{"id":15058,"date":"2016-01-01T00:00:00","date_gmt":"2015-12-31T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2016\/01\/demonstrieren-in-zeiten-des-notstands\/"},"modified":"2022-07-26T14:22:11","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:11","slug":"demonstrieren-in-zeiten-des-notstands","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/01\/demonstrieren-in-zeiten-des-notstands\/","title":{"rendered":"Demonstrieren in Zeiten des Notstands"},"content":{"rendered":"<p>Zum Gl\u00fcck h\u00f6re ich jeden Tag in dieser zweiten Woche nach den Attentaten von immer neuen, oft studentischen Demonstrationen gegen den Notstandsstaat. Am 22. November 2015 sind in Paris bei einer Demonstration 58 Leute verhaftet worden. Seit Ausrufung des Notstands gab es 1500 Wohnungsdurchsuchungen und viele Verurteilungen zum Hausarrest (kann jederzeit kontrolliert werden und wer nicht angetroffen wird, wird strafrechtlich verfolgt). Zum gr\u00f6\u00dften Teil sind Leute betroffen, die \u00fcberhaupt nichts mit Islamismus zu tun haben, ja dessen erkl\u00e4rte GegnerInnen sind.<\/p>\n<p>Es ist eine Hatz auf Linksradikale und AnarchistInnen. Derweil verk\u00fcndet Innenminister Cazeneuve unger\u00fchrt, die drei Monate Notstand k\u00f6nnten &#8222;bei Bedarf&#8220; gleich noch einmal um drei Monate verl\u00e4ngert werden. Dabei wird das Versagen von franz\u00f6sischer Polizei und Geheimdiensten bei der Verfolgung vieler islamistischer T\u00e4ter immer offensichtlicher und inzwischen auch von der b\u00fcrgerlichen Presse scharf kritisiert. Wie um Aktionismus vorzut\u00e4uschen, trifft die Repression die falsche &#8211; oder doch die beabsichtigte? &#8211; &#8222;Zielgruppe&#8220; mitten ins Gesicht.<\/p>\n<p>Angesichts dieses Skandals h\u00e4lt mich nichts mehr in Marseille, als die gro\u00df angek\u00fcndigte Demo anl\u00e4sslich der UN-Klimakonferenz in Paris an der Place de la R\u00e9publique f\u00fcr den 29. November verboten wird. Es geht nun entscheidend darum, in massenhafter Weise auszudr\u00fccken, dass dem jede Willk\u00fcr freien Raum gebenden Notstandsstaat mit Widerstand begegnet werden muss.<\/p>\n<h3>Momentaufnahmen von Seine-St. Denis<\/h3>\n<p>Ich fahre mit einem mulmigen Gef\u00fchl nach Paris. Die Unsicherheit r\u00fchrt daher, dass sich die Polizei an keine Gesetze und rechtlichen Bindungen mehr halten muss und niemand letztlich wei\u00df, wie sie bei einer verbotenen Massendemo praktisch reagiert. Sie hat Narrenfreiheit.<\/p>\n<p>Langsam dringen Informationen durch, dass eine Menschenkette von Klima-AktivistInnen auf dem B\u00fcrgersteig vom Konzertsaal Bataclan bis zur Place de la Nation (entlang der urspr\u00fcnglichen Demoroute) wohl geduldet werden wird. Ebenso eine gewisse Pr\u00e4senz auf der Place de la R\u00e9publique. Aber sicher ist sich da niemand.