{"id":14877,"date":"2015-09-01T00:00:00","date_gmt":"2015-08-31T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2015\/09\/der-lebensvogel-singt-nicht-mehr\/"},"modified":"2022-07-26T13:11:34","modified_gmt":"2022-07-26T11:11:34","slug":"der-lebensvogel-singt-nicht-mehr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/09\/der-lebensvogel-singt-nicht-mehr\/","title":{"rendered":"Der Lebensvogel singt nicht mehr"},"content":{"rendered":"<p>Es war jene Zeit, in der die sozialen Medien tats\u00e4chlich noch sozial und die Menschen noch keine KlicksklavInnen waren. Sie redeten daf\u00fcr eifrig von Angesicht zu Angesicht in Wohngemeinschaften, Wirtsh\u00e4usern, auf Stra\u00dfen oder gar besetzten Baupl\u00e4tzen miteinander. Als Kommunikationsmedien dienten notfalls auch l\u00e4utende Kirchenglocken und Feuersirenen, sowie alternative Piratensender, selbstproduzierte Musikcassetten, Schallplatten, Flugbl\u00e4tter, Brosch\u00fcren, B\u00fccher. Und es wurden zu den bewegenden Themen selbstkomponierte Lieder gesungen oder alte Gassenhauer mit aktuellen politischen Texten versehen.<\/p>\n<p>Diese Entwicklung hatte eine Vorgeschichte, die mehr Beachtung verdient. Anfang der 60er Jahre spielte der herumreisende junge Walter Mossmann auf seiner Gitarre vorwiegend franz\u00f6sische Chansons von Georges Brassens und Boris Vian.<\/p>\n<h3>Burg Waldeck<\/h3>\n<p>Ab Pfingsten 1964 fand auf der Burg Waldeck, tief im Hunsr\u00fcck gelegen, das erste deutsche Open-Air-Festival statt. Es trug den Namen &#8222;Chanson Folklore International&#8220;. Bereits in den zwanziger Jahren gab es Bestrebungen der b\u00fcndischen Jugend und der Wandervogelbewegung, die Burgruine zu einem Treffpunkt und Sammelplatz auszubauen. Allerdings beendete der Faschismus diese zaghaften Ans\u00e4tze. Nach dem Zweiten Weltkrieg beteiligte sich ein Teil der \u00e4lteren Wanderv\u00f6gel an der &#8222;Ohne mich&#8220;-Bewegung gegen die westdeutsche Wiederbewaffnung und wollte mit einem Liedertreffen an die weltweit erwachte kritische Jugendbewegung ankn\u00fcpfen.<\/p>\n<p>Walter war in Freiburg Mitglied in einer b\u00fcndischen Gruppe ((1)), von denen es linke und rechte gab &#8211; da sollte differenziert werden. Arno Kl\u00f6nne, ein paar Tage nach Mossmann verstorben, verortete sich nach 1945 zun\u00e4chst ebenfalls in der b\u00fcndischen Jugend und gr\u00fcndete sp\u00e4ter den bekannten Pl\u00e4ne Verlag.<\/p>\n<p>Die sechs Waldeckfestivals von 1964 bis 1969 wurden zum Sprungbrett f\u00fcr die Karrieren von so unterschiedlichen K\u00fcnstlern wie Franz Josef Degenhardt, der Brechtinterpretin und sp\u00e4teren Schlagers\u00e4ngerin Katja Epstein (&#8222;Wunder gibt es immer wieder&#8220;), Hannes Wader, Dieter S\u00fcverkr\u00fcp und Reinhard Mey. Mossmann kam als 24j\u00e4hriger im Jahr 1965 hinzu. Er z\u00e4hlte zu den Neuentdeckungen und sang \u00fcber die jugendlichen AussteigerInnen (&#8222;Gammler&#8220;), die den Volkszorn auf sich zogen, den Vietnamkrieg, das faschistische Spanien und Garcia Lorca. Seine von Heinrich Heine und den franz\u00f6sischen Chansons inspirierten Lieder richteten sich zu dieser Zeit zwar schon gegen die Spie\u00dferInnen im Wirtschaftswunderland, doch sie erz\u00e4hlten auch poetische Geschichten in stimmungsvollen Bildern, die angenehm charmant-verspielt, manchmal s\u00fcffisant dargeboten wurden.