{"id":15007,"date":"2015-12-01T00:00:00","date_gmt":"2015-11-30T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2015\/12\/vergessen-gemachte-geschichte\/"},"modified":"2022-07-26T14:22:12","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:12","slug":"vergessen-gemachte-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/12\/vergessen-gemachte-geschichte\/","title":{"rendered":"Vergessen gemachte Geschichte"},"content":{"rendered":"<p><b>Graswurzelrevolution: Was hat Dich dazu bewegt, Dich so intensiv mit Indonesien zu besch\u00e4ftigen und dort so lange zu leben?<\/b><\/p>\n<p><i>Anett Keller:<\/i> Das kam eigentlich zuf\u00e4llig, ich war 1997 als Reisende zum ersten Mal in Indonesien unterwegs. Es war das Jahr der Asienkrise und das Jahr, in dem die Studenten gegen Diktator Suharto zu demonstrieren begannen.<\/p>\n<p>Im Mai 1998 trat Suharto zur\u00fcck. Ich war fasziniert von dieser Dynamik und habe damals angefangen, alles zu lesen, was ich in die H\u00e4nde bekommen konnte. Und ich hatte das Gl\u00fcck, dass an meiner Uni in Leipzig damals noch Erich-Dieter Krause lehrte, der Indonesisch unterrichtete. Er begeisterte mich f\u00fcr die indonesische Sprache. Dann folgte ein Studienjahr in Indonesien, Feldforschung f\u00fcr meine Abschlussarbeit und schlie\u00dflich das Leben und Arbeiten dort als Journalistin.<\/p>\n<p><b>GWR: Wie hast Du die Zeit in Indonesien erlebt?<\/b><\/p>\n<p><i>Anett Keller: <\/i>Auf der einen Seite ist Indonesien noch sehr stark gepr\u00e4gt vom Militarismus der Suharto-Zeit. Das reicht von Fahnenappellen in Schulen bis zu Monumenten und Museen, die noch immer die gleichen sind, wie zu Diktaturzeiten.<\/p>\n<p>Andererseits gibt es eine Widerst\u00e4ndigkeit gegen staatliche oder \u00f6konomische Vereinnahmung, die mir bei vielen Menschen auffiel. Diese kommt manchmal laut daher, manchmal leise.<\/p>\n<p>Diese Widerst\u00e4ndigkeit ist getragen von einem starken Gemeinschaftsbewusstsein.<\/p>\n<p>Die Gesellschaft ist (noch) nicht so von Vereinzelung gepr\u00e4gt wie die unsere. Das spiegelt sich auch im politischen Aktivismus wieder. Es ist wirklich beeindruckend, was Graswurzelinitiativen dort gemeinsam auf die Beine stellen. Sie tun das im Angesicht von realer Gewalt von Sicherheitskr\u00e4ften und zivilen reaktion\u00e4ren Kr\u00e4ften.<\/p>\n<p>Sie tun es auf \u00e4u\u00dferst kreative Weise, da spielen k\u00fcnstlerische Ausdrucksformen oft eine starke Rolle und das Ganze kommt trotz ernster Probleme oft nicht verbissen daher. Gemeinschaft und kollektive Organisationsformen sind etwas Normales und m\u00fcssen nicht erst langwierig unter \u00dcberwindung aller m\u00f6glichen pers\u00f6nlichen Befindlichkeiten hergestellt werden.<\/p>\n<p>Was mir auch oft auffiel war, dass Kinder in politische Aktionen sehr viel mehr einbezogen sind als hier, es gibt nicht so eine starke Trennung zwischen Kinder- und Erwachsenenwelt.<\/p>\n<p>Es gibt zum einen sehr viel mehr Kinder in Indonesien als hier und sie sind einfach selbstverst\u00e4ndlich \u00fcberall dabei.<\/p>\n<p>Ich habe viele Demos, Polit-Performances, Ausstellungen und workshops erlebt, wo Kinder dabei und von vornherein mitgedacht waren, wo es AktivistInnen gab, die sich gerne mit ihnen besch\u00e4ftigten und z.B. mit ihnen Holzschnitte her stellten oder malten oder gemeinsam Musik machten.<\/p>\n<p><b>GWR: Dein politisches Lesebuch &#8222;Indonesien 1965ff.&#8220; ist ersch\u00fctternd und erz\u00e4hlt auf \u00fcber 200 Seiten die in Europa kaum bekannte Geschichte des Massenmords in Indonesien. Wie kam es zu diesem Massaker? Kannst Du bitte die Vorgeschichte und die Hintergr\u00fcnde skizzieren?