{"id":14913,"date":"2015-10-01T00:00:00","date_gmt":"2015-09-30T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2015\/10\/ein-langmuetiger-ist-gegangen\/"},"modified":"2022-07-26T14:12:00","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:00","slug":"ein-langmuetiger-ist-gegangen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/10\/ein-langmuetiger-ist-gegangen\/","title":{"rendered":"Ein Langm\u00fctiger ist gegangen"},"content":{"rendered":"<p>Eine gro\u00dfe aktive Seele, die vom ersch\u00f6pften K\u00f6rper nicht mehr getragen und gen\u00e4hrt werden konnte, hat nach langem Leben ihr Wirken unter uns eingestellt. Diese Seele aber ist nicht gestorben. Darum verzagen wir nicht, die wir zur\u00fcck bleiben und zur\u00fcck blicken.<\/p>\n<p>Es bleibt die leibhafte Erinnerung an den Menschen Wolfgang. An einen K\u00e4mpfenden und Arbeitenden f\u00fcr Gewaltfreiheit und Frieden, in den letzten beiden Lebensjahrzehnten vielleicht eher im Stillen und Hintergrund, aber immer pr\u00e4sent, aufmerksam, teilnehmend, herzlich, engagiert. Die lauten T\u00f6ne, das aus Erregung schnell dahin Gesagte, waren nicht seine Sache. Manchmal sind es bestimmte pr\u00e4gende Charakterbilder, die einen an einen anderen Menschen erinnern. Wolfgang hatte einen bisweilen trockenen, hintergr\u00fcndigen Humor und konnte wunderbar verschmitzt und liebenswert lachen. Und er besa\u00df einen gro\u00dfen, reflektierten Langmut, was f\u00fcr alle geistigen Menschen kennzeichnend ist.<\/p>\n<p>Am liebsten besch\u00e4ftigt mit B\u00fcchern, ihrer Herausgabe, der Pr\u00e4sentation per ph\u00e4nomenalem B\u00fcchertisch und auf konventionellen wie alternativen Buchmessen, der Historie gewaltfreier Literatur und Suche nach neuen Projekten &#8211; zum Beispiel der &#8222;Dokumente zum Widerstand gegen die Wehrpflicht&#8220; (in zwei Auflagen) oder Wolfgang Hertles Larzac-Buch, die wichtige politische Beitr\u00e4ge, ja Pioniertaten waren. Und nat\u00fcrlich war da noch vieles mehr, darunter auch zahlreiche eigene Verlagsb\u00fccher (unter ISBN 3-88713 &#8211; &#8230;).<\/p>\n<p>Hier eine kleine bunte Auswahlliste: &#8222;Leben und Lernen in Landkommunen&#8220; (1979), Bill Moyers &#8222;Aktionsplan f\u00fcr Soziale Bewegungen&#8220;, &#8222;Politik und Selbstverwirklichung in der Alternativbewegung, Bd. 1&#8220; (1981), &#8222;My Life is my message. Das Leben und Wirken Mahatma Gandhis&#8220; (1988), George Woodcocks Gandhi-Biographie oder &#8222;Das freundliche Klassenzimmer. Gewaltfreie Konfliktl\u00f6sungen im Schulalltag&#8220; (1996).<\/p>\n<p>Einen besonderen Raum nahmen die Ver\u00f6ffentlichungen der franz\u00f6sischen gewaltfreien Arche-Gemeinschaft um den Gandhi-Inspirierten Lanza del Vasto ein.<\/p>\n<p>Extra erw\u00e4hnt sei auch in Wiederherausgabe das B\u00fcchlein Leonard Nelson: &#8222;Die sokratische Methode&#8220; (1992, 1995). Wolfgang war selbst wahrhaft ein sokratisch Denkender, Ergr\u00fcndender und Sprechender. Ein Philosoph also. Bis 2009 erschienen im 1976 gegr\u00fcndeten WeZu-Verlag an die 35 eigene Publikationen, 2014 dann erfolgte die Aufl\u00f6sung.