaktion\u00e4rer ProfessorInnen zu seinen Lebzeiten nicht durchsetzbar war, \u00e4rgerte Christian ma\u00dflos. Er konnte sehr nachtragend sein. Sein Nachlass sollte auf seinen Wunsch hin nicht an die WWU gehen und wird stattdessen in den n\u00e4chsten Monaten im Duisburger <i>Archiv f\u00fcr alternatives Schrifttum<\/i> (afas) f\u00fcr die Nachwelt zug\u00e4nglich gemacht.<\/p>\n<p>Auf der Dadaweb-Gedenkseite f\u00fcr Christian ((3)) finden sich bewegende Nachrufe, unter anderem von Wolf-Dieter Narr und den &#8222;iley&#8220;- und &#8222;Peripherie&#8220;-Redaktionen. Auch der in der &#8222;jungen Welt&#8220; am 21. M\u00e4rz 2015 ver\u00f6ffentlichte Artikel &#8222;Anarchie im gelobten Land. Christian Sigrists Beitrag zur Religionswissenschaft&#8220; von R\u00fcdiger Haude findet sich hier.<\/p>\n<p>Christians wissenschaftliche Bedeutung wird dort ausgiebig gew\u00fcrdigt. Deshalb m\u00f6chte ich mich als Erg\u00e4nzung zu den bereits ver\u00f6ffentlichen Nachrufen prim\u00e4r auf pers\u00f6nliche Erlebnisse beschr\u00e4nken, die ich mit Christian und seiner Lebensgef\u00e4hrtin Ute haben durfte.<\/p>\n<h3>Pers\u00f6nliche Erlebnisse<\/h3>\n<p>Ich habe Christian erst sp\u00e4t kennengelernt. Als Soziologiestudent besuchte ich im Wintersemester 1993 eines seiner Hauptseminare \u00fcber &#8222;Ethnizit\u00e4t&#8220;. Es fing skurril an. Christian lie\u00df in der ersten, sehr gut besuchten Sitzung den \u00fcbel gelaunten Stinkstiefel heraush\u00e4ngen, bezeichnete sich einerseits als Anarchist, legte aber zugleich die H\u00fcrden f\u00fcr seine Scheinvergabe hoch: &#8222;Wenn ich eine Hausarbeit lese und auf der ersten Seite sind schon Tippfehler, dann lese ich gar nicht erst weiter. Es sei denn derjenige ist nicht in Deutschland geboren\u2026 Ein guter Soziologe muss erst einmal durch ein Minenfeld gegangen sein, um begreifen zu k\u00f6nnen, was soziale Wirklichkeit bedeuten kann. Linke m\u00fcssen in diesem System mehr leisten, um zu bestehen.&#8220;<\/p>\n<p>Nach diesem elit\u00e4r wirkenden Hochlegen der Messlatte kamen ab der n\u00e4chsten Sitzung nur noch wenige StudentInnen ins Sigrist-Seminar. Aber die, die geblieben sind, haben es nicht bereut.<\/p>\n<p>Die Referate waren durchweg interessant und die ReferentInnen kamen zu einem gro\u00dfen Teil aus Afrika, Asien und Lateinamerika. Ich referierte \u00fcber Kurdistan und berichtete mit einem Diavortrag \u00fcber die krassen Erlebnisse, die ich im Sommer 1993 als Mitglied einer Menschenrechtsdelegation im t\u00fcrkisch-kurdischen Kriegsgebiet hatte. Einige Wochen sp\u00e4ter, nachdem Christian meine Kurdistan-Hausarbeit gelesen hatte, rief er mich an und bat um ein Gespr\u00e4ch in seinem B\u00fcro. Er war begeistert von der Arbeit und bot mir deshalb eine Direktpromotion an, zu Kurdistan. Ich lehnte aufgrund meiner nur ungen\u00fcgenden kurdischen Sprachkenntnisse ab, schlug stattdessen aber vor, zu einem Thema zu promovieren, zu dem ich als Umweltzentrum-Archivar und anarchistischer Zeitungsmacher schon seit den 1980er Jahren arbeitete: &#8222;Anarchistische Presse in Deutschland&#8220;. Christian stimmte zu und hakte nach: &#8222;Gibt es die &#8218;Befreiung&#8216; eigentlich noch?