{"id":14963,"date":"2015-11-01T00:00:00","date_gmt":"2015-10-31T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2015\/11\/gewaltfreie-widerstandsbewegungen\/"},"modified":"2022-07-26T14:11:59","modified_gmt":"2022-07-26T12:11:59","slug":"gewaltfreie-widerstandsbewegungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/11\/gewaltfreie-widerstandsbewegungen\/","title":{"rendered":"Gewaltfreie Widerstandsbewegungen"},"content":{"rendered":"<p>Allerdings zeigen auch beinahe alle historischen Beispiele und &#8222;Fallstudien&#8220; schnell, dass es neben Gruppen, die gewaltlos k\u00e4mpfen wollten, immer auch solche gab, die f\u00fcr Bewaffnung eintraten und dass angeblich f\u00f6rderliche Voraussetzungen f\u00fcr einen gewaltlosen Widerstand bei genauer Betrachtung ebenso Begr\u00fcndungen f\u00fcr gewaltsamen Widerstand bereitstellen.<\/p>\n<p>Das gilt f\u00fcr h\u00e4ufig angef\u00fchrte religi\u00f6se Motive der K\u00e4mpfenden ebenso wie f\u00fcr angeblich demokratische Verhaltensweisen der Unterdr\u00fccker, etwa der englischen Kolonialherren.<\/p>\n<p>Zuletzt wurden die Erfahrungen des &#8222;arabischen Fr\u00fchlings&#8220; noch kaum systematisch betrachtet: Die Massenbewegungen, die sich gegen Diktaturen, Korruption, ungerechte Strukturen, Armut richteten und zivile Kampfformen zur Anwendung brachten, zun\u00e4chst mit durchschlagenden Erfolgen, konnten sich in einzelnen L\u00e4ndern nicht rasch durchsetzen.<\/p>\n<p>Die herrschenden Regimes setzten eskalierend Gewalt ein, oft durch internationale Unterst\u00fctzung ermutigt.<\/p>\n<p>Dagegen wurden Forderungen nach Bewaffnung der Opposition und internationale milit\u00e4rische Interventionen auf ihrer Seite st\u00e4rker und schlie\u00dflich erfolgreich. Eine Folge davon war, dass B\u00fcrgerkrieg und Krieg, zerfallende Staaten und Staatenbildungsprozesse, die gewaltsam sind, die Hoffnung auf Demokratisierung zerschlugen, zu grauenhaften sich polarisierend verst\u00e4rkenden Gewalttaten und schlie\u00dflich massenhaften Fluchtbewegungen f\u00fchrten.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens k\u00f6nnen auch Fluchtbewegungen als gewaltlose Proteste\/Widerstand begriffen werden und Ausl\u00f6ser weitreichender gesellschaftlicher Ver\u00e4nderungen werden, siehe das Ende des &#8222;real existierenden Sozialismus&#8220; in der DDR. &#8222;Exodus&#8220; ist eines der Grundmotive von &#8222;Revolution&#8220;. Let my people go!<\/p>\n<p>Auch die Zerfallsprozesse in den Staaten des &#8222;real existierenden Sozialismus&#8220; zeigen oft gewaltlose Massenbewegungen.<\/p>\n<p>Ein Beispiel ist die polnische unabh\u00e4ngige Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc.<\/p>\n<p>Sie spitzte auf der Danziger Lenin-Werft zu: Ihr bekommt Lenin, wir die Werft. In vielen L\u00e4ndern des Ostblocks zeigten &#8222;friedliche Revolutionen&#8220;, dass die Herrschenden nicht mehr weiter konnten, die Beherrschten nicht mehr wollten.<\/p>\n<p>Neben dem Beharrungsverm\u00f6gen der alten Eliten und B\u00fcrokratien war es die Konsumkultur des Westens, die manche Hoffnung auf eine andere Gesellschaft entmutigte.