{"id":15026,"date":"2015-12-01T00:00:00","date_gmt":"2015-11-30T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2015\/12\/der-mythos-des-generals\/"},"modified":"2022-07-26T14:22:12","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:12","slug":"der-mythos-des-generals","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/12\/der-mythos-des-generals\/","title":{"rendered":"Der Mythos des Generals"},"content":{"rendered":"<p>Am 20. November 2015 j\u00e4hrte sich zum vierzigsten Mal der Todestag des spanischen Diktators Francisco Franco. Man mag es kaum glauben, aber bis zu diesem Zeitpunkt lag tats\u00e4chlich noch keine vollst\u00e4ndige Biographie Francos in deutscher Sprache vor. Das hat sich nun ge\u00e4ndert: Carlos Collado Seidel, sicherlich einer der besten und renomiertesten Spanienhistoriker, hat in der biographischen Reihe des Kohlhammer-Verlags mit seiner Biographie &#8222;Franco: General &#8211; Diktator &#8211; Mythos&#8220; ein Werk vorgelegt, das knapp, klar, umfassend und auf hohem wissenschaftlichen Niveau den Lebensweg des Diktators nachzeichnet und in seinen historischen und politischen Kontext stellt. Man braucht keine seherischen F\u00e4higkeiten, um vorauszuahnen, dass dieses Buch rasch den ihm geb\u00fchrenden Platz als Standardreferenz in der deutschsprachigen Forschung und Lehre zu Spanien finden wird. Aber auch f\u00fcr interessierte Leserinnen und Leser au\u00dferhalb der Universit\u00e4tsmauern ist das Buch empfehlenswert. Denn Collado Seidel bringt das Kunstst\u00fcck fertig, einerseits innovativ-kritisch und reich an historischen Details das Leben Francos darzustellen und die Fachdiskussion voranzubringen, andererseits sein Material aber auch so aufzubereiten, dass man sein Buch ebenso gut zur Einstiegslekt\u00fcre nutzen kann. Dies liegt nicht zuletzt an der Sprache des Autors, die, wie bei ihm erfreulicherweise \u00fcblich, das genaue Gegenteil von s\u00e4uselndem Fachchinesisch oder d\u00fcster daher gemurmelten Geheimformeln ist. Wer ein Buch von Carlos Collado Seidel aufschl\u00e4gt, wei\u00df verl\u00e4sslich, was ihn erwartet: Fakten, kritisch reflektiert, kompetent kontextualisiert und in ihrer Bedeutung f\u00fcr die Gegenwart anregend interpretiert. Anders ausgedr\u00fcckt: Geschichtswissenschaft, die verstanden werden will. Dies bedeutet selbstverst\u00e4ndlich nicht, dass Carlos Collado Seidel sich vor aktueller historiographischer oder kulturwissenschaftlicher Theorie ekeln w\u00fcrde. Ganz im Gegenteil. Nur dr\u00e4ngelt sie sich bei ihm eben niemals l\u00e4stig in den Vordergrund. Die vielleicht gr\u00f6\u00dfte St\u00e4rke seiner Franco-Biographie liegt denn auch (zumindest aus der Sicht eines Literaturwissenschaftlers&#8230;) darin, dass sie die Kategorie des Mythos miteinbezieht. Dabei bedeutet &#8222;Mythos&#8220; f\u00fcr Carlos Collado Seidel, anders als f\u00fcr viele seiner Zunftgenossinnen und Genossen, nicht einfach nur &#8222;L\u00fcge&#8220; oder &#8222;falsche \u00dcberlieferung&#8220;. Die Kraft des Mythos, Identit\u00e4ten zu schaffen und zu festigen, Welt-und Wertorientierungen anzubieten und affektive (Ver)Bindungen herzustellen, wurde zu allen Zeiten (auch) politisch genutzt. In Spanien setzte die Mythisierung Francos bereits w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkriegs (1936-1939) ein, der ihn an die Macht brachte. Franco selbst nutzte mythische Erz\u00e4hlungen und Inszenierungen geschickt f\u00fcr die Propaganda der Milit\u00e4rs &#8211; und seine eigene Herrschaftssicherung. Ein Beispiel ist die Geschichte von der Verteidigung und schlie\u00dflichen Befreiung des Alc\u00e1zar von Toledo, die Collado Seidel mit Recht eine &#8222;Meistererz\u00e4hlung des Spanischen B\u00fcrgerkriegs&#8220; (S. 87) nennt: &#8222;Die Befreiung und die folgenden Siegesfeiern waren [&#8230;] das inszenierte Pr\u00e4ludium [&#8230;] einer mythischen Erhebung des Generals [Franco]&#8220; (S. 91). Der Alc\u00e1zar, eine mittelalterliche Festung \u00fcber den D\u00e4chern Toledos, wurde w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkriegs von republikanischen Truppen belagert. Der aufst\u00e4ndische Oberst Moscard\u00f3 hatte sich mit Soldaten, Zivilisten und (was der franquistische Mythos bis heute gerne unterschl\u00e4gt) politischen n hinter die dicken Mauern der Festung zur\u00fcckgezogen und lie\u00df die Position hartn\u00e4ckig verteidigen. Kern des Heldenmythos wurde ein Telefongespr\u00e4ch, das Moscard\u00f3 angeblich mit den republikanischen Belagerern gef\u00fchrt haben soll. Diesen war sein Sohn in die H\u00e4nde gefallen. Sie drohten den Sohn zu exekutieren, sollte sich Moscard\u00f3 nicht ergeben. Um ihre Drohung zu bekr\u00e4ftigen, holten sie den Sohn selbst an den Apparat. &#8222;Papa, was soll ich tun?