<\/p>\n<p>Waldeck wurde in vielen Darstellungen sicherlich \u00fcberh\u00f6ht und sogar mit der Literatur-&#8222;Gruppe 47&#8220; verglichen. F\u00fcr Mossmann war es eine &#8222;Bemusterungsveranstaltung&#8220; ganz im Sinne des Festival-Er\u00f6ffnungsspruchs von Diethard Kerbs &#8222;Nun \u00fcberrascht uns mal!&#8220; ((2)). Dem schon damals diskussionsfreudigen Mossmann gefiel die Atmosph\u00e4re, bei denen sich die BesucherInnen durch Rundg\u00e4nge von H\u00fctte zu H\u00fctte ihr Programm selber machten und diese Orte &#8222;als Salon f\u00fcr ambitionierte Streitgespr\u00e4che, Gesang und Verk\u00fcndigung letzter Wahrheiten&#8220; ((3)) kreativ nutzten.<\/p>\n<h3>Erste Medienkritik<\/h3>\n<p>Inzwischen bekannter geworden, hatte Mossmann beim SFB 1965 seinen ersten Fernsehauftritt. Da er bei der Pr\u00e4sentation seiner Lieder den direkten Dialog mit dem Publikum brauchte, sah er solche Veranstaltungen kritisch: &#8222;Das Medium verhindert in Wirklichkeit Wahrnehmung, Konzentration, Kommunikation. Es richtet sich an Passanten. Es liefert sein Programm ab als Hintergrundger\u00e4usch und Hintergrundflimmern f\u00fcr fast jeden beliebigen Alltag&#8220; ((4)). Nur vier Jahre sp\u00e4ter wurde er deutlicher. &#8222;Im Fernsehstudio, im Verlag, im Bordell wird nur verkauft, was auch verk\u00e4uflich ist, und beim Verkaufen \u00e4ndert sich ein Lied so schnell, als wie man&#8217;s aus dem Maule fahren l\u00e4sst&#8220; ((5)).<\/p>\n<p>Auf Waldeck, dem &#8222;Lauscheloch zur Welt&#8220; in einer internetlosen Zeit, machte Mossmann auch Bekanntschaft mit den Liedern von Bob Dylan (nachgesungen von Charlie MacLean) und von dem Protests\u00e4nger Phil Ochs, der ihn am meisten beeindruckt hatte. Seine Idee von dem Folksinger als &#8222;Journalisten mit Gitarre&#8220; kam seinen sich radikalisierenden Ansichten ziemlich nahe.<\/p>\n<p>Bei seinem Besuch des zweiten Folkfestivals in Turin lernte er das professionell arbeitende Ensemble des &#8222;Nuovo Canzoniere Italiano&#8220; kennen, das aus S\u00e4ngerInnen und LiederforscherInnen bestand und mit Dario Fo zusammenarbeitete. Hier erfuhr er, wie linksradikale MusikethnologInnen und LiedermacherInnen es geschafft haben, &#8222;enteignete Volksmusik den v\u00f6lkischen Romantikern wieder wegzunehmen&#8220; ((6)) &#8211; ein Thema, das ihn die n\u00e4chsten zwei Jahrzehnte begleiten sollte.