{"id":14929,"date":"2015-10-01T00:00:00","date_gmt":"2015-09-30T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2015\/10\/ein-schwarzer-roter\/"},"modified":"2022-07-26T14:12:00","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:00","slug":"ein-schwarzer-roter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/10\/ein-schwarzer-roter\/","title":{"rendered":"Ein &#8222;schwarzer&#8220; Roter"},"content":{"rendered":"<h3>B\u00fcndisch-katholische Jugendbewegung<\/h3>\n<p>Geboren am 4. Mai 1931, wuchs Arno Kl\u00f6nne im katholischen Milieu in Bochum auf. Sein Vater war Lehrer und Mitglied der Zentrumspartei, seine Mutter in der Pfarrbibliothek angestellt. Dort entdeckte der junge Arno in einer abgelegenen Kammer die unter der NS-Diktatur verbotenen B\u00fccher, in die er sich vertiefte. Anschluss gefunden hatte er in der katholisch-b\u00fcndischen Jugend, die in der Anfangszeit des Faschismus noch einen halblegalen Status hatte.<\/p>\n<p>Auf diese Weise kam er in Kontakt zu weiteren b\u00fcndischen Jugendgruppen, die in Opposition zur Hitlerjugend standen.<\/p>\n<p>Kl\u00f6nne hat sp\u00e4ter viele Beitr\u00e4ge \u00fcber dieses widerst\u00e4ndige, subkulturelle Jugendmilieu geschrieben ((1)), das sich aus der Wandervogelbewegung vor dem Ersten Weltkrieg entwickelte und sich organisationstraditionellen Einordnungen weitgehend entzog. In ihr fanden sich einerseits sehr problematische v\u00f6lkische Beimengungen, andererseits steckte in ihnen auch ein antiautorit\u00e4rer Impuls, ein Anspruch auf Autonomie, der sich mit dem unbedingten Herrschaftswillen des NS-Staates nicht vertrug. Kl\u00f6nne erlebte diese Widerspr\u00fcche und Ambivalenzen durch eigene Anschauung.<\/p>\n<p>Der &#8222;vaterl\u00e4ndische&#8220; Teil der Jugendbewegung war auf Gefolgschaftstreue und strenge Regeln ausgerichtet und neigte politisch zur &#8222;konservativen Revolution&#8220;. Kl\u00f6nne schrieb hierzu: &#8222;Die sich ausbreitende Hitler-Bewegung konnte hier ankn\u00fcpfen, und sie machte sich den in der Weimar Republik g\u00e4ngigen Mythos von einer \u201aSendung der jungen Generation&#8216; zunutze, \u201aNationalsozialismus ist organisierter Jugendwille&#8216; hie\u00df es&#8220; ((2)). In seinem Buch &#8222;Jugend im Dritten Reich&#8220; arbeitete er heraus, welche Traditionen, Beweggr\u00fcnde und NS-Herrschaftsinstrumente dazu gef\u00fchrt haben, dass die gro\u00dfe Masse der jungen Menschen zu willigen und fanatischen Anh\u00e4ngerInnen des Faschismus wurden, in den Krieg zog und weltweit unvorstellbares Leid verursachte.<\/p>\n<h3>Wilde b\u00fcndische Gruppen<\/h3>\n<p>Der Widerstand der &#8222;aufs\u00e4ssigen&#8220; Jugendgruppen gegen autorit\u00e4ren Drill und F\u00fchrerkult dr\u00fcckte sich nicht nur in politischen Aktivit\u00e4ten aus, sondern auch in einer anderen Weise, sich zu kleiden, sich solidarisch untereinander zu verhalten, eigenwillig auszudr\u00fccken, gemeinschaftlich zu wandern, Freir\u00e4ume zu verteidigen und freche Lieder zu singen, von denen Arno gerne eines zitierte: &#8222;Kurze Haare, gro\u00dfe Ohren \/ so war die HJ geboren! \/ Lange Haare, Tangoschritt -\/ da kommt die HJ nicht mit! \/ Oho. O-ho! \/ Und man h\u00f6rt&#8217;s an jeder Eck&#8216; \/ die HJ mu\u00df wieder weg!