{"id":15008,"date":"2015-12-01T00:00:00","date_gmt":"2015-11-30T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2015\/12\/das-massaker-in-ankara\/"},"modified":"2022-07-26T14:22:12","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:12","slug":"das-massaker-in-ankara","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/12\/das-massaker-in-ankara\/","title":{"rendered":"Das Massaker in Ankara"},"content":{"rendered":"<p><b>GWR: Kannst du uns etwas \u00fcber die Aktivit\u00e4ten der HDP in \u00dcsk\u00fcdar erz\u00e4hlen?<\/b><\/p>\n<p><i>Ayfer Fatma \u00c7elik: <\/i>\u00dcsk\u00fcdar ist ein Stadtteil von Istanbul, der in den 1980er Jahren von den Faschisten besetzt wurde. Die Rechten waren dort in der \u00dcberzahl und die Linken nicht besonders aktiv. Nach den 1980er Jahren hat sich das ge\u00e4ndert. Es gab eine starke Einwanderung aus dem Osten der T\u00fcrkei. Deshalb gibt es heute viele Kurd*innen in \u00dcsk\u00fcdar, von denen viele HDP W\u00e4hler*innen sind.<\/p>\n<p>Die meisten von ihnen waren bereits in ihrer Heimat in politische K\u00e4mpfe involviert und setzen diese jetzt in Istanbul fort.<\/p>\n<p>Einige sind aber auch vom Populismus der rechten Parteien beeinflusst. Das hat vor allem \u00f6konomische Gr\u00fcnde und ist in gewisser Weise verst\u00e4ndlich. Sie haben alles in ihrer Heimat zur\u00fcckgelassen um nach Istanbul zu kommen und m\u00fcssen jetzt ums \u00dcberleben k\u00e4mpfen und Geld verdienen. Ich bin in \u00dcsk\u00fcdar seit 1,5 Jahren aktiv. Das Profil des Stadtteils hat sich in dieser Zeit ge\u00e4ndert. Das ist nicht so offensichtlich und geht nicht so schnell wie wir es gerne h\u00e4tten, aber es ist ein Trend.<\/p>\n<p>Aber auch die Repression h\u00e4lt viele Leute davon ab, sich zu engagieren. Sie k\u00f6nnen ihre Gef\u00fchle nicht ausdr\u00fccken und nicht zu den \u00f6ffentlichen Aktivit\u00e4ten oder in die Parteigeb\u00e4ude kommen. Manche von ihnen gehen einfach nur w\u00e4hlen.<\/p>\n<p><b>GWR: Nachdem die HDP am 7. Juni 2015 mehr als 13 % der abgegebenen Stimmen erhalten und so die 10%-H\u00fcrde \u00fcbersprungen hat, gab es viele Angriffe auf die HDP. Kannst du davon erz\u00e4hlen?<\/b><\/p>\n<p>Ayfer Fatma \u00c7elik: Schon vor dem 7. Juni gab es Angriffe auf die HDP, aber danach haben sie zugenommen und wurden immer aggressiver. Es gab Angriffe auf das HDP-Geb\u00e4ude in der Hauptstadt und im ganzen Land. Das geht auf den aggressiven Kurs der AKP gegen die Kurd*innen zur\u00fcck. Dabei benutzt die Regierung immer den Begriff des Terrorismus. Die AKP behauptet, die HDP sei auf der Seite des Terrorismus.<\/p>\n<p>Deshalb sehen es viele Rechtsextreme als ihre Pflicht, uns anzugreifen. Einige dieser Angriffe waren organisiert, andere spontan. Es ist ein Zeichen von Dummheit uns als Terroristen zu bezeichnen. Die Ideologen, die so etwas tun, glauben, sie k\u00f6nnen uns damit einsch\u00fcchtern.