&#8220;. &#8222;Nein, die wurde unter anderem aufgrund der Repression 1978 eingestellt, nach 31 Erscheinungsjahren. Die Abodatei der &#8218;Befreiung&#8216; ging dann aber an die anarchosyndikalistische &#8218;Direkte Aktion&#8216;, die bis heute erscheint.&#8220;<\/p>\n<p>Hier hatten sich zwei &#8222;Freaks&#8220; gefunden. Ab jetzt war ich Sigrist-Doktorand und besuchte seine Doktorandenkolloquien. Christian versammelte hier spannende Pers\u00f6nlichkeiten und angehende WissenschaftlerInnen aus aller Welt. Er hatte einen internationalen Ruf und sprach etliche Sprachen flie\u00dfend.<\/p>\n<h3>Ute Sigrist<\/h3>\n<p>Die Kolloquien waren gro\u00dfartig, die Seminare spannend. Oft nahm auch seine Frau teil. Die beiden waren ein Kollektiv und lebten seit 1960 zusammen. Ute wurde am 19. M\u00e4rz 1936 in Mannheim geboren ((4)). Ich erinnere mich gerne daran, wie ich sie kennengelernt habe, im Sommersemester 1994 im Sigrist-Seminar zum Thema &#8222;Soziologie der Polizei&#8220;. Das Seminar war brisant, auch weil sich Christian durch eine entschiedene Intervention gerade wieder bei vielen Polizeibeamten unbeliebt gemacht hatte. Reaktion\u00e4re Kreise im Polizeiapparat und am Institut f\u00fcr Soziologie wollten das IfS damals mit der Polizeif\u00fchrungsakademie Hiltrup verb\u00e4ndeln. Das konnte Christian letztlich verhindern, indem er \u00f6ffentlichkeitswirksam unter anderem darauf hinwies, dass eine solche Verstrickung dazu f\u00fchren werde, dass beispielsweise soziologische Feldstudien im Drogenmilieu zuk\u00fcnftig undenkbar w\u00e4ren, weil kein Drogenabh\u00e4ngiger den SoziologInnen noch Ausk\u00fcnfte geben w\u00fcrde, wenn diese mit der Polizei unter einer Decke stecken.<\/p>\n<p>Mehrere Polizeibeamte nahmen am &#8222;Soziologie der Polizei&#8220;-Seminar teil und ein Polizeioberkommissar hielt ein unglaublich unkritisches Referat zur Geschichte des Polizeiapparates.<\/p>\n<p>Nachdem der Polizist seinen Vortrag gehalten hatte, meldete ich mich zu Wort: &#8222;Es ist interessant, dass ein Polizeibeamter in einem Uni-Seminar ein Referat h\u00e4lt. Wir haben jetzt Ihre Position zur Kenntnis nehmen k\u00f6nnen. Nun sollten Sie und Ihre Kollegen aber dieses Seminar verlassen, damit wir hier ohne Schere im Kopf und unbeobachtet von der Polizei kritische Soziologie betreiben k\u00f6nnen.&#8220;<\/p>\n<p>Der Beamte war au\u00dfer sich vor Wut und beschwerte sich anschlie\u00dfend bei Christian \u00fcber diesen &#8222;linksextremen Studenten&#8220;. Gleichzeitig kam Ute zu mir und \u00e4u\u00dferte sich begeistert: &#8222;Das war super. Genau richtig!&#8220; Dies war der Beginn unserer Freundschaft.