&#8220; ((3)).<\/p>\n<p>Es ist das Verdienst von Arno Kl\u00f6nne, dass die &#8222;wilden b\u00fcndischen Gruppen&#8220; und insbesondere die &#8222;Edelwei\u00dfpiraten&#8220; Eingang in die BRD-Geschichtsschreibung gefunden haben. Denn nach der staatsnahen Darstellung leistete nur eine kleine politische Elite Widerstand gegen den Faschismus.<\/p>\n<p>Die Opposition der einfachen Leute entsprach nicht dem g\u00e4ngigen Denkmuster und wurde deswegen aus dem kollektiven Ged\u00e4chtnis verdr\u00e4ngt. Aber auch den Mythos der linken Parteigeschichtsschreibung, die politischen Widerstand nur als Ausf\u00fchrung von ZK-Beschl\u00fcssen denken konnte, widerlegte er.<\/p>\n<h3>Die katholische ArbeiterInnenbewegung<\/h3>\n<p>Das Rheinland und Teile Westfalens waren gr\u00f6\u00dftenteils katholisch gepr\u00e4gt, was seinen Ausdruck darin fand, dass sich hier seit 1860 viele katholische ArbeiterInnenvereine gegr\u00fcndet hatten. Sie kn\u00fcpften an die kapitalismuskritischen \u00dcberlieferungen der katholischen Soziallehre an und wurden in diesen Gebieten die st\u00e4rkste Kraft.<\/p>\n<p>Die Sozialdemokratie hatte ihre Basis in der protestantisch gepr\u00e4gten Facharbeiterschaft.<\/p>\n<p>Im Rheinland und Ruhrgebiet k\u00e4mpften die einfachen IndustriearbeiterInnen in den katholischen und teilweise anarchosyndikalistischen Gewerkschaften auch mit radikalen Aktionen gegen die autorit\u00e4ren &#8222;Schlotbarone&#8220;.<\/p>\n<p>Die sozialdemokratischen Arbeitervereine hingegen galten vielfach als bieder und in ihrer mehrheitlich protestantischen Auspr\u00e4gung als freudlos, so Arno Kl\u00f6nne in seiner bemerkenswerten Studie \u00fcber den Mythos der &#8222;ewigen Ruhrgebietspartei&#8220; SPD ((4)).<\/p>\n<p>Sie konnte hier nicht wirklich Fu\u00df fassen, weil w\u00e4hrend der Weimarer Republik in der ArbeiterInnenschaft das Zentrum und die KPD das Feld beherrschten. In den meisten ArbeiterInnenhaushalten gab es zwischen dem Sozialkatholizismus und der Kommunistischen Partei keine emotional un\u00fcberwindliche Schranken, sondern oft eine pragmatische Arbeitsteilung: &#8222;Die Frau w\u00e4hlte Zentrum, der Mann KPD&#8220; ((5)).<\/p>\n<p>Selbst nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs die mittlerweile weiter nach rechts ger\u00fcckte Zentrum-Nachfolgepartei CDU in NRW kontinuierlich in der W\u00e4hlergunst an, bis sie auf ihrem H\u00f6hepunkt 1958 ganze 50,5 Prozent der Stimmen erhielt.<\/p>\n<p>Erst nachdem sich die SPD durch das 1959 verabschiedete Godesberger Programm weiter angepasst hatte und auf eine Gro\u00dfe Koalition bundesweit orientierte, konnte sie langsam in den 1960er Jahren das Ruhrgebiet f\u00fcr sich &#8222;erobern&#8220;.