<\/p>\n<h3>Internationalismus und exotische Kl\u00e4nge<\/h3>\n<p>Die politischen Ereignisse in Persien (incl. Schah-Besuch in Berlin), Portugal, Spanien und Griechenland animierten ihn zu verschiedenen Protestsongs. Der Milit\u00e4rputsch in Chile im Jahr 1973 brachte Mossmann im Jahr 1973 ziemlich aus dem Gleichgewicht. Diese Betroffenheit hielt ihn aber nicht davon ab, das mit banaler Marschmusik unterlegte, von umherreisenden chilenischen M\u00e4nnergesangvereinen gesungene &#8222;Pueblo Unido&#8220; mit seinen auch von den Rechten ausnutzbaren Texten zu kritisieren. Insbesondere die FreundInnen autorit\u00e4rer sozialistischer Parteidiktaturen hatten damals an diesen verkl\u00e4renden Soli-Veranstaltungen ihre wahre Freude. Mossmann jedoch differenzierte genau zwischen dem chilenischen Parteien- und Regierungsb\u00fcndnis &#8222;Unidad Popular&#8220; und der &#8222;Poder Popular&#8220;, der sich in unabh\u00e4ngingen R\u00e4ten manifestierenden Volksmacht, die ohne Parteien auskam.<\/p>\n<p>In der Zeitung des Trikont-Schallplattenverlages &#8222;Unsere Stimme&#8220; kritisierte er 1976 die bei den Linken auftretende Begeisterung f\u00fcr exotische Kl\u00e4nge beim H\u00f6ren oder Mitsingen lateinamerikanischer Musik. Nicht nur, dass alles Besondere und Eigenartige eines Liedes &#8222;begeistert-besoffen totgeklatscht&#8220; wurde, sondern auch die zweifelhaften Liedinhalte wie &#8222;Sieg, Heldentum, Gemeinschaft&#8220; lehnte er ab. Deswegen stellte er ganz andere Anforderungen an die Bearbeitung des popul\u00e4ren Liedes: &#8222;Das mu\u00df anti-pathetisch sein, auf keinen Fall triumphalistisch. (&#8230;) Aber auch Hoffnung hat nichts mit Kraftprotzerei zu tun&#8220; ((7)).<\/p>\n<p>Mossmann sang nicht nur auf Solidarit\u00e4tskonzerten f\u00fcr die von Repression betroffenen westdeutschen Linken, sondern unterst\u00fctzte auch DDR-Dissidenten wie Rudolph Bahro oder den &#8222;fr\u00fchen&#8220; Wolf Biermann. Ein gro\u00dfer Teil seiner ehemaligen Waldeck-KollegInnen machte hierbei allerdings nicht mit und pr\u00e4sentierte sich lieber auf den damals von Hunderttausenden besuchten autorit\u00e4r-staatssozialistisch gepr\u00e4gten UZ-Pressefesten und SDAJ-Festivals, auf denen die Vorz\u00fcge von DDR-Atomkraftwerken gepriesen, \u00fcber die Unterdr\u00fcckung im Ostblock komplett geschwiegen und sogar dissidente FlugblattverteilerInnen vor den Festivaleing\u00e4ngen von Ordnern verpr\u00fcgelt wurden ((8)). In der DDR konnte Mossmann nicht auftreten.<\/p>\n<h3>Wyhl<\/h3>\n<p>Aus aktuellem Anlass befasste sich Mossmann in den 70er Jahren mit den alemannischen Dialekten, insbesondere mit den Kaiserst\u00fchler, Els\u00e4sser und Badener Versionen, sowie mit dem Schwiizerd\u00fctsch. Am 9. und 10. Juli 1973 fand in Wyhl der Er\u00f6rterungstermin f\u00fcr die Errichtung von vier 1300 MW Atomkraftwerken statt. Das 3000-Einwohnerdorf liegt etwas n\u00f6rdlich vom Kaiserstuhl, galt als &#8222;strukturschwach&#8220; und hatte mit der Arbeitslosigkeit zu k\u00e4mpfen. Die konservativen Weinbaud\u00f6rfer in der Umgebung bef\u00fcrchteten in erster Linie eine negative Beeinflussung des Klimas in ihren Weinbergen durch die K\u00fchlt\u00fcrme und damit eine Bedrohung ihrer wirtschaftlichen Existenzgrundlage. Sp\u00e4ter kam die Kritik an den Auswirkungen der Radioaktivit\u00e4t hinzu.