<\/p>\n<p>In anderen Massenbewegungen wurde der zivile Wunsch nach Demokratisierung schnell abgel\u00f6st durch gewaltbereite reaktion\u00e4re Gruppen, die sich oft als &#8222;Schutz&#8220; gegen die \u00dcbergriffe des alten Regimes anbieten und etablieren k\u00f6nnen. Es gibt also vielf\u00e4ltige Erfahrungen mit Problemen gewaltloser Massenbewegungen, gute Gr\u00fcnde f\u00fcr die Frage, ob wir Erfolgsbedingungen identifizieren k\u00f6nnen und letztlich wie das Erstarken alter und neuer diktatorischer, rassistischer, nationalistischer und religi\u00f6s-fundamentalistischer Bewegungen verhindert werden kann.<\/p>\n<h3>Kann man \u00fcberhaupt generelle Aussagen machen, welche Voraussetzungen einem Erfolg solcher Bewegungen f\u00f6rderlich oder hinderlich sind?<\/h3>\n<p>Ein Literaturbericht von Johannes V\u00fcllers und Sandra Destradi unter dem Titel &#8222;Gewaltfreie Widerstandsbewegungen und ihre Erfolgsbedingungen.<\/p>\n<p>Eine \u00dcbersicht der neueren englischsprachigen Forschungsliteratur&#8220; in der &#8222;Zeitschrift f\u00fcr Friedens- und Konfliktforschung&#8220; (Jg. 4. 2015, Heft 1 S. 115-146) versucht es. Ihr Anspruch ist vor allem, die Frage durch Daten, durch Empirie zu beantworten. Sie berichten \u00fcber Fragestellungen und Tendenzen, die nicht immer nur anhand ihrer Darstellung der Literatur beurteilt werden k\u00f6nnen; vor allem k\u00f6nnen auch trotz problematischer &#8222;Methoden&#8220; und verquerer Zug\u00e4nge im Namen der Wissenschaft wertvolle Informationen und wichtige sachliche Debatten in der behandelten Literatur berichtet werden. Diese Kritik ist also zugleich eine Aufforderung an unsere Bewegungen, solche Ver\u00f6ffentlichungen genauer zu studieren. Etwa wenn berichtet wird, dass auch im Nahen Osten die Abwendung von Gewalt mit einer &#8222;Gender-inklusiven Ideologie&#8220; zusammenh\u00e4ngt (Asal, Victor u.a.: Gender ideologies and forms of contentious mobilization in the Middle East Journal of Peace Research May 2013 50: 305-318).<\/p>\n<p>Das Datenmaterial, das durch viele soziale Bewegungen weltweit und deren wissenschaftliche Interpretation entstanden ist, ist ebenso reichhaltig wie heterogen, und die Probleme beginnen bei der Suche nach einer Definition und begrifflichen Abgrenzungen:<\/p>\n<h3>Was wird als &#8222;gewaltlos&#8220; erfasst, und was ist &#8222;Erfolg&#8220;?<\/h3>\n<p>&#8222;Gewaltfreier Protest gilt laut Sharp als die mit dem geringsten Risiko verbundene Form gewaltfreien Widerstands&#8220; (S. 118, im Vergleich zu Verweigerung von Kooperation und gewaltfreier Intervention).<\/p>\n<p>In Wirklichkeit h\u00e4ngt das schon vom gesellschaftlichen Kontext ab. Es kann sehr wohl sein, dass Formen der Nichtzusammenarbeit von einer Regierung ignoriert werden, aber schon kleinste Protestformen mit extremer Gewalt, langj\u00e4hriger Haft geahndet werden.<\/p>\n<p>Dementsprechend ist auch der Grad, in dem Protestformen ein gesellschaftliches System herausfordern von dessen Struktur abh\u00e4ngig. Was in westlichen Formaldemokratien toleriert oder sogar als positives Signal gesellschaftlichen Engagements gegen die Ver\u00f6dung der Innenst\u00e4dte gewertet wird, kann in einer Milit\u00e4rdiktatur t\u00f6dlich enden. Wenn Frauen im Iran massenhaft das Kopftuch ablegen w\u00fcrden, so stellte das eine offene und sehr riskante Herausforderung des Systems dar.