<\/p>\n<h3>Gegen Wiederbewaffnung<\/h3>\n<p>Diese in jungen Jahren erlebten Erfahrungen pr\u00e4gten Kl\u00f6nne. Inzwischen zu Verwandten nach Paderborn gezogen, war der Neunzehnj\u00e4hrige 1950 kurzzeitig Mitglied in der titoistisch orientierten Unabh\u00e4ngigen Arbeiterpartei (UAP), die er schnell wegen Streitigkeiten mit Trotzkisten wieder verlie\u00df ((6)).<\/p>\n<p>Ab 1950 schloss Kl\u00f6nne sich dem Kampf gegen die Wiederbewaffnung Westdeutschlands und sp\u00e4ter der Bewegung gegen die geplante Atombewaffnung an. Bis 1954 schrieb er in der von den Anarchosyndikalisten Augustin Souchy und Rudolf Rocker herausgegebenen anarchistischen Zeitschrift &#8222;Die Freie Gesellschaft&#8220; ((7)).<\/p>\n<p>In diesen Jahren \u00fcbten die Gewerkschaften und die \u00fcberparteiliche Paulskirchenbewegung Druck auf die SPD aus, sich eindeutig gegen die Wiederbewaffnung zu positionieren.<\/p>\n<p>F\u00fcr Kl\u00f6nne war es nun naheliegend, in der gr\u00f6\u00dften Oppositionspartei im Land f\u00fcr sein Anliegen zu werben. Er wurde Mitglied.<\/p>\n<p>F\u00fcr ihn stellte neben den au\u00dferparlamentarischen Aktivit\u00e4ten in der Friedensbewegung auch das weite Feld der Naturfreunde- und Gewerkschaftsjugend, Falken, Jusos und der SPD ein Terrain dar, dass beackert werden musste, wenn man das Bewusstsein m\u00f6glichst vieler tendenziell ver\u00e4nderungswilliger Menschen noch weiter sch\u00e4rfen und sie zum aktiven Widerstand anregen wollte.<\/p>\n<p>Die Politik der SPD analysierte Kl\u00f6nne Mitte der 1950er Jahre als sehr zwiesp\u00e4ltig. Einerseits gab sie WiederbewaffnungsgegnerInnen anfangs die M\u00f6glichkeit ihre Positionen darzustellen, andererseits begann sie, lediglich Details der offiziellen Militarisierungspolitik zu kritisieren und legitimierte letztendlich auf diese Weise das Regierungshandeln in diesem Bereich als Ganzes ((8)).<\/p>\n<p>War in der ersten H\u00e4lfte der 1950er Jahre noch eine breite Ablehnung innerhalb der Bev\u00f6lkerung gegen die Wiederbewaffnung sp\u00fcrbar, wurden bereits Ende der 50er Jahre Kriegsdienstverweigerer oft in der \u00d6ffentlichkeit diffamiert und isoliert.<\/p>\n<h3>Die Ostermarschbewegung<\/h3>\n<p>In Anlehnung an den ersten Ostermarsch gegen Atomwaffen in England im Jahre 1958, fanden ab 1960 in der BRD ebensolche Veranstaltungen statt.<\/p>\n<p>Sie breiteten sich rasch aus und wuchsen von ein paar hundert TeilnehmerInnen innerhalb weniger Jahre auf mehrere Hunderttausende an. Arno Kl\u00f6nne wurde einer der &#8222;Pressesprecher&#8220; dieser Bewegung. F\u00fcr ihn war wichtig, dass sich eine breit angelegte, unabh\u00e4ngige Organisationsstruktur entwickelte, die sich aus der Bevormundung z\u00f6gerlicher oder gar kontraproduktiv agierender Gro\u00dforganisationen l\u00f6ste.