<\/p>\n<p>Ich wohne bei zwei anarchistischen GenossInnen, nennen wir sie Jacques und Jacqueline, direkt im Zentrum von Seine-St. Denis, dem Ort der Attentate am Stade de France. Mein Genosse musste am Abend der Attentate in seiner Wohnung bleiben, desgleichen einige Tage sp\u00e4ter beim Gro\u00dfeinsatz der Polizei mit sieben Festnahmen und drei toten IslamistInnen, darunter eine Frau, die sich angeblich als Selbstmordattent\u00e4terin bei der St\u00fcrmung der Wohnung in die Luft gesprengt h\u00e4tte &#8211; eine glatte Medienl\u00fcge, die einige Tage darauf dementiert werden musste. Das erste Selbstmordattentat einer Frau in Frankreich fand nicht statt, die Frau ist beim Polizeieinsatz trotzdem umgebracht worden. Aber von wem?<\/p>\n<p>Mein Genosse konnte den Einsatz in der Nachbarstra\u00dfe von seinem Fenster aus beobachten.<\/p>\n<p>Ich bin also &#8211; ganz unabsichtlich &#8211; im Zentrum der Anschl\u00e4ge gelandet. Seine-St. Denis ist eine typische Banlieue (w\u00f6rtlich: Verbannter Ort) und war bereits bei den Vorstadtaufst\u00e4nden 2005 ein Brandherd. Beim Spazierengehen im Viertel sehe ich eine sympathische Mischung aus Menschen afrikanischer, karibischer und maghrebinischer Herkunft, erkennbar arm &#8211; aber auch gleich zwei eindeutig salafistische &#8222;Buchl\u00e4den&#8220; (mehr ein Treff als wirklicher Buchladen), nebenan eine Schnell-Pizzeria, bei der alle drei Bediensteten durchwegs schwarze Kleidung und B\u00e4rte tragen, ebenfalls ein Hinweis auf rigiden Salafismus: Kriegsherr Muhammad trug schwarze Kleidung, als er als Staatschef nach gewonnenem Krieg in Mekka einritt. Jacques erz\u00e4hlt mir, dass erst k\u00fcrzlich bei einem salafistischen Treffen in der Banlieue die erzkatholische rechte Gruppierung &#8222;Civitas&#8220; zu Gast war und die anarchistische Gruppe direkt davor eine Protestkundgebung abhielt &#8211; nicht ungef\u00e4hrlich, sie wurden gefilmt.<\/p>\n<p>Jacques und Jacqueline nehmen mich am Demotag, 29. November, zu fr\u00fcher Stunde zum \u00f6rtlichen Lokal der Libert\u00e4ren mit; sie geh\u00f6ren einer noch im Aufbau befindlichen Ortsgruppe der F\u00e9d\u00e9ration Anarchiste an.<\/p>\n<p>Das Lokal wird aber gleichzeitig von einem halben Dutzend linksradikaler und \u00f6kologischer Gruppen benutzt. Es liegt in einer abschreckenden Hochhausschlucht, eine kleine Insel des libert\u00e4ren Austauschs. Unsere Gruppe umfasst ca. 14 Leute aus allen das Lokal tragenden Gruppen, nicht nur AnarchistInnen also. Jacques und Jacqueline stellen mich als vertrauensw\u00fcrdig vor. Das Vorgehen an diesem Tag wird besprochen. Tags zuvor war eine Kundgebung gegen den Notstand in Versailles, bei der alles ruhig ablief &#8211; das k\u00f6nne aber heute anders sein, so wird vorgewarnt, die Place de la R\u00e9publique mitten in der Innenstadt h\u00e4tte eine symbolische Bedeutung; Frankreichs Autorit\u00e4t solle vor der Welt\u00f6ffentlichkeit nicht blamiert werden.<\/p>\n<p>Eine etwas kuriose Schwerpunktsetzung in der Praxis der Leute wird sichtbar. Einige legen sich Papp-Plakate mit Slogans und Parolen um den Hals, teils mit Inhalten: &#8222;Klima-Notstand&#8220;; teils mit witzigen Spr\u00fcchen: &#8222;Ich demonstriere nicht!&#8220;<\/p>\n<p>Andere k\u00fcndigen an, dass sie sich bei einer Konfrontation vermummen werden, weil sie bereits Anzeigen oder Vorstrafen laufen haben und nicht von den \u00dcberwachungskameras erfasst werden wollen.