<\/p>\n<p>Im August 1973 fand eine gr\u00f6\u00dfere Demonstration statt, an der auch einhundert Els\u00e4sserInnen teilnahmen, denn auf der anderen Seite des Rheins sollte in Frankreich ein Bleichemiewerk in Marckolsheim gebaut werden. Von nun an k\u00e4mpften die Menschen in der gesamten Region gemeinsam gegen diese Gro\u00dfprojekte, denn Radioaktivit\u00e4t und Blei machen nicht vor Grenzen halt. Ab jetzt ging alles sehr schnell. Es wurden B\u00fcrgerinititiativen gegr\u00fcndet, die bis dahin in der politischen Landschaft der BRD in dieser Form v\u00f6llig neu waren.<\/p>\n<p>Da in den D\u00f6rfern die Wege kurz und \u00fcberschaubar waren und die Kommunikation unmittelbar untereinander stattfand, konnten die Menschen sich hier schnell zu Veranstaltungen und Aktionen verabreden. Aus der benachbarten Universit\u00e4tsstadt Freiburg kamen StudentInnen und Intelektuelle hinzu. Es wurde viel diskutiert, der regierenden CDU geh\u00f6rig Druck gemacht. Die regionale Zusammenarbeit \u00fcber die L\u00e4ndergrenzen hinweg wurde ausgebaut und im August 1974 bekam Walter Mossmann den Auftrag, den Entwurf f\u00fcr eine Deklaration zu schreiben, die letztendlich in ihren Auswirkungen die Geschichte der BRD radikal ver\u00e4ndern sollte: Die &#8222;Erkl\u00e4rung der 21 B\u00fcrgerinitiativen an die badisch-els\u00e4ssische Bev\u00f6lkerung&#8220;.<\/p>\n<p>Urspr\u00fcnglich wollte er in Brechtscher Manier mit dem erhobenen Zeigefinger &#8222;In Erw\u00e4gung, dass ihr &#8230;&#8220; abheben, besann sich gl\u00fccklicherweise dann doch auf das nachvollziehbarere &#8222;weil wir wissen, weil wir sehen, weil wir gelernt haben&#8220; mit dem nachfolgenden Aufruf zur gewaltlosen Platzbesetzung im Fall des Baubeginns. Als es kurz darauf tats\u00e4chlich zur Besetzung in Wyhl kam, sang Mossmann sein wohl bekanntestes Lied &#8222;Die Wacht am Rhein&#8220;, was in unz\u00e4hligen Versionen und nachgedichteten Strophen zum festen Bestandteil des deutschsprachigen &#8222;Liedgutes&#8220; wurde. Auch hier wurde die urspr\u00fcngliche nationalistische Parole vom &#8222;Erzfeind Frankreich&#8220; aufgegriffen und umgedreht:<\/p>\n<p>Im Elsa\u00df und in Baden<br \/> war lange gro\u00dfe Not<br \/> da schossen wir f\u00fcr unsre Herrn<br \/> im Krieg einander tot.<\/p>\n<p>Jetzt k\u00e4mpfen wir f\u00fcr uns selber<br \/> in Wyhl und Marckolsheim<br \/> wir halten hier gemeinsam<br \/> eine andere Wacht am Rhein.<\/p>\n<p>Auf welcher Seite stehst du?<br \/> He! Hier wird ein Platz besetzt.<br \/> Hier sch\u00fctzen wir uns vor dem Dreck<br \/> nicht morgen, sondern JETZT!<\/p>\n<p>Mossmann, zu dieser Zeit Pendler zwischen Stadt und Land, war ein gro\u00dfartiger Vermittler zwischen den oft grundverschiedenen Tr\u00e4gerInnen des Widerstandes. Es gab ja nicht nur die konservativen Bauern und die StudentInnen aus Freiburg. Nein, auch mit den &#8222;Kommunisten im Konfirmationsanzug&#8220;, wie er die angereisten anma\u00dfend belehrenden jungen MaoistInnen sp\u00f6ttisch nannte, mussten die Einheimischen erst lernen umzugehen.