{"id":14912,"date":"2015-10-01T00:00:00","date_gmt":"2015-09-30T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2015\/10\/gilt-in-der-anarchie-die-strassenverkehrsordnung\/"},"modified":"2022-07-26T14:12:00","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:00","slug":"gilt-in-der-anarchie-die-strassenverkehrsordnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/10\/gilt-in-der-anarchie-die-strassenverkehrsordnung\/","title":{"rendered":"Gilt in der Anarchie die Stra\u00dfenverkehrsordnung?"},"content":{"rendered":"<p><b>Graswurzelrevolution: Knobi, wie bist Du aufgewachsen? Wie verlief Deine Sozialisation? Und wie bist Du &#8222;politisch drauf gekommen&#8220;?<\/b><\/p>\n<p><i>Jochen Knoblauch: <\/i>Eine Rolle spielte mein &#8222;Elternhaus&#8220;, wobei ich meinen leiblichen Vater nie kennengelernt habe. Meine Mutter war ziemlich liberal &#8211; alle Kinder wurden nicht getauft, und waren im \u00fcbrigen von verschiedenen V\u00e4tern. Zur damaligen Zeit ein Skandal. Auf der anderen Seite gab es einen gewaltt\u00e4tigen, kleinkriminellen Trinker, unseren Stiefvater. Aber im Prinzip bin ich in einem Frauenhaushalt aufgewachsen, und selbst sp\u00e4ter nach WG-Erfahrung und Kollektiv wieder mit meiner Liebsten und unserer Tochter in einem weiteren Frauenhaushalt gelandet. Das pr\u00e4gt. Selbst noch Mitte der 1960er Jahre hatte unsere Mutter es schwer uns durchzubringen und so habe ich noch Hunger erlebt. Unsere Mutter liebte so Kalenderspr\u00fcche, Lebensweisheiten und einen hat sie mir dann als Jugendlichen, als ich fr\u00fch \u00c4rger mit der Polizei hatte, mal eindringlich nahe gebracht: &#8222;Junge, du kannst alles machen, du darfst dich nur nicht erwischen lassen.&#8220; Nun, in sp\u00e4teren Jahren habe ich mich dann auch seltener erwischen lassen.<\/p>\n<p>In der Schule habe ich dann eine erste Gruppe mitgegr\u00fcndet, die auch eine kleine Sch\u00fclerzeitung und Flugbl\u00e4tter herausbrachte, und die sich an dem damaligen Sch\u00fclerstreik als einzige Hauptsch\u00fcler mit beteiligten. Und dann gab es noch eine Kneipe, die Apo-Theke, wo sich in Berlin immer diverse Leute trafen, Sch\u00fclergruppen, Kommunisten, Anarchisten, Kiffer und andere. Mit denen kamen wir oft ins Gespr\u00e4ch. Und dann war auch schon recht fr\u00fch die anarchistische Richtung f\u00fcr mich klar.<\/p>\n<p><b>GWR: Wann war das?<\/b><\/p>\n<p><i>Knobi: <\/i>1970 bin ich von der Hauptschule abgegangen, der Sch\u00fclerstreik war Ende 1969. In Kneipen, Jugendzentren usw. bin ich schon recht fr\u00fch unterwegs gewesen. Als Kind aus &#8222;prek\u00e4ren Verh\u00e4ltnissen&#8220; &#8211; wie es heute so sch\u00f6n hei\u00dft &#8211; waren wir fr\u00fch auf uns selbst gestellt.<\/p>\n<p><b>GWR: Du hast in West-Berlin die &#8222;wilden 69er&#8220; und 70er mitgekriegt? Wann wurdest Du aktiv in der Berliner Szene?<\/b><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><i>Knobi:<\/i> Dadurch, dass ich Jahrgang 1954 bin, ist 68 und davor nicht so pr\u00e4sent. Aber dadurch, dass ich in Charlottenburg gro\u00df geworden bin und einen Teil meiner Jugend dort verbracht habe, und Charlottenburg damals das Zentrum der Studentenbewegung war, also: Stuttgarter Platz, da wo die Kommune 1 lebte, die meisten Demonstrationen am Ku&#8217;damm stattfanden, die oft \u00fcber die Kaiser-Friedrich-Stra\u00dfe und so weiter f\u00fchrten, habe ich viele Demos hautnah mitgekriegt.