{"id":14879,"date":"2015-09-01T00:00:00","date_gmt":"2015-08-31T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2015\/09\/der-anarchismus-ist-eine-inspirationsquelle\/"},"modified":"2022-07-26T14:22:13","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:13","slug":"der-anarchismus-ist-eine-inspirationsquelle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/09\/der-anarchismus-ist-eine-inspirationsquelle\/","title":{"rendered":"Der Anarchismus ist eine Inspirationsquelle"},"content":{"rendered":"<p><b>GWR: In diesem Jahr feiert &#8222;Marjin Kiri&#8220; seinen 10. Geburtstag. Wie ist der Verlag entstanden?<\/b><\/p>\n<p><i>Ronny Agustinus:<\/i> Marjin Kiri wurde als Verlagsunternehmen von sechs Personen gegr\u00fcndet &#8211; einer davon war ich. Zu unseren Gr\u00fcndern geh\u00f6rten Wissenschaftler und Aktivisten. Die letzten zehn Jahre waren nicht leicht, zwischen 2007 und 2008 mussten wir unsere Verlagst\u00e4tigkeit sogar vor\u00fcbergehend einstellen. Nach einer Umstrukturierung sind wir seit 2009 wieder aktiv und haben uns bis heute \u00fcber Wasser halten k\u00f6nnen. Doch von den sechs Gr\u00fcndern sind heute nur noch zwei dabei.<\/p>\n<p><b>GWR: Welche Art B\u00fccher gibt Marjin Kiri heraus?<\/b><\/p>\n<p><i>Ronny Agustinus:<\/i> Wir ver\u00f6ffentlichen kritische Publikationen im Bereich politische \u00d6konomie, Philosophie, Kultur und Kunst, Geschichte sowie Indonesien-Studien. Neben Sachb\u00fcchern geben wir auch literarische Werke heraus.<\/p>\n<p><b>GWR: Gab es bei der Gr\u00fcndung von Marjin Kiri Vorbilder, also andere Verlage in Indonesien oder im Ausland inspiriert? <\/b><\/p>\n<p><i>Ronny Agustinus:<\/i> Bevor ich selbst Verleger wurde, habe ich f\u00fcr die Verlage Insist Press und Resist Book \u00dcbersetzungen gemacht. Das sind zwei indonesische Verlage, die B\u00fccher mit kritischen Analysen herausgeben. Das hat mich beeinflusst. Unsere gro\u00dfen Vorbilder sind die linken Verlage Verso Books und Zed Books.<\/p>\n<p><b>GWR: Im Verlagsprogramm von Marjin Kiri finden sich auch Werke ausl\u00e4ndischer AutorInnen. Gab es auch schon mal \u00dcbersetzungen deutschsprachiger AutorInnen? <\/b><\/p>\n<p><i>Ronny Agustinus:<\/i> Vor zehn Jahren hatten wir die Rechte an Ernst Gombrichs wunderbarem Buch &#8222;Eine kurze Weltgeschichte f\u00fcr junge Leser&#8220; gekauft und hatten auch schon Gelder f\u00fcr die \u00dcbersetzung beim Goethe-Institut beantragt. Aber wegen unserer internen Probleme 2007\/2008 kam es damals leider nicht zur Publikation. Gl\u00fccklicherweise traf ich im vergangenen Jahr auf der Buchmesse in Frankfurt die \u00dcbersetzerin Elisabeth Soeprapto-Hastrich wieder und auch Vertreter des Dumont-Verlages, die die Rechte am Buch haben. Inzwischen sind alle Probleme gel\u00f6st und Gombrichs Buch wird noch in diesem Jahr auf Indonesisch bei uns erscheinen. Wir w\u00fcrden gerne die Werke weiterer deutschsprachiger Dichter und Denker heraus geben, aber diese zu \u00fcbersetzen, das ist nicht so leicht.<\/p>\n<p><b>GWR: Marjin Kiri ist als linker Verlag bekannt. Gibt es einen Markt f\u00fcr linke Sachb\u00fccher in Indonesien, der gro\u00df genug ist, dass man davon leben kann? <\/b><\/p>\n<p><i>Ronny Agustinus:<\/i> Der Buchmarkt in Indonesien ist nicht gro\u00df, zumindest nicht f\u00fcr ernstzunehmende B\u00fccher, die \u00fcber Ratgeber zu Motivation, Management, Erziehung oder religi\u00f6se B\u00fccher hinausgehen. Wenn wir B\u00fccher ganz gut verkaufen, k\u00f6nnen wir die n\u00e4chsten Titel finanzieren. Wir reden da von Auflagen von 1.000 bis 1.500 St\u00fcck, wenn es hoch kommt, mal 3.000 Exemplare. Unser bislang meistverkaufter Titel hatte eine Auflage von 8.000 St\u00fcck. Diese Umst\u00e4nde sind internationalen Verlagen bei Verhandlungen um Buchrechte meist schwer zu vermitteln, die fragen immer: &#8222;Indonesien hat doch 250 Millionen Einwohner, wie kann es sein, dass ihr nur 1.000 St\u00fcck drucken wollt?