<\/p>\n<p>Als Ziel wird verk\u00fcndet, sp\u00e4testens um 13 Uhr auf dem Platz zu sein. Die Demo ist f\u00fcr 14 Uhr angek\u00fcndigt, alle rechnen damit, dass die Zufahrten geschlossen werden, je n\u00e4her der angek\u00fcndigte Demobeginn r\u00fcckt.<\/p>\n<p>Nach der Vorbesprechung und dem Bekanntgeben der Nummer des Ermittlungsausschusses gehen wir los.<\/p>\n<p>Wir fahren mit der RER-Bahn zur Gare du Nord. Hier zeigt sich bereits die Naivit\u00e4t unserer Vorbereitung: Schon nach der ersten gro\u00dfen Rolltreppe empfangen uns oben PolizistInnen, die sofort die umgeh\u00e4ngten Pappplakate und Transparente konfiszieren. So ist das in Notstandszeiten. Wir k\u00f6nnen von Gl\u00fcck sagen, dass wir als Gruppe danach loskommen und unsere Personalien nicht aufgenommen werden. Konsequenz: Wir \u00e4ndern die Taktik, um auf den Platz zu kommen, der jetzt noch ca. einen Kilometer entfernt liegt. Wir teilen uns in Kleingruppen zu zwei, drei Leuten auf, bleiben in Abstand zueinander, so dass wir nicht als Gro\u00dfgruppe erkennbar sind, und n\u00e4hern uns so langsam dem Platz. Fast \u00fcberall sehen wir riesige Schlangen von Polizeiwannen, bevor die jeweilige Stra\u00dfe auf den Platz m\u00fcndet, fast durchg\u00e4ngig CRS-Truppen (kasernierte Spezialeinheiten der Nationalpolizei).<\/p>\n<p>Wir umrunden in Seitenstra\u00dfen den Platz, doch fast bei jeder Einfallstra\u00dfe dieselbe massive Polizeipr\u00e4senz. Schlie\u00dflich finden wir eine Zufahrtsstra\u00dfe, in der wir \u00fcber eine lange Zeit hinweg beobachten, dass die CRS Einzelleute, die auf den Platz wollen, nicht kontrollieren und durchlassen. Hier versuchen wir es. Zwischen zwei gelangweilten CRS-Einheiten gehen wir zu dritt einfach durch, es klappt auch bei den anderen Kleingruppen und schlie\u00dflich finden wir uns als Gruppe unkontrolliert auf dem Platz wieder.<\/p>\n<p>Es ist genau 13 Uhr. Sp\u00e4ter habe ich erfahren, dass schlie\u00dflich alle Zufahrtsstra\u00dfen geschlossen wurden und kurz vor 14 Uhr kaum noch jemand auf den Platz gelassen wurde.<\/p>\n<h3>Eine lebendige Bewegung mit vielen Gesichtern auf der Place de la R\u00e9publique<\/h3>\n<p>Zu dieser Zeit m\u00f6gen etwa 4.000 Menschen auf dem Platz sein. Es ist eine kunterbunte Mischung verschiedener Spektren der Klimabewegung und anarchistischer Gruppen.<\/p>\n<p>Wir gehen um die gro\u00dfe, die Republik symbolisierende Mariannen-Statue mitten auf der Place de la R\u00e9publique, sehen uns die Trauerkr\u00e4nze, Beileidsschriften und Blumen rund um das Monument an und begegnen der gewaltfreien Aktionsgruppe &#8222;Les D\u00e9sobeissants&#8220; (Die Ungehorsamen), die gerade ein Theaterst\u00fcck auff\u00fchrt; den unterschiedlichsten Klimagruppen bis hin zu indigenen Gruppen aus S\u00fcdamerika; es ziehen ZAD-AktivistInnen aus NDDL (Notre-Dame-des-Landes, dem besetzten Gebiet des geplanten Flughafens von Nantes) an uns vorbei &#8211; deren Traktoren jedoch von der Polizei nicht auf den Platz gelassen wurden, sie mussten in Versailles bleiben; schlie\u00dflich \u00fcberraschend viele VeganerInnen und TierrechtsaktivistInnen, die einen Zusammenhang