<\/b><\/p>\n<p><i>Anett Keller:<\/i> Indonesien geh\u00f6rte nach 350 Jahren niederl\u00e4ndischer Kolonialherrschaft zu den blockfreien Staaten.<\/p>\n<p>Innenpolitisch gab es sehr widerstrebende Kr\u00e4fte, die der erste Pr\u00e4sident, Sukarno, mit seiner NASAKOM-Politik (Nationalismus, Religion, Kommunismus) zusammen zu halten versuchte. Au\u00dfenpolitisch gab es den Kalten Krieg und die Dominotheorie. Der Vietnamkrieg war bereits im Gange und auch in Indonesien gab es diverse Destabilisierungsversuche durch die CIA. Indonesien, das gr\u00f6\u00dfte und ressourcenreichste Land in S\u00fcdostasien, hatte damals nach China und der Sowjetunion die drittgr\u00f6\u00dfte kommunistische Partei der Welt. Die USA und ihre westlichen Verb\u00fcndeten blickten mit Sorge auf Sukarnos zunehmend antiimperialistischen Kurs, der sich auch in der Verstaatlichung von ausl\u00e4ndischen Unternehmen ausdr\u00fcckte.<\/p>\n<p>Sukarnos Gesundheitszustand wurde im Jahr 1965 mit Sorge betrachtet. In Jakarta machte die Rede von einem &#8222;Rat der Gener\u00e4le&#8220; die Runde, bestehend aus prowestlichen Armeef\u00fchrern, der Anfang Oktober gegen Sukarno putschen wolle.<\/p>\n<p>Eine Gruppe linker Milit\u00e4rs, die sich selbst &#8222;Bewegung 30. September&#8220; nannte, wollte dem zuvorkommen und entf\u00fchrte und ermordete sechs Gener\u00e4le und einen Leutnant, von denen sie vermuteten, dass sie dem &#8222;Rat der Gener\u00e4le&#8220; abgeh\u00f6rten.<\/p>\n<p>Suharto, der sp\u00e4tere Diktator und damals Kommandeur der Strategischen Reserve, stellte den Generalsmord als Tat der Kommunistischen Partei und der linken Frauenbewegung dar und startete eine Hetzjagd, die Millionen von Opfern forderte.<\/p>\n<p><b>GWR: Wie erkl\u00e4rst Du dir, dass sich so viele Menschen an dem Massenmord beteiligt haben? Wieso haben sich &#8222;ganz normale Leute&#8220; pl\u00f6tzlich in M\u00f6rder verwandelt?<\/b><\/p>\n<p><i>Anett Keller:<\/i> Das hatte zum Teil mit Landkonflikten zu tun, die sich schon vor 1965 stark zugespitzt hatten. Indonesien war sehr feudal gepr\u00e4gt, die Holl\u00e4nder hatten den lokalen Eliten ihre L\u00e4ndereien gelassen, so lange diese mit ihnen kooperierten. 1960 gab es ein Landreformgesetz, mit dem Landbesitz umverteilt werden sollte.<\/p>\n<p>Das wurde aber nicht implementiert, was dazu f\u00fchrte, dass w\u00fctende landlose Bauern auch gewaltsam Land besetzten.<\/p>\n<p>Zu diesen schon existierenden Konflikten kam eine perfide psychologische Kriegsf\u00fchrung von Suharto \u00fcber die Milit\u00e4rmedien, die linken Medien waren ja nach 65 alle verboten.<\/p>\n<p>Da wurde massiv Angst gesch\u00fcrt, KommunistInnen wurden als gottlose, gewaltt\u00e4tige und freien Sex praktizierende Monster dargestellt.<\/p>\n<p>Es wurde das Ger\u00fccht verbreitet, Frauen von der linken Organisation Gerwani h\u00e4tten den ermordeten Gener\u00e4len die Penisse abgeschnitten und ihnen die Augen ausgestochen. Das dazu in Widerspruch stehende Autopsieergebnis wurde unter Verschluss gehalten.<\/p>\n<p>Mit diesen Kampagnen wurden Hass und Angst gesch\u00fcrt. Dennoch ist nach allem, was inzwischen an Dokumenten bekannt ist, klar, dass das Milit\u00e4r die Federf\u00fchrung hatte und gezielt zivile Gruppen zum Morden benutzt wurden. Zum Einsatz kam dabei damals auch die allerneueste westliche Funktechnik.<\/p>\n<p><b>GWR: Der prowestliche und antikommunistische Diktator Suharto und sein Regime beherrschten den Inselstaat 32 Jahre lang. Was bedeutete das f\u00fcr die Gesellschaft in Indonesien?