{"id":15027,"date":"2015-12-01T00:00:00","date_gmt":"2015-11-30T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2015\/12\/transnationale-anarchismusforschung\/"},"modified":"2022-07-26T14:11:59","modified_gmt":"2022-07-26T12:11:59","slug":"transnationale-anarchismusforschung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/12\/transnationale-anarchismusforschung\/","title":{"rendered":"Transnationale Anarchismusforschung"},"content":{"rendered":"<p>Ein Artikel des Londoner Professors und bekennenden Anarchisten David Graeber im britischen Guardian im Oktober 2014, in dem er die bewaffneten Frauen von Kobane mit den spanischen Mujeres Libres und den Islamischen Staat mit den m\u00f6rderischen Falangisten verglich, l\u00f6ste in der internationalen anarchistischen Bewegung sehr kontroverse Diskussionen aus. Viele Anarchisten kritisierten Graebers positive Darstellung der PKK, die l\u00e4ngst keine leninistische und nationalistische Kaderpartei mehr sei und teilweise inspiriert von den Ideen des Anarchisten Murray Bookchin nun die Vision eines libert\u00e4ren Kommunalismus verfolge. Dieses aktuelle Beispiel zeigt, dass das Verh\u00e4ltnis von Anarchismus und nationalen Bewegungen praktisch nicht so klar ist, wie es in der Theorie erscheint.<\/p>\n<p>In diesem Sinne sind die Beitr\u00e4ge in dem Bert Altena und Constance Bantman herausgegebene Buch nicht nur von akademischem und historischem Interesse. Das Buch ist entstanden aus zwei panels der European Social History History Conference 2012 in Glasgow. Die zweij\u00e4hrig stattfindenden Konferenzen sind schon lange ein Treffpunkt von AnarchismusforscherInnen aus aller Welt. Der akademische Rahmen schl\u00e4gt sich in dem Buch insofern wieder, als das methodologische Fragen, in vielen Beitr\u00e4gen eine Rolle spielen.<\/p>\n<p>Der Anarchismus schreiben die Herausgeber Bert Altena und Constance Bantman sei die weltweit erste und weitverbreitetste transnationale Bewegung von unten gewesen und habe sich in den letzten Jahren als ein produktives Feld f\u00fcr transnationale arbeiten Geschichtsschreibung erwiesen. In ihrer theoretisch anspruchsvollen Einleitung geben sie zun\u00e4chst einen \u00dcberblick \u00fcber den &#8222;transnational turn&#8220; in der Anarchismus- und Syndikalismusforschung und diskutieren analytische Zug\u00e4nge zum Thema &#8211; Individuen und Netzwerke, Mobilit\u00e4t, Kosmopolitismus, Nationen und Nationalismus.<\/p>\n<p>Im zweiten Teil des Buches stehen anarchistische Theorien zu Nation, Staat und Internationalismus im Zentrum. Auf Basis eines inklusiven Konzepts der Nation und anarchistischer Theoretiker (Bakunin, Kropotkin, Landauer, Rocker), argumentiert Davide Turcato, k\u00f6nnten Anarchisten durchaus eine nationale Identit\u00e4t haben. Denn Anarchisten k\u00e4mpften gegen Staaten, nicht gegen Nationen (S. 41). Ruth Kinna untersucht Kropotkins Soziologie des Staates aus einer transnationalen Perspektive. Sie erkl\u00e4rt Kropotkins Eintreten f\u00fcr die Alliierten 1914 nicht mit Sympathien f\u00fcr Russland, sondern weil er das zaristische System f\u00fcr wesentlich instabiler hielt als den preu\u00dfischen Militarismus, den er als gr\u00f6\u00dfte Bedrohung f\u00fcr die Freiheit in Europa betrachtete. Bert Altena untersucht das Nationale, das Transnationale und den Patriotismus in Max Nettlaus vierb\u00e4ndiger Geschichte der Anarchie. Er kommt dabei zu widerspr\u00fcchlichen Ergebnissen. Auf der einen Seite sei Nettlaus Werk noch heute inspirierend f\u00fcr eine transnationale Geschichtsschreibung. Auf der anderen Seite war auch Nettlau nicht frei von nationalistischen Gef\u00fchlen. Er unterschied politischen Nationalismus, den er verabscheute und kulturellen Nationalismus (Patriotismus), den er bejahte. Man k\u00f6nne nicht &#8222;Internationalist&#8220; sein, schrieb er 1931 an Rudolf Rocker, ohne &#8222;kulturell-national&#8220; zu sein. (S. 73) Und hinsichtlich der slawischen V\u00f6lker, so Altena, hatte Nettlau mehr Gemeinsamkeiten mit deutsch-\u00f6sterreichischen Nationalisten als mit Anarchisten.