{"id":1502,"date":"1997-11-01T00:00:38","date_gmt":"1997-10-31T22:00:38","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=1502"},"modified":"2022-07-26T14:17:05","modified_gmt":"2022-07-26T12:17:05","slug":"hier-revolution-wer-dort","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1997\/11\/hier-revolution-wer-dort\/","title":{"rendered":"&#8222;Hier Revolution! Wer dort?&#8220;"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>&#8222;Aus dem Menschtum des Individuums empf\u00e4ngt die Menschheit ihr echtes Dasein.&#8220; ((2))<\/p><\/blockquote>\n<p>Eine soeben erschienene Sammlung zumeist bereits ver\u00f6ffentlichter Essays und Reden Gustav Landauers beinhaltet u.a. Reflexionen \u00fcber den Krieg und die Nation, \u00fcber Goethe, H\u00f6lderlin, Georg Kaiser, Spinoza, Strindberg, Tagore, Tolstoj, Walt Whitman und vor allem \u00fcber das Judentum. Erneut wird deutlich, da\u00df diesem libert\u00e4ren Kulturkritiker mit seinen lebenspraktischen Entw\u00fcrfen einer grundlegenden Revolutionierung der Gesellschaft eine zentrale Bedeutung f\u00fcr das freiheitlich-utopische Denken im 20. Jahrhundert geb\u00fchrt. Sein zeitgem\u00e4\u00dfer Appell f\u00fcr ein sofortiges exemplarisches Beginnen zielt auf die radikale Umgestaltung des pers\u00f6nlichen Lebens jedes\/jeder einzelnen und auf ein gewaltfreies Miteinander selbstverantwortlicher Individuen:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Austritt aus dem Staat, aus allen Zwangsgemeinschaften; radikaler Bruch mit den \u00dcberlieferungen des Privateigentums, der Besitzehe, der Familienautorit\u00e4t, des Fachmenschentums, der nationalen Absonderung und \u00dcberhebung.&#8220; ((3))<\/p><\/blockquote>\n<p>Zentral sind hierbei Landauers \u00dcberlegungen zum Judentum. Seine Utopie einer humanen, freiheitlichen Gemeinschaftsordnung freiwillig vereinbarter, dezentraler, f\u00f6deralistischer und genossenschaftlicher Lebenszusammenh\u00e4nge war nachhaltig gepr\u00e4gt von seinem Judentum, dessen N\u00e4chstenliebe- und Gerechtigkeitsmotiven, den das Gemeinschaftsleben verk\u00f6rpernden Traditionen sowie dessen kultureller Vielfalt: &#8222;Ich habe nicht die mindeste Anlage&#8220;, schrieb er 1909, &#8222;die Freude an meinem Judentum auch nur einen Tag zu vergessen.&#8220; ((4))<\/p>\n<p>Auch ohne religi\u00f6sen Alltag gelangte er zu einer immer eindeutigeren Bejahung seiner j\u00fcdischen Herkunft. Zugleich lehnte er die Assimilation der westeurop\u00e4ischen Diasporagemeinden strikt ab und hob die in Osteuropa lebenden Juden und J\u00fcdinnen wegen deren Angleichungsverweigerung hervor. Die Zur\u00fcckweisung jeglicher Assimilationsbestrebungen und das Bewu\u00dftsein, der j\u00fcdischen Nation anzugeh\u00f6ren, bedeuteten f\u00fcr Landauer allerdings keineswegs, sich dem politischen Zionismus und dessen Zielsetzung einer R\u00fcckkehr aller J\u00fcdinnen und Juden nach Pal\u00e4stina zuzuwenden.<\/p>\n<p>Die Lekt\u00fcre der vorliegenden, gr\u00f6\u00dftenteils bekannten Nachdrucke zum Judentum &#8211; grundlegend sind vor allem &#8222;Sind das Ketzergedanken?&#8220; (1913), &#8222;Kiew&#8220; (1913) und &#8222;Ostjuden und Deutsches Reich&#8220; (1916) &#8211; verdeutlicht, da\u00df Landauers Judentum weniger als Reaktion auf den grassierenden Antisemitismus in Europa vor dem Ersten Weltkrieg zu interpretieren ist, sondern wie auch bei Martin Buber vor allem kulturellen Impulsen eines engen Zusammenhanges zwischen Judentum und Menschheitsidee entsprang. Vor allem die Diaspora erschien ihm als der Ort, um die Idee des Judentums als Vorbote der Humanit\u00e4t unter die Menschen zu tragen. Im Proze\u00df eines neuen, sozialen Umgangs der Menschen untereinander ma\u00df er dem lebendigen Judentum eine bedeutende Vorreiterrolle zu. Seinen Freund Martin Buber ermahnte er:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Lerne zur Sache denken, und zugleich denken, da\u00df Du als Jude denkst! Das Judentum ist eine Nation, die gewesen wird; f\u00fcr es, wie f\u00fcr alles Lebendige, wie zumal f\u00fcr das, was durchs Bewu\u00dftsein hindurch wieder eine Macht des Unbewu\u00dftseins werden soll, brauchen wir diese in der Grammatik ungebr\u00e4uchliche Zeit.