<\/p>\n<h3>Dreyeckland<\/h3>\n<p>Alte, vergessene Lieder aus der Zeit der Bauernkriege kramte Mossmann aus der Mottenkiste hervor und gab ihnen einen aktuellen Bezug. Die linken StudentInnen irritierte er mit dem im alemannischen Dialekt gesungenen urspr\u00fcnglichen Bettellied &#8222;In Mueders St\u00fcbele do goht der hm, hm, hm, in Mueders St\u00fcbele do goht der Wind&#8220;. Von diesem Song gab es Kaiserst\u00fchler, Els\u00e4sser und Basler Versionen, die bei allen Gemeinsamkeiten des neu erwachten Dreyecklandes auch den jeweiligen Eigenheiten Raum gab, sich zu entfalten.<\/p>\n<p>Die undogmatische Linke wandte sich in dieser Zeit hingebungsvoll dem Regionalismus in Okzitanien, Baskenland, Katalonien zu und projizierte einen Gutteil ihrer Hoffnungen in diese Bewegungen. Mossmann sang zwar in diversen Dialekten und baute damit Br\u00fccken zu bisher unerreichten Bev\u00f6lkerungsgruppen, aber eine spezielle regionalistische Ideologie machte er sich nicht zu eigen. Er blieb immer hart am eigentlichen Gegenstand der Auseinandersetzungen und der manifestierte sich in der Konfrontation zwischen oben und unten.<\/p>\n<p>F\u00fcr Mossmann sollten Lieder einen unmittelbaren Gebrauchswert im Rahmen des politischen Kampfes haben und allen geh\u00f6ren. Er nannte sie deswegen auch Flugblattlieder, die \u00e4hnlich wie zu den Zeiten der Franz\u00f6sischen Revolution und den Bauernkriegen weitergereicht und weiterentwickelt wurden und deren VerfasserInnen oft anonym blieben. Die meisten seiner Lieder wurden im Radio nicht gespielt, weil sie den Herrschenden zu kritisch waren.<\/p>\n<p>Im Jahr 1975 begann Mossmann seine erste Anti-AKW-&#8222;Missionsreise&#8220; durch die BRD, bei der er sich in erster Linie auf die erfrischend aufgeschlossenen Evangelischen Studentengemeinden (ESG) in den St\u00e4dten und die Landjugendverb\u00e4nde (z. B. in Hamm-Soest) als Ausrichter der Veranstaltungen st\u00fctzen konnte. Denn au\u00dferhalb des Dreyeckslandes wurden die klassischen B\u00fcrgerinitiativen gerade erst gegr\u00fcndet. In den folgenden Jahren bereiste er rastlos die ganze Republik und machte besonders oft in Gorleben Station, um mit den Wendl\u00e4nderInnen gegen das geplante atomare Endlager f\u00fcr radioaktiven M\u00fcll zu protestieren. F\u00fcr sie sang er das bekannte &#8222;Lied vom Lebensvogel&#8220;, auch &#8222;Das Gorlebenlied&#8220; genannt, das in seiner musikalischen Ursprungsversion von Phil Ochs stammt.<\/p>\n<p>In der zweiten H\u00e4lfte der 70er Jahre konnte er die inzwischen stark fragmentierte, in unterschiedliche ideologische Lager aufgespaltene Linke mit seinen zugespitzten, mit deftigen Kraftausdr\u00fccken gespickten Flugblattliedern zusammenhalten und zu konkreten Widerstandsaktionen mobilisieren.<\/p>\n<h3>Ambivalente Haltung zur Gewaltfrage<\/h3>\n<p>Seine Haltung zur Gewaltfrage war im besten Fall ambivalent. Er musste auf die bodenst\u00e4ndige Kaiserst\u00fchler Bev\u00f6lkerung R\u00fccksicht nehmen. 