<\/p>\n<p>Als Sch\u00fcler bin ich schon mitgelaufen. Da war ich schon relativ nah dran und dabei, auch wenn ich nicht immer alles gleich verstanden habe, worum es da genau ging.<\/p>\n<p><b>GWR: Gab es da bestimmte Erlebnisse, wo Du sagen w\u00fcrdest, das waren pr\u00e4gende Ereignisse in meinem Leben?<\/b><\/p>\n<p><b>Dinge, die vielleicht auch eine bestimmte Richtung in Deinem Leben noch verst\u00e4rkt haben?<\/b><\/p>\n<p>Knobi: Der Vietnam-Krieg und die Demonstrationen dagegen waren pr\u00e4gend. Die Pr\u00e4senz von Polizei und B\u00fcrgern, das war schwierig. Ein pr\u00e4gendes Ereignis war vielleicht in dem Sinne gar nicht so politisch: die Haare wurden immer l\u00e4nger, das B\u00fcrgertum und die Polizei waren nicht gerade unsere Freunde.<\/p>\n<p>Es ging ziemlich hart zur Sache. Als Sch\u00fcler bin ich zweimal verpr\u00fcgelt worden auf der Stra\u00dfe, wegen der langen Haare. Auf der anderen Seite gab es schon die Subkultur der Langhaarigen, wo man das Gef\u00fchl hatte, dass das gar nicht so wenige waren.<\/p>\n<p>Wenn wir alle auf einem Haufen waren, dann f\u00fchlten wir uns schon relativ stark. Da blieb einem eigentlich nichts anderes \u00fcbrig, als neben der reinen Kulturszene auch in die Polit-Szene einzusteigen; das war eng verbunden.<\/p>\n<p>Beeinflusst haben mich auch die Diskussionen mit StudentInnen im damaligen RC (Republikanischer Club; Treffpunkt des SDS), Anfang der 1970er Jahre dann, als ich in einer WG in Sch\u00f6neberg lebte, die Auseinandersetzung mit der Frauenbewegung usw.<\/p>\n<p><b>GWR: Bekannt bist Du als Anarchist. Viele Menschen wissen sicher immer noch nicht, was Anarchie tats\u00e4chlich ist. Oder sie denken, Anarchie sei Chaos und Terror und Anarchisten seien Bombenwerfer. Was verstehst Du darunter?<\/b><\/p>\n<p>Knobi: Ja, auf alle F\u00e4lle keine Bomben werfen. Es gab mal eine Zeit um 1900, wo es eine solche Richtung im Anarchismus gab, die sog. &#8222;Propaganda der Tat&#8220;. Meine erste Begegnung mit Anarchisten hatte ich durch ein Buch von John Henry Mackay, ein deutsch-schottischer Dichter, dessen Gedichte haben mich als Jugendlicher beeinflusst. Mackay war Zeit seines Lebens immer ein Gewaltfreier.<\/p>\n<p>Deshalb war das f\u00fcr mich auch weniger klar, etwas mit Gewalt l\u00f6sen zu k\u00f6nnen. Anarchie kann immer nur ein Weg sein, der gewaltfrei etwas ver\u00e4ndern kann. Eine gewaltt\u00e4tige L\u00f6sung w\u00e4re immer nur vor\u00fcbergehend und nicht l\u00e4ngerfristig. Es geht ums Bewusstsein und weniger um momentane politische \u00c4nderung der Machtverh\u00e4ltnisse. Wenngleich das &#8222;revolution\u00e4re&#8220; West-Berlin der fr\u00fchen 1970er Jahre eher martialisch war und von &#8222;bewaffneten Gruppen&#8220; dominiert war.<\/p>\n<p><b>GWR: John Henry Mackay ist 1933 im Alter von 69 Jahren in Berlin-Charlottenburg gestorben. Er war ein Vertreter des Individual-Anarchismus. W\u00fcrdest Du sagen, dass Du Dich als Individual-Anarchist verstehst? Was w\u00e4re Individual-Anarchismus?