<\/p>\n<p>Die Verkehrsformen in der SPD hatten nach Ansicht von Kl\u00f6nne viel \u00c4hnlichkeit mit dem preu\u00dfischen Kasernenhof. Parteiausschl\u00fcsse, Disziplinierung der Mitglieder und Unterdr\u00fcckung innerparteilicher Debatten waren auf der Tagesordnung.<\/p>\n<p>Kl\u00f6nne trat aus, nach ein paar Jahren wieder ein. Im Gefolge der neu erwachten au\u00dferparlamentarischen Aktivit\u00e4ten versuchten etliche SozialistInnen oder orthodoxe MarxistInnen neue Parteien aufzubauen. Die alte KPD war seit 1952 verboten. Die misslungenen Versuche mit DFU, ADF und VUS ((9)) f\u00fchrten, so beobachtete Kl\u00f6nne es zutreffend, zu Streitereien, Verbitterung, Zynismus und Resignation unter den Beteiligten.<\/p>\n<p>Nachdem Kl\u00f6nne in den 50er Jahren auf DGB-Veranstaltungen zum Generalstreik gegen Wiederaufr\u00fcstung aufrief ((10)) und er deswegen von den Funktion\u00e4ren abgewimmelt wurde, war es sicher kein Zufall, dass er mitten im Kleinparteien-Gr\u00fcndungsfieber 1965 in den von ihm herausgegebenen &#8222;Studien von Zeitfragen&#8220; (SVZ) einen zehn Seiten langen Artikel \u00fcber den Anarchosyndikalismus ver\u00f6ffentlichte und darin betonte, dass politisch aktive Menschen durch unabh\u00e4ngige Selbstorganisation von unten ihre Interessen viel unmittelbarer durchsetzen k\u00f6nnen ((11)).<\/p>\n<p>Um das politisch-kulturelle Bewusstsein der Menschen zu sch\u00e4rfen gr\u00fcndete Arno Kl\u00f6nne 1957 zusammen mit einigen alten FreundInnen aus der b\u00fcndischen Zeit die Zeitschrift &#8222;Pl\u00e4ne&#8220; ((12)), aus der in den 60er Jahren ein Schallplattenverlag hervorging, der Anfangs Protestlieder der Ostermarschbewegung ver\u00f6ffentlichte und sp\u00e4ter sein Programm enorm ausweitete.<\/p>\n<h3>Ein unb\u00fcrokratisches B\u00fcro<\/h3>\n<p>Nach dem H\u00f6hepunkt der Studentenrevolte 1968 entstand teilweise als Fortsetzung der Ostermarschbewegung ein lockeres Netzwerk undogmatischer sozialistischer Gruppen aus verschiedenen Arbeitsfeldern mit einem Koordinationsb\u00fcro. Das &#8222;Sozialistische B\u00fcro&#8220; (SB) gab die von Kl\u00f6nne mitgegr\u00fcndete einflussreiche Monatszeitung &#8222;Links&#8220; heraus, in der ein reger Erfahrungsaustausch stattfand und linkssozialistische, basisdemokratische und libert\u00e4re Positionen ihren Platz hatten.<\/p>\n<p>Hier schrieben oft und regelm\u00e4\u00dfig die heutigen GWR-Autoren Wolf-Dieter Narr, Mohssen Massarrat und Ekkehart Krippendorff. Eine ganze Reihe von &#8222;Links&#8220;-Beitr\u00e4gen waren allerdings in einem so hochgestochenen Polit-Kauderwelsch geschrieben, dass ich damals nur mit der H\u00e4lfte davon etwas anfangen konnte &#8211; ich hatte ja kein Hochschulstudium absolviert. Die Artikel vom Soziologieprofessor Kl\u00f6nne verstand ich jedoch sofort, weil er die Gabe hatte, sich klar auszudr\u00fccken ohne dabei auf notwendige Differenzierungen zu verzichten.