zwischen Klimaschutz und fleischlicher Ern\u00e4hrung sehen; dann die AnarchistInnen, deren Str\u00f6mungen sich zu einer Aktionseinheit zusammengeschlossen haben, der die Alternative libertaire (Kommunistische AnarchistInnen), die CGA (Koordination anarchistischer Gruppen; eine s\u00fcdwestfranz\u00f6sische Abspaltung von der F\u00e9d\u00e9ration anarchiste), die CNT und die F\u00e9d\u00e9ration anarchiste (FA) angeh\u00f6ren. Der Alternative libertaire ist es gelungen, viele Fahnen auf den Platz zu bringen, sie fallen am meisten auf; die Aktiven der FA gehen fast unter, zumal die Wochenzeitung &#8222;Le Monde libertaire&#8220; derzeit nicht mehr erscheint. Ein unzureichendes Ad-hoc-Flugbl\u00e4ttchen der FA kann die Zeitung nicht ersetzen, die mangelnde Pr\u00e4senz der FA spiegelt deren aktuelle Krise wider.<\/p>\n<p>Gleichzeitig ist gerade die Menschenkette auf dem Boulevard Voltaire bis zur Place de la Nation zu Ende gegangen &#8211; auf dem Gehweg der Strecke, auf der eigentlich die Demonstration stattfinden sollte. Diese Menschenkette wurde trotz Demoverbot zugelassen, die Ansichten \u00fcber einen solchen &#8222;Erfolg&#8220; sind geteilt: Nicht wenige meinen, sie h\u00e4tten trotzdem dem Notstandsregime die Stra\u00dfe \u00fcberlassen. An der Menschenkette nehmen ca. 10.000 Menschen teil, von denen danach noch einige Wenige auf die Place de la R\u00e9publique gelangen. Zusammen mit unseren 4.000 auf dem Platz sind wir also insgesamt 14.000, die dem Notstandsregime vor Ort trotzen. Ist das nun viel? Ich bin eher entt\u00e4uscht. Eine Massendemo viel gr\u00f6\u00dferen Umfangs war vorbereitet worden, die Angst vor dem Unvorhersehbaren, der Willk\u00fcr des Notstandsregimes hat aber viele vom Kommen abgehalten. Vormittags noch war der Platz mit einer Riesenmenge von Schuhen gef\u00fcllt worden &#8211; ein Symbol, stellvertretend f\u00fcr den Demowillen von Menschen, die nun aufgrund des Verbots nicht gekommen sind. Das war uns zu wenig.<\/p>\n<p>Immerhin sind wir zu Demobeginn um 14 Uhr noch auf dem Platz und die Stimmung ist prima. Allerdings sehen wir an mehreren Stellen Reihen von ZivilpolizistInnen, in schwarze Kampfmontur geh\u00fcllt und vermummt, die wir nur erkennen, weil ein Teil von ihnen noch orangene Polizeibinden tr\u00e4gt, die sie leicht abnehmen k\u00f6nnen, wenn sie sich unter militante K\u00e4mpfer mischen; manche haben sie bereits abgenommen (vgl. Foto unten auf dieser Seite: eine solche Zivi-Reihe, von hinten aufgenommen). Falls es also militante Auseinandersetzungen geben wird, ist damit zu rechnen, dass sie in vorderster Reihe mitmischen.<\/p>\n<p>Um die f\u00fcr den Verkehr l\u00e4ngst gesperrte Stra\u00dfe, welche die Place de la R\u00e9publique umringt, setzt sich ein Zug mit dem Transparent der anarchistischen Organisationen vorneweg in Bewegung. Wir reihen uns als Gruppe in diesen Zug ein.