<\/b><\/p>\n<p>Knobi: Das ist schwierig. Anarchismus besteht aus diversen Str\u00f6mungen. Neben dem genannten Individual-Anarchismus gibt es den Anarcho-Syndikalismus, den kollektivistischen Anarchismus, und so weiter und so fort, viele verschiedene. Aber das sind Schubladen. Ich bin nicht daf\u00fcr, diese Schubladen immer aufzutun. Der Individual-Anarchismus ist aufs Individuum bezogen. Ich w\u00fcrde aber sagen, dass der Anarchismus sich immer auf das Individuum, also auf die kleinste Einheit, bezieht. Von daher w\u00e4ren eigentlich alle Individual-AnarchistInnen. Aber diese Schubladen sind zu eng. Ich w\u00fcrde alles unter einen Begriff nehmen: Anarchismus, mit einem Ziel, der Anarchie. Und die sollten wir auch zusammen anstreben.<\/p>\n<p><b>GWR: Von Mackay stammt ja auch dieses bekannte Anarchie-Gedicht ((1)), in dem er begr\u00fcndet, warum er sich als Anarchist versteht: &#8222;Ich will nicht herrschen, aber auch beherrscht nicht werden!&#8220; Vielleicht ist das auch eine gute Zusammenfassung dessen, was wir als Selbstdefinition und Minimalkonsens aller Anarchistinnen und Anarchisten verstehen k\u00f6nnen?<\/b><\/p>\n<p>Knobi: Ja. Bei den verschiedenen anarchistischen Str\u00f6mungen ist das Ziel ja gleich: die Anarchie. Es gibt nur unterschiedliche Wege dahin. Der Individual-Anarchist sieht mehr die pers\u00f6nliche Ver\u00e4nderung als Weg. Der Anarcho-Syndikalismus sieht eher auf der Ebene der Arbeiterschaft den gewerkschaftlichen Kampf und dadurch die Ver\u00e4nderung. Aber das Ziel ist letztendlich das Selbe. Und darauf sollten wir uns konzentrieren. Ich finde es ist relativ egal, welchen Weg der Einzelne da jetzt geht. Das Ziel m\u00fcssen wir vor Augen haben.<\/p>\n<p><b>GWR: Du warst 1994 Mitgr\u00fcnder von &#8222;espero&#8220; (Spanisch: &#8222;Ich hoffe&#8220;), dem 2013 mit Erscheinen der Nr. 77 eingestellten Rundbrief der Mackay-Gesellschaft. Kannst Du dazu etwas erz\u00e4hlen?<\/b><\/p>\n<p>Knobi: &#8222;espero&#8220; war eine kleine Zeitschrift, die aus der Mackay-Gesellschaft heraus entstanden ist, u. a. vom mittlerweile leider verstorbenen Uwe Timm. Es wurde damit versucht, \u00f6konomische Fragen zu diskutieren. \u00d6konomie ist ein Thema, das bei AnarchistInnen oftmals unter den Tisch f\u00e4llt. Die Diskussion wird oft nicht gef\u00fchrt. Da hei\u00dft es dann: &#8222;Kapitalismus ist schei\u00dfe, fertig, aus&#8220;. Aber wie \u00d6konomie aussehen k\u00f6nnte, dar\u00fcber wird in libert\u00e4ren und anarchistischen Kreisen relativ wenig geredet, meiner Ansicht nach. Mit espero haben wir versucht, ein Forum zu schaffen, um dar\u00fcber zu diskutieren, was aber, das w\u00fcrde ich im Nachhinein sagen, von der libert\u00e4ren Szene nicht so angenommen worden ist. Anarcho-Syndikalisten, Individual-Anarchisten und alle anderen bleiben da schon in ihren Ecken und da wird das Thema anscheinend nicht gerne diskutiert.<\/p>\n<p>Uwe Timm hat zu ca. 90% die Redaktion gemacht und ich den technischen Teil: Layout, Druck, Versand usw.<\/p>\n<p>Nach ein paar uns\u00e4glichen Beitr\u00e4gen &#8211; aus meiner Sicht &#8211; habe ich dann aufgeh\u00f6rt, und Uwe Timm hat das Projekt dann eingestellt. Ein viertel Jahr sp\u00e4ter ist er gestorben. Ich finde es schade, dass das Projekt espero so einfach sang- und klanglos eingegangen ist.