{"id":15010,"date":"2015-12-01T00:00:00","date_gmt":"2015-11-30T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2015\/12\/wes-lied-ich-sing-des-brot-ich-fress\/"},"modified":"2022-07-26T13:30:57","modified_gmt":"2022-07-26T11:30:57","slug":"wes-lied-ich-sing-des-brot-ich-fress","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/12\/wes-lied-ich-sing-des-brot-ich-fress\/","title":{"rendered":"Wes Lied ich sing, des Brot ich fress"},"content":{"rendered":"<p>Damals relativierte der gr\u00fcne Bundesau\u00dfenminister Joseph Fischer unter dem Motto &#8222;Wir m\u00fcssen ein zweites Auschwitz verhindern&#8220; die Shoah, um auf so infame Weise den NATO-Angriffskrieg gegen die damalige Bundesrepublik Jugoslawien zu rechtfertigen. Das dritte Mal im 20. Jahrhundert bombardierten deutsche Bomber 1999 Belgrad und andere St\u00e4dte in Jugoslawien. Und die taz betrieb als schrille Kriegstreiberstimme im Fischer-Korps Kriegspropaganda, mehr noch als die meisten anderen Zeitungen des Mainstream. Schlie\u00dflich war es &#8222;ihre&#8220; Regierung, die (als Teil der NATO) diesen ersten deutschen Angriffskrieg seit 1945 vom Zaun gebrochen hatte und propagandistische Unterst\u00fctzung ben\u00f6tigte, um das gr\u00fcn-rote Wahlvolk auf Kriegskurs zu bringen.<\/p>\n<p>Seitdem hat sich die taz nicht wirklich gebessert.<\/p>\n<p>Wenn es um Kriegstreiberei geht, sitzt sie in den publizistischen Sch\u00fctzengr\u00e4ben oft weit vorne. Und da ist es nur logisch, dass sie jetzt auch ganzseitige Anzeigen der Bundeswehr abdruckt. In Abwandlung eines bekannten Spruches: &#8222;Wes Lied ich sowieso schon singe, des Brot kann ich auch fressen&#8220;.<\/p>\n<p>Dass die taz auch bei der plumpen Gleichsetzung von Anarchie mit Terror und Chaos ganz weit vorne liegt, habe ich hier zuletzt im September 2015 in der GWR 401 beschrieben. Wie viele b\u00fcrgerliche Medien ist sich die taz nicht zu bl\u00f6d, immer wieder &#8222;die Anarchie&#8220; als Schreckensbild zu verwenden. So auch, wenn sie \u00fcber vermeintliche &#8222;Anarchie in Libyen&#8220; (taz, 30.1.2015) schreibt oder behauptet: &#8222;In Burundi gab es noch nie einen wirklich funktionierenden Rechtsstaat. Doch seitdem Pr\u00e4sident Nkurunziza durch sein Bestreben nach einer illegalen dritten Amtszeit die Verfassung aus den Angeln gehoben hat, rutscht das Land in die Anarchie ab.&#8220; (taz, 30.7.2015)<\/p>\n<p>Nun hat sie den Vogel abgeschossen. Auf Seite 1 der taz vom 7.\/8. November 2015 brachte das Gr\u00fcnen-nahe Blatt unter der fetten Rubrik &#8222;DER ST\u00c4RKSTE SATZ&#8220; folgendes Zitat des Historikers Timothy Snyder: &#8222;Hitler war kein Staatsmann oder Nationalist, sondern ein in rassistischen Kategorien denkender Anarchist.&#8220;<\/p>\n<p>Wie bitte?!!!<\/p>\n<p>In diesem kurzen Satz sind drei unglaubliche L\u00fcgen versammelt. Wer sich mit der Geschichte auch nur ein bisschen auskennt, wei\u00df, dass Hitler ein extremer Staatsmann und Nationalist war. Wer sich ein bisschen besser auskennt, wei\u00df, dass er die in den 1920er Jahren in Deutschland zeitweise aus \u00fcber 150.000 AktivistInnen bestehende anarchistische Bewegung gehasst hat. Anarchistinnen und Anarchisten wurden von Hitlers Schergen verfolgt und vernichtet. Der Anarchist Erich M\u00fchsam, der 1933 verhaftet und 1934 im KZ Oranienburg auf bestialische Weise von SS-M\u00e4nnern ermordet wurde, wird verh\u00f6hnt durch die Geschichtsverdrehung, die die taz da fett gedruckt auf ihrer Titelseite platziert hat. Widerlich! &#8222;Krieg ist Frieden&#8220; &#8211; Orwell l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen!<\/p>\n<p>Wer das zum Titelzitat geh\u00f6rende journalistisch armselige Interview mit Timothy Snyder in der taz vom 7.\/8.11.2015 liest, wird erkennen, dass der &#8222;st\u00e4rkste Satz&#8220; keineswegs ein Ausrutscher war. Snyder ist ein \u00dcberzeugungst\u00e4ter. Er nennt Hitlers Ideologie einen &#8222;\u00f6kologischen Anarchismus&#8220; (!) und diffamiert so die gesamte anarchistische Bewegung, die in der NS-Zeit in Deutschland im wahrsten Sinne des Wortes ausradiert wurde. Es ist emp\u00f6rend, dass die taz nicht in der Lage ist, dies als das zu erkennen, was es ist: eine Verleumdung, ein Hohn auf alle anarchistischen Opfer des Nationalsozialismus. Und das druckt eine Zeitung, die einst als Alternativblatt auch von AnarchistInnen mitgegr\u00fcndet wurde. Bitter.