{"id":15022,"date":"2015-12-01T00:00:00","date_gmt":"2015-11-30T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2015\/12\/freiraum-zollamt\/"},"modified":"2022-07-26T14:11:59","modified_gmt":"2022-07-26T12:11:59","slug":"freiraum-zollamt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/12\/freiraum-zollamt\/","title":{"rendered":"Freiraum Zollamt"},"content":{"rendered":"<p>Am Montagmorgen wurde das Zollamt ger\u00e4umt. Das Geb\u00e4ude war besetzt worden, um ein Selbstverwaltetes Soziales Zentrum zu er\u00f6ffnen. Es waren 16 Tage, in denen das seit \u00fcber drei Jahren verlassene Geb\u00e4ude wieder nutzbar gemacht und zum Leben erweckt wurde. Hier entstand ein Ort wundersch\u00f6ner Begegnungen.<\/p>\n<p>Die R\u00e4umung kam nicht \u00fcberraschend, unmittelbar nach Beginn der Besetzung hatte die Bundesanstalt f\u00fcr Immobilienaufgaben (BimA), der das Geb\u00e4ude geh\u00f6rt, Strafanzeige wegen Hausfriedensbruch und Sachbesch\u00e4digung gestellt und eine R\u00e4umung gefordert. Laut Medienberichten sollte jedoch zun\u00e4chst von einer R\u00e4umung abgesehen und in den Dialog getreten werden. Es wurde kein Versuch unternommen Kontakt zu den BesetzerInnen aufzunehmen, nicht von der BImA, nicht von der Stadt und nicht von der Polizei. Stattdessen wurde am 26. Oktober gegen halb neun Uhr morgens mit der R\u00e4umung begonnen. Auf den Stra\u00dfen um das Zollamt herum wurde friedlich gegen die R\u00e4umung protestiert. Mit mehreren Sitzblockaden und L\u00e4rm dr\u00fcckten Unterst\u00fctzer*innen ihre Wut \u00fcber die gewaltvolle Aufl\u00f6sung des sozialen Zentrums aus.<\/p>\n<h3>&#8222;Wir sind w\u00fctend, wir sind laut, weil ihr uns das Zollamt klaut!&#8220;<\/h3>\n<p>Die R\u00e4umung des Geb\u00e4udes konnte nur mit Gewalt erfolgen. Dabei macht k\u00f6rperliche Gewalt wie etwa Kneifgriffe, Tritte oder der Einsatz von Pfefferspray nur einen Teil aus. Vielleicht viel gr\u00f6\u00dfer ist die psychische und strukturelle Gewalt, welcher Menschen w\u00e4hrend der R\u00e4umung ausgesetzt werden. Die mit Schusswaffen, Schlagst\u00f6cken und Pfefferspray ausger\u00fcstete Polizei, gesch\u00fctzt durch ihre Uniform, steht unbewaffneten Menschen gegen\u00fcber, die ihren legitimen Protest ausdr\u00fccken. Bereits diese Ungleichheit kann als gewaltvoll verstanden werden. Hinzu kommen Festnahmen sowie die Androhung von k\u00f6rperlicher Gewalt und Strafverfolgung, die die Protestierenden einsch\u00fcchtern und vertreiben sollen. Egal wie oft die Polizei vor der Aufl\u00f6sung der Sitzblockaden dazu auffordert, freiwillig zu gehen, die gewaltvollen Strukturen bleiben bestehen. Diese Gewalt kann nicht gerecht sein! Zwar handelt die Polizei nach Aufforderung der BImA und innerhalb eines staatlich festgelegten rechtlichen Rahmens, jedoch bedeutet dies nicht, dass sie im Recht ist!<\/p>\n<p>Die Stadt geh\u00f6rt nicht dem Staat und seinen Institutionen. Das Geb\u00e4ude in der Sonnenstra\u00dfe 85 wurde jahrelang dem Verfall \u00fcberlassen. Mit der Besetzung begannen Menschen, aus eigener Initiative und mit eigener Kraft das Geb\u00e4ude wieder nutzbar zu machen. In offenen Plena wurde besprochen, wie das Haus gestaltet, die R\u00e4ume genutzt werden sollen &#8211; die Menschen der Stadt haben also hier angefangen, die R\u00e4ume der Stadt nach ihren Vorstellungen zu gestalten.