<\/p>\n<p><b>GWR: Es gibt ja auch die sogenannten &#8222;Anarcho-Kapitalisten&#8220;. Was sagst Du zu diesen &#8222;Libertarians&#8220;, die meines Erachtens nicht anarchistisch, sondern extrem neoliberal und hierzulande eher am rechten Rand der FDP angesiedelt sind?<\/b><\/p>\n<p>Knobi: &#8222;Anarcho-Kapitalismus&#8220; ist f\u00fcr mich ein Konstrukt, das genau so fehl ist wie &#8222;National-Anarchismus&#8220;. Kapitalismus kann nichts mit Anarchie zu tun haben. Das sind zwei g\u00e4nzlich verschiedene Werte und Systeme. Da kann es keinen Zusammenhang geben. Genauso wenig wie mit &#8222;National-Anarchismus&#8220;. Also, es widerspricht sich schlichtweg. &#8222;Anarcho-Kapitalismus&#8220; ist eine Sache, die aus den USA kommt, die haupts\u00e4chlich eine \u00f6konomische Freiheit in dem Ma\u00dfe fordert, wo Menschen auf der Strecke bleiben. Das kann nicht das Ziel des Anarchismus sein.<\/p>\n<p>Die Anarchie kann ja nur die Freiheit f\u00fcr alle bedeuten, nicht nur von Einzelnen. Wahrscheinlich steuern wir eher darauf hin, dass die Konzerne, die immer gr\u00f6\u00dfer werden, die immer mehr Macht erhalten, letztendlich das kapitalistische System zementieren. Aber die einzelnen Leute, denen die Konzerne geh\u00f6ren, das sind ja keine Anarchisten. Oder was haben die davon, andere Menschen zu unterdr\u00fccken und auszubeuten. Das geht f\u00fcr mich nicht zusammen.<\/p>\n<p><b>GWR: Du bist auch Herausgeber und Autor von zahlreichen B\u00fcchern. Ein Bestseller ist der Band &#8222;Anarchismus &#8211; Eine Einf\u00fchrung&#8220;, den Du mit Hans-J\u00fcrgen Degen f\u00fcr die theorie.org-Reihe des Schmetterling-Verlags gemacht hast?<\/b><\/p>\n<p>Knobi: Ich war froh, dass Hans-J\u00fcrgen Degen dabei war. Er ist ein noch \u00e4lterer Hase als ich. Und das war gut so. Dass eine &#8222;Einf\u00fchrung&#8220;, es ist ja nicht die einzige, so gut l\u00e4uft, freut uns. Das Buch soll f\u00fcr die Idee werben. Wir hoffen damit viele Menschen erreichen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><b>GWR: Was sind Deine Lieblingsb\u00fccher?<\/b><\/p>\n<p>Knobi: Das ist schwer zu sagen. Viele B\u00fccher haben mich zu unterschiedlichen Zeiten begeistert und beeinflusst. Sehr imponierend war f\u00fcr mich von P. M. &#8222;bolo&#8217;bolo&#8220; von 1983 und auch viele seiner anderen B\u00fccher, die danach herauskamen, wo es um eine Utopie geht, die sofort umsetzbar w\u00e4re, wenn die Leute sich bereit erkl\u00e4ren in Gro\u00dfgemeinschaften zu leben.<\/p>\n<p>Das klingt ein bisschen einfach, ist aber nat\u00fcrlich nicht so einfach. Ich fand das Buch sehr beeindruckend. Dann w\u00e4re vielleicht noch der &#8222;Planet des Ungehorsams&#8220; von Eric F. Russell zu nennen. Eine kleine Sciencefiction-Kurzgeschichte, wo auch dieses Thema behandelt wird, obwohl das Wort Anarchie darin nicht vorkommt, aber eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft besteht und die ganz einfach funktioniert, weil die Leute weder Unterdr\u00fcckung hinnehmen noch Gewalt anwenden wollen. Und dadurch, dass sie das nicht wollen, funktioniert die Gesellschaft. Das ist sehr einfach gestrickt. So sind wir leider nicht, aber es ist ziemlich beeindruckend solche Texte zu lesen. Dass so etwas vielleicht funktionieren k\u00f6nnte, befl\u00fcgelt die Phantasie.