<\/p>\n<p>Kurz: es lassen sich eben nicht anhand von Methoden und Aktionsformen die Risiken der AkteurInnen bestimmen. Auch ob die &#8222;Weigerung zur Kooperation&#8220; gr\u00f6\u00dfere Wirkungen als Protest erwarten l\u00e4sst ist keineswegs sicher; sie kann ins Leere laufen, wenn der Gegner auf die Kooperation nicht angewiesen ist.<\/p>\n<p>Kaum haben sie dieses Programm (Protest ist mit geringerem Risiko verbunden als andere Formen gewaltfreien Widerstands) entfaltet, m\u00fcssen die AutorInnen es deshalb auch mit Doug McAdams Hinweisen auf die hohen Risiken, die Protestierende w\u00e4hrend des Mississippi-Freedom-Summers 1964 eingingen, wieder relativieren (vgl. dazu die Darstellung des SNCC durch Clayborne Carson: Zeiten des Kampfes: Das Student Nonviolent Coordinating Committee (SNCC) und das Erwachen des afro-amerikanischen Widerstands in den sechziger Jahren. Verlag Graswurzelrevolution 2004; viele andere Beispiele aus aller Welt lie\u00dfen sich erg\u00e4nzen).<\/p>\n<p>Tautologisch ist die Definition von gewaltfreiem Widerstand: &#8222;all jene Aktivit\u00e4ten, die au\u00dferhalb institutionalisierter politischer Prozesse von organisierten Kr\u00e4ften gewaltfrei durchgef\u00fchrt werden.&#8220; (S. 118). Gewaltfrei ist, was gewaltfrei ist.<\/p>\n<p>Tautologisch ist eine Aussage, die mit einem sinnverwandten Wort noch einmal das bereits Gesagte sagt und dabei einen Erkenntnisgewinn suggeriert, vor allem wenn ein Substantiv durch ein Adjektiv scheinbar erkl\u00e4rt wird, w\u00e4hrend die Bedeutung des Adjektivs im Substantiv bereits enthalten ist (&#8222;Wei\u00dfer Schimmel&#8220;, &#8222;unverheiratete Junggesellen&#8220;).<\/p>\n<p>Auch an anderen Stellen des Aufsatzes nervt eine &#8222;ausgewiesene&#8220; Wissenschaftlichkeit durch ihre Zirkelschl\u00fcssigkeit. So &#8222;ist die Gewaltfreiheit ein notwendiges Definitionsmerkmal und bislang Hauptschwerpunkt des Literaturstrangs zu gewaltfreien Widerstandsbewegungen&#8220;. (S.119). Alles andere m\u00fc\u00dfte uns verwundern.<\/p>\n<p>Was &#8222;au\u00dferhalb institutionalisierter politischer Prozesse&#8220; bedeutet, ist dabei ein weiteres Problem, denn mit guten Gr\u00fcnden kann man auch Demonstrationen, Streiks usw. in vielen L\u00e4ndern zu den &#8222;institutionalisierten politischen Prozessen&#8220; rechnen.<\/p>\n<p>&#8222;Die Natur des erw\u00fcnschten Wandels bzw. sein normativer Charakter spielt f\u00fcr die Definition gewaltfreien Widerstands keine Rolle.&#8220; (S. 118). Tats\u00e4chlich? Bei &#8222;Pegida&#8220; konnte man sogar Transparente sehen, die diese Gruppierung als &#8222;gewaltfrei&#8220; ausweisen sollten, sicherlich auch im Sinne der Definitionsmacht &#8222;Wir sind das Volk&#8220;, um sich als legitimer Erbe der Bewegungen 1989 auszuweisen. Aber kann man das mit gutem Gewissen nachvollziehen? In Hannover spielten Neonazis als &#8222;Abschie-B\u00e4r&#8220; kost\u00fcmiert &#8222;Stra\u00dfentheater&#8220; mit Migranten und stellten die Aufnahmen ihrer Abschiebe-Drohung triumphierend ins Netz. &#8222;Die Natur des erw\u00fcnschten Wandels bzw. sein normativer Charakter spielt f\u00fcr die Definition gewaltfreien Widerstands keine Rolle.