<\/p>\n<h3>Bubaque und der Terror des Staates<\/h3>\n<p>Ute und Christian waren starke Pers\u00f6nlichkeiten. Auch die Repressionen, denen sie vor allem in der Zeit der sogenannten Terroristenhysterie ausgesetzt waren, haben sie nicht gebrochen. Nach der Ermordung von Bundesanwalt Buback durch die RAF 1977 stand die Polizei ohne Vorank\u00fcndigung fr\u00fchmorgens in ihrem Schlafzimmer und Christian pl\u00f6tzlich unter Mordverdacht. Der Hintergrund dieser Geschichte ist realsatirisch: Christian war damals in Guinea-Bissau an einem entwicklungssoziologischen Projekt beteiligt, auf der Insel Bubaque. Am Telefon hatte er deshalb oft vom &#8222;Bubaque-Projekt&#8220; geredet. Aufgrund seines politischen Engagements wurde Christians Telefon vom Verfassungsschutz abgeh\u00f6rt. Immer wenn er das Wort &#8222;Bubaque&#8220; sprach, ging also bei den Herren des Morgengrauens die rote Lampe an.<\/p>\n<p>In dieser repressiven Zeit wurden Christian und Ute als vermeintliche &#8222;RAF-Sympathisanten&#8220; massiv unter Druck gesetzt. Der Direktor des Gymnasiums in M\u00fcnster-Wolbeck, an dem Ute seit 1971 als Oberstudienr\u00e4tin arbeitete, forderte sie auf, sich von ihrem &#8222;linksextremen Ehemann&#8220; zu trennen. Vor diesem Hintergrund ist auch verst\u00e4ndlich, dass Christian das Direktorium des Wolbecker Gymnasiums zur bewegenden Trauerfeier f\u00fcr Ute ausdr\u00fccklich nicht eingeladen hat.<\/p>\n<p>Christian war seit Anfang der 1970er Jahre massiv von Berufsverbot bedroht. Aufgrund seines menschenrechtlichen Engagements in den Anti-Folter-Komitees und seiner herrschaftsfeindlichen Kritiken, drohte ihm der Entzug seiner Professur. Ermittlungs- und Disziplinarverfahren handelte er sich ein, beispielsweise weil er die Haftbedingungen der RAF-Gefangenen als &#8222;Isolationsfolter&#8220; bezeichnete.<\/p>\n<h3>Der Fall Routhier<\/h3>\n<p>Sein Engagement f\u00fcr die Aufkl\u00e4rung des &#8222;Fall Routhier&#8220; sorgte f\u00fcr jahrelange Ermittlungsverfahren und Prozesse, unter denen Christian auch gesundheitlich zu leiden hatte.<\/p>\n<p>Der Fr\u00fchrentner G\u00fcnter Routhier kam durch eine Polizeiaktion im Juni 1974 ums Leben. Mehr als tausend Menschen, die aus Emp\u00f6rung \u00fcber die Todesumst\u00e4nde die Polizei des Mordes beschuldigten, wurden strafrechtlich verfolgt.<\/p>\n<p>Die politische Abteilung der Duisburger Polizei erstattete in jedem Einzelfall Strafanzeige gegen VerbreiterInnen des Mordvorwurfs. Das prominenteste Opfer der Verfolgungsma\u00dfnahmen war Christian.<\/p>\n<p>1980 schrieb der SPIEGEL \u00fcber Routhier: &#8222;Die unaufgekl\u00e4rten Umst\u00e4nde seines Todes haben Staatsverdrossenheit hervorgebracht. Inzwischen sind im gesamten Bundesgebiet wohl mehr als tausend Strafverfahren gegen diejenigen durchgef\u00fchrt worden, die sich mit den offiziellen Erkl\u00e4rungen der Polizei zum Tod Routhiers nicht zufriedengegeben und behauptet haben, er sei einem Mord zum Opfer gefallen. Das hat auch Professor Christian Sigrist, gesch\u00e4ftsf\u00fchrender Direktor des Instituts f\u00fcr Soziologie an der Universit\u00e4t M\u00fcnster, auf einer am 5. Mai 1976 vom Goethe-Institut und der Universit\u00e4t in Stockholm durchgef\u00fchrten Podiumsdiskussion getan, die vom WDR ausgestrahlt worden ist.