<\/b><\/p>\n<p><i>Anett Keller:<\/i> Es bedeutete die beinahe vollst\u00e4ndige Ausl\u00f6schung der emanzipatorischen Linken. Es bedeutete Militarismus und das Einschw\u00f6ren der Bev\u00f6lkerung auf Suhartos Entwicklungsdiktatur. Es bedeutete staatliche und soziale Kontrolle bis auf Dorfebene. Wirtschaftlich wurde Indonesien ins kapitalistische Lager eingegliedert.<\/p>\n<p>Mit neuen Gesetzen, geschrieben von zuvor in den USA ausgebildeten \u00d6konomen, wurden ausl\u00e4ndischen Investoren die T\u00fcren zu Indonesiens Rohstoffreichtum ge\u00f6ffnet. Das Ganze hat viele Parallelen zu dem, was 1973 in Chile geschah. Dort hie\u00dfen diese \u00d6konomen &#8222;Chicago Boys&#8220;, in Indonesien hatten sie den Spitznamen &#8222;Berkeley Mafia&#8220;. ((2))<\/p>\n<p><b>GWR: Wie hat sich Indonesien seit dem Ende des Terrorregimes ver\u00e4ndert? <\/b><\/p>\n<p><i>Anett Keller:<\/i> Die Medienlandschaft ist vielf\u00e4ltiger und offener geworden.<\/p>\n<p>Viele \u00dcberlebende aber auch junge SchriftstellerInnen, AktivistInnen und K\u00fcnstlerInnen, von denen sich einige in meinem Buch selbst vorstellen, nutzen diese Freir\u00e4ume auf bemerkenswerte Weise. Der kapitalismuskritische K\u00fcnstler Alit Ambara l\u00e4dt zum Beispiel unter dem Label http:\/\/nobodycorp.org all seine Werke im Internet hoch und jeder kann sie ausdrucken und f\u00fcr Aktionen verwenden.<\/p>\n<p>Zugleich ist das Beharrungsverm\u00f6gen der alten Kr\u00e4fte gro\u00df. Am Wirtschaftssystem hat sich ja nicht wirklich etwas ge\u00e4ndert. Auch an den staatlichen Schaltstellen sitzen an vielen Stellen die T\u00e4ter von 1965 oder von nachfolgenden Menschenrechtsverletzungen, zum Beispiel in Osttimor, Aceh oder Papua.<\/p>\n<p><b>GWR: Die von Dir aus dem Indonesischen f\u00fcr das Buch &#8222;Indonesien 1965ff.&#8220; \u00fcbersetzten Texte erm\u00f6glichen einen Zugang zu bislang im deutschsprachigen Raum nicht zug\u00e4nglichen Quellen. Wie sieht die Auseinandersetzung mit der blutigen Vergangenheit f\u00fcnfzig Jahre nach dem Massenmord in Indonesien aus?<\/b><\/p>\n<p><i>Anett Keller:<\/i> Was die staatlichen Stellen angeht, sieht es schlecht aus. Keiner der T\u00e4ter wurde juristisch zur Verantwortung gezogen.<\/p>\n<p>Die Straflosigkeit bef\u00f6rdert fortgesetzte Gewalt. 2004 wurde Indonesiens bekanntester Menschenrechtler und Tr\u00e4ger des alternativen Nobelpreises, Munir Said Thalib, vergiftet.<\/p>\n<p>Trotz zahlreicher Hinweise, dass der Geheimdienst damit zu tun hatte, wurde keiner der Hinterm\u00e4nner verurteilt. Demgegen\u00fcber stehen viele Einzelpersonen und Gruppen, die versuchen, die Erinnerung wach zu halten.<\/p>\n<p>Es waren diese Menschen, die mich zu dem Buch inspiriert haben. Sie sind noch immer starken Widerst\u00e4nden ausgesetzt.<\/p>\n<p>Immer wieder l\u00f6sen antikommunistische Gruppen gewaltsam Versammlungen von \u00dcberlebenden und AktivistInnen auf. Wo Angeh\u00f6rige von 1965 Ermordeten Massengr\u00e4ber \u00f6ffnen wollen, marschieren diese Gruppen auf mit Transparenten, die vor der &#8222;neuen kommunistischen Gefahr&#8220; warnen. Das 1966 erlassene Verbot der Kommunistischen Partei und des Verbreitens von marxistisch-leninistischen Schriften gilt in Indonesien bis heute. Das hei\u00dft nicht, dass es diese Schriften nicht gibt, aber sie k\u00f6nnen jederzeit verboten werden. Die Situation spitzt sich scheinbar im Moment zu, in den letzten Wochen hat es mehrere Verbote von Veranstaltungen zu 1965 gegeben ((3)). Vielleicht hat es mit dem im November in Den Haag von \u00dcberlebenden und AktivistInnen organisiertem V\u00f6lkertribunal zu tun, wo &#8211; nach dem Vorbild des Russel-Tribunals zu Vietnam die indonesische Regierung f\u00fcr die Verbrechen von 1965 angeklagt wurde ((4)).