{"id":14971,"date":"2015-11-01T00:00:00","date_gmt":"2015-10-31T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2015\/11\/leben-und-lieben-ohne-bevormundung\/"},"modified":"2022-07-26T13:56:34","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:34","slug":"leben-und-lieben-ohne-bevormundung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/11\/leben-und-lieben-ohne-bevormundung\/","title":{"rendered":"Leben und Lieben ohne Bevormundung"},"content":{"rendered":"<p>Die selbsternannten &#8222;Lebenssch\u00fctzer&#8220; tragen bei ihrem Schweigemarsch 1000 wei\u00dfe Holzkreuze mit sich, die die Zahl der F\u00f6ten symbolisieren sollen, die angeblich jeden Tag in Deutschland abgetrieben werden. Zu den Mobilisierenden geh\u00f6ren zahlreiche christlich-fundamentalistische Organisationen, hochrangige Mitglieder der AfD, die Junge Union Deutschland und die rechtsradikale Zeitung &#8222;Junge Freiheit&#8220;.<\/p>\n<p>Sie demonstrieren gegen die jetzigen modus vivendi der Abtreibungsregelung in Deutschland, die f\u00fcr sie einen permanenten Massenmord darstellt. Mit dem Motto: &#8222;Ja zum Leben &#8211; f\u00fcr ein Europa ohne Abtreibung und Euthanasie&#8220; und &#8222;Gemeinsam f\u00fcr das Leben &#8211; immer&#8220; trafen sich im September 2015 fundamentalistische ChristInnen aus beiden Kirchen und AntifeministInnen in Berlin. Diesmal waren es mehr als 5.000, die nach einer rund einst\u00fcndigen Kundgebung vor dem Bundeskanzleramt am Reichstag zum Lustgarten zogen. Aufgerufen hatten auch 2015 wieder der Bundesverband Lebensrecht (BVL), bei dem 15 Organisationen, u.a. Arbeitskreise der Parteien CDU, PBC (Partei bibeltreuer Christen) und AUF (Partei Arbeit, Umwelt, Familie) &#8211; Mitglied sind, und der von acht weiteren Organisationen unterst\u00fctzt wird.<\/p>\n<p>Auf seiner Internetseite gibt Lebensrecht e.V. an, sich &#8222;f\u00fcr den Schutz des Lebensrechts jedes Menschen von der Zeugung bis zum nat\u00fcrlichen Tod&#8220; einzusetzen. Schwangerschaftsabbr\u00fcche sind f\u00fcr den BVL &#8222;vorgeburtliche Kindst\u00f6tungen&#8220;.<\/p>\n<p>Das gilt f\u00fcr jede Art von Schwangerschaftsabbruch, auch bei Schwangerschaften, die nach Vergewaltigungen ausgel\u00f6st wurden oder die Gesundheit der Frau beeintr\u00e4chtigen. Meist bringen die AbtreibungsgegnerInnen (auch anti-Choice Bewegungen genannt) demografische Argumente ins Spiel, verweisen auf die niedrige Geburtenrate, weshalb Deutschland aussterben werde und auf Staatsb\u00fcrger- und Menschenrechte, die F\u00f6ten zu Teil werden sollen. Mit dem Motto: &#8222;Ja zum Leben &#8211; f\u00fcr ein Europa ohne Abtreibung und Euthanasie&#8220; werden Euthanasie und Sterbehilfe sowie Abtreibung und Mord gleichgesetzt.<\/p>\n<p>Jede Organisation, die durch ihre Beratungsarbeit dazu beitr\u00e4gt, dass eine Frau sich selbst f\u00fcr oder gegen eine Schwangerschaft entscheiden kann, wird der Beihilfe zur Kindst\u00f6tung beschuldigt. Dazu geh\u00f6ren pro familia, mit ihren Beratungszentren im gesamten Bundesgebiet oder das Familienplanungszentrum &#8222;BALANCE&#8220; in Berlin.<\/p>\n<p>Selbst die katholische Organisation Donum Vitae, die an den &#8222;M\u00e4rschen&#8220; teilnimmt, aber Beratungsscheine ausstellt, obwohl der &#8222;Heilige Vater&#8220; das nicht will, wird nicht selten angegriffen und &#8211; wie die anderen Beratungsstellen auch &#8211; als &#8222;Helfer des Teufels&#8220; bezeichnet. Die Beratungsverb\u00e4nde wissen, dass illegalisierte Abtreibungen aus Notlagen entstehen und oft zum Tod f\u00fchren. Immer noch sterben weltweit j\u00e4hrlich ca. 50.000 Frauen nach nicht fachgerechten Abtreibungen, vor allem in den L\u00e4ndern, in denen es keine legalen M\u00f6glichkeiten gibt.