<\/p>\n<p>Manchmal haben sie damit auch Erfolg. Jetzt trauen sich weniger Leute, f\u00fcr die HDP aktiv zu werden, Wahlen zu beobachten oder Werbung zu machen. Aber sie k\u00f6nnen mit ihrer Gewalt nicht die Interessen der Leute \u00e4ndern, das zeigt sich in den Wahlen.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen alle unsere Aktivit\u00e4ten in \u00dcsk\u00fcdar bei der Polizei anmelden, sogar wenn wir nur eine Fahne aufh\u00e4ngen wollen.<\/p>\n<p>Die Polizei geht dabei meistens respektvoll mit uns um, aber das ist manchmal nicht genug. Zum Beispiel k\u00f6nnen wir seit drei Monaten keine Flaggen mehr aufh\u00e4ngen, nicht mal an unseren eigenen Geb\u00e4uden. Die Flaggen werden immer abgerissen oder angez\u00fcndet. Es gab auch einen Versuch, unser B\u00fcro abzubrennen. Es gibt st\u00e4ndig Angriffe auf unsere Infost\u00e4nde und wenn wir weniger als 15 bis 20 Leute sind, gibt es regelm\u00e4\u00dfig auch physische Gewalt. Bei solchen Angriffen schaut die Polizei meistens nur zu, oder sie greift nur halbherzig ein. Wir wissen, dass sie uns mit diesen Angriffen dazu bringen wollen, selbst Gewalt anzuwenden.<\/p>\n<p>Aber wir versuchen gelassen zu bleiben und ihnen mit Worten zu antworten. Das ist schwer. Wir hoffen, dass sie unsere Antwort in den Wahlen sehen.<\/p>\n<p><b>GWR: Du warst auf der Demo in Ankara, bei der es zu dem Massaker kam. Kannst du uns davon erz\u00e4hlen?<\/b><\/p>\n<p>Ayfer Fatma \u00c7elik: In der Nacht bevor wir nach Ankara gefahren sind, herrschte bei uns Festivalstimmung. Wir von der HDP \u00dcsk\u00fcdar hatten einen Bus f\u00fcr 30 Personen von der Gewerkschaft bekommen. Bevor wir einstiegen haben wir uns gut vorbereitet. Wir haben gegessen, uns dar\u00fcber ausgetauscht, wie wir uns anziehen w\u00fcrden und ob es kalt werden w\u00fcrde. Wir haben uns auf eine sch\u00f6ne Reise eingestellt. Die ganze Nacht w\u00e4hrend der Fahrt haben wir Fotos und Videos gemacht. Niemals h\u00e4tten wir uns vorstellen k\u00f6nnen, dass diese Fotos bald an den W\u00e4nden unserer Parteib\u00fcros h\u00e4ngen w\u00fcrden, um an die Toten zu erinnern. All diese Bilder aus dem Bus und vor dem Bahnhof in Ankara sind jetzt traurige Erinnerungen. Diese l\u00e4chelnden Gesichter, die von der Freude sprechen, mit tausenden Menschen Schulter an Schulter f\u00fcr den Frieden einzustehen, kehren jetzt wieder als schmerzhafte Erinnerungen. Als wir in Ankara ankamen, haben sich langsam alle f\u00fcr die Demo aufgestellt. Ich musste noch auf die Toilette, aber dort war eine lange Schlange. Deshalb suchte ich zusammen mit einer Freundin eine andere Toilette.<\/p>\n<p>Danach sagte sie, &#8222;lass uns noch etwas trinken, wir m\u00fcssen noch lange genug gehen&#8220;. Als wir uns gerade hingesetzt hatten, um unseren Tee zu trinken, h\u00f6rten wir den Knall der Explosion. Zuerst dachten wir, es sei ein B\u00f6ller und blieben ruhig. Aber dann kam noch ein Knall und viele Leute rannten auf uns zu.