<\/p>\n<p>Er umkreist den Platz zur H\u00e4lfte und erblickt dann eine L\u00fccke in Richtung Boulevard R\u00e9publique, in die er dann einbiegt. Erst mehrere Polizeiwannen bei der ersten Querstra\u00dfe, ca. 500 m tief im Boulevard, halten den Demoversuch auf. Es kommt nicht wirklich zur scharfen Konfrontation, die ersten paar Reihen sind notd\u00fcrftig vermummt, doch von einem &#8222;Black Block&#8220; kann nicht die Rede sein, nichts wird geworfen. Ein Versuch, mit einem Absperrgitter und dem Druck einer Reihe von DemonstrantInnen die Polizeireihen zur\u00fcckzudr\u00e4ngen, scheitert kl\u00e4glich, ein besonders mutig Vorst\u00fcrmender wird direkt mit einem Tr\u00e4nengasspray ins Gesicht von den Beinen geholt &#8211; kleine Tr\u00e4nengassprays (kein Pfefferspray, wie in der BRD \u00fcblich!) sind effektive Kampfwaffen der Polizei in Nahdistanz zu DemonstrantInnen.<\/p>\n<p>Doch in den hinteren Reihen ist die Stimmung k\u00e4mpferisch. Die hohen H\u00e4userzeilen lassen die Parolen laut erschallen: &#8222;Notstandsstaat, Polizeistaat &#8211; ihr werdet uns nicht daran hindern, zu demonstrieren!&#8220; -&#8222;Polizei \u00fcberall, Gerechtigkeit nirgendwo&#8220; &#8211; &#8222;Notstandsstaat ist uns egal, wir wollen gar keinen Staat&#8220; &#8211; in franz\u00f6sischer Sprache reimt sich das und klingt kraftvoll. Oder einfach: &#8222;Freiheit, Freiheit, Freiheit!&#8220; Der erste der drei Begriffe der b\u00fcrgerlichen Revolution. Es sind eben doch die AnarchistInnen, die wirkliche Freiheit einfordern!<\/p>\n<p>Das sind die besten Minuten, die ich hier erlebe. Ich habe f\u00fcr kurze Zeit das Gef\u00fchl, es sind immerhin 1.000 AnarchistInnen hier, die ein Demonstrationsverbot im Notstandsstaat aktiv zu unterlaufen versuchen.<\/p>\n<p>An ein reales Durchbrechen der Polizeisperre ist jedoch nicht zu denken. Nach einiger Zeit gehen AktivistInnen von vorne wieder zur\u00fcck auf den Platz, um es bei einer anderen Zufahrtsstra\u00dfe auf der hinteren Seite des Platzes noch mal zu versuchen. Andere schreien, die Leute sollten hier bleiben und die 500 Meter Stra\u00dfe nicht aufgeben, wozu wir uns schlie\u00dflich als Gruppe durchringen. Erst sp\u00e4ter erfahren wir, dass auf der anderen Seite des Platzes, Richtung Boulevard Magenta, ein relativ aussichtsloser, weil weniger geschlossener Versuch, in eine Zufahrtsstra\u00dfe zu kommen, scheitert und die Polizei hier viel aggressiver vorgeht. Dort fliegen auch vereinzelt leere Flaschen, auch Teelichter und Blumen vom nahen Gedenkmonument &#8211; was in der b\u00fcrgerlichen Presse hernach als skandal\u00f6se Zusammenst\u00f6\u00dfe geschildert wird, wobei die Teelichter- und Blumenw\u00fcrfe, wohl mangels wirklicher Pflastersteine, geradezu wie eine &#8222;w\u00fcrdelose&#8220; Grabsch\u00e4ndung dargestellt werden. Die offiziellen Fernsehsender in Frankreich sind noch eine Kategorie schlimmer als die deutschen bei der Verdrehung von Tatsachen.<\/p>\n<p>Vor allem wird nicht berichtet, wie dann die CRS-Truppen bei der R\u00e4umung des Platzes von hinten her die Trauerutensilien und Blumen massiv zertrampeln, ohne sich nur eine Sekunde um W\u00fcrde zu k\u00fcmmern. ((1))<\/p>\n<p>Als die CRS den Platz aufrollt, gibt es vielf\u00e4ltige Widerstandsformen, um deren Vorr\u00fccken zu behindern: Sitzblockaden wechseln sich mit Clown-Aktionen, Blumenw\u00fcrfen oder anderen theatralischen Verwirrungsversuchen ab.