<\/p>\n<p>Eng beteiligt war Wolfgang auch an der Zeitschrift Graswurzelrevolution (GWR), verpflichtet dem pazifistischen, antimilitaristischen, gewaltlosen Anarchismus. Verpflichtet auch dem Geist Tolstois und Gandhis und dessen Ahimsa-Lehre. Anh\u00e4nger vegetarischer Ern\u00e4hrungsweise. Wolfgang ist in der Uckermark in b\u00e4uerlicher Umgebung aufgewachsen. Als Kind und Jugendlicher hatte er sein \u00fcberwiegendes Aufwachsen in der Zeit des Nationalsozialismus erleben m\u00fcssen. Und wurde dennoch davon weder nachhaltig begeistert noch fanatisiert noch in dessen Sinn bleibend gepr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Man kann und darf in einer Erinnerung an Wolfgang aber nicht nur von ihm sprechen. Es ist auch eine W\u00fcrdigung seiner hinterbliebenen Partnerin, Lebensgef\u00e4hrtin, Mitstreiterin, Helga Weber (*1935). Die beiden hatten &#8211; positiv gesprochen &#8211; so etwas wie eine einander erg\u00e4nzende Symbiose-Beziehung, politisch gleichklingend wie auch eigenst\u00e4ndig nuanciert. Das macht den Verlust des anderen doppelt schwer.<\/p>\n<p>Der vertraute dialogische Widerpart fehlt pl\u00f6tzlich. Sie traten nicht als &#8222;Einheit&#8220; auf, waren je individuell beteiligt und ansprechbar, was ihre &#8222;Dualit\u00e4t&#8220; f\u00fcr viele so wertvoll machte.<\/p>\n<p>Ihre &#8222;Kongenialit\u00e4t&#8220; realisierte sich auch in so praktischen Dingen wie Gartenarbeit, Obst- und Gem\u00fcseanbau, Blumenpflege, Kompostanlage, Imkerei. So eine Art von naturverbundenem &#8222;Stoffwechsel&#8220; bringt au\u00dfer Achtung f\u00fcr Natur und Kreatur auch Ausgleich, Ruhe und Geduld ins revolution\u00e4re Gem\u00fct. Im Einklang mit einer eigenen, wenn auch bescheidenen vorst\u00e4dtischen Scholle. Es war \u00fcbers Jahr zu sehen und erleben, wie aus der Saat etwas w\u00e4chst und reift.<\/p>\n<p>Man mochte sich die beiden gar nicht anders als so denken und vorstellen. Und f\u00fcr viele Besuchende war dieser graswurzelnde Weber-Zucht-Garten neben dem ebenerdigen Verlagsb\u00fcro gelegen ein Refugium, Erholung. So manches Zeitungstreffen fand dort bei sch\u00f6nem Wetter im Freien statt. Im gro\u00dfen Haus am Steinbruchweg konnten bis zu zehn Personen bequem \u00fcbernachten. Wolfgangs und Helgas netzwerkende Gastfreundschaft war sprichw\u00f6rtlich.<\/p>\n<p>Wolfgang und Helga haben beide \u00fcber viele Jahre mit Abstand den besten, kl\u00fcgsten B\u00fcchertisch zu gewaltfrei-anarchistischer-alternativer Literatur gemacht. Das mehr als praktisch eingel\u00f6ste Anliegen war &#8222;B\u00fccher der Befreiung als Handwerkszeug gegen Unrecht und Gewalt&#8220; zur Verf\u00fcgung zu stellen. Immer mit kleinen, liebevollen wie auffallenden Akzenten und Accessoires ausgestattet, vermutlich \u00fcberwiegend Helgas Handschrift, die ihre andere eigene Art des Humors in diese Lebenssymbiose einbrachte. Wenn man was aus \u00e4lterer Zeit gesucht hat, in Wolfgangs umsichtiger, zuletzt 32 Seiten umfassender, eng bedruckter Vertriebsliste war es meist zu finden (noch immer im Internet wenigstens abrufbar), \u00fcber Weber-Zuchts Z\u00fcndbuchversand (ehemals Weber, Zucht &amp; Co.) noch aufzutreiben, oder sogar sorgsam aufbewahrt noch am Lager. Ein praktisches Kleinod. Unverzichtbar, von manchen vielleicht erst richtig registriert, seit es nicht mehr existiert.