<\/p>\n<p>Ich bin ruhig geblieben und in die Richtung gerannt, aus der die Explosion kam. Ich glaube, das war zwei Minuten nach der Explosion. Als ich dort hin gerannt bin sah ich Dinge, die ich nie wieder sehen will. Schon aus der Entfernung sah ich Fetzen von Flaggen und etwas, das aussah, wie menschliches Fleisch flog durch die Luft. Der Ort der Explosion war voll von abgerissenen H\u00e4nden und anderen K\u00f6rperteilen, Knochen und Blut. Ich versuchte auf Zehenspitzen zu gehen. Das waren meine Genoss*innen mit aufgerissenen B\u00e4uchen, halb weggerissenen Gesichtern, schrecklichen Verbrennungen. Eine Freundin lag auf dem Boden, ich erkannte sie an ihren Kleidern und ihren sch\u00f6nen dunklen Haaren. Ich drehte ihr Gesicht und sprach sie an, aber sie antwortete nicht.<\/p>\n<p>Da ihre Augen offen waren, probierte ich es nochmal, aber sie antwortete nicht. Ich sah eine andere Freundin, Azize, ihre Kleider waren zerrissen und sie lag auf dem Bauch. Ich habe sie umgedreht, aber sie kaum mehr erkannt. Ein anderer Freund, Halil, war schwer verwundet, seine H\u00e4nde waren fast abgerissen. Ich sagte, &#8222;Halil, Genosse, halte durch&#8220;. Au\u00dfer mir waren h\u00f6chstens noch ein oder zwei andere Unverletzte in der Gegend der Explosion. Ich rief nach einem Krankenwagen. Stattdessen kam die Polizei.<\/p>\n<p>Zur gleichen Zeit kamen die Leute zur\u00fcck, die weggerannt waren. Die Polizei schoss Gasgranaten in ihre Richtung und Panik brach aus. Ich versuchte anhand der Schuhe und der Kleidung weitere Freund*innen zu erkennen. W\u00e4hrenddessen deckten andere die Toten mit Flaggen zu. Ein oder zwei Krankenwagen kamen. \u00c4rzte vom TTB kamen und ordneten die Verletzten nach der Schwere ihrer Verletzungen. Das machte Sinn, denn die schwer Verletzten hatten Priorit\u00e4t. Alle waren geschockt, weinten und schrien. Die \u00dcberlebenden waren Leute wie ich, die die Menge f\u00fcr einen Moment verlassen hatten.<\/p>\n<p>Die Bombe explodierte genau dort, wo die Anderen von der HDP \u00dcsk\u00fcdar standen, deshalb haben wir sieben Genoss*innen verloren und elf wurden verwundet. Da wir nichts mehr tun konnten, fuhren wir in die Krankenh\u00e4user. Die linken Organisationen aus Ankara gaben uns Informationen \u00fcber die Opfer, aber nirgends bekam man Informationen \u00fcber die Zahl der Toten. Wir versuchten einige der Verletzten zu erreichen, aber das gelang uns nicht. Als der Morgen kam, erfuhren wir, dass sie mittlerweile gestorben waren. Am n\u00e4chsten Tag fuhren wir zur\u00fcck nach Istanbul. Die Toten wurden zur\u00fcck zu ihren Familien gebracht.<\/p>\n<p><b>GWR: Du hast bei dem Massaker Freund*innen und Genoss*innen sterben sehen. Wie verarbeitest du diese traumatische Erfahrung?<\/b><\/p>\n<p>AFC: Am Tag nach dem Massaker haben wir uns im Parteib\u00fcro versammelt und eine Woche lang die Toten betrauert und geweint. Aber gleichzeitig mussten wir Antr\u00e4ge f\u00fcr die Wahlen bearbeiten und die politische Arbeit fortsetzen. Ich f\u00fchle mich gerade als w\u00e4re ich an eine Maschine angeschlossen. Ich lasse keinen Schmerz in meinem K\u00f6rper wachsen. Wie viele meiner Freund*innen mache ich B\u00fcroarbeit wie ein Roboter.