{"id":14978,"date":"2015-11-01T00:00:00","date_gmt":"2015-10-31T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2015\/11\/neoanarchismus-postanarchismus-apfelmus\/"},"modified":"2022-07-26T14:11:59","modified_gmt":"2022-07-26T12:11:59","slug":"neoanarchismus-postanarchismus-apfelmus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/11\/neoanarchismus-postanarchismus-apfelmus\/","title":{"rendered":"NeoAnarchismus, PostAnarchismus, Apfelmus"},"content":{"rendered":"<p>Leider kann ich wieder mal nicht pers\u00f6nlich anwesend sein, da ich weit im Westen immer noch versuche, einem alten 92j\u00e4hrigen Menschen seine Autonomie zu bewahren, ihm seine pers\u00f6nliche Freiheit soweit als m\u00f6glich zu sichern und ihn nicht in eine Altenverwahranstalt namens Pflegeheim abzuschieben. Pflegeheim hei\u00dft n\u00e4mlich &#8222;lebensl\u00e4nglich&#8220;. Daf\u00fcr verzichte ich zeitweise, mittlerweile schon viel zu lange, auf meine eigene Freiheit, die mir sehr viel bedeutet. Aber es ist meine eigene Entscheidung, auch wenn sie durch die unerh\u00f6rten gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse erzwungen ist.<\/p>\n<p>FREIHEIT ist schlie\u00dflich das, worum es dem Anarchismus als politischer Idee und Lebenshaltung geht &#8211; Freiheit in sozialer Gerechtigkeit und Frieden. Es ist nicht die Freiheit VON, sondern die Freiheit ZU. Denn die Freiheit ohne Zwang und Gewalt zu leben, ist die Freiheit zu allen M\u00f6glichkeiten der menschlichen Selbstverwirklichung, die Anderen keinen Schaden zuf\u00fcgt. Freiheit VON w\u00e4re ein nur negativ orientierter Begriff und w\u00fcrde keine positive Utopie aufzeigen, die zu realisieren w\u00e4re. Negative Orientierung f\u00fchrt zu einer negativen Lebenseinstellung. Wir sind aber F\u00dcR etwas, und das schlie\u00dft selbstredend die negativen gesellschaftlichen Ausw\u00fcchse aus, ohne dies st\u00e4ndig betonen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Wir sollten lernen zu wissen, was wir wollen. Das ist weniger einfach als zu wissen, was mensch nicht will (obwohl das schon mal ein Anfang sein kann). Einer positiven Vision kann mensch entgegenwachsen und entgegenarbeiten. Das Negative kann mensch nur st\u00e4ndig konfrontieren und mensch ger\u00e4t in Gefahr, vor st\u00e4ndigem verbissenem Kampf gegen das Negative das Positive aus dem Auge zu verlieren, ja gar nicht mehr wahrzunehmen. Ausschlie\u00dflicher Kampf gegen das Negative h\u00f6hlt aus, verschlei\u00dft und f\u00fchrt alleine zu Frustration und Hass.<\/p>\n<h3>Liebe und Anarchie<\/h3>\n<p>Vielleicht ist es etwas altmodisch hier mal den Begriff LIEBE ins Spiel zu bringen. Anarchismus ist lebenszugewandt und die Anarchie liebt das Leben. Das hebt sie von den Kulten des Todes, wie beispielweise dem Faschismus-Stalinismus ab und macht sie zu ihrem diametralen Gegner. Wir haben doch alle die Sehnsucht in uns, dass die Liebe den Tod, den Hass, die Gewalt \u00fcberwindet. Und dies l\u00e4sst sich sogar in der Geschichte der Menschheit nachweisen: noch nie hat sich in der Geschichte ein Kult des Todes und der Gewalt endlos an der Macht halten k\u00f6nnen. Das Ende kommt auch f\u00fcr die am unendlichsten scheinende Diktatur. Und jedesmal versucht die Menschheit daraus Lehren zu ziehen und es besser zu machen. Was nicht immer gelingt.