<\/p>\n<p><b>GWR: Kannst Du etwas zu Deinen neuesten B\u00fcchern &#8222;Anarchismus 2.0&#8220; (Schmetterling-Verlag) und &#8222;Marx versus Stirner&#8220; (Edition AV) sagen?<\/b><\/p>\n<p>Knobi: &#8222;Anarchismus 2.0&#8220; war quasi die Fortsetzung zu dem Anarchismus-Einf\u00fchrungsband, wo wir wollten, dass die einzelnen Str\u00f6mungen selber zu Wort kommen. Ich denke, das ist ganz gut gelungen.<\/p>\n<p>Das &#8222;Marx vs. Stirner&#8220;-Buch behandelt das alte Problem Individuum versus Masse und basiert darauf, dass man jetzt dar\u00fcber redet, dass Anarchismus und Kommunismus zwei Br\u00fcder w\u00e4ren, die auch mitunter ganz gut zusammen gehen.<\/p>\n<p>Mir fehlt beim Anarchismus oft die Abgrenzung zum Kommunismus. Der Anarchismus sollte viel mehr eigenst\u00e4ndig sein. Und ein ganz alter Konflikt ist Marx versus Stirner, wobei Max Stirner diesen Konflikt nicht mitgekriegt hat, weil alles, was Marx und Engels gegen Stirner geschrieben haben, zu seiner Zeit [1806 bis 1856] nicht ver\u00f6ffentlicht wurde. Marx&#8216; Stirner-Kritik blieb unver\u00f6ffentlicht und ist erst 1932 als &#8222;Die deutsche Ideologie&#8220; in der Marx-Engels Gesamtausgabe in Moskau erschienen. Stirner selber hat diese Thesen nicht mehr mitbekommen und das ist vielleicht auch gut so, weil die n\u00e4mlich arg polemisch waren. Mit dem Buch habe ich versucht, diese Sachen ein bisschen Aufzudr\u00f6seln und im Sinne von Stirner dagegen zu schreiben. Es geht letztlich immer darum: Individuum contra Masse. Das Individuum und das Bewusstsein k\u00f6nnten wesentlich mehr zur Revolution beitragen als eine Masse, die hinter einer Fahne her rennt, aber letztlich kein Bewusstsein hat.<\/p>\n<p>Das haben wir ja auch bei zig Revolutionen erlebt, wo zwar die Masse da war, aber letztendlich die M\u00e4nner z.B. trotzdem ihre Frauen verpr\u00fcgelt haben und nicht das Bewusstsein hatten, was sie h\u00e4tten haben sollen. Das ist eine Problematik, die ich bearbeiten wollte.<\/p>\n<p><b>GWR: Du warst an vielen Projekten beteiligt, zum Beispiel am Aurora-Buchvertrieb. Du warst Verleger und hast viele Erfahrungen gemacht, hast immer viel mit B\u00fcchern zu tun und machst heute noch den Internetblog http:\/\/knobi-der-buechernomade.blog.de, wo Du B\u00fccher rezensierst und gesellschaftliche Entwicklungen haupts\u00e4chlich zum Thema Anarchismus kommentierst. Vielleicht erz\u00e4hlst Du ein paar Geschichten, wo Du denkst, dass man da auch heute noch etwas raus ziehen kann, als Erfahrung?<\/b><\/p>\n<p>Knobi: Ich war als Jugendlicher schon ein B\u00fccherfreund. Ich habe immer viel gelesen, obwohl ich in meiner ersten Zeit, nach abgebrochener Lehre, Jobs und so weiter, in zwei Kneipenkollektiven [in West-Berlin und Essen] gearbeitet habe. Aber dann ging es zur\u00fcck nach Berlin, wo ich im Kollektiv des Regenbogen-Buchvertrieb gearbeitet habe. Darauf folgte der Aurora-Buchvertrieb und Buchladen, bis 1990. B\u00fccher haben mich immer begleitet. Manchmal sind sie eine Last, weil es zu viele sind. Ich finde es wichtig, B\u00fccher zu verbreiten. Es geht vielleicht auch nicht so sehr um die Bewertung von B\u00fcchern, ob die jetzt 100% gut oder schlecht sind. Ich bin immer daf\u00fcr, kleine Verlage zu unterst\u00fctzen, und B\u00fccher, die einen irgendwie weiter bringen k\u00f6nnen zu empfehlen. Ich hoffe, dass mir das manchmal gelingt mit dem Blog.