{"id":14926,"date":"2015-10-01T00:00:00","date_gmt":"2015-09-30T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2015\/10\/lebenslaute-statt-klimakiller\/"},"modified":"2022-07-26T13:05:42","modified_gmt":"2022-07-26T11:05:42","slug":"lebenslaute-statt-klimakiller","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/10\/lebenslaute-statt-klimakiller\/","title":{"rendered":"Lebenslaute statt Klimakiller"},"content":{"rendered":"<p>Die Besetzung des Braunkohle-Tagebaus durch Lebenslaute war eine der spektakul\u00e4rsten Aktionen seit Gorleben 2006. Wir sind ohne nennenswerte Hindernisse auf das Gel\u00e4nde gekommen. Dank der Umsicht und genauen Ortskenntnis unserer Unterst\u00fctzerinnen haben wir das ohne Unfall geschafft. Die Beteiligung war erfreulich: Der j\u00fcngste Teilnehmer war 13, der \u00e4lteste \u00fcber 80 Jahre alt.<\/p>\n<p>Gerade die rege Beteiligung junger Leute l\u00e4sst f\u00fcr die Zukunft von Lebenslaute alles Gute hoffen. Alles kam den steilen Abhang hinunter: Ein Kontrabass, vier Celli, ein Schlagzeug, etc. etc., dazu Materialien der Unterst\u00fctzungsgruppe, z. B. zwei Pavillons und Planen gegen Regen. Es erklang unsere Musik, die ihre magische Kraft entfaltete. Sie wirkte nicht nur auf die mit dazu gekommenen B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger aus der Umgebung, sondern auch auf das Personal der Sicherheitsfirma und der Polizei.<\/p>\n<p>Trotzdem ist es wichtig, dass wir jetzt nicht einem unkritischen Freudentaumel verfallen, sondern uns auf das besinnen, was wir mit dieser Aktion erreichen wollten und uns fragen, ob wir es erreicht haben. Es geht darum, aus dieser Aktion zu lernen, um unsere Aktionsform und die geplanten Ziele immer besser in Einklang zu bringen.<\/p>\n<p>Den Braunkohlen-Tagebau haben wir mit unserer Aktion jedenfalls noch nicht ins Wanken gebracht, auch wenn wir der Aktion &#8222;Ende Gel\u00e4nde&#8220; [vgl. GWR 401] das Sahneh\u00e4ubchen aufgesetzt haben. Mit der Medienpr\u00e4senz k\u00f6nnen wir zufrieden sein, \u00fcberregional hat uns das Fernsehen eine Stimme gegeben, wenn auch nicht die gro\u00dfen Tageszeitungen.<\/p>\n<h3>Das Training und die Rolle der Polizeisprecherin<\/h3>\n<p>Ein Punkt, den wir zu organisieren vergessen haben, war die Information f\u00fcr Neue \u00fcber die Strukturen von Lebenslaute und \u00fcber die Grundlagen unserer Aktionen. Beim Probenwochenende hatten wir daran gedacht, deshalb ist dieser Punkt bei den Aktionstagen selbst untergegangen, obwohl er am Trainingstag einen guten Platz gehabt h\u00e4tte. Die gelegentlich beklagten L\u00e4ngen dieses Trainingstages lagen wohl auch daran, dass die &#8222;alten Hasen&#8220; viele Dinge noch einmal zu h\u00f6ren bekamen, die sie schon im Schlaf h\u00e4tten sagen k\u00f6nnen. Bei einer Informationseinheit nur f\u00fcr &#8222;Neue&#8220; w\u00e4re dann vielleicht auch die Rolle der Polizeisprecherin genauer gekl\u00e4rt worden, auch f\u00fcr diese selbst. Es ist ja klar, dass jemand, der oder die Kontakt mit der Polizei aufnimmt, sofort den Manipulationsversuchen der Staatsmacht ausgesetzt ist. Nur wer sich das