<\/p>\n<p>Die internationale Aufmerksamkeit scheint die Beh\u00f6rden nerv\u00f6s zu machen.<\/p>\n<p><b>GWR: Aus Deinem Buch geht hervor, dass sich unter den Opfern von Suhartos M\u00f6rderbanden auch unz\u00e4hlige Frauen befanden: Mitglieder von linken Organisationen ebenso wie Ehefrauen und Verwandte von politisch Verfolgten. Sie waren w\u00e4hrend ihrer Haftzeit h\u00e4ufig systematischer sexueller Gewalt von Milit\u00e4rs und Milizion\u00e4ren ausgesetzt und blieben oft auch nach ihrer Haftentlassung Ausgebeutete und Stigmatisierte ((5)). <\/b><\/p>\n<p><b>Wie ist die Situation der Frauen heute? Wie ist die Situation feministischer Aktivistinnen im heutigen Indonesien? Welche Auswirkungen hatte &#8222;1965&#8220; auf die indonesische Frauenbewegung? <\/b><\/p>\n<p><b>Werden die traumatischen Erfahrungen betroffener Frauen in Indonesien thematisiert? <\/b><\/p>\n<p><i>Anett Keller:<\/i> Das sind viele Fragen auf einmal. Mit der Suharto-Diktatur haben die Frauen einen enormen R\u00fcckschlag erlitten.<\/p>\n<p>An die Stelle einer progressiven Frauenbewegung traten staatlich organisierte &#8222;Ehefrauen-Institutionen&#8220;. Ein staatliches Programm zur Geburtenkontrolle griff weit in die pers\u00f6nlichen Freiheiten der Frauen ein.<\/p>\n<p>Ich habe noch Anfang der 2000er Jahre erlebt, also nach dem R\u00fccktritt Suhartos, dass Dorfvorsteher Frauen fragten, wie sie verh\u00fcten und dies in ihren Statistiken dokumentierten. Das Stigma &#8222;Gerwani&#8220; ist immer noch stark und es ist Frauen kaum m\u00f6glich, sich \u00f6ffentlich auf die Tradition dieser beeindruckenden Bewegung zu beziehen, die in den 50er und fr\u00fchen 60er Jahren gegen Polygamie und Verheiratung von Minderj\u00e4hrigen k\u00e4mpfte, Kinderg\u00e4rten aufbaute und in Indonesien und international gut vernetzt war.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft nicht, dass es heutzutage keine Frauenbewegung gibt, es gibt beeindruckende Aktivistinnen. Doch ihr Spielraum ist in der noch immer sehr stark militaristischen und patriarchalen Gesellschaft Indonesiens begrenzt. Und es gibt neue Herausforderungen: Militarismus und Misogynie kommen heute h\u00e4ufig in einem neuen, vermeintlich religi\u00f6sen Gewand daher.<\/p>\n<p><b>GWR: Gab es 1965 in Indonesien auch eine anarchistische Bewegung, die \u00e4hnlich wie in anderen Diktaturen von den T\u00e4tern als &#8222;kommunistisch&#8220; subsumiert und verfolgt wurde?<\/b><\/p>\n<p><i>Anett Keller:<\/i> Ich wei\u00df von keiner Bewegung, die sich in jener Zeit offen als anarchistisch definiert h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Indonesische AnarchistInnen selbst sch\u00e4tzen es so ein, dass sich Anarchismus als Bewegung erst in der Post-Suharto-Zeit entwickelt hat. Um dazu mehr zu erfahren, w\u00e4re es sicher gut, mal ein l\u00e4ngeres Interview mit indonesischen AnarchistInnen zu f\u00fchren.<\/p>\n<p><b>GWR: Gute Idee! In Deinem, im September 2015 in der GWR 401 erschienenen Interview mit Marjin Kiri, beschreibt der indonesische Verleger den Anarchismus als Inspirationsquelle. Wie sch\u00e4tzt Du die Situation von Anarchistinnen und Anarchisten in Indonesien heute ein? <\/b><\/p>\n<p><i>Anett Keller:<\/i> In der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung gelten sie &#8211; wenn sie sich offen zum Anarchismus bekennen &#8211; als gewaltbereite Chaoten. Tun sie das nicht, leben aber anarchistisch, wie das zum Beispiel die Gemeinschaft der Samin in Zentraljava tut, die ich selbst auch besucht habe, gelten sie als &#8222;zur\u00fcck geblieben&#8220;.