{"id":14867,"date":"2015-09-01T00:00:00","date_gmt":"2015-08-31T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2015\/09\/die-welt-war-nie-friedlicher\/"},"modified":"2022-07-26T14:12:01","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:01","slug":"die-welt-war-nie-friedlicher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/09\/die-welt-war-nie-friedlicher\/","title":{"rendered":"Die Welt war nie friedlicher?"},"content":{"rendered":"<h3>Kommentar<\/h3>\n<p>Seit 1972 schreibt die &#8222;Graswurzelrevolution&#8220; als Monatszeitung                 f\u00fcr eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft auch gegen                 die Diffamierung des Anarchiebegriffs in den Massenmedien an.                 In den ersten Erscheinungsjahren der GWR machten der bundesrepublikanische                 Staat und seine Medien Jagd auf die Rote Armee Fraktion. Auf Fahndungsplakaten                 prangte \u00fcber den Fotos von Mitgliedern der marxistisch-leninistischen                 RAF-Guerillagruppe der Schreckensname &#8222;Anarchisten&#8220;. <\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich hat sich die Angst vor der Anarchie, wie sie in den                 1970er Jahren, in der Zeit der &#8222;Terroristenhysterie&#8220;, noch allgegenw\u00e4rtig                 gesch\u00fcrt wurde, heute bei vielen gelegt.<\/p>\n<p>Heute kommen gelegentlich auch US-amerikanische Anarchisten wie                 Noam Chomsky und der Bestsellerautor David Graeber in den Elitemedien                 (und Talkshows) zu Wort. Das hat dazu beigetragen, dass das Zerrbild                 &#8222;Anarchie = Chaos &#038; Terror&#8220;, wie es seit Ewigkeiten von den Herrschenden                 propagiert wird, bei vielen Menschen revidiert werden konnte.                 Die ehemals staatssozialistische Tageszeitung &#8222;Neues Deutschland&#8220;                 berichtet seit Jahren meist wohlwollend \u00fcber anarchistische B\u00fccher                 und Aktivit\u00e4ten. Die marxistische Tageszeitung &#8222;junge Welt&#8220; hat                 im August 2015 dem Anarchismus sogar erstmals eine Beilage gewidmet.                 Selbst im Feuilleton der konservativen FAZ gibt es offensichtlich                 AutorInnen, f\u00fcr die die Besch\u00e4ftigung mit einer herrschaftsfreien                 Gesellschaft nichts Anr\u00fcchiges mehr ist. Trotzdem sind sich die                 meisten Medien nach wie vor nicht zu bl\u00f6d, immer wieder &#8222;die Anarchie&#8220;                 als Schreckensbild zu verwenden. So auch die gr\u00fcn-nahe &#8222;tageszeitung&#8220;,                 wenn sie \u00fcber vermeintliche &#8222;Anarchie in Libyen&#8220; (taz, 30.1.2015)                 schreibt oder behauptet: &#8222;In Burundi gab es noch nie einen wirklich                 funktionierenden Rechtsstaat. Doch seitdem Pr\u00e4sident Nkurunziza                 durch sein Bestreben nach einer illegalen dritten Amtszeit die                 Verfassung aus den Angeln gehoben hat, rutscht das Land in die                 Anarchie ab.&#8220; (taz, 30.7.2015)<\/p>\n<p>Die Monatszeitschrift GEO erscheint mit dem Untertitel &#8222;Die Welt                 mit anderen Augen sehen&#8220;. Aber auch GEO sieht die Welt offenbar                 mit den Augen der Staatsfetischisten und Herrschaftsanbeter. In                 der GEO Nr. 7 vom Juli 2015 findet sich unter dem geschichtsblinden                 Titel &#8222;Die Welt war nie friedlicher!&#8220; ein haarstr\u00e4ubendes Gespr\u00e4ch                 mit dem Psychologen Steven Pinker, der laut GEO &#8222;zu den wichtigen                 \u00f6ffentlichen Intellektuellen der USA&#8220; z\u00e4hlt. Angesichts der unter                 anderem mit deutschen Waffen gef\u00fchrten Kriege in Syrien, Irak,                 Libyen, Jemen, Afghanistan, Mali, der Ukraine und anderswo sind                 heute laut UNO fast 60 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht.                 So viele Fl\u00fcchtlinge gab es seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr.                 