1972 machte er im Larzac in S\u00fcdfrankreich (&#8222;Occitanien&#8220;) Bekanntschaft mit der gro\u00dfen gewaltfreien Bewegung gegen einen Truppen\u00fcbungsplatz. Mit den Aktivit\u00e4ten des dort lebenden Lanza del Vasto, einem ehemaligen Wegbegleiter Gandhis, konnte er nichts anfangen &#8211; &#8222;nicht ganz mein Fall&#8220; ((9)) sagte er dazu. Ein Jahr sp\u00e4ter \u00fcbersetzte er begeistert den Aufruf eines chilenischen Freundes f\u00fcr den bewaffneten Kampf: &#8222;&#8218;Volk, Bewu\u00dftsein und Gewehre! MIR!&#8220;, offenkundig sa\u00df mir die militante Phrase locker'&#8220; ((10)) schrieb er.<\/p>\n<p>1973 akzeptierte Mossmann mit der ETA-Bombe auf den Franco-Nachfolger Carrero Blanco nicht nur den Tyrannenmord und verwies in seinen autobiographischen Betrachtungen selbstbewusst auf seine &#8222;bleihaltigen Franco-Lieder&#8220;, sondern ebenfalls auf seine guten Kontakte zu Mitgliedern der &#8222;Roten Brigaden&#8220; in Italien ((11)). Geschickt inszenierte er in seinen Schriften fiktive oder nacherz\u00e4hlte Dialoge, in denen ein Part sagte, was er meinte: &#8222;Stadtguerilla auch in Europa? &#8211; Selbstverst\u00e4ndlich. Die Gedanken sind frei&#8220; ((12)).<\/p>\n<p>Der singende &#8222;Bote aus Wyhl&#8220;, als der er bei seinen Rundreisen angesehen wurde, repr\u00e4sentierte in vielen Aspekten das Anliegen der Kaiserst\u00fchler Bev\u00f6lkerung. In seiner Haltung zur Gewaltfrage aber sicherlich nicht. Er bevorzugte den emp\u00f6rten Volksauflauf, das &#8222;Gewusel&#8220;, bei dem es schon mal ordentlich &#8222;krachen&#8220; konnte &#8211; am liebsten h\u00e4tte er gerne einen zweiten Sturm auf die Bastille erlebt.<\/p>\n<p>Als im Jahr 1977 &#8211; der Hochphase der Terroristenhysterie &#8211; von einigen staatlichen Bediensteten und ProfessorInnen eine \u00f6ffentliche Distanzierung von der &#8222;klammheimlichen Freude&#8220; des G\u00f6ttinger Buback-Nachrufs verlangt wurde, schlug Mossmann provokativ folgende Eidesformel vor: &#8222;Ich schw\u00f6r, ich bin gewaltlos, sonst bin ich mein Gehalt los&#8220; ((13)). Mit diesem \u00fcblen Spruch wurden von den Anh\u00e4ngerInnen &#8222;militanter&#8220; Aktionen noch jahrelang sp\u00e4ter gewaltfreie AktivistInnen in die angepasste, staatstragende Ecke gestellt und diffamiert. In den ersten Jahren nach der Gr\u00fcndung der Gr\u00fcnen st\u00e4nkerte er immer wieder gegen den &#8222;quasireligi\u00f6sen gr\u00fcnen Kult der Gewaltlosigkeit&#8220; ((14)).<\/p>\n<h3>Aufbau von Gegen\u00f6ffentlichkeit<\/h3>\n<p>Zur\u00fcck zu den Medien der 70er Jahre und der Rolle Walter Mossmanns. Hier darf selbstverst\u00e4ndlich der Hinweis auf seine ma\u00dfgebliche Rolle bei der Gr\u00fcndung von &#8222;Radio Verte Fessenheim&#8220;, dem sp\u00e4teren &#8222;Radio Dreyeckland&#8220; nicht fehlen. Als ehemaliger und vielfach angeeckter Rundfunkredakteur bei den \u00f6ffentlich-rechtlichen Sendern kannte er sich fachlich aus, stellte 1977 grenz\u00fcberschreitende Kontakte her und beteiligte sich beim Aufbau des immer wieder von Repression bedrohten Piratensenders, den es heute noch in legalisierter Form gibt.