<\/p>\n<p>Als wir vorne vom Aufrollen des Platzes durch die CRS h\u00f6ren, versuchen wir an zwei Stellen, nach hinten aufzur\u00fccken, um die Masse dort zu verst\u00e4rken. Nun aber schie\u00dfen die CRS wie wild Tr\u00e4nengasgranaten in rauen Mengen in die Masse der DemonstrantInnen, neben mir gehen mindestens zehn Granaten gleichzeitig nieder. Zum Gl\u00fcck weht der Wind in Richtung der Seitenstra\u00dfen und treibt die Gaswolken von mir weg, ich bekomme trotzdem zweimal kurz hintereinander Tr\u00e4nengas in Augen und Atemwege. HelferInnen mit Zitronen und Wasser sind sofort zur Stelle.<\/p>\n<p>Derweil verlassen immer mehr DemonstrantInnen auf der Seite des Boulevard du Temple den Platz, wir werden immer weniger. Gegen 15 Uhr 15 verlassen auch wir den Platz, die Leute werden nur noch einzeln rausgelassen, restliche Plakate werden selbst beim Verlassen des Platzes noch abgenommen.<\/p>\n<p>Wir h\u00f6ren sp\u00e4ter, dass im weiteren Verlauf bis zum Abend die Ausg\u00e4nge ganz geschlossen wurden und die Verbliebenen St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck zum Teil geschlagen, zum Teil auf dem Boden geschleift und in Gefangenentransporter geladen wurden. Es gab insgesamt 340 Festnahmen, davon 317 &#8222;en garde \u00e0 vue&#8220; (Gewahrsamnahme), aber niemand wei\u00df am Abend gegen 20 Uhr, als der Platz geleert ist, was das praktisch bedeutet.<\/p>\n<p>Die rechtliche Beschr\u00e4nkung, Gewahrsamnahmen maximal 24 Stunden durchf\u00fchren zu d\u00fcrfen, gilt in Notstandszeiten nicht. Schlie\u00dflich wird am n\u00e4chsten Tag klar, dass alle bis auf 9 freigelassen wurden &#8211; wie lange und warum diese 9 festgehalten wurden, bleibt unklar.<\/p>\n<p>Anderntags sind sogar die Presseberichte von &#8222;Lib\u00e9ration&#8220; und &#8222;Le Monde&#8220; fast so furchtbar wie die Berichterstattung der Fernsehmedien. In &#8222;Lib\u00e9&#8220; wird es so dargestellt, als h\u00e4tten die anarchistischen DemonstrantInnen mit Klima nichts am Hut ((2)); in &#8222;Le Monde&#8220; wird die Falschdarstellung immerhin von einem Zugest\u00e4ndnis begleitet:<\/p>\n<p>&#8222;Aber die Ausschreitungen auf der Place de la R\u00e9publique, die weder Verletzte (!) noch Sachsch\u00e4den (!) verursacht haben [die Falschdarstellung liegt hier darin, dass es auf Seiten der DemonstrantInnen nat\u00fcrlich zahlreiche Verletzte durch Kn\u00fcppelschl\u00e4ge und Gaseinsatz gegeben hat; w\u00e4hrend es auf Seiten der Polizei offensichtlich niemand f\u00fcr n\u00f6tig befunden hat, auch nur eine Scheinverletzung zu Protokoll zu geben; L.M.], k\u00f6nnen den Erfolg der Nicht-Regierungsorganisationen, der Gewerkschaften und der \u00f6kologischen Gruppen nicht mindern, das Demonstrationsverbot in Paris untergraben zu haben.&#8220; ((3))<\/p>\n<p>Genau diese Tatsache hat trotz allem Mut gemacht. Es ist m\u00f6glich, gegen das Notstandsregime praktisch aufzubegehren. Ich hoffe, diese Gro\u00dfdemo war nur ein Anfang.