<\/p>\n<p>Sicher gab es im SB auch Leute, die immer noch die Gr\u00fcndung einer linkssozialistischen Partei erhofften. Dies wurde aber mit deutlicher Mehrheit abgelehnt. Die Analyse von Kl\u00f6nne, dass die Bedingungen hierf\u00fcr aufgrund der verheerenden Auswirkungen der faschistischen Barbarei und der daraus resultierenden &#8222;d\u00fcrren politischen Alltagskultur&#8220; nicht vorhanden waren, war realistisch. Seiner Meinung nach war die politische Arbeit ohnehin am ehesten abseits der Parteipolitik sinnvoll: &#8222;als antreibende, zugleich Traditionen vermittelnde Gruppen in au\u00dferparlamentarischen Bewegungen und als publizistische \u201aschulende&#8216;, mitunter aber auch unmittelbar aktive Initiatoren einer politisch konsequenten Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit&#8220; ((13)).<\/p>\n<p>Neben dem &#8222;Antirepressionskongress&#8220; 1976 mit fast 20.000 TeilnehmerInnen in Frankfurt und der Beteiligung am Russeltribunal zu Menschenrechten und Berufsverboten in der BRD von 1977 bis 1979 waren f\u00fcr mich oft die kleineren, eher unauff\u00e4lligen Anregungen aus dem SB wichtig. In den &#8222;Links&#8220;-Inseraten und Beitr\u00e4gen erfuhr ich Anfang der 70er Jahre schon fr\u00fch von der Existenz des anarchistischen Karin Kramer Verlages, den Zeitschriften &#8222;Befreiung&#8220;, &#8222;Schwarze Protokolle&#8220;, &#8222;Wir wollen alles&#8220;, &#8222;Politikon&#8220;, &#8222;Carlo Sponti&#8220; und nicht zuletzt von der &#8222;Graswurzelrevolution&#8220;.<\/p>\n<h3>Gr\u00fcne und Alternativbewegung<\/h3>\n<p>Ein Teil der SB-AktivistInnen sollte sich sp\u00e4ter im Laufe der 80er und 90er Jahre in Richtung gr\u00fcne Partei verabschieden. Kl\u00f6nne hatte bereits 1980 die &#8222;l\u00e4hmende Konventionalisierung gr\u00fcner Politikformen&#8220; ((14)) vorhergesagt und darauf hingewiesen, dass schon die fr\u00fche ArbeiterInnenbewegung den Traum hatte, anders zu arbeiten, zu produzieren und miteinander zu leben. Diese Bestrebungen waren nicht v\u00f6llig neu.<\/p>\n<p>Seine kritische Einstellung zu den Gr\u00fcnen hinderte ihn aber nicht daran, mit gr\u00fcnen Kreisverb\u00e4nden Wochenendseminare zu veranstalten und mit ihnen solidarisch, aber mit klarer Ansage zu diskutieren.<\/p>\n<p>Mit Blickrichtung auf die &#8222;Alternativbewegung&#8220; schrieb er zur &#8222;Neuen Geschichtsbewegung&#8220; im Jahr 1986 kritisch: &#8222;Die Hinwendung zu \u00fcberschaubaren, kleinr\u00e4umigen, lokalisierbaren Geschichte enth\u00e4lt das Risiko, sich der schwierigen Analyse des historisch-gesellschaftlichen Makrokosmos durch die gedankliche Flucht in die \u201akleine Einheit&#8216; zu entziehen. Nur zu leicht entsteht dabei ein Kult der Unmittelbarkeit, mitunter auch eine Vort\u00e4uschung \u201aungebrochenen Lebens&#8216;, das aber auch der historischen Realit\u00e4t vor Ort nicht innewohnte &#8230;&#8220; ((15)).