<\/p>\n<p>Professor Sigrist ist daf\u00fcr am 24. Oktober 1978 vom Sch\u00f6ffengericht M\u00fcnster wegen Verunglimpfung des Staates in Tateinheit mit Beleidigung zu einer Geldstrafe von 45 Tagess\u00e4tzen zu je 120 Mark verurteilt worden. Er hat Berufung gegen das Urteil eingelegt. Und nun endlich hat sich ein Gericht der M\u00fche unterzogen, in sechzehn Verhandlungstagen das aufzukl\u00e4ren, was Gegenstand der Behauptung war. Von einem vors\u00e4tzlichen, einem geplanten Mord kann keine Rede mehr sein, aber die Beweisaufnahme hat auch ergeben, da\u00df einige Polizeibeamte alles getan haben, um die Umst\u00e4nde des Todes von G\u00fcnter Routhier zu vertuschen.&#8220;<\/p>\n<p>In den b\u00fcrgerlichen Medien wurde unter Schlagzeilen wie &#8222;Professor wegen Verunglimpfung der Bundesrepubilik vor Gericht&#8220; (M\u00fcnstersche Zeitung, 13.1.1981) \u00fcber Christian berichtet. Bilduntertitel: &#8222;Stand zu dem, was er gesagt hatte: Professor Sigrist.&#8220;<\/p>\n<p>Am 31. M\u00e4rz 1982 wurde Christian im Berufungsverfahren vom Landgericht M\u00fcnster wegen &#8222;Verunglimpfung des Staates&#8220; zu einer Geldstrafe von 3.600 DM (= 30 Tagess\u00e4tze) verurteilt, dazu kamen 2\/3 der Verfahrens- und 4\/5 der Anwaltskosten. &#8222;Das alles zusammen kostet ihn ca. 60.000 DM&#8220;, so die Szenezeitung &#8222;Knipperdolling&#8220; im Mai 1982. Bundesweit solidarisierten sich viele Menschen und linke Initiativen mit Christian. Der Liedermacher Walter Mossmann widmete Christian die &#8222;Ballade vom zuf\u00e4lligen Tod in Duisburg&#8220; ((5)).<\/p>\n<p>Ein Berufsverbot konnte letztlich abgewendet werden.<\/p>\n<p>Der &#8222;Fall Routhier&#8220; hat bis Mitte der 1980er Jahre bundesweit Aufsehen erregt und das Leben der Familie Sigrist schwer belastet.<\/p>\n<h3>Der Fall Nachtwei<\/h3>\n<p>Mit Beginn des NATO-Angriffskriegs 1999 gegen Jugoslawien begann der &#8222;Fall Nachtwei&#8220;, der f\u00fcr Ute und Christian ebenfalls eine gro\u00dfe seelische Belastung war. Christian war ein Universalgelehrter, Menschenrechtsaktivist und Kriegsgegner. Nachdem ich 1998 bei ihm promoviert hatte und zum GWR-Koordinationsredakteur gew\u00e4hlt wurde, unterst\u00fctzte Christian mich beratend, durch eigene Artikel ((6)), viele Gespr\u00e4che und immer wieder auch durch gro\u00dfz\u00fcgige Spenden an den F\u00f6rderverein f\u00fcr Freiheit und Gewaltlosigkeit. Er war in gewisser Weise ein Mentor f\u00fcr mich.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich war sein Verh\u00e4ltnis \u00fcber viele Jahre zu Winfried Nachtwei, der 1975 bei Christian sein Examen gemacht hatte. Als sich Nachtwei 1998 f\u00fcr ein Bundestagsmandat bewarb und sich gegen Auslandseins\u00e4tze der Bundeswehr einsetzte, unterst\u00fctze Christian ihn durch einen Wahlaufruf. Kaum war Nachtwei Mitglied des Bundestages und die Gr\u00fcnen Teil der neuen Regierung, \u00e4nderte der Politiker schlagartig seine Position und wurde zu einem Propagandisten des NATO-Angriffskrieges gegen die damalige Bundesrepublik Jugoslawien.<\/p>\n<p>Christian war emp\u00f6rt. Nachdem er bei einer Podiumsdiskussion der M\u00fcnsteraner Bundestagsabgeordneten den Gr\u00fcnen beschimpft hatte, rief er mich an: &#8222;Noch nie habe ich einen Sch\u00fcler von mir \u00f6ffentlich so verflucht.