in jedem Augenblick bewusst h\u00e4lt, kann souver\u00e4n mit dieser Funktion spielen. Um kurz zusammenzufassen, was f\u00fcr mich beim Polizeikontakt wichtig ist: Wer mit der Polizei spricht, \u00fcbermittelt nicht unsere Absichten, sondern versucht, vorhandene Aggressionen abzubauen oder zu deeskalieren. Er oder sie soll uns die W\u00fcnsche der Polizei \u00fcbermitteln, aber ohne uns damit unter Druck zu setzen. Die Polizei muss erfahren, dass wir a) l\u00e4nger brauchen werden, um zu diskutieren und b) dass wir keine Befehle entgegennehmen.<\/p>\n<h3>Stress im Plenum<\/h3>\n<p>Es ist verst\u00e4ndlich, dass vor einer Aktion der Stresspegel steigt und dass sich bei jedem und jeder immer wieder Gedanken regen, Einw\u00e4nde, bildliche Vorstellungen, die diesem Stress und den von der Aktion ausgehenden \u00c4ngsten entsprechen.<\/p>\n<p>Umso wichtiger ist es, dass alle ihre Selbstdisziplin wahren und bei jedem Impuls, im Plenum etwas zu sagen oder eine Frage zu stellen, sich selbst erst einmal bremsen: Ist das jetzt notwendig? Kann ich das nicht auch in der Bezugsgruppe vorbringen? Wird sich dieser Einwand nicht mit der Zeit erledigen?<\/p>\n<p>Ein Plenum von \u00fcber 70 Personen kann nur Sachinformationen aufnehmen, wie sie durch die Logistikgruppe hervorragend vermittelt worden sind, die Diskussion dar\u00fcber geh\u00f6rt in die Bezugsgruppen. Und ebenso auch viele Verst\u00e4ndnisfragen.<\/p>\n<p>In diesem Punkt reden sich manche heraus: &#8222;Meine Frage war ja nur eine Verst\u00e4ndnisfrage&#8220;, wo in Wirklichkeit bereits eine Meinung ge\u00e4u\u00dfert worden ist. Auch die Diskussion in den Bezugsgruppen kl\u00e4rt nicht immer alle Punkte, vor allem ist es nicht immer einfach, unsere Entscheidungen konsistent zu halten: Es ist wenig hilfreich, wenn wir in einer Runde Bezugsgruppen\/ Rat die Entscheidungen der vorherigen Runde ins Gegenteil verkehren. Auch haben die SprecherInnen nicht immer die F\u00e4higkeit, die Stimmung im Rat genau wiederzugeben.<\/p>\n<h3>Unzul\u00e4ssige Argumente<\/h3>\n<p>Hier komme ich auf einen Punkt, der mich ge\u00e4rgert hat, weil er an die Prinzipien unserer Basisdemokratie r\u00fchrt. Die Logistikgruppe hatte in optimaler Weise dargelegt, auf welchen Wegen wir auf das Gel\u00e4nde kommen k\u00f6nnten, und die verschiedenen M\u00f6glichkeiten als Variante 1 &#8211; 4 bezeichnet. Anschlie\u00dfend hatte sie das Plenum verlassen und somit uns allen die Entscheidung dar\u00fcber aufgegeben, was wir mit den vorgetragenen Informationen anfangen. Mir schien \u00fcbrigens, die Reihenfolge der Varianten war keine Priorisierung, sondern hatte nur mit der L\u00e4nge der Wege zu tun: Variante 1 schloss sich unmittelbar an die Demo in Manheim an, Variante 2 ebenfalls, war aber vom Weg her etwas l\u00e4nger, etc. Von Seiten der Logistikgruppe war alles gesagt, aber nun kam auf einmal das Argument, wir m\u00fcssten die R\u00fcckkehr der Gruppe abwarten, andernfalls w\u00fcrden wir ihre Arbeit nicht genug wertsch\u00e4tzen, denn sie h\u00e4tte sich doch so viel M\u00fche mit der Reihenfolge gegeben. Das war ein unertr\u00e4gliches Autorit\u00e4tsargument, das \u00fcbrigens von der Logistikgruppe selbst gar nicht geteilt wurde: Etwas sp\u00e4ter lehnte sie es entschieden ab, uns die Entscheidung \u00fcber den Weg abzunehmen.