&#8220;<\/p>\n<p>Hier tun sich schiefe Ebenen und Abgr\u00fcnde jeder Art auf. Die Autorinnen wollen vermeiden, dass ein einseitiges Festlegen gewaltfreien Widerstands auf &#8222;gute Ziele&#8220; einen Vergleich mit anderen Bewegungen unm\u00f6glich macht und so vielleicht ein systematisches Verst\u00e4ndnis von Erfolgsaussichten gerade verbaut (S. 119); das ist ihr Anliegen.<\/p>\n<p>Wir haben es hier mit zwei verschiedenen Problemen zu tun:<\/p>\n<p>Unser gesellschaftliches Vorverst\u00e4ndnis begreift als &#8222;gewaltfrei&#8220; Bewegungen, die Gewalt in mehr als einer Dimension ablehnen, die aus Emanzipationsbewegungen und pazifistischen Gruppen entstanden sind.<\/p>\n<p>Alle diese Bewegungen kann man auf &#8222;blinde Flecken&#8220;, Ambivalenzen, unerwartete Nebenfolgen hin diskutieren, aber in einem allgemeinen Sinn ist ihre gesellschaftliche Zielsetzung doch immer eine Zivilisierung, ein Zur\u00fcckdr\u00e4ngen von Gewalt und Ungerechtigkeit. Kann man sich von diesen Traditionen so einfach verabschieden &#8211; und ist das sinnvoll und f\u00fchrt zu Erkenntnissen?<\/p>\n<p>Sicher gibt es dabei ein Abgrenzungsproblem, weil besonders nationale, etwa auch separatistische Bewegungen etwas cham\u00e4leonhaftes haben auch wenn sie Gewalt ausschlie\u00dfen oder eher auf kulturelle Selbstbehauptung als auf staatliche Expansion orientieren.<\/p>\n<p>Es sind sehr wohl gesellschaftliche Bewegungen vorstellbar, die &#8211; vielleicht sogar vor dem Hintergrund einer erreichten gesellschaftlichen Zivilisierung durch gewaltlose Emanzipationsbewegungen &#8211; Repression, Verteidigung von Privilegien usw. fordern, diesen Forderungen aber mit unbewaffneten Kampfformen und sogar wirkungsvollen gewaltlosen Aktivit\u00e4ten Nachdruck verleihen, Hungerstreiks etwa.<\/p>\n<p>Das Beispiel der AutorInnen ist die Kampagne von buddhistischen M\u00f6nchen und Nationalisten, die sich gegen Kompromisse mit den &#8222;Tamil Tigers&#8220; wandten und die Regierung schlie\u00dflich zu einer Position dr\u00e4ngte, die auf die milit\u00e4rische Vernichtung der &#8222;Tiger&#8220; abzielte: &#8222;Diese Kampagne bediente sich gewaltfreier Protestformen als Mittel, jedoch mit dem Ziel einer Ausweitung des Krieges.&#8220; (S. 119)<\/p>\n<p>Oder denken wir an die Kochtopf-Demonstrationen in Chile in der Zeit der Unidad Popular Anfang der 70er Jahre, die den Milit\u00e4rputsch vorbereiteten. Wenn man hofft, die Frage nach den Erfolgsbedingungen gewaltfreier Proteste besser beantworten zu k\u00f6nnen, indem man solche Bewegungen durchaus etablierter gesellschaftlicher Kr\u00e4fte, durch die etablierte Strukturen mobilisiert werden, definitorisch einbezieht, kommt man vielleicht zu sehr konformistischen Schl\u00fcssen, letztlich zu dem Ergebnis, dass die Erfolgsbedingungen umso besser sind, je n\u00e4her die sozialen Tr\u00e4ger des Protests den Machtzentren stehen und je mehr &#8222;Ressourcen&#8220; etablierter Strukturen und politischer Formen mobilisiert werden k\u00f6nnen, was doch banal-tautologisch ist. Sie brauchen keine Gewalt, weil schon die Drohung gen\u00fcgt oder die &#8222;Gewalt&#8220; gar nicht als solche erkannt wird, weil es ja die herrschende ist. &#8222;Nichts ist so erfolgreich wie der Erfolg&#8220; scheint \u00fcberhaupt eine Maxime vieler Untersuchungen zu sein, die in dem Literaturbericht