Das h\u00e4lt den im Elfenbeinturm in Harvard lehrenden Professor Pinker                 nicht davon ab, zu behaupten, dass die Welt immer friedlicher                 werde. Pinker: &#8222;Die Zahlen sind eindeutig. Es gibt immer weniger                 Kriege mit immer weniger Toten. Im Irak und in Afghanistan lagen                 die Verluste unter den Kriegsparteien bei etwa zehn Prozent der                 Verluste des Vietnamkriegs. \u2026 In Wahrheit war das Leben im Mittelalter                 f\u00fcr die meisten Menschen miserabel. Man konnte jederzeit im Streit                 erschlagen werden. Heute besch\u00fctzt uns davor auch ein m\u00e4chtiger                 Staat, mit funktionierender Polizei.&#8220; (GEO 7\/2015, S. 111)<\/p>\n<p>Funktionierende Polizei? Meint Pinker damit allen Ernstes sein                 Heimatland USA? Ein Land, in dem viele schwarze Eltern berechtigte                 Angst davor haben, dass ihre Kinder Opfer von rassistischen Polizisten                 werden. Viele Afroamerikaner wurden von der Polizei aus nichtigen                 Anl\u00e4ssen erschossen. Wer da von einer &#8222;funktionierenden Polizei&#8220;                 spricht, verschlie\u00dft die Augen vor der Realit\u00e4t, ist zynisch oder                 Rassist.<\/p>\n<p>An dieser Stelle des Interviews regt sich bei den GEO-Interviewern                 Michael Saur und J\u00fcrgen Schaefer leichter Protest: &#8222;Ein starker                 Staat kann daf\u00fcr sorgen, dass sich die Menschen nicht gegenseitig                 umbringen. Aber er birgt auch eine Gefahr: n\u00e4mlich die, dass eine                 entfesselte Staatsgewalt sich gegen den Menschen richtet.&#8220;<\/p>\n<p>Pinker: &#8222;Richtig. Ich sehe die Menschheit daher in einem st\u00e4ndigen                 Balanceakt zwischen Anarchie und Tyrannei.&#8220;<\/p>\n<p>GEO: &#8222;Was ist das kleinere \u00dcbel?&#8220;<\/p>\n<p>Pinker: &#8222;Die Tyrannei vermutlich. Deswegen w\u00e4hlen die Menschen                 oft Plutokraten wie Putin, die das Chaos bek\u00e4mpfen. Im Irak haben                 die Amerikaner einen Tyrannen abgesetzt, aber sie waren auf die                 folgende Anarchie nicht vorbereitet. Zivilisation braucht eine                 ordnende Hand, einen allm\u00e4chtigen \u201aLeviathan&#8216;, der in der Lage                 ist, die Ordnung aufrechtzuerhalten.&#8220; (GEO 7\/2015, S. 114.)<\/p>\n<p>Pinker betreibt autorit\u00e4r-etatistische Geschichtsklitterung.                 Im Irak wurde von der Bush-Regierung ein neoimperialistischer                 Angriffskrieg mit Hunderttausenden Toten gef\u00fchrt. Laut ORB (Opinion                 Research Business) wurden von M\u00e4rz 2003 bis August 2007 zwischen                 946.000 und 1.120.000 Iraker get\u00f6tet (Stand Januar 2008). Als                 Vorwand f\u00fcr diesen Massenmord dienten dem US-Regime gef\u00e4lschte                 Unterlagen, mit denen &#8222;bewiesen&#8220; wurde, dass der irakische Diktator                 Massenvernichtungswaffen hergestellt habe, die tats\u00e4chlich nicht                 existierten. Ohne die gegen die Menschen in Afghanistan, Irak                 und Libyen gef\u00fchrten Kriege, ist die Entstehung des terroristischen                 Islamischen Staates kaum zu erkl\u00e4ren. Und die IS-Terroristen w\u00fcnschen                 sich &#8211; \u00e4hnlich wie Pinker &#8211; eine &#8222;ordnende Hand, einen allm\u00e4chtigen                 \u201aLeviathan'&#8220;. <\/p>\n<p>Pinker verherrlicht Herrschaft. Dass f\u00fcr den Harvard-Professor                 die Tyrannei das kleinere \u00dcbel zur Anarchie darstellt, ist da                 nur folgerichtig. <\/p>\n<p>F\u00fcr mich ist Anarchie immer noch eine egalit\u00e4re, solidarische                 Gesellschaft ohne Herrschaft und Gewalt. Und die ist, anders als                 die von Pinker sch\u00f6n geredete Tyrannei des Staates, etwas, das                 dazu beitragen kann, dass die Menschheit die Folgen von Staatlichkeit                 und Kapitalismus \u00fcberleben kann. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kommentar Seit 1972 schreibt die &#8222;Graswurzelrevolution&#8220; als Monatszeitung f\u00fcr eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft auch gegen die Diffamierung des Anarchiebegriffs in den Massenmedien an. In den ersten Erscheinungsjahren der GWR machten der bundesrepublikanische Staat und seine Medien Jagd auf die Rote Armee Fraktion. 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