<\/p>\n<p>Die Samin sind eine wichtige Gr\u00f6\u00dfe im aktuellen Protest gegen die Landnahme des Karstgebirges, an dem sie leben, durch Zementfabriken. Die Samin betreiben \u00f6kologische Landwirtschaft, zahlen keine Steuern und schicken ihre Kinder nicht auf staatliche Schulen. Sie beziehen sich aber nicht auf Bakunin oder Proudhon, sondern auf den Gr\u00fcnder ihrer Gemeinschaft, den 1859 geborenen Samin Surosentiko. Als er im Widerstand gegen die Kolonialmacht immer mehr Anh\u00e4nger um sich versammelte, schickten die Holl\u00e4nder ihn 1907 in die Verbannung nach Sumatra, wo er 1914 starb.<\/p>\n<p>Ein bisschen was zu Anarchisten in Indonesien kann man auf Deutsch auch in dem von Sebastian Kalicha und Gabriel Kuhn im unrast-Verlag herausgegebenen Buch &#8222;Von Jakarta bis Johannesburg &#8211; Anarchismus weltweit&#8220; nachlesen.<\/p>\n<p><b>GWR: Gibt es in Indonesien Medien der Gegen\u00f6ffentlichkeit? <\/b><b>Gibt es alternative, feministische oder anarchistische Bewegungsmedien? <\/b><\/p>\n<p><i>Anett Keller:<\/i> Ja, es gibt sie im Internet und sie sind sehr lesenswert, z.B. die linke Netz-Zeitung Indoprogress http:\/\/indoprogress.com oder die neue anarchistische Plattform http:\/\/anarkis.org. Es gibt sie auch in Form von zines verschiedener Gruppen.<\/p>\n<p>Es gibt auch spannende Lese- und Schreibzirkel in verschiedenen St\u00e4dten. Einen davon habe ich in Yogyakarta n\u00e4her kennen gelernt, eine beeindruckende Gruppe von jungen Studenten und Absolventen aller m\u00f6glichen Disziplinen, die Diskussionsrunden und Protestaktionen organisieren und viel im Netz publizieren. Diese Gruppe hat sich von Anfang an bewusst einer NGO-isierung entzogen, indem sie selbst eine Genossenschaft aufgebaut haben und sich qua Statut jeder finanziellen F\u00f6rderung durch externe Geldgeber verweigert.<\/p>\n<p>Eine sehr spannende Bewegung sind auch die so genannten &#8222;Gus Durianer&#8220; ((6)), \u00fcberwiegend junge Muslime, die sich f\u00fcr Gewaltfreiheit, Verteilungsgerechtigkeit und Toleranz einsetzen.<\/p>\n<p>Sie sehen sich selbst in der Tradition des ehemaligen Pr\u00e4sidenten Gus Dur (Abdurrahman Wahid), der Indonesien von 1999 bis 2001 regierte. Er war der Staatsvertreter, der im Bem\u00fchen um Aufarbeitung der Vergangenheit bislang am weitesten gegangen ist. Als Vorsitzender der gr\u00f6\u00dften muslimischen Massenorganisation, deren Vertreter 1965 unter den M\u00f6rdern waren, entschuldigte er sich bei den Opfern. Er versuchte auch, das Kommunismus-Verbot aufzuheben. Den &#8222;alten Kr\u00e4ften&#8220; war er zu progressiv &#8211; er wurde nach nur zwei Jahren Pr\u00e4sidentschaft seines Amtes enthoben.<\/p>\n<p><b>GWR: Indonesien ist mit ungef\u00e4hr 200 Millionen MuslimInnen der Staat mit der gr\u00f6\u00dften muslimischen Bev\u00f6lkerung der Welt. Der Islam ist keine Staatsreligion, aber alle B\u00fcrgerInnen des Inselstaates m\u00fcssen sich zu einer von sechs Weltreligionen bekennen. Wie wird heute mit AtheistInnen und antiklerikalen Menschen umgegangen, die sich dem verweigern? <\/b><\/p>\n<p><i>Anett Keller:<\/i> Es ist richtig, die indonesische Verfassung schreibt Gottesglauben vor. Offiziell anerkannt sind: Islam, Katholizismus, Protestantismus, Hinduismus, Buddhismus und Konfuzianismus. Es gab zwar vor ein paar Jahren eine Gesetzes\u00e4nderung, nach der nun kein Zwang zur Angabe der Religion bei der Beantragung von Ausweispapieren besteht. In der Praxis ist das aber immer noch schwierig.<\/p>\n<p>Das hat auch mit 1965 und der verbreiteten Kommunistenphobie als Folge von Suhartos Propaganda zu tun.