<\/p>\n<p>Sachliche Argumente f\u00fcr die Wahl des einen oder anderen Weges konnten sich ergeben aus der St\u00e4rke der Polizeipr\u00e4senz an dem einen oder anderen Weg, aber ebenso auch aus der L\u00e4nge des Fu\u00dfweges, den wir zu machen h\u00e4tten. Diskutiert wurde auch das m\u00f6gliche Abfallen der Spannung, wenn wir nach der Auftaktdemo zum Gemeindezentrum zur\u00fcckf\u00fchren, statt von der Demo aus sofort weiter zu gehen &#8211; alles legitime \u00dcberlegungen. Nat\u00fcrlich ist es klar, wie wir uns entscheiden, wenn die Logistikgruppe sagt: Der Weg X ist voller Polizei, aber der Weg Y ist frei. Deswegen hat aber die Logistikgruppe noch lange nicht entschieden. Und dass, wenn einmal alle losgefahren sind, jemand die Koordination \u00fcbernimmt und sich darum k\u00fcmmert, ob alle da sind, sich niemand verirrt hat, etc., hat nichts mit Leitung oder Autorit\u00e4t zu tun. Unzul\u00e4ssig ist nur, wie gesagt, Argumente auf die Autorit\u00e4t (oder die Zustimmung, die gute Laune&#8230;) bestimmter Personen zu st\u00fctzen.<\/p>\n<h3>Abbruchkriterium<\/h3>\n<p>Es ist interessant, dass bei der Frage des Abbruchkriteriums vergleichbare Argumente verwendet wurden, die, wie ein Teilnehmer sagte, ihn geradezu entm\u00fcndigt haben. Nun gut, es wurde dunkel und es fing an zu regnen, die Situation wurde ungem\u00fctlich, man konnte kaum mehr musizieren. Dass in dieser Situation viele sagen w\u00fcrden: Wir haben alles erreicht, was wir wollten, lasst uns gehen und das Angebot der RWE zu freiem Geleit annehmen, kann nicht verwundern. Wesentlich war aber die Frage, wie die, die gehen wollten, mit der Verantwortung derjenigen umgingen, die bleiben wollten. Und da gab es, wie ich geh\u00f6rt habe, Argumente wie: Wir f\u00fchlen uns doch f\u00fcr euch verantwortlich, wenn ihr bleibt; wir h\u00e4tten keine Ruhe, ja, ein schlechtes Gewissen, wenn wir ohne euch gehen&#8230;, oder gar: Wenn ihr bleibt, seid ihr nicht mehr Teil der Lebenslaute-Aktion, sondern macht das auf eigenes Risiko.<\/p>\n<p>Nun hatten wir die Aktion in der Erwartung begonnen, dass wir alle nach k\u00fcrzester Zeit ger\u00e4umt werden w\u00fcrden. Wir kannten doch die Berichte von den Leuten der Wiesenbesetzung und von der Aktion &#8222;Ende Gel\u00e4nde&#8220;. Wir hatten ausf\u00fchrlich diskutiert, welche politischen Vor- oder Nachteile es h\u00e4tte, seine Personalien anzugeben oder nicht. Und nun geschah: Nichts. Abgesehen von der permanenten Beschallung vom Bagger her: &#8222;Sie begehen eine Straftat, die wir zur Anzeige bringen werden&#8230;&#8220;, die einige als L\u00e4rmfolter bezeichneten. Und das vergiftete RWE-Angebot: Wenn Sie jetzt gehen, werden wir keine Strafanzeigen gegen Sie stellen. Nun hatten aber einige genau die Absicht, Strafanzeigen und Prozesse politisch einzusetzen. Sie wollten ger\u00e4umt werden und einen Prozess bekommen, um die Wirkung unserer Aktionsform noch zu