&#8220; Aber so ist die Realit\u00e4t in Indonesien.<\/p>\n<p><b>GWR: In Indonesien sind die von der Suharto-Diktatur aufgebauten antikommunistischen Ressentiments in der Bev\u00f6lkerung immer noch stark sp\u00fcrbar. Die kommunistische Partei ist seit 1966 verboten, ebenso das Verbreiten marxistischen Gedankenguts. Was bedeutet das f\u00fcr die Arbeit von Marjin Kiri?<\/b><\/p>\n<p><i>Ronny Agustinus:<\/i> Das ist ein Problem. Zwei unserer B\u00fccher wurden von den zwei gr\u00f6\u00dften Buchhandelsketten in Indonesien nicht vertrieben, nur weil im Titel die Worte &#8222;Marx&#8220; bzw. &#8222;Marxist&#8220; vorkamen. Ein weiteres Buch wollten sie nicht verkaufen, weil es die Vergewaltigungen von Frauen w\u00e4hrend der gewaltsamen Verfolgung der Linken 1965 thematisiert. Die Zensur kam also nicht von der Regierung, sondern von den Buchh\u00e4ndlern, die Angst vor gewaltsamen \u00dcbergriffen von Antikommunisten\/Anh\u00e4ngern der Suharto-Diktatur haben. Die Polizei tut im Allgemeinen nichts, wenn solche Angriffe passieren.<\/p>\n<p>Wir sehen unsere Aufgabe als Verlag auch darin, mit dem Verbreiten von Informationen den Antikommunismus St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck abzubauen. Vor 100 Jahren, als Indonesien noch von den niederl\u00e4ndischen Kolonialherren besetzt war, da waren junge Menschen stolz darauf, Kommunisten zu sein, sie verbanden damit Fortschritt und Entwicklung. Ein Jahrhundert sp\u00e4ter gilt der Kommunismus der indonesischen Mehrheitsbev\u00f6lkerung als Satan. Wie die Suharto-Diktatur das dauerhaft in die K\u00f6pfe gepflanzt hat, ist verr\u00fcckt. Aber wir glauben, dass sich das \u00e4ndern kann. In akademischen Kreisen merkt man das bereits, da kommen Analysen aus marxistischer Perspektive inzwischen h\u00e4ufiger vor und sind nicht mehr so stark tabuisiert, wenn es auch immer noch konservative Rektoren und Dozenten gibt, die das verhindern wollen.<\/p>\n<p>Und es m\u00fcsste weiter Initiativen geben, die die Aufhebung des Kommunismus-Verbots zum Ziel haben. Diese werden jedoch als konfrontativ wahrgenommen und kontrovers diskutiert.<\/p>\n<p><b>GWR: Im Programm von Marjin Kiri finden sich auch Publikationen \u00fcber Anarchismus, z.B. von Sean M. Sheehan und John Moore. Wie wird Anarchismus in Indonesien gesehen?<\/b><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><i>Ronny Agustinus:<\/i> Ja, wir haben eine Reihe mit dem Titel &#8222;Den Anarchismus studieren&#8220; und neben den genannten Autoren bereiten wir gerade die Ver\u00f6ffentlichung der indonesischen \u00dcbersetzung von &#8222;Under Three Flags: Anarchism and the Anti-Colonial Imagination&#8220; des bekannten S\u00fcdostasien-Spezialisten Benedict Anderson vor, in der es darum geht, wie globale anarchistische Str\u00f6mungen nationalistische Bewegungen in S\u00fcdostasien am Ende des 19. Jahrhunderts beeinflusst haben.