<\/p>\n<p><b>GWR: Der Karin Kramer Verlag war seit Anfang der 1970er Jahre im deutschsprachigen Raum einer der ma\u00dfgeblichen Verlage in Sachen Anarchismus. Er ist hervorgegangen aus der 1968 in West-Berlin gegr\u00fcndeten Kommune und neoanarchistischen Zeitung &#8222;Linkeck&#8220;. Durch den Tod von Karin und kurz darauf von Bernd Kramer im Jahr 2014 ist der Verlag heute de facto nicht mehr wirklich existent, auch wenn die Sozialistische Verlagsauslieferung (SoVA) noch viele Kramer-Titel im Programm hat. Es gibt die Initiative &#8222;Freundeskreis Bernd und Karin Kramer [Verlag] e.V.&#8220;, an der Du beteiligt bist. Ihr wollt weiter machen und den Verlag wieder beleben?<\/b><\/p>\n<p>Knobi: Der Freundeskreis versucht das Andenken an beide, Bernd und Karin, aufrecht zu erhalten, die ja nicht nur Verleger waren, sondern auch originelle Menschen. Wir treffen uns monatlich und wollen versuchen, das kulturelle und politische Erbe zu pflegen. Der Kreis ist gemischt, von Literaten bis Anarchos, eine bunte Mischung. Das Verlagsarchiv, das leider nicht komplett ist, wurde durch die Bibliothek der Freien gesichert. Hier muss noch einiges aufgearbeitet werden. Was anderes sind die B\u00fccher des Karin Kramer Verlages. Hier gibt es unterschiedliche Konzepte zur Verlagsarbeit, aber trotzdem wird versucht einen Teil der Kramer-B\u00fccher lieferbar zu halten. Eventuell wollen wir auch neue B\u00fccher herausgeben. Das ist aber noch ein weiter Weg. Von den \u00fcber 300 Kramer-Titeln sind noch etwa 150 lieferbar. Was das Verlagsprogramm ausgemacht hat, haupts\u00e4chlich Anarchismus, aber auch Literatur, das kann ich mir gut vorstellen, dass es ein Kollektiv gibt, das diese Idee weiterf\u00fchrt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>GWR: Das ist eine gute Nachricht. Wie sch\u00e4tzt Du derzeit die aktuelle Situation des Anarchismus ein, international, aber auch in Bezug auf die Bundesrepublik und konkret auf Deine Heimatstadt Berlin?<\/b><\/p>\n<p>Knobi: Das ist schwierig. Also, international kenne ich mich nicht so gut aus, weil ich ein linguistisches Faultier bin und mein Englisch sehr schlecht ist. Dementsprechend bin ich schon auf Deutsch angewiesen. Berlin hat vielleicht immer ein bisschen schon den Vorteil gehabt, dass hier immer relativ viele Leute sind, die sich f\u00fcr das Thema interessieren und es von daher diverse Gruppen gibt.<\/p>\n<p>Es ist manchmal schwierig, die Anarchistinnen und Anarchisten in Berlin alle unter einen Hut zu kriegen. Aber es gibt verschiedene Projekte, die das versuchen, wie zum Beispiel die Bibliothek der Freien ((2)). Das ist eine anarchistische Bibliothek, die auch Veranstaltungen macht. Oder Ralf Landmessers A-Laden, der regelm\u00e4\u00dfig Veranstaltungen in der anarchosyndikalistischen Kultur- und Schankwirtschaft BAIZ ((3)) macht. Es ist relativ viel los und es sind auch j\u00fcngere Leute viel unterwegs zu dem Thema, aber ich bin da jetzt auch nicht mehr \u00fcberall dabei. Ich denke aber es geht voran, auch deutschlandweit.