&#8220;, habe der gefragt. &#8222;Befiehl deine Seele Gott und stirb!&#8220;, sei die Antwort des Vaters gewesen. Dieser Mythos war (und ist) in Spanien nicht zuletzt deshalb so wirkungsm\u00e4chtig, weil er seinerseits einen mittelalterlichen Mythos fortschreibt: Im 13. Jahrhundert soll der christliche Burgherr Guzm\u00e1n von maurischen Belagerern in ganz \u00e4hnlicher Weise aufgefordert worden sein, die von ihm gehaltene Burg zu \u00fcbergeben. Andernfalls werde man seinen gefangengenommenen Sohn t\u00f6ten. Als Guzm\u00e1n das h\u00f6rte, soll er seinen Dolch aus dem G\u00fcrtel gerissen und ihn den maurischen Gesandten zornig mit den Worten vor die F\u00fc\u00dfe geschleudert haben: &#8222;Da! Nehmt das und t\u00f6tet meinen Sohn! Soll ich ohne Ehre sein?&#8220;. Dass Franco seinen Vormarsch auf Madrid unterbrach, um den Alc\u00e1zar zu befreien, stellte nicht nur eine Verbindung zwischen dem B\u00fcrgerkrieg und der mittelalterlichen Reconquista her. Franco erschien dadurch auch als Retter, Bewahrer und Verteidiger &#8222;altchristlicher Werte&#8220; wie Treue, Opferbereitschaft, Vaterlandsliebe und Kampfesmut, die die franquistische Seite exklusiv f\u00fcr sich beanspruchte und durch die die &#8222;Regeneration&#8220; des von Kommunismus, Anarchismus und Freimaurertum &#8222;verseuchten&#8220; Spaniens eingeleitet werden sollte. Und schlie\u00dflich &#8222;bewies&#8220; die wundersame Rettung des Alc\u00e1zar f\u00fcr die franquistische Propaganda letztg\u00fcltig den g\u00f6ttlichen Beistand, den Franco (im Gegensatz zu seinen Mitverschw\u00f6rern) mittlerweile genoss. Francos Instrumentalisierung des Mythos der Heiligen Theresa von \u00c1vila, deren Hand er seit 1937 st\u00e4ndig bei sich f\u00fchrte, schlug in die gleiche Kerbe. Bis vor wenigen Jahren, so Collado Seidel, konnte man im wiedererrichteten Alc\u00e1zar von Toledo sogar das Telefon besichtigen, inszeniert wie eine heilige Reliquie. Dass das ber\u00fchmte Telefonat zwischen Vater und Sohn mit hoher Wahrscheinlichkeit nie stattgefunden hat &#8211; etwa, weil es gar keine Telefonverbindung vom Alc\u00e1zar zur Stadt (mehr) gab (!) &#8211; beeintr\u00e4chtigte die Wirkungsmacht des Mythos nicht. Carlos Collado Seidel &#8211; in dieser Hinsicht ganz Historiker &#8211; dekonstruiert in seiner Biographie zwar einerseits derartige herrschaftslegitimierenden Mythen des Francoregimes mit Hilfe der Faktenlage. Andererseits jedoch nimmt er ihre politische, soziale und kulturelle Wirkungsmacht (die, wie erw\u00e4hnt, zum Teil bis heute anh\u00e4lt) durchaus ernst: Einen Mythos kann man eben nicht einfach dadurch aus der Welt schaffen, dass man beweist, dass alles ganz anders war. Dieses kulturwissenschaftliche Verst\u00e4ndnis bereichert Collado Seidel Biographie und schl\u00e4gt eine n\u00fctzliche Br\u00fccke zwischen den Disziplinen.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich wertvoll und dem aktuellen Forschungsstand entsprechend ist das gro\u00dfe Gewicht, dass Collado Seidel auf Francos Zeit als junger Offizier im marokkanischen Kolonialkrieg legt. Diese Zeit war f\u00fcr den Karrieremilit\u00e4r Franco nicht nur pers\u00f6nlich von gr\u00f6\u00dfter Bedeutung. Die &#8222;Africanistas&#8220; stellten au\u00dferdem fast die gesamte Junta der aufst\u00e4ndischen Milit\u00e4rs w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkriegs. Sie f\u00fchrten ihren Krieg fast wie einen Kolonialkrieg, mit dem ausdr\u00fccklichen Ziel, den Gegner nicht nur zu besiegen, sondern auszul\u00f6schen, und nach dem Sieg regierte Franco Spanien im Grunde wie eine milit\u00e4risch besetzte Kolonie. Seine Zeit in Afrika liefert somit wichtige Erkenntnisse f\u00fcr sein sp\u00e4teres politisches und pers\u00f6nliches Verhalten. Auch Francos Verh\u00e4ltnis zur Religion, zur katholischen Kirche und zum Vatikan wird auf hohem Niveau dargestellt und kritisch diskutiert. Eine \u00e4hnliche konzise und dennoch umfassende Darstellung dieses durchaus komplexen Themas war bisher in deutscher Sprache noch nicht zu lesen. So gewinnen die Leserinnen und Leser nicht nur ein klares Bild vom Leben Francisco Francos, sondern auch des diktatorischen Regimes, das fast vierzig Jahre seinen Namen trug, und der politischen Hintergr\u00fcnde und Umst\u00e4nde seines Entstehens. Beachtlich f\u00fcr ein Buch von gerade einmal 314 Seiten, das bequem in eine gew\u00f6hnliche Hosentasche passt. Carlos Collado Seidel hat eine wichtige bibliographische L\u00fccke gef\u00fcllt. Man kann seinem Buch nur viele Leserinnen und Leser w\u00fcnschen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 20. 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