{"id":14981,"date":"2015-11-01T00:00:00","date_gmt":"2015-10-31T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2015\/11\/ein-buch-voller-lieblingssaetze\/"},"modified":"2022-07-26T12:58:53","modified_gmt":"2022-07-26T10:58:53","slug":"ein-buch-voller-lieblingssaetze","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/11\/ein-buch-voller-lieblingssaetze\/","title":{"rendered":"Ein Buch voller Lieblingss\u00e4tze"},"content":{"rendered":"<p>Laurie Penny hat sich in den vergangenen Monaten Geh\u00f6r verschafft, nicht nur unter FeministInnen, sondern weit \u00fcber diesen LeserInnenkreis hinaus. Bereits ihr erstes Buch, &#8222;Fleischmarkt&#8220;, wurde von der Presse begeistert aufgenommen, ihr Blog &#8222;Penny Red&#8220; war auf der Shortlist f\u00fcr den Orwell Preis und auf Twitter hat sie \u00fcber Hunderttausend Follower.<\/p>\n<p>Pennys Stimme wird geh\u00f6rt, nicht nur im &#8222;Missy Magazine&#8220;, auch in der &#8222;Zeit&#8220; wurde sie schon interviewt und das ist erfreulich. Denn ihr Buch offenbart f\u00fcr regelm\u00e4\u00dfige Graswurzelrevolution-LeserInnen nichts wirklich Neues, aber es ist unheimlich sch\u00f6n, all diese Dinge, die hier seit Jahren diskutiert werden, endlich einmal in den Mainstream-Medien wiederzufinden.<\/p>\n<p>Pennys Buch liegt der Gedanke zugrunde, dass die Kategorie Geschlecht nicht unabh\u00e4ngig von der Kategorie Klasse zu denken ist und nimmt damit eine scharfe Kritik am Kapitalismus und an den damit verbundenen Vorstellungen von Arbeit in ihre Konzeption von feministischer Emanzipation auf.<\/p>\n<p>Sie wehrt sich entschieden gegen jene Auffassung von Feminismus, die eine Gleichberechtigung in den Chefetagen herbeisehnt. &#8222;\u00d6ffentliche \u201aKarrierefeministinnen&#8216; sind damit besch\u00e4ftigt, \u201amehr Frauen in die Vorst\u00e4nde&#8216; zu bringen, dabei besteht das Hauptproblem darin, dass es schon viel zu viele Vorstandszimmer gibt uns keins von ihnen brennt.&#8220; (14) S\u00e4tze dieser Art, die man sich gerne auf Demoplakate schreiben w\u00fcrde, finden sich zuhauf (vor allem in der programmatischen Einleitung). Der teilweise recht polemische Ton mag nerven, auch die Begeisterung \u00fcber den eigenen Lebenstil und die Verkn\u00fcpfung mit der eigenen Biographie wirkt an einigen Stellen besserwisserisch und \u00fcberheblich, aber dennoch ist Pennys Buch ein gutes.<\/p>\n<p>&#8222;Unsagbare Dinge&#8220; nimmt verschiedene Diskursf\u00e4den auf und bem\u00fcht sich, daraus ein Bild gegenw\u00e4rtiger Geschlechterpolitik zu zeichnen. So ruft Penny die Tatsache ins Ged\u00e4chtnis, dass die Forderung nach \u201agleicher&#8216; Arbeit, eine Forderung wei\u00dfer, privilegierter Frauen ist, w\u00e4hrend &#8222;au\u00dferhalb der wei\u00dfen Vororte Frauen immer f\u00fcr Geld arbeiten mussten&#8220; (25). Sie geht allerdings an dieser Stelle weiter und fragt nach den zugrundeliegenden Vorstellungen von Arbeit: &#8222;Die Frage, ob M\u00e4nner und Frauen f\u00fcr dieselbe Arbeit dasselbe Geld bekommen sollten, f\u00fchrt zu der Frage, was unter derselben Arbeit eigentlich zu verstehen ist, wo doch die Haus- und F\u00fcrsorgearbeit \u00fcberwiegend ohne Bezahlung von Frauen verrichtet wird, oft neben einem Vollzeitjob. Die Antwort wirft gleich mehrere weitere Fragen auf, welche Arbeiten bezahlt und welche einfach aus Liebe und Pflichtgef\u00fchl getan werden sollten, und schon beginnt man das Wesen der Liebe zu hinterfragen, und an dieser Stelle wird es richtig ungem\u00fctlich.&#8220; (ebd.)<\/p>\n<p>An Stellen wie dieser macht Penny deutlich, dass der Feminismus nicht allein aus Forderungen nach gleicher Bezahlung besteht, sondern dass mit ihm die grunds\u00e4tzlichen Dimensionen menschlicher Selbstentw\u00fcrfe, des menschlichen Miteinanders und des individuellen Wollens zur Disposition stehen.