<\/p>\n<p>Da findet oft eine Gleichsetzung Atheist = Kommunist statt. Ein weiteres Problem ist das Blasphemie-Gesetz, mit dem noch immer Menschen wegen angeblicher Gottesl\u00e4sterung verurteilt werden, so zum Beispiel 2012 ein Atheist, der in Kommentaren auf facebook die Existenz Gottes verneint hat. Er musste zweieinhalb Jahre ins Gef\u00e4ngnis.<\/p>\n<p><b>GWR: K\u00f6nnen Schwule, Lesben und Transgender sich in Indonesien \u00f6ffentlich zu ihrer &#8222;anderen&#8220; Sexualit\u00e4t bekennen?<\/b><\/p>\n<p><i>Anett Keller:<\/i> Homosexualit\u00e4t ist in nationalen Gesetzen nicht erw\u00e4hnt und damit auch nicht verboten.<\/p>\n<p>Es gibt aber in einzelnen Provinzen Regelungen, die sie unter Strafe stellen. Eine &#8222;andere&#8220; Sexualit\u00e4t wird meist heimlich gelebt, oft parallel zu einem &#8222;normalen&#8220; Eheleben. Auch da wirkt Suhartos Familienpolitik nach, die die heterosexuelle Kernfamilie mit fest geschriebenen Rollen des Mannes als Ern\u00e4hrer und der Frau als H\u00fcterin des Hauses zur Staatsdoktrin erhob.<\/p>\n<p>In den St\u00e4dten brechen diese Normen aber zunehmend auf und Lesben, Schwule und Transgender erobern sich R\u00e4ume und organisieren sich. Doch vor allem seitens islamistischer Gruppen sind sie immer wieder Gewalt ausgesetzt. Das ist auch eine Folge der Straflosigkeit f\u00fcr die Gewalt von 1965, die sich bis heute fortsetzt.<\/p>\n<p>Ob \u00dcbergriffe auf Opfer von 1965, religi\u00f6se Minderheiten oder Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender (LSBT): Die Polizei tut meist wenig, um die Opfer zu sch\u00fctzen und die T\u00e4ter gehen straffrei aus.<\/p>\n<p>Wer zum Thema Akzeptanz von LSBT und ihren Bedrohungen durch Militarismus und Islamismus einen aktuellen Eindruck aus Indonesien bekommen m\u00f6chte, dem empfehle ich das Buch &#8222;Gebunden &#8211; Stimmen der Trommel&#8220; (Sujet Verlag, 2015). Es ist ein sehr mutiger Roman der jungen Schriftstellerin Okky Madasari, der nah an der Realit\u00e4t ist. Die Autorin ist \u00fcbrigens eine gl\u00e4ubige Muslima.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>GWR: Von 1975 bis 1999 besetzte das indonesische Milit\u00e4r Osttimor und ermordete dort \u00fcber 200.000 Menschen. Wie haben die Bundesrepublik Deutschland und die anderen westlichen Staaten einerseits auf den Massenmord 1965 und andererseits auf den Genozid in Osttimor reagiert? <\/b><\/p>\n<p><i>Anett Keller:<\/i> Wie viel die BRD selbst dazu beitrug, Suharto an die Macht zu bringen, dar\u00fcber wird noch einiges herauszufinden sein. Antikommunismus war ja auch hierzulande Staatsdoktrin und die NS-Geschichte nur sehr unzureichend aufgearbeitet.<\/p>\n<p>Kurt L\u00fcdde-Neurath, der damals amtierende BRD-Botschafter in Jakarta, sagte 1967, Hunderttausende get\u00f6tete Kommunisten b\u00f6ten eine ausreichende Garantie, dass die neue indonesische Regierung alles tun werde, um einen erneuten Linksruck im Land zu verhindern. L\u00fcdde-Neurath war \u00fcbrigens ehemaliges Mitglied der SA und im Zweiten Weltkrieg in der deutschen Botschaft bei der Achsenmacht Japan t\u00e4tig. Interessant ist auch sein Folgeposten: von 1973 bis 1975 war er Botschafter in Chile. Die Regierung der Bundesrepublik hatte zu Suharto von Anfang an und bis zu seinem R\u00fccktritt 1998 beste Beziehungen. Mit einem von Hermann Josef Abs ausgearbeiteten Umschuldungsplan und millionenschwerer &#8222;Entwicklungshilfe&#8220; sicherte die BRD-Regierung Ende der 60er\/Anfang der 70er Jahre gute Bedingungen f\u00fcr deutsche Unternehmen im strategisch wichtigen und ressourcenreichen Indonesien. An der guten Kooperation \u00e4nderte auch die Annexion Osttimors durch Indonesien 1975 nichts.