{"id":14934,"date":"2015-10-01T00:00:00","date_gmt":"2015-09-30T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2015\/10\/die-wahre-geschichte-des-a-im-kreis\/"},"modified":"2022-07-26T14:12:00","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:00","slug":"die-wahre-geschichte-des-a-im-kreis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/10\/die-wahre-geschichte-des-a-im-kreis\/","title":{"rendered":"Die wahre Geschichte des A im Kreis"},"content":{"rendered":"<p>Jemand hat geglaubt, es stamme aus der Zeit der Spanischen Revolution: Doch die Augen junger AnarchistInnen wollten wohl eher ein A im Kreis denn eine gemalte Zielscheibe auf dem Helm eines Milizion\u00e4rs sehen, den man klar und deutlich auf einem Foto an der Seite Durrutis erkennt. Andere meinten, das A im Kreis ginge auf Proudhon und seine Vorstellung von Anarchie als Ordnung zur\u00fcck.<\/p>\n<p>In Wirklichkeit handelt es sich um ein junges Ph\u00e4nomen libert\u00e4rer Ikonographie. Das A im Kreis wurde 1964 in Paris erfunden und ist 1966 in Mailand erneut aufgetaucht. Zwei Geburtsorte und -daten? Lasst uns das genauer ansehen.<\/p>\n<h3>Erster Geburtsort: Paris<\/h3>\n<p>Es war im April 1964, als auf dem Umschlag des Bulletins Jeunes Libertaires (Junge Libert\u00e4re) die Zeichnung einer Abk\u00fcrzung erschien, welche die Pariser Gruppe Jeunes Libertaires f\u00fcr die &#8222;gesamte anarchistische Bewegung&#8220; jenseits der verschiedenen Str\u00f6mungen, der unterschiedlichen Gruppen und Organisationen vorschlug:<\/p>\n<p>&#8222;Wir lie\u00dfen uns von zwei grunds\u00e4tzlichen Motiven leiten: Erstens praktische Aktivit\u00e4ten wie Graffitis und die Gestaltung von Plakaten zu erleichtern und gleichzeitig wirkungsvoller zu machen; zweitens durch ein gleiches Zeichen f\u00fcr alle Ausdrucksformen des Anarchismus im \u00f6ffentlichen Raum eine gr\u00f6\u00dfere Pr\u00e4senz der anarchistischen Bewegung in den Augen der Leute zu erreichen. Genauer: Es ging f\u00fcr uns einerseits darum, ein praktikables Mittel zu finden, um die n\u00f6tige Zeit der Niederschrift auf ein Minimum zu reduzieren, um eine zu lange Signatur unter unseren Slogans zu vermeiden; andererseits darum, ein m\u00f6glichst verallgemeinerbares Zeichen zu finden, das von allen AnarchistInnen benutzt werden konnte. Das gew\u00e4hlte Zeichen schien uns am besten geeignet, diese Kriterien zu erf\u00fcllen. Indem es st\u00e4ndig mit dem Wort \u201aanarchistisch&#8216; in Verbindung gebracht wird, soll es schlie\u00dflich durch einen wohl bekannten mentalen Automatismus dazu f\u00fchren, dass es ganz allein die Idee des Anarchismus im Bewusstsein der Leute wachruft.&#8220;<\/p>\n<p>Das vorgeschlagene Zeichen ist ein gro\u00dfgeschriebenes A im Kreis. Tom\u00e1z Ib\u00e1\u00f1ez hat es erfunden, Ren\u00e9 Darras graphisch entwickelt. Woher kommen die Idee und die leichte Umsetzbarkeit &#8211; vom Anti-Atom-Zeichen, das bereits bei der CND (Campaign for Nuclear Disarmament) verbreitet war, oder aus anderen Quellen?<\/p>\n<p>Die Gruppe Alliance Ouvri\u00e8re Anarchiste (AOA; Anarchistische Arbeiterallianz) behauptet, das Zeichen in ihrer Korrespondenz bereits seit Ende der 50er-Jahre benutzt zu haben, indem sie ihre Initialen AOA mit einem Kreis gekennzeichnet hat. Aber so taucht es in ihrer Zeitschrift l&#8217;Anarchie erst ab dem Juni 1968 auf.