<\/p>\n<h3>Marxismus<\/h3>\n<p>Im Jahr 1983 fragte ich bei Arno Kl\u00f6nne f\u00fcr die anarchistische Vierteljahreszeitung &#8222;Schwarzer Faden&#8220; an, ob er einen Beitrag zu dem vielbeachteten hundertsten Todestag von Karl Marx schreiben k\u00f6nnte. Er hatte bereits im Jahr 1979 in einem taz-Artikel Erich M\u00fchsams Begriff &#8222;Bismarxismus&#8220; ((16)) f\u00fcr die ideologische Haltung der deutschen Sozialdemokratie \u00fcbernommen.<\/p>\n<p>Arno schickte einen achtseitigen Artikel ((17)), in dem er n\u00fcchtern die historischen und \u00f6konomischen Hintergr\u00fcnde aufzeigte, die dazu gef\u00fchrt hatten, dass Marx die industrielle Weiterentwicklung der Produktivkr\u00e4fte f\u00fcr notwendig hielt, damit &#8222;naturnotwendig&#8220; die proletarische Revolution stattfinden k\u00f6nnte. Nach Kl\u00f6nnes Darstellung erschien Marx Teilen der fortschrittsgl\u00e4ubigen ArbeiterInnenbewegung als zweiter Darwin und vermittelte ihr mit den naturgesetzlich &#8222;sicheren&#8220; Erfolgsaussichten eine geh\u00f6rige Portion Selbstbewusstsein. Mit Bakunin kritisierte Kl\u00f6nne die freiheitsfeindlichen und staatsdoktrin\u00e4ren Tendenzen des Marxismus und seine &#8222;realsozialistischen&#8220; Ausformungen.<\/p>\n<p>Er verzichtete aber gleichzeitig nicht auf einen produktiven Umgang mit den marxistischen &#8222;Handwerkzeugen&#8220; zur Analyse der herrschenden Verh\u00e4ltnisse.<\/p>\n<h3>&#8222;Nationale Frage&#8220;<\/h3>\n<p>Dieser Nachruf w\u00e4re unvollst\u00e4ndig, wenn hier nicht die von ihm herausgegebenen &#8222;Studien von Zeitfragen&#8220; (SVZ) gew\u00fcrdigt w\u00fcrden. Von 1961 bis 1991 erschien dieses Bl\u00e4ttchen bis zu 24mal im Jahr in kleiner Auflage und befasste sich schon fr\u00fchzeitig mit den aktuellen Entwicklungen im Linkssozialismus, Trotzkismus, Anarchismus, in der Friedensbewegung und im Vatikan (!).<\/p>\n<p>Neben hunderten von Artikeln \u00fcber Anarchismus waren hier auch einige etwas dubiose Abhandlungen und Beilagen von Kl\u00f6nnes alten Bekannten aus der vielf\u00e4ltigen b\u00fcndischen Szene zu finden.<\/p>\n<p>In seinen &#8222;Studien&#8220; besch\u00e4ftigte sich Kl\u00f6nne fr\u00fchzeitig mit der von einigen Gruppen ins Spiel gebrachten &#8222;nationalen Frage&#8220; und wies deutlicher als viele andere darauf hin, dass sie kein &#8222;Schl\u00fcsselproblem&#8220; Deutschlands ist und die &#8222;nationale Identit\u00e4t&#8220; als &#8222;\u00fcbernat\u00fcrliches Recht&#8220; eine \u00e4u\u00dferst fragw\u00fcrdige, verh\u00e4ngnisvolle und friedensgef\u00e4hrdende Konstruktion darstellt ((18)). Mit analytischem Tiefgang weitete er seine Nationalismus-Kritik in den n\u00e4chsten Jahren aus und ver\u00f6ffentlichte hierzu seine vielbeachteten B\u00fccher &#8222;Zur\u00fcck zur Nation?&#8220; (1984) und &#8222;Rechts-Nachfolge. Risiko des deutschen Wesens nach 1945&#8220; (1990).<\/p>\n<p>Selbst bei diesen emotional aufgeladenen Themen blieben Kl\u00f6nnes zahlreiche Vortr\u00e4ge immer sachlich. In ihrer argumentativen Stringenz und sprachlichen Eleganz entfalteten sie eine enorme Wirkung.