<\/p>\n<p>Im dritten Teil der Arbeit gehen die AutorInnen der Frage nach, wie anarchistische Bewegungen transnationale Identit\u00e4ten und Praktiken entwickelten. Isabelle Felici untersucht AnarchistInnen als MigrantInnen. Kenyon Zimmer analysiert lokale und transnationale Dimension des Anarchismus in San Francisco von 1880 &#8211; 1940. In dieser Zeit und besonders vor dem Ersten Weltkrieg beherbergte die Stadt eine gro\u00dfe und ethnisch diversifizierte anarchistische Bewegung mit engen Kontakten nach Europa und Asien. So hatte 1928 die Internationale Gruppe, eine Koalition existierender anarchistischer Gruppen, italienische, russische, j\u00fcdische, chinesische, mexikanische, franz\u00f6sische und deutsche Mitglieder. Pietro di Paolo untersucht die transnationalen, nationalen und lokalen Aspekte des italienischen Anarchismus. Die Geschichtsschreibung des italienischen Anarchismus habe einen nationalen Rahmen beibehalten und transnationale Aspekte vernachl\u00e4ssigt. Raymond Craib betont in seinem Beitrag \u00fcber Casimir Barrio, der 1906 von Spanien nach Santiago\/Chile migrierte und dort bis zu seiner Ausweisung 1920 ein Aktivist der anarchistischen Bewegung war, die &#8222;sedentary&#8220; (ortsgebundene) Dimension des Anarchismus. Er benutzt den Begriff, um einerseits die Bedeutung des &#8222;Ortes&#8220; hervorzuheben und andererseits dem seiner Meinung nach inad\u00e4quaten Konzept des Nationalstaats zu entfliehen. Mit anderen Worten: Anarchisten k\u00f6nnen sehr wohl an einen Ort gebunden sein, ohne dies mit einer Nation zu verbinden.<\/p>\n<p>Im letzten Teil des Buches untersuchen die AutorInnen die problematische Rolle des Nationalismus in anarchistischen Bewegungen. Der w\u00e4hrend der Produktion des Buches tragisch verstorbene Nino K\u00fchnis analysiert auf der Basis deutscher und franz\u00f6sischsprachiger anarchistischer Zeitungen in der Schweiz von 1885 bis 1914 selbstgew\u00e4hlte anarchistische kollektive Identit\u00e4ten. Anarchismus und Nationalismus seien nicht strikt voneinander getrennt. Nationale Mythen und Helden fanden sich auch in der anarchistischen Presse. Zu \u00e4hnlichen Ergebnissen kommt auch Constance Bantman in ihrem Aufsatz \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von Internationalismus und Nationalismus bei vier prominenten Repr\u00e4sentanten der franz\u00f6sischen anarchistischen und syndikalistischen Bewegung vor 1914. Der Internationalismus und Kosmopolitismus der anarchistischen Ideologie bedeutete nicht unbedingt, dass Patriotismus, Nationalismus und auch Antisemitismus verschwanden, sondern die Bewegung war davon, wie Bantman betont, in verschiedenen Wegen durchdrungen.<\/p>\n<p>Der abschlie\u00dfende Beitrag von Martin Baxmeyer \u00fcber Nationalismus und Rassismus in der anarchistischen Literatur w\u00e4hrend des Spanischen B\u00fcrgerkrieges beleuchtet einen bislang nicht bekannten beziehungsweise vernachl\u00e4ssigten Aspekt des spanischen Anarchismus. Die B\u00fcrgerkriegsliteratur, so Baxmeyer, entfernte sich ideologisch immer mehr von ihrem Internationalismus und aktualisierte nationalistische, kolonialistische und sogar rassistische Theoreme. Baxmeyer schreibt von einem &#8222;reaktiven Nationalismus&#8220; (S. 204), in dem anarchistische Autoren die gleiche Konzepte, Ideen, Mythen, Metaphern und Symbole verwendeten wie die franquistische Propaganda.<\/p>\n<p>Insgesamt handelt es sich um einen anregenden Band, in dem sich viele Anregungen finden f\u00fcr eine noch zu schreibende transnationale Geschichte des deutschen Anarchismus. Der Verbreitung des Buches sind aber leider durch den exorbitanten Preis enge Grenzen gesetzt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Artikel des Londoner Professors und bekennenden Anarchisten David Graeber im britischen Guardian im Oktober 2014, in dem er die bewaffneten Frauen von Kobane mit den spanischen Mujeres Libres und den Islamischen Staat mit den m\u00f6rderischen Falangisten verglich, l\u00f6ste in der internationalen anarchistischen Bewegung sehr kontroverse Diskussionen aus. 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