<\/p>\n<p>Der Anarchismus ist vor 150 \/ 200 Jahren als politische Idee in die Welt getreten, Ausbeutung und Gewaltherrschaft unm\u00f6glich zu machen und diese durch die freie soziale Assoziation von Menschen und deren B\u00fcnden zu ersetzen. An dieser Zielrichtung hat sich bis heute nichts ge\u00e4ndert. Ge\u00e4ndert haben sich die gesellschaftlichen Voraussetzungen, die technischen M\u00f6glichkeiten und die vorhandenen Machtkonstellationen. Nie hat es solche Zusammenballungen von Macht und Vernichtungskraft gegeben wie heute. Sogar das Leben als Ganzes ist auf diesem Planeten durch Menschen in Gefahr. Blicken wir zur\u00fcck in die Vergangenheit, hat sich das Leben der Menschen st\u00e4ndig verkompliziert und heute sprechen wir von komplexen sozialen und machtpolitischen Gegebenheiten, die zunehmend un\u00fcberschaubarer wurden, auch f\u00fcr die Herrschenden dieser Welt selbst, also jene, die an einem Erhalt des f\u00fcr sie goldenen Status quo interessiert sind und die diesen noch weiter zu ihren \u00fcberm\u00e4\u00dfigen und obsz\u00f6nen Gunsten ausbauen wollen. Doch auch sie werden vom SNAFU-Prinzip erfasst (vgl. Robert Anton Wilson, Illuminatus-Trilogie und andere Werke), &#8222;Alles scheint normal &#8211; aber alles ist aus den Fugen&#8220;. Niemand hat mehr wirklich einen \u00dcberblick. Und je h\u00f6her jemand in der Pyramide der Macht sitzt, desto verf\u00e4lschter werden seine Informationen, weil sie zwangsl\u00e4ufig \u00fcber zu viele Zwischenstufen gelaufen sind.<\/p>\n<p>Auch der Anarchismus ist vom neuen gesellschaftlichen Chaos nicht unbeeinflusst geblieben. Als undogmatisches Ideengebilde zu dem jede und jeder beitragen darf und kann, denn es gibt viele Wege zur Anarchie, ist er in erh\u00f6htem Ma\u00dfe Interpretationen und Inbesitznahmen unterworfen, unter denen naturgem\u00e4\u00df viele sind, die willentlich oder unwillentlich die Grundidee der &#8222;Herrschaftsfreiheit in sozialer Verantwortung&#8220; verzerren, verst\u00fcmmeln oder gar zerst\u00f6ren.<\/p>\n<p>Individuen und Gruppen gehen hin und klauben sich Teilelemente der anarchistischen Idee heraus, stellen sie au\u00dferhalb des Zusammenhangs und behaupten sie seien das Ganze. Ich werde nicht m\u00fcde, zu betonen, dass der politische Anarchismus eine sozialistische Idee ist, denn es gibt durchaus eine Menge Leute, die ihn f\u00fcr das Gegenteil funktionalisieren und missbrauchen. Einen Raubtierkapitalismus beispielsweise mit anarchistischen Streifen auf dem Fell zu versehen, nimmt ihm nicht den Raubtiercharakter. Einen Faschismus mit anarchistischen Versatzst\u00fccken auszustatten, macht ihn nicht zu einer Freiheitsidee, denn Faschismus ohne Gewalt &#8211; also ohne Herrschaftsinstrument, ohne Nationalismus und Militarismus ist nicht denkbar. Dennoch gibt es Menschen, die auf eine solche abstruse Idee gekommen sind. Ebenso und aus \u00e4hnlichen Gr\u00fcnden verbietet sich naturgem\u00e4\u00df, den Stalinismus mit Anarchismus zu verbinden &#8211; aber diese Hirnlosen gab es: ihr Anf\u00fchrer wurde vor nicht allzu langer Zeit als Stasi-Spitzel und -provokateur enttarnt. Er agierte im Westen Deutschlands!<\/p>\n<p>Die vielen Ans\u00e4tze, auf eine anarchistische Gesellschaft hinzuzielen, wirken auf eine Unzahl von wissenschaftlichen Interpret*innen verf\u00fchrerisch, ihren pseudo-wissenschaftlichen Senf dazuzugeben, oft von jeder Ahnung \u00fcber die Materie ungetr\u00fcbt. Aber gerne wird der Anarchismus hergenommen, sich sogenannte wissenschaftliche Meriten zu erwerben, indem an ihm heruminterpretiert wird, bis zum Gehtnichtmehr und zur Unkenntlichkeit. Umso hochgestochener das akademische oder akad\u00e4mliche Verwirrspiel ist, desto mottenhafter f\u00fchlen sich gewisse Menschen davon angezogen, die an den einfachen Wahrheiten und Wegen zu einer herrschaftsfreieren Welt keinen Geschmack finden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Sie brauchen hochkomplizierte, verstiegene, psychologisch und philosophisch verbr\u00e4mte Gedankengeb\u00e4ude, \u00e4hnlich den vielfach verschraubten Derivaten von Finanzjongleuren, die ihre eigenen Konstrukte nicht mehr verstehen und durchblicken, um solche Ideen interessant zu finden und sich selbst damit interessant zu machen. Sie f\u00fchlen sich wohl in der esoterischen Herrschaftssprache des akademischen oder akademisch sein wollenden Betriebes und beharren auf ihrer Exklusivit\u00e4t als alleinig durchblickender Avantgarde, die angeblich mehr begriffen hat als Andere.