&#8220; ((5))<\/p><\/blockquote>\n<p>Als bewu\u00dfter Jude und \u00fcberzeugter Libert\u00e4rer hegte Landauer kein Interesse an einer nationalpolitischen Erneuerung des Judentums &#8211; konsequent lehnte er den politischen Nationalismus ab: &#8222;Die starke Betonung der eigenen Nationalit\u00e4t, auch wenn sie nicht in Chauvinismus ausartet, ist Schw\u00e4che.&#8220; ((6))<\/p>\n<p>Gleichwohl betrachtete er die Kibbuzbewegung in Pal\u00e4stina mit wachsendem Interesse, erkannte er in diesen j\u00fcdischen Kollektivsiedlungen Gemeinwesen, die seinen Vorstellungen eines libert\u00e4ren Kultursozialismus weitgehend entsprachen. ((7))<\/p>\n<p>Zur &#8218;Wiederherstellung&#8216; der Menschheit bezog sich Landauer auf den Begriff des &#8222;Bundes&#8220; in der hebr\u00e4ischen Bibel, den er in allen revolution\u00e4r-egalit\u00e4ren Bewegungen bis in die Neuzeit erkannte. Ihm schwebte ein lebendiges Judentum in der Diaspora vor, das schlie\u00dflich zum &#8222;Bund der Vielf\u00e4ltigen&#8220; f\u00fchren werde:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Wir Juden haben nicht blo\u00df unser Amt an der Menschheit; die Wege, die die Menschheit nimmt, Umwege, Irrwege, schwere und gef\u00e4hrliche Wege, die Wege der anderen V\u00f6lker werden auch um unsertwillen gegangen, sind auch unsre Wege. Sind nicht unser ganzer Weg, nehmen uns nichts von unserer besonderen Aufgabe ab, sind <cite>auch <\/cite>unser Weg.&#8220; ((8))<\/p><\/blockquote>\n<p>Inmitten dieser Vielfalt sollte die j\u00fcdische Nation ihren Platz unter der Menschheit einnehmen, womit die j\u00fcdische Diaspora sowie der Antisemitismus endg\u00fcltig beseitigt w\u00e4ren &#8211; ein Entwurf, den Martin Buber zur L\u00f6sung des Israel\/Pal\u00e4stina-Konfliktes in der Konzeption der Binationalit\u00e4t mit dem Ziel weiterentwickelte, eine dauerhafte friedliche Koexistenz zwischen Juden\/J\u00fcdinnen und AraberInnen zu erreichen. Sie beinhaltete ein die Gleichwertigkeit nationaler und b\u00fcrgerlicher Rechte sicherndes Gemeinwesen in Pal\u00e4stina auf f\u00f6derativer Grundlage mit Minderheitenstatus ((9)) &#8211; angesichts der explosiven Entwicklung im Nahen Osten aktueller denn je. Den Gedanken der Binationalit\u00e4t im Nahen Osten hat j\u00fcngst Micha Brumlik in seinem Artikel &#8222;Die Zerst\u00f6rung einer Utopie. Benjamin Netanjahu ist nicht der Vollender, sondern der Antipode Theodor Herzls&#8220; aufgegriffen: &#8222;Die List der Vernunft k\u00f6nnte es geschehen machen, da\u00df schlie\u00dflich, nach der Einsicht in die Unm\u00f6glichkeit, in Israel\/Pal\u00e4stina zwei normale, moderne Nationalstaaten zu etablieren, am Ende jene binationale Staatlichkeit entsteht, denen die Utopisten des Zionismus immer anhingen.&#8220; ((10))<\/p>\n<p>Auch in dem aus Anla\u00df von Landauers 125. Geburtstag erschienenen Tagungsband hebt Bernd Witte dessen &#8222;bewu\u00dft(es) und ausdr\u00fccklich(es)&#8220; (S.34) Bekenntnis zum Judentum ausdr\u00fccklich hervor. Ansonsten entl\u00e4\u00dft diese Neuerscheinung die LeserInnen etwas ratlos. Auf Vortr\u00e4gen basierende Themenb\u00e4nde sind h\u00e4ufig, wie die vorliegende Ver\u00f6ffentlichung, von recht unterschiedlicher Qualit\u00e4t. Thematisch befassen sich die AutorInnen mit Landauer als Schriftsteller (hervorzuheben sind Thomas Regehlys Betrachtungen \u00fcber dessen literarische Arbeiten), Denker und Antipolitiker (Rolf Kauffeldt, Rudolf de Jong, Bernhard Braun und Peter Glotz) sowie mit seinen Beziehungen zu dem Dramatiker Georg Kaiser, dem Mathematiker Felix Hausdorff, dem Theologen Paul Tillich und dem Psychoanalytiker Karl Landauer. Im Vergleich hierzu gelingt es den AutorInnen der 1995 ver\u00f6ffentlichten, gelobten Schrift &#8222;Gustav Landauer (1870-1919). Eine Bestandsaufnahme&#8220; ((11)), ein umfassenderes Bild der vielf\u00e4ltigen Facetten von Landauers Denken und Handeln nachzuzeichnen.