angef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p>Die Konzentration auf die &#8222;Form&#8220; des Widerstands, die von Zielen abgetrennt betrachtet wird, widerspricht erneut dem Selbstverst\u00e4ndnis der historischen Bewegungen des gewaltlosen Widerstands. Bei allen Unterschieden haben sie doch erwartet, da\u00df gewaltlose Kampfformen eine Zivilisierung der Gesellschaft bewirken werden; Gewalt wurde als eigenst\u00e4ndiges Problem begriffen (und nicht nur als &#8222;Ressourcenmangel&#8220; sprich: keine Waffen). So ist es auch die Frage, wie weit Wissenschaft sich von solchen Selbstinterpretationen entfernen soll und darf.<\/p>\n<p>Mit dieser Frage wollen wir \u00fcbrigens nicht umgekehrt vorschlagen, dass sie (sklavisch) deren Selbstverst\u00e4ndnis nachvollziehen oder gar glorifizieren sollte (wie es in der &#8222;Bewegungsforschung&#8220; durchaus vorkommt), nein: Eine distanzierte Betrachtung, Beschreibung und eine kritische Reflexion von Zielen und Mitteln tut not. Ob aber die Trennung von (normativen) Zielen und Mitteln zu sinnvollen Ergebnissen f\u00fchrt?<\/p>\n<h3>Wie soll &#8222;Erfolg&#8220; festgestellt werden, wenn nicht an Zielen gemessen?<\/h3>\n<p>Kaum hat man die Frage nach Zielen definitorisch ausgeschlossen, kommt sie &#8222;empirisch&#8220; zur\u00fcck: &#8222;Warum entscheiden sich Akteure f\u00fcr Gewaltfreiheit in ihrem Widerstand? Wer beteiligt sich an solchen Kampagnen? Und welche Ziele verfolgen jene gewaltfreien Bewegungen?&#8220; (S. 126)<\/p>\n<p>So kommt man doch schnell wieder auf normativ-ethische Perspektiven, strategische \u00dcberlegungen, welche Mittel den Zielen angemessen sind.<\/p>\n<p>Hier allerdings mischt sich schon der Jargon der &#8222;Kosten-Nutzen-Kalkulation&#8220; ein (S. 127 f). So wird als Erkl\u00e4rung f\u00fcr die Gewaltfreiheit-Entscheidung angef\u00fchrt, dass die &#8222;individuellen Kosten&#8220; geringer sind je mehr TeilnehmerInnen eine Bewegung hat und die Bereitschaft, sich zu beteiligen steigt, je geringer die individuellen Kosten sind. (S. 132)<\/p>\n<p>Daraus ergeben sich Fragen, die auf diesem Niveau von Abstraktion nicht beantwortbar sind, beinahe sinnlose Fragen: &#8222;Die Frage nach der Mobilisierung bleibt aber letztlich unbeantwortet. Es l\u00e4\u00dft sich mit diesen Daten ebenso wenig feststellen, ab welcher Grenze eine Beteiligung an einer gewaltfreien Bewegung mit geringen Kosten verbunden ist &#8230;&#8220; (S. 132)<\/p>\n<p>&#8222;So kann eine Wirtschaftskrise sowohl die Bereitschaft erh\u00f6hen, sich im politischen System zu engagieren, wie auch mit gewaltfreien oder gewaltsamen Mitteln au\u00dferhalb des Systems zu agieren. Es fehlt bislang eine \u00fcberzeugende Erkl\u00e4rung daf\u00fcr, da\u00df ausgerechnet (!) eine bestimmte Handlungsoption gew\u00e4hlt wird.&#8220; (133)<\/p>\n<p>Viele Antworten sind trivial: &#8222;Der wichtigste Faktor f\u00fcr den Erfolg einer gewaltfreien Widerstandsbewegung ist deren Gr\u00f6\u00dfe: je gr\u00f6\u00dfer die Widerstandsbewegung, desto h\u00f6her die Erfolgswahrscheinlichkeit.<\/p>\n<p>Eine gro\u00dfe Bewegung verf\u00fcgt aufgrund ihrer hohen Teilnehmerzahl \u00fcber ein h\u00f6heres Druckpotential &#8230;&#8220; (S.131 und weitere \u00e4hnliche Passagen).