<\/p>\n<p><b>GWR: Welche Perspektiven der Anarchie und des Anarchismus siehst Du?<\/b><\/p>\n<p>Knobi: Das ist eine interessante Frage. Eine der sch\u00f6nsten Fragen fand ich ja immer: Gilt in der Anarchie die StVO, also die Stra\u00dfenverkehrsordnung?<\/p>\n<p>Das ist eine sehr sch\u00f6ne Frage. Da kann sich jeder einmal dr\u00fcber Gedanken machen, ob das so funktioniert.<\/p>\n<p>Die Perspektive sehe ich weniger darin, dass zehntausend schwarz Gekleidete mit schwarzen Fahnen durch die Stra\u00dfen ziehen, als vielmehr die Sachen, die wir eigentlich schon seit den 1970er Jahren immer wieder versucht haben, in B\u00fcrgerinitiativen, in Widerstandsgruppen libert\u00e4re Werte einzubringen. Das ist zum Beispiel Basisdemokratie, einen respektvollen Umgang miteinander, dass man versucht, Herrschaftslosigkeit auch schon im Alltag unterzubringen. Auch Gewaltfreiheit nat\u00fcrlich, was mit manchen Menschen vielleicht ein bisschen schwierig ist, etwa bei Demos. Da m\u00fcssen wir durch, da m\u00fcssen wir noch dran arbeiten. Aber da sehe ich, dass viele anarchistische, libert\u00e4re Ans\u00e4tze in der Gesellschaft durchaus schon erkennbar sind. Zum Beispiel auch bei der Occupy-Bewegung.<\/p>\n<p>Da sind viele Sachen schon vorhanden, die libert\u00e4r sind, die man gar nicht mit der schwarzen Fahne als anarchistisch deklarieren muss. Das ist ein Fortschritt. Ich hoffe, dass da noch mehr entsteht, dass sich die Gesellschaft von sich aus wandelt, dass Ungerechtigkeiten, die durch das System existieren, noch mehr aufgedeckt werden und sich immer mehr Leute ohne schwarze Fahne daran machen dieses System zu bek\u00e4mpfen.<\/p>\n<p><b>GWR: M\u00f6chtest Du noch etwas erg\u00e4nzen, was Dir fehlt?<\/b><\/p>\n<p>Knobi: Das ist schwierig. Es fehlt ja noch viel. Wir sollten von dem Schubladendenken wegkommen. Das w\u00e4re mir ein Anliegen. Und dass man mehr darauf achtet wie die Gesellschaft miteinander umgeht. Leute, die im Mietshaus wohnen, wenn die sich einfach mal \u00fcberlegen, wie Horst Stowasser damals schon gesagt hat: &#8222;Anarchie ist machbar, Frau Nachbar&#8220;. Wie gehen wir also miteinander um, ohne sich gleich politisch einzuordnen? Wie gehe ich mit meinem Nachbarn um? Man muss nicht als der verschrieene Anarchist da stehen, sondern man kann sich ja durchaus mit dem Nachbarn unterhalten, auf ihn zugehen, bis der dann merkt: &#8222;Ach, guck an, dieser Anarcho-Typ, der ist ja doch nicht der Bombenleger, sondern ein ganz normaler Mensch.&#8220;<\/p>\n<p>Das sind die kleinen Schritte, die f\u00fcr mich Fortschritte sind. Daran sollten wir arbeiten, auch im Alltag.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution: Knobi, wie bist Du aufgewachsen? Wie verlief Deine Sozialisation? Und wie bist Du &#8222;politisch drauf gekommen&#8220;? Jochen Knoblauch: Eine Rolle spielte mein &#8222;Elternhaus&#8220;, wobei ich meinen leiblichen Vater nie kennengelernt habe. Meine Mutter war ziemlich liberal &#8211; alle Kinder wurden nicht getauft, und waren im \u00fcbrigen von verschiedenen V\u00e4tern. 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