<\/p>\n<p>Unverst\u00e4ndlicherweise haben es die HerausgeberInnen vers\u00e4umt, den 125. Geburtstag Landauers zum Anla\u00df zu nehmen, einen Beitrag zur Aktualisierung von dessen libert\u00e4rer Utopie zu leisten. Ihr Blick bleibt einseitig und prim\u00e4r auf Landauer als historische Pers\u00f6nlichkeit beschr\u00e4nkt. Dabei ist seine Utopie einer restrukturierten Gesellschaft von erstaunlicher Aktualit\u00e4t, um so mehr als die gegenw\u00e4rtige Weltlage dessen libert\u00e4rer Ethik recht zu geben scheint wie nie zuvor. Erkannt hat dies immerhin der Sozialdemokrat Peter Glotz, der, obgleich kein Anh\u00e4nger des libert\u00e4ren Kultursozialismus, sich in der vorliegenden Publikation offen und fair mit Landauer auseinandersetzt und aus dessen Munde der Rezensent kaum nachfolgende Worte erwartet h\u00e4tte:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Gustav Landauers Werk ist aktueller, als der Zeitgeist sich zugibt, vielleicht aktueller, als wir w\u00fcnschen k\u00f6nnen.&#8220; (S.182)<\/p><\/blockquote>\n<p>V\u00f6llig zu recht zitiert Rudolf de Jong in seinem gelungenen Beitrag \u00fcber &#8222;Gustav Landauer und die internationale anarchistische Bewegung&#8220; eine Passage aus dessen Hauptwerk &#8222;Aufruf zum Sozialismus&#8220; (1911), die die &#8218;Zeitlosigkeit&#8216; freiheitlich-utopischen Denkens verdeutlicht:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Nie aber sieht die Wirklichkeit den Gedanken einzelner Menschen v\u00f6llig gleich; es w\u00e4re auch langweilig wenn es so w\u00e4re, wenn wir also die Welt doppelt h\u00e4tten: einmal in vorwegnehmenden Gedanken, das andere Mal in der \u00e4u\u00dferen Welt genauso noch einmal. So ist es nie gewesen und wird nie so sein. Nicht das Ideal wird zur Wirklichkeit; aber durch das Ideal wird in diesen unseren Zeiten unsere Wirklichkeit.&#8220; (S.233)<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Aus dem Menschtum des Individuums empf\u00e4ngt die Menschheit ihr echtes Dasein.&#8220; ((2)) Eine soeben erschienene Sammlung zumeist bereits ver\u00f6ffentlichter Essays und Reden Gustav Landauers beinhaltet u.a. Reflexionen \u00fcber den Krieg und die Nation, \u00fcber Goethe, H\u00f6lderlin, Georg Kaiser, Spinoza, Strindberg, Tagore, Tolstoj, Walt Whitman und vor allem \u00fcber das Judentum. Erneut wird deutlich, da\u00df diesem &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1997\/11\/hier-revolution-wer-dort\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"\"Hier Revolution! Wer dort?\" - graswurzelrevolution","description":"\"Aus dem Menschtum des Individuums empf\u00e4ngt die Menschheit ihr echtes Dasein.\" ((2)) Eine soeben erschienene Sammlung zumeist bereits ver\u00f6ffentlichter Essays un"},"footnotes":""},"categories":[103,44,1042],"tags":[],"class_list":["post-1502","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-223-november-1997","category-bucher","category-ohne-chef-und-staat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1502","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1502"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1502\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1502"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1502"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1502"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}