<\/p>\n<p>Daf\u00fcr der methodische Aufwand? Der Berg kreist und gebiert eine Maus (nat\u00fcrlich von betr\u00e4chtlicher Gr\u00f6\u00dfe, wenn ich Maus sage, meine ich nicht einfach nur Maus). &#8222;Verbreitete Unzufriedenheit&#8220; wirkt sich positiv auf die Bereitschaft zum Engagement aus (S. 133).<\/p>\n<p>Oder als &#8222;Faktor&#8220; (ein mechanistischer Begriff) zur Erkl\u00e4rung des \u00dcbergangs von gewaltlosen zu gewaltsamen Taktiken wird eine &#8222;strategische Neuausrichtung&#8220; (S. 136) benannt.<\/p>\n<p>Viele Einzelthesen und Probleme, die aus der englischsprachigen Literatur in dem Aufsatz herausdestilliert werden, sind wichtig und sollten uns durchaus zu weiteren Fragen anregen: Welche Rolle spielt die Koh\u00e4sion einer Bewegung daf\u00fcr, dass sie gewaltlos bleibt? Oder die Untersuchung &#8222;gescheiterter&#8220; gewaltloser Bewegungen: Auch wenn beim &#8222;Scheitern&#8220; \u00e4hnliche Definitionsprobleme wie beim &#8222;Erfolg&#8220; entstehen k\u00f6nnen, haben wir uns immer gerne an den &#8222;Siegen&#8220; aufgerichtet und diese als &#8222;Beispiele&#8220; angef\u00fchrt, obwohl doch eine Wiederholbarkeit kaum gegeben sein kann.<\/p>\n<p>Die Frage nach dem &#8222;Scheitern&#8220; ist nicht nur strategisch sinnvoll um Erfahrungen festzuhalten und weiterzugeben, sondern auch um transnationale Solidarit\u00e4t mit den Geschlagenen oder aktuell Verfolgten zu \u00fcben.<\/p>\n<p>Was wissen wir denn \u00fcber die &#8222;Demokratiebewegung in Tansania Anfang der 1990 Jahre&#8220; (S. 130)? Es geh\u00f6rt auch zu den Problemen, dass Gewalt schnell in den internationalen Medien Aufmerksamkeit erh\u00e4lt (der IS spielt virtuos auf diesem Klavier) und jene aktiviert, f\u00fcr die &#8222;Gewalt als attraktive Lebensform&#8220; erscheint (Reemtsma, ja, das gibt es!), w\u00e4hrend die gewaltlosen Str\u00f6mungen dabei regelm\u00e4\u00dfig an den Rand gedr\u00e4ngt werden (keineswegs nur im Islam!).<\/p>\n<h3>Aus Niederlagen lernen!<\/h3>\n<p>Besonders der Blick auf &#8222;Gr\u00f6\u00dfe&#8220; verhindert oft die Erkenntnis, dass viele Bewegungen schon &#8222;im Keim erstickt&#8220; werden, aus unterschiedlichsten Gr\u00fcnden, mit verschiedenen Methoden. Oder dass sie nicht einmal unterdr\u00fcckt werden m\u00fcssen. Das Starren auf statistische Zahlen kritisieren (S. 122) die VerfasserInnen ganz richtig. Bei den referierten &#8222;Ertr\u00e4gen der Forschung&#8220; finden sich z.T. groteske Zahlenangaben: &#8222;Die Erfolgswahrscheinlichkeit einer gewaltfreien Widerstandsbewegung nimmt um 22% zu, wenn das Regime gewaltsam gegen die friedlichen Aktivisten vorgeht.&#8220; (S. 137). Und ich hatte mich schon gewundert als neulich aus der Tr\u00e4nengaswolke immer &#8222;22 %!&#8220; gerufen wurde!<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich gibt es in vielen sozialen Bewegungen ein konfliktreiches Nebeneinander von ausdr\u00fccklich gewaltlosen und anderen, nicht selten offen Gewalt bef\u00fcrwortenden Tendenzen. Oder es lassen sich Gewaltt\u00e4tigkeiten am Rande von ausdr\u00fccklich gewaltfrei geplanten Aktionen nicht immer ausschlie\u00dfen. Und es gibt Strategen, die Gewalt durch Gewalt erzeugen wollen, etwa um Repression besser begr\u00fcnden zu k\u00f6nnen: Wie beeinflusst das Erfolgsbedingungen, Wahrnehmungen &#8211; und wie kann sich eine gewaltlose Bewegung dagegen behaupten (und dabei offen und spontan sein)? Viele offene Fragen! Wann wird eine gewaltlose Widerstandsbewegung nicht mehr \u00f6ffentlich als solche wahrgenommen &#8211; wann h\u00f6rt sie auch in ihrem Selbstbewusstsein auf, gewaltlos zu sein? Hier bietet wieder das oben zitierte Buch von Clayborne Carson \u00fcber den SNCC Material.