&#8220; Christian war in Tr\u00e4nen aufgel\u00f6st. In dem Interview, das ich am n\u00e4chsten Tag mit ihm f\u00fcr die Graswurzelrevolution gef\u00fchrt habe, ging es auch um Nachtwei und dessen Wandel vom Mitglied der Friedensbewegung zum Propagandisten des NATO-Angriffskrieges gegen Jugoslawien.<\/p>\n<p>Christian erkl\u00e4rte: &#8222;Nachtwei hat bei mir ein sehr gutes Examen gemacht, aber mir fiel auf, da\u00df er taktiert hat. Wer in die Politik will, mu\u00df taktieren. Nachtwei hat in M\u00fcnster jahrelang die Friedens AG der Gr\u00fcnen Alternativen Liste geleitet, und dann sagt so jemand &#8218;Keine Alternative&#8216;. Das ist Unsinn, Alternativen gibt es, es gibt gute, schlechte, &#8230; aber einfach dieses alternativlose Denken von Anfang an, man kann das nicht anders interpretieren als mit &#8218;Regierungsf\u00e4higkeit&#8216;. Die Gefahr des Zerbrechens der rot-gr\u00fcnen Koalition, raus aus dem Regierungsgesch\u00e4ft, eventuell Neuwahlen und dann das Mandat weg. Es ist das Kleben an der Macht. MMB &#8211; Macht macht bl\u00f6d. Auf der unteren Stufe hei\u00dft es Mandat macht bl\u00f6d, selbst kluge Leute. So kann man das erkl\u00e4ren. Bei Nachtwei ist es der Wandel vom Taktierer zum Opportunisten. Er versucht auch heute noch einerseits dazuzugeh\u00f6ren, seine Position im Verteidigungsausschu\u00df, und gleichzeitig will er sich den R\u00fcckhalt in der Basis erhalten. Das ist ein &#8218;Rumeiern. Da kommen die absurdesten Argumente, die unter seinem intellektuellen Niveau sind. Ich halte den Mann nicht r\u00fcckwirkend f\u00fcr dumm, aber dieses Kleben an der Macht. Au\u00dferdem: Das Leben im Bundestag, das ist eine Art Raumschiff, das ist ein Realit\u00e4tsverlust.&#8220; ((7))<\/p>\n<p>Das Interview erschien im Juni 1999 auf der Titelseite der GWR Nr. 240. Ein Nachdruck wurde Ende M\u00e4rz 2000 in dem im LIT-Verlag von Christine Idems und Matthias Schoormann herausgegebenen Buch &#8222;Soziologie im Minenfeld. Zum 65. Geburtstag von Christian Sigrist&#8220; abgedruckt.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Nachtwei auf das Sigrist-Interview in der GWR noch mit einem (in der GWR 241 ver\u00f6ffentlichten) Leserbrief reagiert hat, zog der Verteidigungspolitische Sprecher der gr\u00fcnen Bundestagsfraktion nun alle Register, um diese Festschrift zu Sigrists Emeritierung aus dem Verkehr zu ziehen.<\/p>\n<p>Nachtwei forderte \u00fcber seinen Anwalt den LIT-Verlag auf, das Buch aus dem Handel zu nehmen. Der Verlag solle dazu eine Verpflichtungserkl\u00e4rung abgeben, bei Zuwiderhandlung ausgestattet mit einem Betrag von 10.000 DM. Sein ehemaliger Hochschullehrer Sigrist habe ihn in dem Interview diffamiert, behauptete Nachtwei. Als Hebel gegen die weitere Verbreitung des Buches diente Nachtwei folgende Passage aus dem Sigrist-Interview: &#8222;Ich hab mich gewundert, dass er (Nachtwei) auf dem M\u00fcnsteraner Luftwaffenball war. Der Luftwaffenball als solcher ist obsz\u00f6n.