<\/p>\n<p>Die wirtschaftliche, milit\u00e4rische und polizeiliche Kooperation der BRD mit Indonesien dauert ungebrochen bis heute an.<\/p>\n<p><b>GWR: \u00dcber eine Beteiligung oder Mitwisserschaft der BRD an dem Umsturz wird in Berlin bis heute geschwiegen. Die Bundesregierungen pflegten &#8211; ebenso wie die Unternehmen &#8211; gute Beziehungen zur Diktatur. Wie haben sich die deutschen Medien 1965 angesichts des Massenmords in Indonesien und 1975 angesichts der indonesischen Invasion in Osttimor verhalten?<\/b><\/p>\n<p><i>Anett Keller:<\/i> Man muss sich die damalige Medienlandschaft in der Bundesrepublik vor Augen halten.<\/p>\n<p>Es gab zwar ein paar kritische Berichte zu 1965. Der &#8222;Spiegel&#8220; zum Beispiel schrieb 1971 \u00fcber die Unterst\u00fctzung des BND f\u00fcr Suhartos Milit\u00e4rs.Der generelle Tenor der Medienberichte war jedoch: Gut, dass Indonesien jetzt auf dem &#8222;richtigen Pfad&#8220; ist. Die Massenmorde wurden zwar bedauert, aber als &#8222;unvermeidbar&#8220; abgetan nach dem Motto, &#8222;die Kommunisten h\u00e4tten das Gleiche gemacht, h\u00e4tten sie die Gelegenheit bekommen&#8220;.<\/p>\n<p>Interessant ist in diesem Zusammenhang die Personalie eines weiteren deutschen Nazi-Exports nach Indonesien: Rudolf Oebsger-Roeder, ein ehemaliger SS-Sturmbannf\u00fchrer, war ein Mitarbeiter von Gehlen\/BND und sp\u00e4ter der erste Biograph von Suharto und Korrespondent f\u00fcr die westliche Mainstream-Presse.<\/p>\n<p><b>GWR: Von 2001 bis 2014 hat der deutsche Staat nach Angaben der &#8222;Welt&#8220; Waffen im Wert von \u00fcber 108 Millionen Euro an Indonesien geliefert. Diese Zahl d\u00fcrfte arg untertrieben sein, denn 2012 berichtete die &#8222;Jakarta Post&#8220; online unter Berufung auf Indonesiens Verteidigungsministerium \u00fcber den Kauf von 103 deutschen Leopard-Panzern zum Preis von 280 Millionen US-Dollar. Au\u00dferdem seien allein 2012 weitere 50 Marder 1A3-Sch\u00fctzenpanzer sowie zehn weitere deutsche Panzer ungenannten Typs bestellt worden. Gibt es in Indonesien Widerstand gegen Aufr\u00fcstung und Militarisierung? Gibt es eine antimilitaristische Bewegung?<\/b><\/p>\n<p><i>Anett Keller:<\/i> Indonesien ist ein zuverl\u00e4ssiger Kunde f\u00fcr deutsche Waffen, 2013 nahm es unter den Abnehmern der deutsche R\u00fcstungsproduktion Platz f\u00fcnf ein. Es gab 2012 wegen der Leopard-Panzer eine gemeinsame Protestaktion in Berlin vor dem Kanzleramt von Indonesiern und Deutschen, organisiert von Watch Indonesia!, einer Menschenrechtsorganisation, die sich 1991 in Berlin nach dem Massaker von Santa Cruz (Osttimor) gr\u00fcndete ((7)).<\/p>\n<p>Auch in Indonesien selbst gibt es antimilitaristische Gruppen und Proteste. Diese beziehen sich aber st\u00e4rker auf Milit\u00e4r- und Polizeigewalt auf lokaler Ebene, weniger auf Waffenk\u00e4ufe aus dem Ausland. Kritik gibt es auch an den Gesch\u00e4ftsimperien des Milit\u00e4rs. Im Indonesien der Suharto-Zeit wurden 1994 \u00fcbrigens drei gro\u00dfe Nachrichtenmagazine verboten, weil sie kritisch \u00fcber den Kauf ausgemusterter NVA-Kriegsschiffe aus Deutschland berichteten.<\/p>\n<p><b>GWR: Dein Buch ist ein wichtiges Dokument zur Aufkl\u00e4rung \u00fcber die Geschichte Indonesiens und weist darauf hin, wie wichtig die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit f\u00fcr die Zukunft des Landes ist.