<\/p>\n<h3>Die Stadt geh\u00f6rt denen, die in ihr wohnen!<\/h3>\n<p>Die R\u00e4ume denen, die sie nutzen! In diesem Sinne geh\u00f6rt das Zollamt nicht der BImA, denn diese hat das Geb\u00e4ude nicht genutzt &#8211; mit der Besetzung wurde dieser \u00f6ffentliche Raum wieder \u00f6ffentlich zug\u00e4nglich gemacht. &#8222;Das ist unser Haus&#8220;, riefen die Menschen im und am Zollamt. Denn wir haben dieses Haus genutzt, gestaltet und zum Leben erweckt! Genau deshalb ist die Polizei im Unrecht! Sie hat jene Menschen, die sich engagieren, aktiv werden, die in Austausch miteinander treten, die sich die Stadt zur\u00fccknehmen, gewaltvoll vertrieben und kriminalisiert. &#8222;So sieht diese Demokratie aus&#8220;, hallte es durch die Sonnenstra\u00dfe, w\u00e4hrend Sch\u00fcler*innen aus dem gegen\u00fcberliegenden Schlaun-Gymnasium dabei zusahen, wie Menschen, auch an den Haaren, von der Polizei weggezerrt wurden. Basisdemokratische Strukturen, in denen alle Menschen sich beteiligen k\u00f6nnen und jene Menschen entscheiden, die betroffen sind und in der Stadt wohnen, sollen unterbunden und erstickt werden.<\/p>\n<p>In der Zeit der Besetzung mehrten sich die Stimmen, die forderten, dass das Geb\u00e4ude in der Sonnenstra\u00dfe 85 als Unterkunft f\u00fcr gefl\u00fcchtete Menschen genutzt werden sollte. Es steht au\u00dfer Frage, dass die Initiative des sozialen Zentrums im Zollamt die Bereitstellung von guten Unterk\u00fcnften f\u00fcr gefl\u00fcchtete Menschen unterst\u00fctzt. Dabei sei jedoch auch darauf hingewiesen, dass Sammelunterk\u00fcnfte, wie sie in dem gro\u00dfen Geb\u00e4ude des Zollamtes eingerichtet werden w\u00fcrden, \u00e4u\u00dferst kritikw\u00fcrdig sind. Jedoch gibt es in M\u00fcnster \u00fcber 600 leerstehende Geb\u00e4ude und somit genug Platz f\u00fcr bezahlbaren Wohnraum und soziale Zentren. Auch das B\u00fcndnis gegen Abschiebungen wies darauf hin, dass &#8222;ben\u00f6tigter Wohnraum f\u00fcr Gefl\u00fcchtete und der Bedarf nach sozialen und kulturellen unkommerziellen R\u00e4umen [\u2026] nicht gegeneinander ausgespielt werden&#8220; d\u00fcrfen, sondern zusammen geh\u00f6ren. &#8222;Denn zu einem guten Leben und besonders zu einem Neuanfang nach Krieg, Armut, Diskriminierung geh\u00f6rt nicht nur eine Wohnung, sondern unbedingt auch ein soziales und kulturelles Miteinander.&#8220; ((3))<\/p>\n<p>Stimmen, die diese beiden K\u00e4mpfe gegeneinander ausspielen wollen, erkennen nicht das Problem, welches hinter beiden steckt: Es fehlt an bezahlbarem Wohnraum, w\u00e4hrend die Stadt auf der einen Seite durch Millionenprojekte aufgewertet wird und auf der anderen Seite massenhaft H\u00e4user leerstehen. Das Problem sind nicht die verschiedenen Initiativen, die mit ihren jeweils eigenen verschiedenen Forderungen Raum und Mitbestimmung in der Stadt fordern, sondern eine Stadtplanung, die diese Forderungen erst n\u00f6tig macht und Profitinteressen statt die Bed\u00fcrfnisse der Menschen in den Mittelpunkt stellt. All die K\u00e4mpfe, ob von Gefl\u00fcchteten f\u00fcr menschenw\u00fcrdiges Wohnen, von Initiativen gegen Luxusbauprojekte, wie beispielsweise am Hafen, und eben auch der Kampf f\u00fcr ein soziales Zentrum geh\u00f6ren zusammen! Es ist der Kampf um das Recht auf Stadt f\u00fcr alle Menschen.