&#8220;<\/p>\n<p>Nachtwei beteuerte nun, er sei nicht auf dem Luftwaffenball gewesen und deshalb d\u00fcrfe das Buch so nicht verbreitet werden. Tats\u00e4chlich d\u00fcrfte Nachtwei wohl eher die treffende Analyse seines Ex-Lehrers gest\u00f6rt haben, als die m\u00f6glicherweise nicht richtige Aussage zu seiner Teilnahme am Luftwaffenball.<\/p>\n<p>Der LIT-Verlag knickte ein und nahm das Buch aus dem Handel.<\/p>\n<p>Daraufhin bat mich der damalige M\u00fcnster-taz-Chefredakteur um einen Gastkommentar. Die M\u00fcnster-taz erschien zu dieser Zeit w\u00f6chentlich, als Extrablatt der tageszeitung. Sie wurde \u00fcberall in M\u00fcnster ausgelegt. Am 28. September 2000 brachte sie das Thema Nachtwei als Aufmacher. Dort hatte ich unter anderem geschrieben, dass es Nachtwei meines Erachtens nicht um den Luftwaffenball an sich ging, weil er als Verteidigungspolitischer Sprecher st\u00e4ndig bei solchen und \u00e4hnlichen Veranstaltungen dabei war, &#8222;seien es die Soldatenspazierg\u00e4nge in M\u00fcnster, sei es der Gro\u00dfe Zapfenstreich auf dem Hindenburgplatz am 20. M\u00e4rz 2000, wo fr\u00fcher die Wehrmacht ihre Zapfenstreiche abgehalten hat&#8220;.<\/p>\n<p>Nachtwei hat daraufhin behauptet, ich h\u00e4tte ihn verleumdet. Er w\u00e4re nicht beim Gro\u00dfen Zapfenstreich gewesen. Und \u00fcberhaupt, dieser, so Nachtwei, &#8222;Pauschalantimilitarismus der Graswurzler&#8220;! Daraufhin brachte die n\u00e4chste M\u00fcnster-taz eine ganze Seite mit Leserbriefen, mit \u00dcberschriften wie &#8222;Echt widerlich, Herr Dr. Dr\u00fccke&#8220;, &#8222;Ein Armutszeugnis f\u00fcr die Soziologie&#8220;. In den Briefen stellten die gr\u00fcnen SchreiberInnen den Sigrist-Sch\u00fcler Dr\u00fccke als Verleumder an den Pranger.<\/p>\n<p>Uta Klein, die auch bei Christian studiert hatte, warf mir in ihrem Leserbrief vor, ich w\u00fcrde &#8222;wissenschaftliche und politische Arbeit nicht trennen&#8220;. Sie war damals Professorin am IfS, stand in der Uni-Hierarchie also h\u00f6her als ein Lehrbeauftragter wie ich.<\/p>\n<p>Mir wurde vorgeworfen, ich h\u00e4tte, &#8222;wie zuvor schon Sigrist&#8220;, Nachtwei verleumdet, denn der w\u00e4re gar nicht beim Gro\u00dfen Zapfenstreich gewesen. Der Clou war aber, dass wir gegen das Milit\u00e4rspektakel &#8222;Gro\u00dfer Zapfenstreich&#8220; demonstriert und viele Nachtwei auf der Trib\u00fcne gesehen hatten.<\/p>\n<p>Danach rief ich beim Gr\u00fcnen-Politiker Stefan Riese an: &#8222;Wie k\u00f6nnt ihr das behaupten?! Ich habe Nachtwei da gesehen.&#8220; Darauf Riese sinngem\u00e4\u00df: Ja, ein Bekannter habe ihn auch schon angerufen und Nachtwei ebenfalls beim Zapfenstreich gesehen. Riese rief nun in Nachtweis Bundestagsb\u00fcro an und sprach mit B\u00fcroleiter Michael Schlickwei, dem Lebensgef\u00e4hrten von Uta Klein. Schlickwei teilte Nachtwei mit, dass der Politiker von mehreren Menschen gesehen worden und der Zapfenstreich in seinem Terminkalender vermerkt sei. Nachtwei musste nun einr\u00e4umen, dass er doch da gewesen ist.