<\/p>\n<h3>Verwirrende Eindr\u00fccke vor dem Bataclan<\/h3>\n<p>Anderntags gehe ich von der Place de la R\u00e9publique aus ein wenig den Boulevard Voltaire hinunter, um nach etwa 500 Metern direkt nach der M\u00e9trostation &#8222;Oberkampf&#8220; auf das Bataclan zu treffen, den von den Attentaten so stark betroffenen Konzertsaal. Die farbige Fassade steht wie eh und je, auf der gro\u00dfen Ank\u00fcndigungstafel wird noch immer die Gruppe &#8222;Eagles of Death Metal&#8220; angek\u00fcndigt.<\/p>\n<p>Die Gruppe spielt \u00fcbrigens nicht wirklich Death Metal, sondern einen eher hippiebeeinflussten Hardrock &#8211; und sie hat bereits angek\u00fcndigt, gerne bei der Wiederer\u00f6ffnung des Konzerthauses als erste Gruppe spielen zu wollen. Gut m\u00f6glich also, dass die Ank\u00fcndigungstafel bis dahin gar nicht ge\u00e4ndert wird.<\/p>\n<p>Doch der Blick auf den Eingang ist durch eine hohe Absperrungsplane versperrt, wovor sich eine Unmenge an Blumen, Fotos von Opfern, Zetteln, Kr\u00e4nzen usw. befinden. Auch auf der Gegenseite des Boulevard Voltaire zieht sich \u00fcber Hunderte von Metern ein Streifen von Blumen und Trauerbotschaften hin.<\/p>\n<p>Als ich an einigen Menschen vorbeigehe, sehe ich ihre Tr\u00e4nen in den Augen. Gut m\u00f6glich, dass es sich um Verwandte einiger der 90 Opfer allein dieses Attentats handelt. Wild durcheinander stehen die Botschaften, auf verschiedenste Weise am Zaun oder am Boden angebracht &#8211; ein Kaleidoskop verschiedenster Ansichten und Denkweisen. Vereint ist mann\/frau da nur im Schmerz, dann geht alles meilenweit auseinander. Nationalistische Parolen und Fahnen wechseln mit einf\u00fchlsamen Zeilen f\u00fcr ein 17-j\u00e4hriges Opfer ab; ein Verein tunesischer Jugendlicher verurteilt die Attentate im Namen der Muslime; Aufrufe zum Frieden als Konsequenz der Attentate wechseln sich mit unverhohlenen Racheparolen ab &#8211; oft genug \u00fcberraschender Weise aus der k\u00fcnstlerischen Ecke.<\/p>\n<p>Eine Botschaft wird mit einem Gandhi-Zitat unterlegt: &#8222;Der Hass t\u00f6tet immer, die Liebe wird \u00fcberleben.&#8220; Viele Gru\u00dfbotschaften haben mit Rockmusik zu tun: &#8222;Rock&#8217;n&#8217;Roll will never die&#8220;, und mit Versprechen, auch weiter auf Konzerte zu gehen. Kurioserweise hat sich ein Trauerkranz des &#8222;Pr\u00e4sidenten von Djibouti&#8220; unter die niedergelegten Trauerobjekte verirrt, gleich neben einem offiziellen F\u00e4hnchen der franz\u00f6sischen Armee: &#8222;S&#8217;Engager &#8211; L&#8217;Armee de Terre recrute&#8220; (Sich verpflichten &#8211; Die Landstreitkr\u00e4fte rekrutieren) &#8211; da k\u00f6nnten sich die Rache schw\u00f6renden K\u00fcnstlerInnen sozusagen gleich vor Ort zum Kriegsdienst melden. Es ist ein verst\u00f6rendes Kaleidoskop, das nur einmal mehr dokumentiert: Die Verarbeitungsformen k\u00f6nnen im Bewusstsein der Leute wahrlich in alle Richtungen gehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum Gl\u00fcck h\u00f6re ich jeden Tag in dieser zweiten Woche nach den Attentaten von immer neuen, oft studentischen Demonstrationen gegen den Notstandsstaat. Am 22. November 2015 sind in Paris bei einer Demonstration 58 Leute verhaftet worden. 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