<\/p>\n<p>In diesen ins Nichts aufsteigenden Spiralen hat sich auch der Marxismus seit Anbeginn verheddert, der doch angeblich laut Marx die Philosophie praktisch machen wollte.<\/p>\n<p>Aber Anarchismus oder sagen wir auch ruhig mal &#8222;Kommunismus&#8220; (denn wahrer Kommunismus ist die klassenlose befreite Gesellschaft der Anarchie), das ist ja laut Brecht &#8222;das Einfache, das schwer zu machen ist&#8220;. Es ist die Idee, die auch jeder ungebildete Mensch verstehen kann und soll. Die Kunst ist nicht, etwas Einfaches kompliziert auszudr\u00fccken, sondern etwas wom\u00f6glich sogar Kompliziertes ganz einfach, aber doch richtig und verst\u00e4ndlich r\u00fcberzubringen. Die besten Fachleute und Wissenschaftler*innen haben das drauf.<\/p>\n<h3>Auch in der Technik ist das Komplizierteste nicht das Beste, sondern das Einfachste, Funktionellste, Haltbarste: das Nachhaltige<\/h3>\n<p>Wir leben in einer Zeit, in der wir den Anarchismus oder vielmehr die Wege zu ihm neu betrachten sollten. Angesichts der sich weiter chaotisierenden Weltgesellschaften ist das grobgestrickte Konzept unserer anarchistischen Altvorderen l\u00e4ngst nicht mehr praktikabel: soziale Revolution, bewaffneter Aufstand und rumms, haben wir danach die strahlend aus der Asche aufstehende befreite Gesellschaft. Das Chaos in den K\u00f6pfen w\u00fcrde sich nach einem solchen unwahrscheinlichen Umschwung nicht schlagartig gelegt haben. Die offensichtliche autorit\u00e4re Orientierung der damaligen Gesellschaften mit ihren militaristischen Repressionsstrukturen ist diffuseren autorit\u00e4ren Orientierungen gewichen, die sich eher in Konsumh\u00f6rigkeit und Unf\u00e4higkeit zu strukturierter Eigeninitiative manifestieren. Eine Welt von Duckm\u00e4usern und Zwangsgeduckten ist einer an langer Strippe gef\u00fchrten Welt von gedopten Egomanen gewichen.<\/p>\n<p>Die Menschen werden heute in den westlich gepr\u00e4gten Gesellschaften nicht mehr kommandiert, sondern manipuliert bis in die intimsten und geheimsten Bereiche. St\u00e4ndig wird die Kunst der Manipulation weiter ausget\u00fcftelt und (high)technisch induziert. Flankiert wird dies durch st\u00e4ndige \u00dcberwachung auf allen Ebenen. Ein l\u00e4nger andauernder Emanzipationsprozess ist notwendig, ein Empowerment, um Menschen zu helfen, sich dem dauerhaft zu entziehen.<\/p>\n<p>Schon vor etwa 75 Jahren haben Anarchisten und Anarchistinnen erkannt, dass den modernen gesellschaftlichen Ph\u00e4nomenen ein modernisierter Anarchismus gegen\u00fcbergestellt werden muss, der mehr auf gesellschaftliche Teilhabe, Verteidigung der bisherigen sozialen Errungenschaften und freundliche Diffusion setzt, als auf blo\u00dfen Umsturz mit quasi automatischer Anarchie-Folge. Diese Botschaft ist bis heute nicht durchgedrungen.<\/p>\n<p>Die Anarchist*innen des Nachkriegs, insbesondere die der 68erBewegung, haben einen \u00e4hnlichen Fehler gemacht, wie die orthodoxen Kommunisten (meist waren es M\u00e4nner), die blind und brachial auf den Proletkult der 1930er Jahre aufgesprungen sind, bis sie damit auf die Schnauze fielen.