<\/p>\n<p>Ich denke, wir brauchen alle eine Therapie. Dann m\u00fcssen wir uns dem Schmerz stellen, den wir jetzt vor uns her schieben.<\/p>\n<p><b>GWR: Sieben Menschen aus der HDP \u00dcsk\u00fcdar haben in Ankara ihr Leben verloren. Kannst du uns etwas von ihnen erz\u00e4hlen?<\/b><\/p>\n<p>AFC: Zuallererst: Wir m\u00fcssen allen Menschen gedenken, die wir dort verloren haben, nicht nur den HDP-Mitgliedern.<\/p>\n<p>Aycan war eine Freundin, die lange Zeit in unsere Aktivit\u00e4ten in der Umgebung von Yavuzt\u00fcrk involviert war. Sie war eine wichtige Figur in den feministischen K\u00e4mpfen, sie hatte drei Kinder, eine ihrer T\u00f6chter hat gerade geheiratet. Sie hat immer gel\u00e4chelt, bis sie ihr jetzt ihr L\u00e4cheln endg\u00fcltig genommen haben. Sie k\u00e4mpfte mit ganzem Herzen. Sie hat sp\u00e4t T\u00fcrkisch gelernt, deshalb hat sie mich oft gefragt, ob sie Telefonnummern richtig verstanden hat. Sie hat viel Respekt verdient und wird niemals vergessen werden.<\/p>\n<p>Azize war vor allem in der Umgebung von Kirazlitepe aktiv.<\/p>\n<p>Wenn wir ein Treffen geplant haben, hat sie immer 50 bis 60 Frauen versammelt. Sie arbeitete sehr hart, sowohl im Haushalt als auch au\u00dferhalb. Sie kam mit ihrem Mann und ihrem Schwiegervater nach Ankara. Jetzt mussten die beiden sie zu ihrer Beerdigung nach Istanbul bringen. Niemand wird die L\u00fccke schlie\u00dfen k\u00f6nnen, die ihr Tod zur\u00fcckgelassen hat.<\/p>\n<p>Cemal, f\u00fcr die meisten von uns &#8222;Bruder Cemal&#8220; war unser erfahrenstes Mitglied und B\u00fcroarbeiter. Ich habe viele Erinnerungen an ihn, die ich nie vergessen werde. Er wollte unbedingt nach Ankara kommen. Er sagte: &#8222;Ich kann nie zu Demonstrationen kommen, aber diesmal muss es sein.&#8220; Normalerweise blieb er n\u00e4mlich im Parteib\u00fcro, damit es w\u00e4hrend der Demos ge\u00f6ffnet bleiben konnte. Sogar wenn die Demos in Istanbul stattfanden, ging er nicht hin.<\/p>\n<p>Ich habe zu ihm gesagt: &#8222;Dieses Mal kommst du mit&#8220;. Sein Sohn hat gerade geheiratet und seine Familie wird uns bleiben, um an ihn erinnert zu werden.<\/p>\n<p>Eine weitere Parteigenossin, die gestorben ist, war Fatma Karabulut. Sie hatte sehr dunkles Haar und war meine sch\u00f6nste Freundin. Sie k\u00e4mpfte gemeinsam mit ihrer Tochter, die an der Uni studiert und die sie jetzt zur\u00fcckgelassen hat. Ich denke voller Respekt an sie.<\/p>\n<p>Und schlussendlich unsere Parteimitglieder, die mit zur Demo gekommen sind. Einer von ihnen hat gesagt: &#8222;Unser Sohn wird sich am Sonntag verloben, sollen wir mitkommen oder nicht?&#8220; Ich habe geantwortet, dass er in diesem Fall besser zur Verlobung gehe, aber er sagte, wir verschieben die Verlobung einfach, dann k\u00f6nnen wir kommen. Er wurde schwer verletzt und musste dreimal operiert werden, aber jetzt ist er au\u00dfer Lebensgefahr. Viele der \u00dcberlebenden sind hoch motiviert und wollen so bald wie m\u00f6glich den Kampf wieder aufnehmen.