<\/p>\n<p>In seiner 60j\u00e4hrigen politischen Arbeit war Kl\u00f6nne mehreren Generationen linker AktivistInnen ein zuverl\u00e4ssiger, umsichtiger und vielgefragter Ratgeber.<\/p>\n<p>Sektiererische Streitereien und Profilierungssucht waren ihm zuwider. Er schmiedete hartn\u00e4ckig und mit langem Atem B\u00fcndnisse, um nach au\u00dfen zu wirken und um noch abseits stehende Menschen zu gewinnen.<\/p>\n<p><b>Arno Kl\u00f6nne: &#8222;Es werden immer wieder junge Menschen aufstehen, denen das Wort des Gewissens mehr gilt als die Anpassung an das gerade Opportune, denen das Recht mehr gilt als die Drohung der Gewalt, denen die Freiheit mehr gilt als die Verlockung des gerade M\u00e4chtigen.&#8220; <\/b><\/p>\n<h3>Lokales Engagement<\/h3>\n<p>1998 gr\u00fcndete er mit seinen FreundInnen die Zweiwochenzeitschrift &#8222;Ossietzky&#8220;, deren eifriger Schreiber er bis wenige Tage vor seinem Tode wurde.<\/p>\n<p>Nach meinem Empfinden sp\u00e4t &#8211; im Jahr 2004 &#8211; verlie\u00df er angesichts der Agenda 2010 die SPD endg\u00fcltig und gr\u00fcndete die kommunale W\u00e4hlergemeinschaft &#8222;Demokratische Initiative Paderborn&#8220;. Ostwestfalen-Lippe war er zeitlebens besonders verbunden.<\/p>\n<p>Dies manifestierte sich auch in seinen Forschungen zu der aus dieser Gegend stammenden fr\u00fchsozialistischen Zeitschrift &#8222;Westf\u00e4lisches Dampfboot&#8220; ((19)) der Jahre 1845 bis 1848 bis hin zu seinem Engagement in der lokalen Friedensbewegung gegen den Truppen\u00fcbungsplatz in der Paderborner &#8222;Senne&#8220;.<\/p>\n<p>Ein besonderes Anliegen war Kl\u00f6nne das Gedenken an die russischen Soldaten, die gegen den Faschismus gek\u00e4mpft haben. Der Friedhof in Stukenbrock bei Paderborn f\u00fcr die drangsalierten russischen Kriegsgefangenen, von denen er selbst noch in seiner Jugend einige kennengelernt hatte, wurde im Nachkriegsdeutschland arg vernachl\u00e4ssigt. Er setzte sich im &#8222;schwarzen&#8220; Paderborner Land daf\u00fcr ein, dass auf dem dortigen Obelisk das w\u00e4hrend des Kalten Krieges installierte orthodoxe Kreuz wieder gegen die urspr\u00fcngliche rote Fahne ausgetauscht werden sollte. Diese Fahne war seiner Meinung nach nicht Ausdruck parteikommunistischer oder gar stalinistischer Machtanspr\u00fcche. Er verwies vielmehr darauf, dass f\u00fcr die einfachen russischen Soldaten die rote Fahne das Symbol ihres opferreichen Kampfes gegen den Hitlerfaschismus war ((20)).<\/p>\n<p>Zu seinem 80. Geburtstag wurde ihm vom Ossietzky-Verlag ein Sammelband mit Beitr\u00e4gen seiner MitstreiterInnen gewidmet, dessen Titel seiner Grundhaltung entsprach: &#8222;Oppositionsf\u00e4hig werden!&#8220; ((21)). Arno Kl\u00f6nne starb im Alter von 84 Jahren am 4. Juni 2015 in Paderborn. Er wird vielen Menschen fehlen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>B\u00fcndisch-katholische Jugendbewegung Geboren am 4. 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