<\/p>\n<p>Letztlich gibt es viele historische Beispiele, die die Probleme erfahrbar machen (bis zu Boko Haram!), es werden sich aber allgemeine, gar mit statistischen Methoden erfassbare, Regelm\u00e4\u00dfigkeiten m.E. kaum finden lassen, insofern sind solche Methoden ungeeignet.<\/p>\n<p>Zuletzt und vor allem: In welchen F\u00e4llen f\u00fchrt die Repression gegen gewaltlose Bewegungen dazu, dass diese sich spalten, resignieren, geschlagen geben?<\/p>\n<p>In welchen F\u00e4llen erzeugt Repression gr\u00f6\u00dfere Mobilisierung und verst\u00e4rkte Bereitschaft, allen Widerst\u00e4nden zum Trotz weiterzuk\u00e4mpfen?<\/p>\n<p>Wenn wir die Antworten wissen, sollten wir sie vielleicht besser nicht ver\u00f6ffentlichen. Denn jedes Wissen dieser Art steht ja auch wieder und zuerst denen zur Verf\u00fcgung, die gerade den Erfolg einer gewaltlosen Widerstandsbewegung verhindern wollen. Es ist also vielleicht gar kein schlechtes Zeichen, wenn V\u00fcllers\/Destradi zusammenfassen: &#8222;Die zahlreichen Studien hierzu kommen jedoch zu keinen eindeutigen Ergebnissen, inwieweit Repression die Aktivisten tats\u00e4chlich einsch\u00fcchtert &#8230;&#8220; (S. 137) &#8222;Ein interessantes Feld, das weiterer Untersuchungen bedarf&#8220; (S. 141).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Allerdings zeigen auch beinahe alle historischen Beispiele und &#8222;Fallstudien&#8220; schnell, dass es neben Gruppen, die gewaltlos k\u00e4mpfen wollten, immer auch solche gab, die f\u00fcr Bewaffnung eintraten und dass angeblich f\u00f6rderliche Voraussetzungen f\u00fcr einen gewaltlosen Widerstand bei genauer Betrachtung ebenso Begr\u00fcndungen f\u00fcr gewaltsamen Widerstand bereitstellen. Das gilt f\u00fcr h\u00e4ufig angef\u00fchrte religi\u00f6se Motive der K\u00e4mpfenden ebenso wie &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/11\/gewaltfreie-widerstandsbewegungen\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Gewaltfreie Widerstandsbewegungen - graswurzelrevolution","description":"Allerdings zeigen auch beinahe alle historischen Beispiele und \"Fallstudien\" schnell, dass es neben Gruppen, die gewaltlos k\u00e4mpfen wollten, immer auch solche ga"},"footnotes":""},"categories":[872,1030,1042],"tags":[],"class_list":["post-14963","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-403-november-2015","category-es-wird-ein-laecheln-sein","category-ohne-chef-und-staat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14963","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14963"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14963\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14963"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14963"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14963"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}