<\/p>\n<p><b>GWR: Nach dem Massaker hat die Regierung jede Art der Berichterstattung \u00fcber den Tathergang verboten und verlauten lassen, es habe keinen Mangel in den Sicherheitsvorkehrungen gegeben. War das wirklich so?<\/b><\/p>\n<p>AFC: Es gab keine Sicherheitsvorkehrungen, es war nicht einmal Polizei da, vor der Explosion. In einem Kilometer Entfernung stand Verkehrspolizei, die die Autos davon abgehalten hat, in Richtung der Demo zu fahren. Scheinbar gab es nicht einmal Zivilpolizist*innen.<\/p>\n<p>Vor der Explosion sind mir zwei verd\u00e4chtige Personen aufgefallen. Einer davon bin ich gefolgt. Ich habe zu einer Freundin gesagt, &#8222;Wirklich merkw\u00fcrdig, dass heute keine Polizei da ist&#8220;. Eine halbe Stunde sp\u00e4ter ist die Bombe explodiert. Zu behaupten, dass es gen\u00fcgend Sicherheitsvorkehrungen gab, ist mehr als komisch. Leute haben gefragt, warum wir nicht unsere eigenen Sicherheitsvorkehrungen getroffen haben. Aber es war eine normale Versammlung f\u00fcr Frieden und Freiheit, niemand h\u00e4tte gedacht, dass so etwas passieren k\u00f6nnte. Schon wenn f\u00fcnf Leute zusammenkommen und eine Fahne schwenken, kommt normalerweise die Zivilpolizei.<\/p>\n<p>Es ist merkw\u00fcrdig, dass an diesem Tag anscheinend niemand von denen da war, insbesondere nach dem was in Diyarbakir und Suru\u00e7 passiert ist und all den Drohungen&#8230;<\/p>\n<p><b>GWR: Was war nach deiner Einsch\u00e4tzung das Ergebnis der Revolution in Rojava?<\/b><\/p>\n<p>Wie wird es damit in Zukunft weitergehen?<\/p>\n<p>AFC: An der S\u00fcdgrenze der T\u00fcrkei entsteht ein neues politisches Modell, das vor allem auf der dezentralen Verwaltung in &#8222;Kantonen&#8220; basiert.<\/p>\n<p>F\u00fcr die T\u00fcrkei ist es schwer, diese Art von emanzipatorischer Politik zu akzeptieren. Die Verlautbarungen der Regierung von einer &#8222;freien Zone in Syrien&#8220; haben haupts\u00e4chlich zum Ziel, die Ausweitung dieses basisdemokratischen Modells in die T\u00fcrkei zu verhindern. Die t\u00fcrkische Au\u00dfenpolitik hat tausende von IS-Terroristen hervorgebracht.<\/p>\n<p>Die Regierung dachte, dass sie den IS f\u00fcr ihre Ziele benutzen k\u00f6nnte, aber wie Frankenstein seinen Meister fra\u00df, wird auch die Regierung gefressen werden.<\/p>\n<p><b>GWR: Als Folge des Krieges in Syrien mussten viele Menschen ihre Heimat verlassen und viele von ihnen fl\u00fcchten in europ\u00e4ische L\u00e4nder. Was denkst du \u00fcber das &#8222;Fl\u00fcchtlingsproblem&#8220; dieser L\u00e4nder?<\/b><\/p>\n<p>AFC: Die Einmischung in den syrischen B\u00fcrgerkrieg und die Nahost-Politik der t\u00fcrkischen Regierung ist falsch. Es ist diese Politik im Stil des Osmanischen Reiches, die zur aktuellen Situation gef\u00fchrt hat. Die AKP-Regierung hat die T\u00fcrkei in allerlei Probleme gest\u00fcrzt und trotzdem regiert sie immer noch. Sie halten sich mit einer krankhaften Einstellung an der Macht und diese Einstellung besteht darin, alles zu tun, um an der Macht zu bleiben. Aber die Geschichte zeigt, dass alle Diktaturen irgendwann ihre Macht verloren.