<\/p>\n<p>Seine Lieder wurden im wichtigen w\u00f6chentlich erscheinenden &#8222;Informationsdienst f\u00fcr unterbliebene Nachrichten&#8220; abgedruckt. Beitr\u00e4ge schrieb er in der &#8222;Autonomie&#8220; und in anderen undogmatisch linken Zeitungen. Besonders hervorzuheben ist sein 1975 im &#8222;Kursbuch&#8220; erschienene Beitrag &#8222;Die Bev\u00f6lkerung ist hellwach!&#8220; ((15)). Hier analysierte er die innere Verfasstheit der Kaiserst\u00fchler Anti-Atom-Bewegung sehr differenziert und gab der staunenden Linken Nachhilfestunde f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis dieser neuen Bewegung. Kurze Zeit sp\u00e4ter nahm er den ahnungslosen, immer noch von einer neuen USPD phantasierenden Rudi Dutschke bei sich auf, damit dieser einen einw\u00f6chigen Grundkurs in Sachen Bewegung und B\u00fcrgerinitiativen direkt vor Ort absolvieren konnte ((16)). Die Gr\u00fcndung einer links-alternativen Tageszeitung (die sp\u00e4tere liberal-gr\u00fcne taz) im Jahr 1978 unterst\u00fctzte er ebenfalls.<\/p>\n<h3>Neue Ausdrucksformen und Provokationen<\/h3>\n<p>In seinem &#8222;Unruhigen Requiem&#8220; experimentierte Mossmann 1983 mit musikalisch neuen Ausdrucksformen, indem er mit dem Multiinstrumentalisten Heiner Goebbels ein 20-Minuten-St\u00fcck aufnahm. Die im avantgardistischen Gestus vorgetragene verst\u00f6rende Klangkollage befasst sich mit der Ermordung des Freiburger Arztes Albrecht Pflaum in Nicaragua durch rechte Paramilit\u00e4rs. Die telefonische Nachricht trifft an einem &#8222;idyllischen&#8220; Sonntag ein:<\/p>\n<p>Ein Sonntag im tiefsten Frieden<br \/> Die B\u00e4ume sind gr\u00fcn<br \/> Die Erdbeeren bl\u00fchn<br \/> Und die Nachbarin<br \/> Tr\u00e4gt schwer an ihrem Gebetsbuch<br \/> Es riecht nach Schweinebraten ((17))<\/p>\n<p>Ein Jahr nach dem Mauerfall geht Mossmann 1990 Deutscht\u00fcmelei, die neu erwachte Fremdenfeindlichkeit und der Antisemitismus im vereinten Deutschland geh\u00f6rig auf den Keks und er beschlie\u00dft zusammen mit Cornelius Schwehr, die Auftragsarbeit f\u00fcr einen Stipendium-Preis f\u00fcr eine Provokation zu nutzen. &#8222;F\u00fcnfzehn Jahre nach dem Fronterlebnis am Bauzaun das Eiserne Kreuz?&#8220; ((18)) &#8211; nicht mit Mossmann. An der gewagten Ton- und Ger\u00e4uschkollage &#8222;Die St\u00f6rung&#8220; nahmen u. a. der Dekanatsjugendchor Landau und verschiedene Schauspieler teil. Thema war die neudeutsche Vereinnahmung von Naturph\u00e4nomenen f\u00fcr nationalistische Ausgrenzungsmechanismen:<\/p>\n<p>Ein Flamingo im Taubergie\u00dfen<br \/> Normal ist das nicht<br \/> Wahrscheinlich<br \/> Ausgebrochen Aus Einem Zoo<br \/> &#8230;<br \/> Wie Der Aussieht<br \/> Irgendwie Gerupft Zerfleddert<br \/> Irgendwie Krank<br \/> Ein Punk<br \/> &#8230;<br \/> Irgendwie Schr\u00e4g<br \/> Irgendwie Gest\u00f6rt Verhaltensgest\u00f6rt<br \/> Sonst W\u00e4r Er Nicht Hier<br \/> Also Krank ((19))<\/p>\n<p>Mossmann: &#8222;Auch das Publikum beim Festakt spielte mit und reagierte angemessen befremdet&#8220; ((20)).