<\/b><\/p>\n<p><b>Wie sch\u00e4tzt Du die zuk\u00fcnftige Entwicklung des Landes ein? Welche Perspektiven emanzipatorischer, sozialer Bewegungen in Indonesien siehst Du? <\/b><\/p>\n<p><i>Anett Keller:<\/i> Ich bin sehr optimistisch, was die Kraft und Kreativit\u00e4t der AktivistInnen in Indonesien angeht. Was ich da in den letzten Jahren miterleben durfte hat mich sehr beeindruckt und daraus habe ich viel gelernt. Zugleich erleben wir gerade im Moment in punkto Aufarbeitung der Vergangenheit von staatlicher Seite mindestens einen Stillstand, wenn nicht sogar ein Zur\u00fcckdrehen im Sinne reaktion\u00e4rer Kr\u00e4fte. Das scheint mir aber kein rein indonesisches Ph\u00e4nomen zu sein.<\/p>\n<p><b>GWR: Wie k\u00f6nnen wir die emanzipatorischen Bewegungen in Indonesien unterst\u00fctzen?<\/b><\/p>\n<p><i>Anett Keller:<\/i> Vor dem &#8222;Unterst\u00fctzen wollen&#8220; sollte vielleicht erstmal das Interesse an einem wirklichen Austausch auf Augenh\u00f6he kommen. Das w\u00fcrde allen Beteiligten die M\u00f6glichkeit bieten, voneinander zu lernen. Dazu w\u00fcrde auf beiden Seiten geh\u00f6ren, die Historie unserer L\u00e4nder nicht als etwas Fernes und nicht vergleichbares wahrzunehmen, sondern als Geschichte von Gewaltherrschaft in einem globalen Kontext und mit vielen Parallelen.<\/p>\n<p>Paradoxerweise gilt Deutschland vielen IndonesierInnen als Beispiel f\u00fcr eine sehr sorgsame Aufarbeitung der Vergangenheit. Darin, diesen Mythos zu dekonstruieren, l\u00e4ge vielleicht, wenn man so will, auch schon eine Unterst\u00fctzung.<\/p>\n<p>Eine weitere l\u00e4ge im Abbau eigener Klischees, die Verst\u00e4ndigung und Vernetzung vielleicht auch erschweren. Ich erlebe selbst unter Linken hierzulande oft eine Islamophobie, die mich wirklich erschreckt.<\/p>\n<p><b>GWR: Kannst Du etwas zur Rolle der (ehemaligen) Kolonialmacht Niederlande sagen? Wie wirkte die Kolonialzeit nach? Und wie verl\u00e4uft die Diskussion in den Niederlanden heute?<\/b><\/p>\n<p><i>Anett Keller:<\/i> Wie die Niederlande ihre 350 Jahre Herrschaft im heutigen Indonesien (nicht) aufarbeiten, ist beinahe schon ein Thema f\u00fcr ein eigenes Interview.<\/p>\n<p>Ich stand neulich in Amsterdam vor dem Stadtarchiv und war recht schockiert, dort eine Art Heldenmonument von Jan Pieterszoon Coen, dem Gr\u00fcnder und Generalgouverneur von Batavia (heute Jakarta), zu finden. Ohne irgendeine Tafel am Geb\u00e4ude mit kritischen Anmerkungen zu seiner Gewaltherrschaft.<\/p>\n<p>In punkto Aufarbeitung der Kolonialvergangenheit hat es 2011 immerhin einen Gerichtsentscheid zugunsten der Opfer des Massakers von Rawagede gegeben, wo niederl\u00e4ndische Soldaten 1947 mehrere Hundert ZivilistInnen t\u00f6teten. Zum Thema, wie die Diskussionen heute verlaufen, w\u00e4re es spannend, im kommenden Jahr mal die Artikel der Feuilletonisten zum Buchmesse-Gastland Niederlande mit jenen zu Indonesien in diesem Jahr zu vergleichen. Mal sehen, ob da auch so viel von der dringenden Notwendigkeit der &#8222;Aufarbeitung der dunklen Vergangenheit&#8220; die Rede ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution: Was hat Dich dazu bewegt, Dich so intensiv mit Indonesien zu besch\u00e4ftigen und dort so lange zu leben? Anett Keller: Das kam eigentlich zuf\u00e4llig, ich war 1997 als Reisende zum ersten Mal in Indonesien unterwegs. Es war das Jahr der Asienkrise und das Jahr, in dem die Studenten gegen Diktator Suharto zu demonstrieren begannen. &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/12\/vergessen-gemachte-geschichte\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Vergessen gemachte Geschichte - graswurzelrevolution","description":"Graswurzelrevolution: Was hat Dich dazu bewegt, Dich so intensiv mit Indonesien zu besch\u00e4ftigen und dort so lange zu leben? 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