<\/p>\n<p>Im Zollamt wurde 16 Tage lang ein Raum geschaffen, in welchem eine Vielzahl von Menschen begannen, ihre W\u00fcnsche und Tr\u00e4ume in die Realit\u00e4t umzusetzen. Dies l\u00e4sst sich an den vielf\u00e4ltigen Veranstaltungen erkennen, die in den R\u00e4umlichkeiten stattfanden. T\u00e4glich gab es Vortr\u00e4ge, Workshops, Konzerte, Jamsessions, Nachbarschaftscaf\u00e9s oder Vernetzungstreffen. Das Zollamt war ein unkommerzielles, nicht-staatliches, nichtkirchliches Zentrum, in das alle ihre Ideen und Kritik einbringen konnten und in dem keine Hierarchien aufgebaut wurden. Und genau in diesen Details liegt der Riesenunterschied zu anderen Zentren in M\u00fcnster! Wir bleiben dabei: M\u00fcnster braucht ein soziales Zentrum, das die Menschen selbst gestalten k\u00f6nnen! Wie kann behauptet werden, hier seien Verbrechen begangen worden, wenn Menschen lediglich anfingen, leerstehende H\u00e4user gemeinschaftlich zu nutzen? Es war ein Raum, in dem so viele Menschen zusammenkamen, um ihre Tr\u00e4ume zu verwirklichen. Und es gab noch viel mehr Pl\u00e4ne. Es sollte ein Kinderraum mit regelm\u00e4\u00dfiger Kinderbetreuung eingerichtet werden. Es sollte ein Begegnungstreffen f\u00fcr Menschen mit und ohne Fluchtgeschichte stattfinden. Im Keller wurden Prober\u00e4ume und ein Tonstudio geplant. Skater*innen wollten eine Skaterampe bauen und es sollte ein Sch\u00fcler*innenraum eingerichtet werden.<\/p>\n<p>Mit der R\u00e4umung wurde uns das Haus genommen, nicht aber die Energie und der Wille! Die Tr\u00e4ume, Bed\u00fcrfnisse und Ideen in und um das Zollamt sind noch immer da. Im Zollamt wurde ein Freiraum f\u00fcr einen Moment Realit\u00e4t &#8211; und daf\u00fcr werden wir weiter k\u00e4mpfen! Es ist eine Bewegung entstanden, die den Raum Stadt beansprucht. Es ist eine Bewegung entstanden, die sich nicht ersticken l\u00e4sst! Es ist eine Bewegung entstanden, die fordert: R\u00e4ume f\u00fcr alle und zwar umsonst! Geht nicht? Doch, geht! Und wenn es nicht geht, dann liegt es nicht an den Menschen, die daf\u00fcr k\u00e4mpfen, sondern an bestehenden gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen. Wir werden nach der R\u00e4umung nicht aufh\u00f6ren, sondern die Energie aus dem Haus mitnehmen und weitermachen! F\u00fcr unser Haus, unsere Stadt und unsere Welt! Solidarisiert Euch mit dem sozialen und kulturellen Zentrum im Zollamt! Lasst Eurer Phantasie f\u00fcr Protest freien Lauf, macht deutlich, dass der Kampf um das Recht auf Stadt uns alle betrifft und wir nicht still sein werden!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Montagmorgen wurde das Zollamt ger\u00e4umt. Das Geb\u00e4ude war besetzt worden, um ein Selbstverwaltetes Soziales Zentrum zu er\u00f6ffnen. Es waren 16 Tage, in denen das seit \u00fcber drei Jahren verlassene Geb\u00e4ude wieder nutzbar gemacht und zum Leben erweckt wurde. Hier entstand ein Ort wundersch\u00f6ner Begegnungen. 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