<\/p>\n<p>In einer politischen Aufbruchszeit der gewaltfreien Bewegung, als dies sehr wichtig und notwendig war, haben Wolfgang und Helga den Informationsdienst f\u00fcr gewaltfreie OrganisatorInnen \u00fcbernommen, herausgegeben und vertrieben. Viele, auch ich, haben daraus \u00fcber Jahre wertvolle Nachrichten und Anregungen bezogen, sich gewaltfrei weiter gebildet, am Netzwerk teilgehabt. Nicht extra zu erw\u00e4hnen braucht es Wolfgangs und beider zuverl\u00e4ssiges Wirken in verschiedenen Lebensader-Funktionen (u. a. der Finanzen) der F\u00f6deration Gewaltfreier Aktionsgruppen. Wolfgang und Helga haben nicht nur \u00fcber gewaltfreies Organisieren berichtet, sie waren \u00fcber viele Jahre selbst diese Organisatoren, st\u00fctzendes R\u00fcckgrat. Den Neustart 1988 zu einem anderen Gesicht und Konzept der Zeitschrift Graswurzelrevolution, die &#8222;Thesen zu Staatlichkeit und Anarchie heute&#8220;, haben beide begr\u00fc\u00dft, aktiv mitgetragen und begleitet.<\/p>\n<p>Ohne Wolfgangs und Helgas koordinierende Herausgeberschaft, Zu- und Mitarbeit, w\u00e4ren die von Redaktionen und AutorInnen erarbeiteten Jahrb\u00fccher f\u00fcr gewaltfreie und libert\u00e4re Aktion, Politik und Kultur wie auch die langj\u00e4hrig erschienenen Graswurzelkalender nicht denkbar gewesen.<\/p>\n<p>Und nat\u00fcrlich gibt es auch die Zeit davor, als ich Wolfgang und Helga in den 80er Jahren bei Treffen der GA-F\u00f6deration und dann im GWR-HerausgeberInnenkreis n\u00e4her kennen lernte, als Wolfgang und Helga einige Jahre lang f\u00fcr die WRI-Koordination in London t\u00e4tig waren und auch dort lebten. Viele internationale FreundInnen und Kontakte haben sie dadurch gewonnen und gekn\u00fcpft. Dar\u00fcber m\u00f6gen andere besser schreiben und erz\u00e4hlen k\u00f6nnen. Und nicht vergessen seien unsere gemeinsamen Tage beim Auftakt-Festival im Sommer 1993 in Magdeburg.<\/p>\n<p>In Lateinamerika gibt es einen sch\u00f6nen Brauch, von einem verstorbenen Menschen stets in Respekt und Gedenken so zu reden, als sei er noch unter uns, und so m\u00f6chte ich diese kurze erinnernde Betrachtung schlie\u00dfen mit den Worten &#8222;Wolfgang, presente!&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine gro\u00dfe aktive Seele, die vom ersch\u00f6pften K\u00f6rper nicht mehr getragen und gen\u00e4hrt werden konnte, hat nach langem Leben ihr Wirken unter uns eingestellt. Diese Seele aber ist nicht gestorben. Darum verzagen wir nicht, die wir zur\u00fcck bleiben und zur\u00fcck blicken. Es bleibt die leibhafte Erinnerung an den Menschen Wolfgang. 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