<\/p>\n<p>Schaut man sich die Benutzung des Wortes Anarchie in unseren Massenmedien an, f\u00e4llt auf, dass der Begriff vor allem mit Chaos und Zerst\u00f6rung, also mit destruktiven Zuschreibungen belegt wird &#8211; obwohl das ja gar nicht der eigentlichen Bedeutung von Anarchie entspricht. Anarchismus bedeutet ja, auf kooperative Weise Strukturen aufbauen, in denen die Beteiligten gleichberechtigt sind und wo es kein Machtzentrum gibt. W\u00e4hrend der Sozialismus, wie er zum Beispiel in der Sowjetunion praktiziert wurde, viel zu b\u00fcrokratisch war, bildet der Anarchismus unserer Meinung nach eine st\u00e4rkere Inspirationsquelle f\u00fcr heutige soziale Bewegungen. Und dar\u00fcber zu diskutieren, das ist hochinteressant!<\/p>\n<p>Als wir mit der Serie begannen, geschah dies mit dem Ziel, die Grundlagen anarchistischer Gedanken auch Mainstream-Lesern nahe zu bringen und ihnen zu zeigen, dass Anarchismus in Theorie und Praxis eine feste \u00dcberzeugung und keine Spielerei ist. Bis dahin hatten sich anarchistische Schriften vor allem \u00fcber zines verbreitet, die unter der Hand verteilt wurden und keinen Eingang in Buchl\u00e4den fanden. Wir glauben jedoch, dass die Diskussion in eine breitere \u00d6ffentlichkeit getragen werden sollte. So dass Menschen, die noch nichts dar\u00fcber wissen, etwas lernen k\u00f6nnen. Denn so wie der Blick auf den Kommunismus in Indonesien korrigiert werden muss, muss auch der Blick auf den Anarchismus korrigiert werden. Deswegen gibt es bei uns diese Serie. Vor kurzem haben indonesische AnarchistInnen nun auch eine eigene Internet-Seite (anarkis.org), auf der anarchistische Schriften in indonesischer Sprache einer breiteren \u00d6ffentlichkeit zug\u00e4nglich sind. Das ist eine bemerkenswerte Entwicklung.<\/p>\n<p><b>GWR: Du giltst als Fachmann f\u00fcr lateinamerikanische Geschichte und Literatur und \u00fcbersetzt auch B\u00fccher aus dem Spanischen ins Indonesische. Wie kam es zu diesem Interesse?<\/b><\/p>\n<p><i>Ronny Agustinus:<\/i> Das begann vor mehr als 20 Jahren. Der Ausl\u00f6ser war nicht das Buch eines lateinamerikanischen Autors, sondern eines niederl\u00e4ndischen. Ich las den Roman &#8222;Christus in Guadalajara&#8220; von Jan Jacob Slauerhoff. Darin geht es um einen Aufstand der mexikanischen Ureinwohner und die Illusion und Desillusionierung eines Christus-gleichen Agitators (das Thema der messianischen Gestalt fand ich sp\u00e4ter bei Vargas Llosa wieder). Mein Interesse an Lateinamerika war geweckt und bei meiner Suche nach Lesestoff stie\u00df ich auf die \u00dcbersetzung von Garc\u00eda M\u00e1rquez&#8216; &#8222;Der Herbst des Patriarchen&#8220;. So etwas hatte ich nie zuvor gelesen! Bis heute haben die Worte und S\u00e4tze aus diesem Buch in mir dauerhafte Spuren hinterlassen. Die indonesische \u00dcbersetzung war mit einem Vorwort des bekannten Intellektuellen Y.B. Mangunwijaya versehen. Der schrieb darin, dass es viel interessante Literatur aus Lateinamerika g\u00e4be, von der wir leider nichts w\u00fcssten, weil es kaum \u00dcbersetzungen g\u00e4be. Damals reifte mein Entschluss, mich mit dieser Literatur eingehender zu besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p><b>GWR: Welche Parallelen gibt es zwischen der Geschichte Lateinamerikas und der indonesischen?<\/b><\/p>\n<p><i>Ronny Agustinus:<\/i> Das ist je nach Land in Lateinamerika verschieden. Auch die Kolonialgeschichte verlief &#8211; verglichen mit Indonesien &#8211; anders. Aber in Bezug auf die Errichtung von Diktaturen und Verletzungen der Menschenrechte gibt es auch viele Parallelen. So hat sich Pinochet zwar bei seinem Putsch 1973 in Chile von der Machtergreifung durch Suharto in Indonesien 1965 inspirieren lassen, das Ganze wurde sogar &#8222;Operation Jakarta&#8220; genannt. Aber umgekehrt haben wir uns leider bislang nicht von L\u00e4ndern wie Chile oder Argentinien dabei inspirieren lassen, wenn es darum geht, die Diktaturvergangenheit aufzuarbeiten.