<\/p>\n<p>So sind viele Anarchist*innen im Kult der Spanischen Revolution h\u00e4ngen geblieben, aus der sich zwar viel lernen l\u00e4sst und die auch viele motivierende Highlights bot, aber die kein Zukunftsmodell war: Durrutis Lebensgef\u00e4hrtin sagte schon in den 1960ern &#8222;Was vorbei ist, ist vorbei. Man macht nicht zweimal dieselbe Revolution!&#8220;<\/p>\n<p>Und K\u00e4mpfer*innen dieser Spanischen Revolution riefen mit Rudolf Rocker, dem in Arbeitsk\u00e4mpfen erfolgreichen deutschen Anarchosyndikalisten, zur Besinnung auf, unter ihnen Diego Abad de Santillan, einer der intellektuellen K\u00f6pfe der CNT. Der Aufruf erschien damals in D-Land unter dem Titel &#8222;Neue sozialistische Wege&#8220;.<\/p>\n<p>Zur Kenntnis genommen wurde er kaum. Die Vorschl\u00e4ge schienen reformistisch, hatten nicht den Flair von Abenteuer und Rebellion und sie riefen nicht zum weiteren Rumknallen auf. F\u00fcr Anarchismus interessierte sich zu dem Zeitpunkt ohnehin kaum jemand.<\/p>\n<h3>Neo und Post<\/h3>\n<p>Wenn wir heute was lesen von NeoAnarchismus und PostAnarchismus, so ist das im Kern derselbe Anarchismus ohne irgendwelche modischen Attribute. Was soll &#8222;neo&#8220; an einem Anarchismus sein, der erst wieder aus der Asche und den Gaskammern des Dritten Reiches gezogen und ins Bewusstsein gebracht werden musste? Was soll dieses &#8222;post&#8220; hei\u00dfen?<\/p>\n<p>Etwa, dass es keinen Anarchismus mehr gibt, denn post hei\u00dft &#8222;nach&#8220;, also was kommt da denn nach dem Anarchismus? Ein Anarchunkulus? Es dreht sich hier nur um eines: die Befreiung der Menschheit von Herrschaft in jeder ihrer Formen und das ist und hei\u00dft Anarchismus. Die Attribute sind verzichtbar, sie sind nur akademische Spielereien und keine &#8222;Spielarten&#8220; des Anarchismus.<\/p>\n<p>Der Anarchismus l\u00e4dt zwar dazu ein, mit ihm zu spielen und spielerisch von und mit ihm zu lernen, wom\u00f6glich und m\u00f6glichst Spa\u00df dabei zu haben, aber er bleibt im Kern unber\u00fchrt vom \u00e4u\u00dferen Wandel.<\/p>\n<p>Dass er Abarten hat, kann er nicht verhindern, denn es gibt keine anarchistische Inquisition. Solches bleibt den dogmatisch-autorit\u00e4ren Gegenseiten vorbehalten. Aber nicht in Allem wo Anarchismus drauf steht ist auch Anarchismus drin. Es sind jede Menge Mogelpackungen dabei, von modischem Lifestyle und Posern gar nicht zu reden.<\/p>\n<p>Es gibt auch Verwandtschaften zum Anarchismus, die haarscharf oder meilenweit an der konkreten Idee vorbeigehen, aber doch nicht ganz abseitig sind. Anarchistisch inspirierte Ideen oder dem Anarchismus nahe Ideen, die wir im lateinischen Sprachraum als libert\u00e4re Ideen.<\/p>\n<p>Im deutschen Sprachraum ist das oft etwas missverst\u00e4ndlich, denn zur Vermeidung der verp\u00f6nten Begriffe &#8222;anarchistisch&#8220; oder &#8222;Anarchist*inn*en&#8220; wird oft das Wort &#8222;libert\u00e4r&#8220; oder &#8222;Libert\u00e4re&#8220; verwendet. Aber merke: Anarchist*inn*en sind immer Libert\u00e4re, aber nicht alle Libert\u00e4ren sind Anarchist*inn*en.<\/p>\n<p>Anarchismus begreift sich in seiner historischen und theoretischen Komplexit\u00e4t, zu der es viele Assoziationen und Nachbarschaften gibt. Auch &#8222;pr\u00e4anarchistische&#8220;. ;-)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leider kann ich wieder mal nicht pers\u00f6nlich anwesend sein, da ich weit im Westen immer noch versuche, einem alten 92j\u00e4hrigen Menschen seine Autonomie zu bewahren, ihm seine pers\u00f6nliche Freiheit soweit als m\u00f6glich zu sichern und ihn nicht in eine Altenverwahranstalt namens Pflegeheim abzuschieben. Pflegeheim hei\u00dft n\u00e4mlich &#8222;lebensl\u00e4nglich&#8220;. 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