<\/p>\n<p>Den AbtreibungsgegnerInnen geht es darum, weibliche Sexualit\u00e4t und Fortpflanzung zu kontrollieren und Macht \u00fcber den K\u00f6rper der Frauen auszu\u00fcben.<\/p>\n<h3>Der rangh\u00f6chste Unterst\u00fctzer ist der Papst<\/h3>\n<p>Auch die Aktion im Herbst 2015 wurde &#8211; wie schon in den vergangenen Jahren &#8211; von Gru\u00dfworten von Vertretern der Amtskirchen und der Bundesregierung sowie des Europ\u00e4ischen Parlaments begleitet.<\/p>\n<p>Die Liste ist lang. Der rangh\u00f6chste Unterst\u00fctzer war wieder der Papst. BVL-Vorsitzender Martin Lohmann berichtete, der Papst habe ihm bei einem Empfang Mut gemacht und gesagt: &#8222;Das ist sehr, sehr wichtig, was ihr da macht!&#8220; Er bat Lohmann, alle Teilnehmer des Marsches &#8222;herzlich&#8220; von ihm zu gr\u00fc\u00dfen. Wie die Veranstaltenden vertritt der Papst die Meinung, dass nur Gott alleine \u00fcber Leben und Tod bestimmen kann und nicht der Mensch.<\/p>\n<p>Durch die Wahlerfolge der AfD bekamen die &#8222;Lebenssch\u00fctzer&#8220; neuen Auftrieb. Anti-Feminismus und Familialismus ziehen in die Parlamente ein. Beatrix von Storch &#8211; auch in diesem Jahr wieder dabei &#8211; sitzt seit Juli 2014 f\u00fcr die AfD im Europaparlament. Dort k\u00e4mpft sie gegen Abtreibung, &#8222;Genderei&#8220;, Feminismus, Sexualaufkl\u00e4rung und Homosexualit\u00e4t.<\/p>\n<p>Die AfD schl\u00e4gt eine Volksabstimmung \u00fcber die Versch\u00e4rfung der Abtreibungsgesetze vor, um dem angeblichen Kindermangel in Deutschland entgegenzuwirken und das \u00dcberleben der Nation zu sichern. Sie warb diesmal f\u00fcr eine &#8222;Willkommenskultur f\u00fcr Neu- und Ungeborene&#8220;. Die doppelte Botschaft ist leicht zu erraten. Beatrix von Storch ist gegen die Fl\u00fcchtlingspolitik der Kanzlerin und fordert deren R\u00fccktritt.<\/p>\n<p>\u00c4hnliche M\u00e4rsche finden u. a. auch in Fulda, M\u00fcnchen, M\u00fcnster, Freiburg, Innsbruck, Salzburg und Z\u00fcrich statt. Bei den &#8222;M\u00e4rschen f\u00fcr das Leben&#8220; geht es nicht nur um Abtreibungen.<\/p>\n<p>Die Teilnehmenden fordern ein &#8222;Deutschland nach Gottes Geboten&#8220;, \u00fcben fundamentalistische Kritik an nicht-familistischen Lebensentw\u00fcrfen, also solchen, die nicht dem Bild der heterosexuellen b\u00fcrgerlichen Familie mit Vater, sorgender Hausfrauenmutter und leiblichen Kindern entsprechen. Dementsprechend wird von den &#8222;Lebenssch\u00fctzern&#8220; ein Verbot von Verh\u00fctungsmitteln gefordert. Heterosexualit\u00e4t wird als &#8222;nat\u00fcrliche Lebensweise&#8220; angenommen, weil nur zielf\u00fchrende Sexualit\u00e4t, die auf Fortpflanzung ausgerichtet ist, geboten sei, denn nur durch sie sei die &#8222;Weitergabe des Lebens&#8220; m\u00f6glich. ((2))<\/p>\n<h3>Gegenproteste und Blockaden<\/h3>\n<p>Seit 2008 formieren sich in den verschiedenen St\u00e4dten Gegendemonstrationen von kritischen Feministinnen, AntifaschistInnen, Schwulen, Lesben, Vereinen und Verb\u00e4nden, Menschen aus Beratungsstellen, aus Behindertenbewegungen und Parteien, die sich f\u00fcr die Streichung des \u00a7 218 aus dem Strafgesetzbuch und die sexuelle Selbstbestimmung und die Anerkennung vielf\u00e4ltiger Lebensweisen einsetzen. Seit 2012 stellt sich das &#8222;B\u00fcndnis f\u00fcr Sexuelle Selbstbestimmung&#8220; unter dem Motto &#8222;Selbstbestimmung ist ein Menschenrecht!