<\/p>\n<p>Jetzt verliert auch die t\u00fcrkische Regierung an Macht, ob sie es will oder nicht. Deshalb nutzen sie eine Politik, die die Menschen ignoriert und Gewalt \u00fcber sie bringt. Im Osten hat sie diese Gewalt auf monstr\u00f6se Weise intensiviert, um ihren Wahlsieg sicherzustellen. Trotzdem, wie eine kurdische Frau sagte: &#8222;Sogar wenn sie die Wahlurnen im Garten des Pr\u00e4sidentenpalastes aufstellen, werde ich zur Wahl gehen.&#8220;<\/p>\n<p>Die Migrationspolitik ist eine Schande f\u00fcr die Welt und f\u00fcr Europa insbesondere. Merkels Reise in die T\u00fcrkei, der bombastische Empfang durch den Pr\u00e4sidenten, all das zeigt, wie viel Angst Europa vor den Gefl\u00fcchteten hat. Sie sagen: &#8222;Wir nehmen zwar deren \u00d6l, aber der Nahe Osten ist ein Sumpf in dem sich die Einheimischen gegenseitig bekriegen. Wir bezahlen L\u00e4nder wie die T\u00fcrkei daf\u00fcr, die Gefl\u00fcchteten daran zu hindern, nach Europa zu kommen. Oder sie sollen zumindest in den armen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern bleiben, wo die Verh\u00e4ltnisse in den Lagern schrecklich sind.<\/p>\n<p>Wir schicken ihnen Nahrung und Kleidung, aber sie sollen blo\u00df nicht zu uns an unseren Esstisch kommen.&#8220;<\/p>\n<p>Aber Europa wird die Probleme nicht durch Ignoranz l\u00f6sen. Ich hoffe, dass die Menschen in Europa durch ihre K\u00e4mpfe ihre Regierungen dazu zwingen k\u00f6nnen, sich dieser Probleme anzunehmen. Es ist immer m\u00f6glich, die offizielle Politik zu sabotieren, indem man ihre L\u00fcgen dechiffriert und sich selbst lautstark zu Wort meldet.<\/p>\n<p><b>GWR: M\u00f6chtest du noch etwas Abschlie\u00dfendes hinzuf\u00fcgen?<\/b><\/p>\n<p>AFC: Ich lebe in der T\u00fcrkei und die Leute, die dieses Interview lesen, leben in Deutschland, aber trotzdem leben wir alle in derselben Welt. Das h\u00f6rt sich vielleicht nach einem Klischee an, aber wir sind alle Br\u00fcder und Schwestern, wir m\u00fcssen Schulter an Schulter stehen.<\/p>\n<p>Das hier sind nicht nur t\u00fcrkische Probleme, die verschwinden wenn man in Deutschland den Fernseher ausschaltet. Sie sind nicht nur auf dem Bildschirm, sie sind \u00fcberall da drau\u00dfen.<\/p>\n<p>Niemand sollte diese Probleme ignorieren. Wir sollten alle unsere K\u00e4mpfe f\u00fcr Freiheit, Frieden und Demokratie sichtbar Schulter an Schulter f\u00fchren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>GWR: Fikri und Orhun, k\u00f6nnt ihr etwas zu eurem Forum und zu den politischen Aktivit\u00e4ten an eurer Universit\u00e4t seit den Gezi-Protesten [die GWR berichtete] sagen?<\/b><\/p>\n<p>Taskisla Forum (TF): Die Studierenden haben Proteste an der Technischen Universit\u00e4t in Istanbul organisiert, um Kritik an der Politik der Regierung zu \u00fcben. Vor Gezi haben haupts\u00e4chlich Leute aus den Parteien diesen Protest organisiert. Nach Gezi sind \u00fcberall die basisdemokratischen Foren entstanden.