vergr\u00f6\u00dfern. \u00dcbrigens h\u00e4tten sie trotz des sp\u00e4ter einsetzenden Wolkenbruchs es sich unter den beiden Pavillons samt den Planen noch recht gem\u00fctlich machen k\u00f6nnen. Doch h\u00e4tten sie kaum die ganze Nacht dort ausharren m\u00fcssen, wahrscheinlich ist eher, dass Polizei und Wachschutz gleich nach dem Abzug der Mehrheit zugegriffen h\u00e4tten, schon um selbst endlich Feierabend zu haben. Alle diese M\u00f6glichkeiten wurden verbaut dadurch, dass die zum Bleiben Entschlossenen quasi gezwungen wurden, mit den \u00fcbrigen mitzuziehen. Das war das Gegenteil der behaupteten Solidarit\u00e4t.<\/p>\n<h3>Die Aktion im Rahmen des lokalen und \u00fcberregionalen Widerstandes<\/h3>\n<p>Im Vorfeld hatten wir als Konzept vertreten, dass wir praktisch den Schlusspunkt einer ganzen Kampagne setzen, die sich in diesem Jahr am Braunkohle-Tagebau im Rheinland entz\u00fcndet hat. Als Gr\u00fcnde wurden genannt: 1. Viele von uns k\u00f6nnen zum Zeitpunkt der Massenaktion &#8222;Ende Gel\u00e4nde&#8220; nicht dabei sein. 2. Wir wollen nicht in der Masse untergehen. 3. Wir wollen am Tagebau Hambach musizieren und nicht in Garzweiler.<\/p>\n<p>Ich denke, alle drei Gr\u00fcnde haben sich bew\u00e4hrt, vielleicht findet noch jemand mehr Gr\u00fcnde. Hervorheben kann ich vor allem die gute Zusammenarbeit mit den &#8222;Wiesen-BesetzerInnen&#8220;, die f\u00fcr beide Teile eine Bereicherung war. Die Wiesen-BesetzerInnen waren verbl\u00fcfft, wie sanft auf einmal der Werkschutz agierte; und sie wirkten begeistert nach Kr\u00e4ften zur Unterst\u00fctzung und an unserem Konzert mit, entweder durch direktes Mittun oder durch das Tanzen auf dem still stehenden F\u00f6rderband, das wir von Lebenslaute begeisternd fanden. Hilfreich war auch die Zusammenarbeit mit der BI, die uns gelegentlich in brenzligen Situationen die entscheidende Hilfe zu liefern wusste.<\/p>\n<p>Einige Personen aus dem lokalen Umfeld haben sich entschlossen, mit uns in die Grube zu steigen, und waren sogar bereit, mit den anwesenden Fernsehteams zu sprechen. Damit hatten wir erreicht, was wir uns bei der Planung vorgenommen hatten. Ger\u00fchrt waren wir vom Besuch eines Bauern bei unserer Abschlussrunde, der seinen Dank durch einen Sack Kartoffeln auszudr\u00fccken wusste, den er uns spendete.<\/p>\n<p>Es war sch\u00f6n, dass sich um 3 Uhr nachts noch eine Gruppe von Menschen fand, die sich ins 14 km entfernte Bergheim aufmachte, um die dort in der Polizeistation Festgehaltenen abzuholen. Die n\u00e4chtliche Musik veranlasste die Polizei, die drei jungen Leute nach k\u00fcrzester Zeit freizulassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Besetzung des Braunkohle-Tagebaus durch Lebenslaute war eine der spektakul\u00e4rsten Aktionen seit Gorleben 2006. Wir sind ohne nennenswerte Hindernisse auf das Gel\u00e4nde gekommen. Dank der Umsicht und genauen Ortskenntnis unserer Unterst\u00fctzerinnen haben wir das ohne Unfall geschafft. Die Beteiligung war erfreulich: Der j\u00fcngste Teilnehmer war 13, der \u00e4lteste \u00fcber 80 Jahre alt. 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