<\/p>\n<p>Der Vorschlag der Jeunes Libertaires aus dem Jahre 1964 hatte keinen Erfolg, von einigen Graffitis in den G\u00e4ngen der Pariser M\u00e9tro abgesehen &#8211; vergessen wir nicht, dass damals Flugbl\u00e4tter und Zeitungen entweder auf empfindlichen Matrizen oder mit klassischem Bleisatz gedruckt wurden und dass man also extra ein Bleisatzzeichen mit dem A im Kreis h\u00e4tte herstellen m\u00fcssen. Im Dezember desselben Jahres tauchte jedoch das A im Kreis als Titel eines Artikels von Tom\u00e1z Ib\u00e1\u00f1ez in der Zeitschrift Action Libertaire auf.<\/p>\n<p>Das Netzwerk der Jeunes Libertaires, das zu Anfang der 1960er-Jahre mehrere Gruppen in ganz Frankreich z\u00e4hlte, wurde schw\u00e4cher: Bulletins der Regionalgruppen erschienen nicht mehr und das Pariser Bulletin wurde zwischen 1965 und 1967 auf Eis gelegt. Trotzdem sollten sich sp\u00e4ter mehrere &#8222;J. L.&#8220; in den ersten Reihen des Mai 68 wiederfinden. Und so endet das erste Kapitel dieser Geschichte [aus dem Jahre 1964].<\/p>\n<h3>Zweiter Geburtsort: Mailand<\/h3>\n<p>Erst 1966 wurde das A im Kreis auf eher experimentelle Weise wieder aufgegriffen, dann wurde es 1968 regelm\u00e4\u00dfig von der Gruppe Giovent\u00f9 Libertalia (Libert\u00e4re Jugend) in Mailand benutzt, die geschwisterliche Verbindungen mit den Pariser Jugendlichen hatte. Beide Gruppen waren entscheidend an der Gr\u00fcndung des Comit\u00e9e europ\u00e9en de liaison des jeunes anarchistes (CLJA; Europ\u00e4isches Verbindungskomitee junger AnarchistInnen) beteiligt. Nun begann das \u00f6ffentlich sichtbare Leben des A im Kreis.<\/p>\n<p>In der ersten Zeit war es vor allem in Mailand zu sehen, wo es als allgemein verwendete Signatur f\u00fcr Flugblatttexte und Plakate junger AnarchistInnen diente, manchmal direkt neben dem Anti-Atom-Zeichen und dem Apfel-Zeichen der niederl\u00e4ndischen Provos. Es verbreitete sich zun\u00e4chst in Italien und danach in der ganzen Welt, aber man hat das A im Kreis kaum einmal im Mai 68 von Paris gesehen, wo die ersten Spuren davon erst 1972-73 auftauchen. In diesen Jahren explodierte der Trend zum A im Kreis geradezu, den junge AnarchistInnen auf der ganzen Welt aufgriffen und imitierten. Das Zeichen hatte einen solchen Erfolg, dass ein Erfinder, wenn er es h\u00e4tte patentieren lassen, heute Million\u00e4r w\u00e4re.<\/p>\n<p>Wie kam es so schnell und \u00fcberraschend zu diesem Erfolg? Aus denselben Motiven, aus denen schon die &#8222;J. L.&#8220; das Zeichen vorschlugen: Einerseits ist es sehr einfach zu zeichnen, genauso einfach wie ein Kreuz oder ein Stern, noch einfacher als ein Hakenkreuz oder [das kommunistische Zeichen] Hammer und Sichel. Andererseits hatte eine neue, jugendliche Bewegung, die gerade aufbl\u00fchte, damit begonnen, Slogans auf Mauern zu schreiben und suchte noch ein Wiedererkennungszeichen. So hat sich das A im Kreis praktisch durchgesetzt, ohne dass irgendeine Gruppe oder Organisation je daran gedacht h\u00e4tte, seinen Gebrauch zu verordnen &#8211; und auch deshalb, weil es kein anderes international benutztes, graphisches Symbol der AnarchistInnen gab (die manchmal veraltete Symbole gebrauchten wie etwa die Fackel in Italien).<\/p>\n<p>Das ist nun die wahre Geschichte des A im Kreis, vorangetrieben durch den bewussten Willen der Spontaneit\u00e4t: eine typisch libert\u00e4re Mischung. Alles andere ist Legende.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jemand hat geglaubt, es stamme aus der Zeit der Spanischen Revolution: Doch die Augen junger AnarchistInnen wollten wohl eher ein A im Kreis denn eine gemalte Zielscheibe auf dem Helm eines Milizion\u00e4rs sehen, den man klar und deutlich auf einem Foto an der Seite Durrutis erkennt. 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