<\/p>\n<p>Ein paar Jahre sp\u00e4ter, als Mossmann wegen seines Kehlkopfkrebses nicht mehr singen konnte, k\u00fcmmerte er sich intensiv um den Kulturaustausch mit Freiburgs Partnerstadt Lemberg (Lwiw) in der Ukraine. Er zog zeitweise dorthin und befasste sich beispielsweise in seinem Beitrag &#8222;Gespr\u00e4che mit Jurko&#8220; ((21)) mit der schwierigen neuen Situation in Osteuropa.<\/p>\n<h3>Irritationen<\/h3>\n<p>Viele seiner alten Anh\u00e4ngerInnen irritierte und entt\u00e4uschte Mossmann, als er im Jahr 2010 auf der Landesdelegiertenkonferenz der baden-w\u00fcrttembergischen Gr\u00fcnen kurz vor ihrer Regierungs\u00fcbernahme eine nostalgische Rede hielt. War ihm nicht bewusst, dass die Gr\u00fcnen sich mit seinen bunten Widerstandsfolklore-Federn schm\u00fccken und anschlie\u00dfend genauso angepasst staatstragend weitermachen w\u00fcrden wie bisher?<\/p>\n<p>Bereits seit 1973 setzte der angebliche &#8222;R\u00e4teromantiker&#8220; auf professionelle parlamentarische Bet\u00e4tigung: &#8222;Wir schickten doch schon seit Jahren unsere Anw\u00e4lte in die Gerichtsverhandlungen, warum sollten wir nicht auch unsere Abgeordneten ins Parlament schicken? Im Dreyeckland war das von Anfang an Brauch und hat die B\u00fcrgerinitiativen nicht im Geringsten geschw\u00e4cht&#8220; ((22)). F\u00fcr Mossmann, der ansonsten immer wieder \u00fcber viele Dinge neu und kritisch nachdachte, waren offensichtlich die Anpassungs- und Vereinnahmungstendenzen, die ein parlamentarisches Mandat mit sich bringt, selbst nach jahrzehntelangen negativen Erfahrungen einfach nicht relevant. Diese Haltung ist allerdings entt\u00e4uschend.<\/p>\n<p>Walter Mossmann war Zeit seines Lebens ein streitbarer, unangepasster K\u00fcnstler und Aktivist, der mit vielf\u00e4ltigen stilistischen Mitteln von der politischen Lyrik bis hin zum groben Agitprop gegen Ungerechtigkeiten ank\u00e4mpfte und sich mit den M\u00e4chtigen anlegte. Seine gr\u00f6\u00dfte Wirkung entfaltete er im Kontext der neu entstandenen B\u00fcrgerinititivbewegung gegen Atomkraftwerke, deren unerm\u00fcdlicher Begleiter und musikalisches Sprachrohr er war. Er starb nach einer schweren Krankheit am 29. Mai 2015 im Alter von 73 Jahren in Breisach.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war jene Zeit, in der die sozialen Medien tats\u00e4chlich noch sozial und die Menschen noch keine KlicksklavInnen waren. Sie redeten daf\u00fcr eifrig von Angesicht zu Angesicht in Wohngemeinschaften, Wirtsh\u00e4usern, auf Stra\u00dfen oder gar besetzten Baupl\u00e4tzen miteinander. Als Kommunikationsmedien dienten notfalls auch l\u00e4utende Kirchenglocken und Feuersirenen, sowie alternative Piratensender, selbstproduzierte Musikcassetten, Schallplatten, Flugbl\u00e4tter, Brosch\u00fcren, B\u00fccher. &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/09\/der-lebensvogel-singt-nicht-mehr\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Der Lebensvogel singt nicht mehr - graswurzelrevolution","description":"Es war jene Zeit, in der die sozialen Medien tats\u00e4chlich noch sozial und die Menschen noch keine KlicksklavInnen waren. 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