&#8220; den selbsternannten Lebenssch\u00fctzern entgegen. Dazu Martin Lohmann, Mit-Initiator der &#8222;M\u00e4rsche f\u00fcr das Leben&#8220; 2014 zu seinen Glaubensbr\u00fcdern und -schwestern: &#8222;Lasst Euch nicht irritieren, (\u2026) wenn dann gesagt wird, \u201amein K\u00f6rper geh\u00f6rt mir, wir lassen uns nicht bevormunden, leben und lieben ohne Bevormundung&#8216; [das war das Motto der GegendemonstrantInnen]. Da kann ich nur sagen: Wir lassen uns gerne bevormunden von Geist, Verstand und Herz. Wir lassen uns gerne bevormunden von Kultur, von Geist, von Wahrheit und Freiheit, das ist Freiheit des Lebens. Das ist die Freiheit F\u00dcR das Leben.&#8220; ((3))<\/p>\n<p>Da nach der Rhetorik der AbtreibungsgegnerInnen nur Gott alleine \u00fcber Leben und Tod bestimmen kann, nicht der Mensch, machen sie es sich mit dieser \u201aFreiheit&#8216; einfach: Gott muss sich weder mit den Umst\u00e4nden noch den Folgen einer ungewollten Schwangerschaft auseinandersetzen.<\/p>\n<p>In diesem Jahr stellten sich in Berlin zwei breite B\u00fcndnisse: &#8222;What the Fuck!&#8220; unter dem Motto &#8222;Marsch f\u00fcr das Leben. What the Fuck! Christlichen Fundamentalismus sabotieren&#8220; und das &#8222;B\u00fcndnis f\u00fcr sexuelle Selbstbestimmung&#8220; unter dem Motto &#8222;Selbstbestimmung ist ein Menschenrecht. Leben und Lieben ohne Bevormundung&#8220; dem Kreuze-Zug mit seinen reaktion\u00e4ren Weltanschauungen entgegen. Ca. 3.000 Menschen nahmen an zwei Demonstrationsz\u00fcgen teil. Auf der Abschlusskundgebung am Gendarmenmarkt kamen die beiden B\u00fcndnisse zusammen.<\/p>\n<p>Die GegnerInnen des Marsches stoppten anschlie\u00dfend den Schweigemarsch mit Blockaden und verz\u00f6gerten den planm\u00e4\u00dfigen Verlauf der Veranstaltung um mindestens zwei Stunden. Bei der R\u00e4umung der Blockaden kam es zu teils heftigen Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und GegendemonstrantInnen. Dabei gingen die 1000 PolizeibeamtInnen unter Einsatz k\u00f6rperlicher Gewalt gegen die BlockiererInnen vor. Unter str\u00f6mendem Regen kamen die 1000-Kreuze-Marschierer schlie\u00dflich bei ihrer Abschusskundgebung am Lustgarten an. Es waren nicht mehr viele, die den Blockierern, der durch die Polizei ver\u00e4nderten Demonstrationsroute und dem starken Regen trotzten und sich zur Abschlusskundgebung unter freiem Himmel zusammenfanden. Hauptveranstalter Martin Lohmann sagte sp\u00e4ter, er sei &#8222;sehr bewegt und sehr dankbar&#8220; nach Hause gefahren. Er wolle im n\u00e4chsten Jahr wieder kommen.<\/p>\n<p>Darauf legen die beiden B\u00fcndnisse keinen Wert.<\/p>\n<p>Sie k\u00f6nnen diesen Septembertag auch anders nutzen. Selbsternannte &#8222;Lebenssch\u00fctzer&#8220; sch\u00fctzen kein Leben sondern gef\u00e4hrden es durch Psychoterror. Es ist an der Zeit, diesen reaktion\u00e4ren Kr\u00e4ften entgegenzutreten und ihren zunehmenden politischen und gesellschaftlichen Einfluss zu stoppen.<\/p>\n<p>Das &#8222;B\u00fcndnis f\u00fcr sexuelle Selbstbestimmung&#8220; ruft &#8222;die Bundesregierung und die Parteien auf, daf\u00fcr zu sorgen, dass alle ohne Diskriminierung \u00fcber ihre Familienplanung und ihr Sexualleben entscheiden k\u00f6nnen und bei der Wahrnehmung ihrer Rechte unterst\u00fctzt werden, unabh\u00e4ngig von ihrer Herkunft, sexuellen und geschlechtlichen Orientierung oder sozialen, \u00f6konomischen und gesundheitlichen Situation.&#8220; ((4))<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die selbsternannten &#8222;Lebenssch\u00fctzer&#8220; tragen bei ihrem Schweigemarsch 1000 wei\u00dfe Holzkreuze mit sich, die die Zahl der F\u00f6ten symbolisieren sollen, die angeblich jeden Tag in Deutschland abgetrieben werden. 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