<\/p>\n<p><b>GWR: Indonesien ist in diesem Jahr Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse. Es gab im Vorfeld viele Diskussionen dar\u00fcber, ob die in Frankfurt vorgestellten Werke, Autorinnen und Autoren die ganze Bandbreite zeitgen\u00f6ssischer indonesischer Literatur spiegeln. Wie siehst Du das?<\/b><\/p>\n<p><i>Ronny Agustinus:<\/i> Ja, das ist ein Problem, das hei\u00dfe Debatten ausl\u00f6st. Eine der Ursachen ist meiner Meinung nach, dass es kein Literaturkritiker im letzten Jahrzehnt wirklich vermocht hat, \u00fcberzeugend zu beschreiben, was zeitgen\u00f6ssische Literatur ist. Viele junge literaturbegeisterte Menschen haben in indonesischen St\u00e4dten Gruppen gegr\u00fcndet, sie ver\u00f6ffentlichen B\u00fccher, aber es gibt keinen systematischen Ansatz, der ihre Werke als Teil der zeitgen\u00f6ssischen Literatur begreift. Da es also an Daten zu diesen Werken fehlt, empfehlen Menschen in den Auswahlgremien lediglich das, was sie kennen.<\/p>\n<p>Ich war zweimal selbst Mitglied einer Jury f\u00fcr einen Literaturpreis auf nationaler Ebene. Die Veranstalter hatten weder die Zeit noch das Geld, um alle Neuerscheinungen zu dokumentieren, die im Jahr der Preisvergabe erschienen waren. Sie bezogen sich also lediglich auf die Verlage, die sie kannten &#8211; und die zumeist auf Java beheimatet sind &#8211; und lie\u00dfen sich deren Neuerscheinungen schicken. Keiner wei\u00df, wie viele gute B\u00fccher bei einem solchen Auswahlsystem durchs Raster fallen.<\/p>\n<p>Unter solchen Umst\u00e4nden ist die Pr\u00e4sentation der &#8222;17.000 Inseln der Imagination&#8220; [das Motto des indonesischen Messeauftritts, d. Red] nicht zu realisieren. Die Vielfalt, die mit diesem Titel suggeriert wird, ist kaum vertreten, auch wenn die Frankfurter Buchmesse viel daf\u00fcr getan hat, ein vielf\u00e4ltiges Programm zu f\u00f6rdern. Man kann diesen Umstand nicht nur dem Nationalen Buchmesse-Komitee vorwerfen, aber man muss schon sagen, dass das Komitee zu wenig daf\u00fcr getan hat, unter diesen Umst\u00e4nden eine gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Vielfalt herzustellen und es hat nichts dagegen getan, dass bestimmte Kreise bei der Frage nach Autorinnen und Autoren lediglich ihre &#8222;\u00fcblichen Verd\u00e4chtigen&#8220; nach vorne gebracht haben.<\/p>\n<p>Die Auswahl der B\u00fccher, die in Frankfurt vorgestellt werden, hat viele Diskussionen ausgel\u00f6st, weil sich da die Meinung des Komitees st\u00e4ndig \u00e4nderte. Wenn die geltende Ansicht ist, dass es vor allem um die Werke gehen soll, nicht um die Autoren und dass B\u00fccher bevorzugt werden, von denen es schon \u00dcbersetzungen gibt, dann fragt man sich, warum Autorinnen und Autoren nach Frankfurt geschickt werden, bei denen es noch nicht klar ist, ob ihre B\u00fccher \u00fcbersetzt werden. Und warum andere, von denen bereits \u00dcbersetzungen vorliegen, nicht in Frankfurt pr\u00e4sent sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>GWR: In diesem Jahr feiert &#8222;Marjin Kiri&#8220; seinen 10. Geburtstag. Wie ist der Verlag entstanden? Ronny Agustinus: Marjin Kiri wurde als Verlagsunternehmen von sechs Personen gegr\u00fcndet &#8211; einer davon war ich. Zu unseren Gr\u00fcndern geh\u00f6rten Wissenschaftler und Aktivisten. 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