<\/p>\n<p>Daraufhin habe ich ein Fax an Nachtweis B\u00fcro geschickt und gefordert, dass die gegen mich gerichtete Verleumdung richtiggestellt werden m\u00fcsse, ansonsten w\u00fcrde ich rechtliche Schritte erw\u00e4gen. Ich stand am Pranger, eine Woche lang ging ich als vermeintlicher &#8222;Verleumder&#8220; in &#8222;mein&#8220; Institut. Andere DozentInnen schnitten mich als &#8222;Nestbeschmutzer&#8220;.<\/p>\n<p>Gut getan hat mir die Solidarit\u00e4t von Christian, Ute und anderen Freundinnen und Freunden. Viele, die Nachtwei auf dem damaligen Hindenburgplatz gesehen haben, schrieben Leserbriefe, die in der M\u00fcnster-taz klein oder gar nicht abgedruckt wurden. Nachtweis Richtigstellung erschien in der nrw taz Nr. 24. Seine Versuche, Christian und mich zu diskreditieren, waren gescheitert. Christian hat danach nie wieder ein Wort mit Nachtwei gesprochen.<\/p>\n<p>Ich bin froh, dass Christian mir nie die Freundschaft aufgek\u00fcndigt hat. Auch dann nicht, als er mit einer Entscheidung des GWR-HerausgeberInnenkreises nicht einverstanden war.<\/p>\n<p>Christian und Ute habe ich unglaublich viel zu verdanken. Die Beiden haben durch ihre Unterst\u00fctzung auch dazu beigetragen, dass unser Freundeskreis Paul Wulf 2010 die Wiederaufstellung der Paul-Wulf-Skulptur und 2012 die Umbenennung des nach einem Naziarzt benannten J\u00f6tten-Wegs in Paul-Wulf-Weg durchsetzen konnten. ((8))<\/p>\n<h3>&#8222;Klasse Lehrerin&#8220; (Inschrift auf Utes Grab)<\/h3>\n<p>Als ich am 17. Februar 2014 mit Edo Schmidt ins Hospiz ging, um Ute dort zu besuchen, kamen wir erstmals zu sp\u00e4t. Sie war gerade f\u00fcr immer friedlich eingeschlafen. Am Totenbett sa\u00df Uli, der Sohn von Ute und Christian.<\/p>\n<p>Als Christian eintraf, brach er zusammen und weinte bitterlich. Seine gro\u00dfe Liebe war gestorben. Ein Jahr sp\u00e4ter folgte er ihr.<\/p>\n<h3>&#8222;Kluger Querkopf&#8220; (Inschrift auf Christians Grab)<\/h3>\n<p>Christians Beerdigung auf dem Bergfriedhof Heidelberg fand am 16. April 2015 auf Ulis Wunsch hin im engsten Freundes- und Familienkreis statt.<\/p>\n<h3>Webers Nachbar<\/h3>\n<p>Bei Utes Beerdigung hatte Christian erw\u00e4hnt, dass auch Max Weber hier liege. Damals war mir das Weber-Grab nicht aufgefallen. Als wir mit zwanzig Menschen nun am gemeinsamen Grab von Ute und Christian standen, entdeckten wir das Grab von Max Weber. Es liegt direkt nebenan.<\/p>\n<p>Christian hatte Sinn f\u00fcr schwarz-roten Humor. Er war weder uneitel noch ein Anh\u00e4nger \u00fcbertriebener Bescheidenheit. Dass er nun direkt neben dem &#8222;gro\u00dfen Soziologen Weber&#8220; liegt, weckt die Assoziation, dass er posthum mit Weber \u00fcber die &#8222;Regulierte Anarchie&#8220; streiten will.<\/p>\n<p>Ich habe Christian und Ute geliebt und werde sie nicht vergessen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christian war einige Tage zuvor zu Hause die Treppe heruntergefallen und lag mehrere Stunden lang auf dem Boden, bevor ihn morgens eine seiner Assistentinnen fand und ins Krankenhaus brachte. Am 25. M\u00e4rz 2015 w\u00e4re er achtzig Jahre alt geworden. Wir hatten nicht damit gerechnet, dass er so pl\u00f6tzlich sterben k\u00f6nnte. Wer war Christian Sigrist? 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