<\/p>\n<p>Ich frage mich, ob die taz-Redaktion und die taz-Interviewerinnen Tania Martini und Christiane M\u00fcller-Lobeck tats\u00e4chlich noch nie geh\u00f6rt haben, dass es der Staatsmann und Nationalist Hitler war, der auch den Anarchismus in Deutschland 1933 zerschlagen hat. Hitler wollte keine herrschaftsfreie, gewaltlose Gesellschaft. Er war kein Anarchist, sondern DER Vertreter der besonders grausamen deutschen Variante des Faschismus.<\/p>\n<p><b>Die GWR-AutorInnen Isabel Lipthay und Martin Firgau haben ihr taz-Abo am 12.11.2015 gek\u00fcndigt und das wie folgt begr\u00fcndet: <\/b><\/p>\n<p>&#8222;\u2026unter Protest k\u00fcndigen wir hiermit ab sofort unser langj\u00e4hriges Abo der taz.<\/p>\n<p>Beim Lesen der heutigen Ausgabe sind wir nur bis Seite 7 gekommen. Eine ganzseitige Anzeige der Bundeswehr? Das geht wirklich zu weit! Mir wird schon schlecht, wenn ich die Werbekampagne zum 60. in der Stadt an (gef\u00fchlt) jeder zweiten Werbefl\u00e4che ertragen muss. Das brauche ich nicht auch noch am Fr\u00fchst\u00fcckstisch. Und dann von einer Zeitung, die einmal aus der Bewegung entstanden ist und noch irgendwie den Anspruch hat, sich vom Mainstream zu unterscheiden. Die Bundeswehr wird f\u00fcr die Seite gut gezahlt haben. Der Imageverlust Eurerseits und sicher einige gek\u00fcndigte Abos stehen dagegen.&#8220;<\/p>\n<p>Daraufhin antwortete ihnen der taz-Anzeigenleiter Jan Kniggendorf:<\/p>\n<p>&#8222;Die Entscheidung, die taz als Werbemedium anzubieten (und damit Erl\u00f6se zu erzielen), ist schon vor vielen Jahren gefallen. Eine gro\u00dfe Mehrheit unserer GenossInnen tr\u00e4gt diese Gesch\u00e4ftspraxis. (\u2026) Der Anzeigenverkauf tr\u00e4gt etwa 10 % zum Gesamtumsatz bei und ist damit ein nicht ganz unwesentlicher Bestandteil unserer Finanzierung.<\/p>\n<p>Die taz als Anzeigenmedium zu verkaufen ist mitunter eine sehr schwierige Aufgabe. Die taz hat die kleinste Leserschaft unter den \u00fcberregionalen Tageszeitungen und ist deshalb f\u00fcr viele Werbetreibende einfach verzichtbar. So gesehen sind Anzeigen von Konzernen, gro\u00dfen Unternehmen oder eben auch von Bundesministerien f\u00fcr uns ein Erfolg. Die Kampagne vom Bundesministerium der Verteidigung wurde \u00fcbrigens auch in anderen Tageszeitungen und Nachrichtenportalen (Spiegel Online, Zeit, S\u00fcddeutsche, Welt, FAZ&#8230;) geschaltet. So gesehen waren wir zumindest in diesem Fall im &#8218;relevant Set&#8216; des Tageszeitungsmix vertreten&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Martin Firgaus Antwort: &#8222;Lieber Herr Kniggendorf, danke f\u00fcr Ihre ausf\u00fchrliche Antwort.<\/p>\n<p>Nun ist mir klar geworden, dass die Entscheidung der Abo-K\u00fcndigung genau richtig war.<\/p>\n<p>Sie freuen sich sichtlich, betrachten es als Erfolg, ein Bundesministerium als Anzeigenkunden gewonnen zu haben! Wie sch\u00f6n, mal im &#8218;relevant set&#8216; der Gro\u00dfen mitspielen zu d\u00fcrfen!<\/p>\n<p>Meiner Meinung nach sind Sie bei der falschen Zeitung. Oder wir eben &#8230;<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist es legitim, Anzeigen zu schalten und Anzeigen geben nicht die Meinung der Redaktion wieder. Aber irgendwo gibt es doch Grenzen, nicht wahr? Ich z.B. bin nicht bereit, f\u00fcr Papier zu bezahlen, auf dem die olivgr\u00fcne Werbung des Kriegsministeriums gedruckt ist. Wo ist Ihre Schmerzgrenze? Sichern R\u00fcstungsfirmen nicht auch Arbeitspl\u00e4tze? So wie Sie das angehen, kriegen Sie die sicher auch noch als Kunden \u2026&#8220;<\/p>\n<p>Bravo, lieber Martin, bravo, liebe Isabel! Sorgen wir daf\u00fcr, dass es der taz auch finanziell weh tut, weiterhin Kriegspropaganda zu drucken. Ich jedenfalls k\u00fcndige jetzt endlich &#8211; nach 29 Jahren &#8211; mein taz-Abo.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Damals relativierte der gr\u00fcne Bundesau\u00dfenminister Joseph Fischer unter dem Motto &#8222;Wir m\u00fcssen ein zweites Auschwitz verhindern&#8220; die Shoah, um auf so infame Weise den NATO-Angriffskrieg gegen die damalige Bundesrepublik Jugoslawien zu rechtfertigen. Das dritte Mal im 20. Jahrhundert bombardierten deutsche Bomber 1999 Belgrad und andere St\u00e4dte in Jugoslawien. 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