<\/p>\n<p>Viele von ihnen bestehen noch. Es nehmen auch immer mehr Leute teil, die nicht in Parteien organisiert sind. F\u00fcr die ITU k\u00f6nnen wir sagen, dass Gezi der entscheidende Punkt f\u00fcr die meisten Leute war, selbst in den Protest einzusteigen.<\/p>\n<p>Unser Forum, das Taskisla Forum, war am Anfang recht klein im Vergleich zum Maslak Forum, dem Hauptforum an der ITU. Aber mit der Zeit wurden die Leute in unserem Forum immer aktiver. Ich glaube der Grund daf\u00fcr ist, dass im Maslak Forum viele Parteien und Organisationen vertreten sind.<\/p>\n<p>Im Taskisla Forum sind dagegen mehr Menschen, die nicht den Parteien angeh\u00f6ren. Die Leute im Maslak Forum tun sich schwer damit, gemeinsame Beschl\u00fcsse zu fassen. Sie kommen alle aus verschiedenen politischen Richtungen und bestehen oft darauf, die Beschl\u00fcsse ihrer Organisationen oder Parteien durchzusetzen.<\/p>\n<p><b>GWR: Wie wurde das Massaker von Ankara im Taskisla Forum aufgenommen?<\/b><\/p>\n<p>TF: Einer unserer Freunde von der Technischen Universit\u00e4t Istanbul, G\u00fcney Dogan, hat in Ankara sein Leben verloren.<\/p>\n<p>Deshalb herrscht bei uns Trauerstimmung. Wir haben alle die Beerdigung besucht. Gleichzeitig wurde, um zu verhindern, dass einfach weitergemacht wird wie immer, ein Uniboykott organisiert. Das Rektorat hat angek\u00fcndigt, einen Trauertag einzulegen und die Veranstaltungen wurden ausgesetzt, so dass wir die Beerdigung besuchen konnten. Am n\u00e4chsten Tag haben wir den Boykott fortgesetzt und eine Versammlung, ein sogenanntes Forum, in der Fakult\u00e4t f\u00fcr Architektur einberufen.<\/p>\n<p>Es kamen 350-400 Leute, viele haben ihre Wut ausgedr\u00fcckt. Einige Studierende waren auf der Demo in Ankara als die Bombe explodierte, deshalb hatte das auch ein bisschen den Charakter einer Therapie. Wir haben diskutiert, geweint und uns umarmt. Der sch\u00f6nste Moment der Versammlung war, als wir uns alle geschworen haben, dass wir immer f\u00fcr diejenigen k\u00e4mpfen w\u00fcrden, die wir bei dem Massaker verloren haben, Studierende, MitarbeiterInnen und ProfessorInnen, alle gemeinsam. Es waren sogar ein paar ausl\u00e4ndische Studierende da, die kein T\u00fcrkisch verstanden. Wir schworen uns, f\u00fcr den Frieden zu k\u00e4mpfen und dieses Massaker niemals in Vergessenheit geraten zu lassen. Das war beeindruckend. Dann sprachen wir dar\u00fcber, was wir tun k\u00f6nnten. Es gab verschiedene Vorschl\u00e4ge und einen davon realisierten wir gleich nach der Versammlung. Wir bemalten vier gro\u00dfe Stofft\u00fccher mit Botschaften f\u00fcr den Frieden.<\/p>\n<p>Danach haben wir alle Fakult\u00e4ten mit diesen Bannern besucht. Am Schluss wollten wir sie an die Au\u00dfenseite des Universit\u00e4tsgeb\u00e4udes h\u00e4ngen. Das wurde verboten, also mussten wir sie innen aufh\u00e4ngen. Da h\u00e4ngen sie immer noch.<\/p>\n<p><b>GWR: Es gab auch noch andere Aktionsvorschl\u00e4ge?