<\/p>\n<p>Denn all das ist \u00fcberzeichnet von einem grundlegend patriarchalen Verwertungssystem, deren Macht M\u00e4nner und Frauen gleicherma\u00dfen erlegen sind und die man nicht einfach reformieren kann. Penny fordert deshalb die Meuterei: &#8222;Die soziale Revolution, die stockend durch das vergangene Jahrhundert stolperte, die feministische Gegenwehr, die sexuelle Revision, das Zerschlagen alter Normen zu Hautfarbe, Klasse und Geschlecht, diese soziale Revolution muss neu beginnen, diesmal mit uns allen, nicht nur mit den reichen Wei\u00dfen, die sie am wenigsten brauchen.&#8220; (30)<\/p>\n<p>In den folgenden Kapiteln nimmt sich Penny die eigenen Erfahrungen zum Anlass, verschiedene Formen geschlechtsspezifischer Machtverh\u00e4ltnisse in den Blick zu nehmen und bringt diese immer wieder mit der Kategorie \u201aArbeit&#8216; in Verbindung.<\/p>\n<p>Die eigene Magersucht wird aus dem gesellschaftlichen Zwang zur &#8222;Sch\u00f6nheitsarbeit&#8220; (45) abgeleitet und damit in kapitalistische Produktions-, Selbstverwertungs- und Konsumprozesse eingeordnet. Auch M\u00e4nnlichkeit wird als machtvolles und vor allem gewaltsames Konstrukt betrachtet, dass M\u00e4nner beherrscht und sich in Form von Gewalt an Frauen entl\u00e4dt, so dass sowohl &#8222;M\u00e4nnern wie auch Frauen [beigebracht wird], dass m\u00e4nnliche Sexualit\u00e4t sch\u00e4dlich und gef\u00e4hrlich ist &#8211; und gleichzeitig absolut nat\u00fcrlich.&#8220; (107)<\/p>\n<p>Die Unterdr\u00fcckung beider Geschlechter durch den gesellschaftlichen Zwang zur Genderarbeit m\u00fcndet also in jene \u201arape culture&#8216;, die wir m\u00fchelos in allen m\u00f6glichen kulturellen Artefakten unserer Zeit beobachten k\u00f6nnen (mein Lieblingsbeispiel ist der Song und das Video von Robin Thicke &#8222;Blurred Lines&#8220;).<\/p>\n<p>Das Besondere an Pennys Ansatz ist also die Verquickung der Thesen von Judith Butler, die von einer performativen Hervorbringung der Geschlechtsidentit\u00e4t ausgeht, unter deren Macht der\/die Einzelne (Mann wie Frau) dann gestellt ist, mit kapitalismus- bzw. konsumkritischen Positionen.<\/p>\n<p>Diese Verquickung kristallisiert sich in Pennys Begriff von \u201aArbeit&#8216;. Damit ist Unsagbare Dinge nicht nur eine Absage an Alice Schwarzer und deren Forderungen nach \u201agleicher Arbeit&#8216; (sowie der zu pauschalen Ablehnung von Pornographie und Prostitution), sondern wirft auch einen sehr kritischen Blick auf jenen \u201aPopfeminismus&#8216;, der sich inmitten der Konsumgesellschaft verorten m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Wie gesagt, f\u00fcr viele LeserInnen der Graswurzelrevolution ist das alles nichts bahnbrechend Neues, nichts, was nicht schon h\u00e4ufiger hier zur Diskussion gestellt worden w\u00e4re. Deshalb rate ich euch, legt euch das Buch neben das Fr\u00fchst\u00fccksei und lest einfach nur ein kleines Unterkapitel morgens (in kleinen Dosen ist der Agitationsstil auch gleich ertr\u00e4glicher) und startet auf diese Weise in einen k\u00e4mpferischen Tag. Und wenn ihr es durch habt, dann schenkt es der Emma-Leserin von nebenan.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Laurie Penny hat sich in den vergangenen Monaten Geh\u00f6r verschafft, nicht nur unter FeministInnen, sondern weit \u00fcber diesen LeserInnenkreis hinaus. Bereits ihr erstes Buch, &#8222;Fleischmarkt&#8220;, wurde von der Presse begeistert aufgenommen, ihr Blog &#8222;Penny Red&#8220; war auf der Shortlist f\u00fcr den Orwell Preis und auf Twitter hat sie \u00fcber Hunderttausend Follower. 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