<\/b><\/p>\n<p>TF: Kreativer Protest, Workshops \u00fcber Frieden, Briefe an die \u00dcberlebenden und Familien der Menschen schreiben, die wir in Ankara verloren haben.<\/p>\n<p>In der Fakult\u00e4t f\u00fcr Architektur arbeitet auch jemand an der Neugestaltung des Platzes, auf dem das Massaker stattgefunden hat. Also ein Platz als Gedenkst\u00e4tte. Au\u00dferdem haben wir beschlossen, dass wir am 10. jeden Monats eine Veranstaltung an der Uni machen wollen, um an den Angriff zu erinnern. Zwei dieser Vorschl\u00e4ge wurden bis jetzt realisiert. Einer ist ein Workshop mit dem Namen &#8222;Die unsichtbaren Praxen von Taskisla\u201d. Dabei werden wir ein Fanzine herstellen, in dem \u00fcber die Aktivit\u00e4ten des Forums berichtet wird. Der zweite ist das Briefeschreiben an die Familien und die \u00dcberlebenden.<\/p>\n<p><b>GWR: Fikri und Orhun, wie l\u00e4uft die basisdemokratische Organisierung bei euch ab und wie ist euer Verh\u00e4ltnis zu den Parteien?<\/b><\/p>\n<p>TF: Nach der Explosion in der Mine von Soma im Mai 2014, bei der 301 Menschen starben, gab es eine Besetzung an unserer Fakult\u00e4t. Es gab viele Diskussionen in den Versammlungen des Forums, aber die Leute, die zu den Parteien geh\u00f6rten, haben zus\u00e4tzliche geschlossene Treffen abgehalten. Diese Spaltung hat sich negativ auf das Forum ausgewirkt.<\/p>\n<p>Es gab zum Beispiel einen Protest gegen den Rektor der ITU vor zwei Jahren. Der Prozess war sehr transparent und viele Leute, die nicht in Parteien organisiert waren, konnten an den Versammlungen teilnehmen und Dinge einbringen. Deshalb gab es eine hohe Teilnahme am Protest und es gab eine sensationelle Demo. Auch der Protest nach dem Massaker von Ankara wird sehr transparent organisiert und alles funktioniert gut. Die Leute, die nicht zu den Parteien geh\u00f6ren, \u00fcbernehmen mehr Verantwortung und sind aktiver. Deshalb kann das Taskisla Forum auch schneller handeln als das Maslak Forum und die Aktionen sind kraftvoller.<\/p>\n<p>Die meisten Studierenden wissen, wer einer Partei angeh\u00f6rt und wer nicht. Wenn sie sehen, dass eine Partei eine Demo dominiert, nehmen sie oft nicht daran teil. Aber wenn sie ihre Freunde dort sehen, dann \u00e4ndern sie ihre Meinung, das erh\u00f6ht die Teilnahme.<\/p>\n<p>Deshalb sollten in den Foren die BasisaktivistInnen nicht den Parteileuten alles \u00fcberlassen, sondern sich selber einbringen. Nur so k\u00f6nnen wir eine echte Forumskultur schaffen. Im Forum k\u00f6nnen sich die Leute jenseits von Parteien organisieren und lernen mit einer gemeinsamen Stimme zu sprechen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>GWR: Kannst du uns etwas \u00fcber die Aktivit\u00e4ten der HDP in \u00dcsk\u00fcdar erz\u00e4hlen? Ayfer Fatma \u00c7elik: \u00dcsk\u00fcdar ist ein Stadtteil von Istanbul, der in den 1980er Jahren von den Faschisten besetzt wurde. Die Rechten waren dort in der \u00dcberzahl und die Linken nicht besonders aktiv. Nach den 1980er Jahren hat sich das ge\u00e4ndert. 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