{"id":15072,"date":"2016-01-01T00:00:00","date_gmt":"2015-12-31T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2016\/01\/haende-weg-von-vio-me\/"},"modified":"2022-07-26T14:22:11","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:11","slug":"haende-weg-von-vio-me","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/01\/haende-weg-von-vio-me\/","title":{"rendered":"H\u00e4nde weg von Vio.Me"},"content":{"rendered":"<p>Am 3. Dezember 2015, dem Tag des nun schon zweiten Generalstreiks innerhalb der letzten drei Wochen, zog eine der drei Generalstreikdemonstrationen Thessalon\u00edkis zum Gerichtsgeb\u00e4ude, um die f\u00fcr den Morgen angesetzte Versteigerung der Fabrikanlagen zu verhindern. Die gut 500 Demonstrant_innen standen am Haupteingang des Gerichts starken MAT-Sondereinsatzkommandos der Polizei gegen\u00fcber. Nach Stunden des Wartens wurde schlie\u00dflich &#8222;auf Grund der Teilnahme der Anwaltsvereinigung am Generalstreik&#8220; die Vertagung der Zwangsversteigerung bekanntgegeben.<\/p>\n<p>Schon am 26. November 2015 war es gut 250 Aktivist_innen mit der Blockade des Gerichtsgeb\u00e4udes in Thessalon\u00edki gelungen, den ersten Versteigerungstermin abzuwenden. Eine weitere Aktion fand am 10. Dezember statt.<\/p>\n<h3>Du h\u00e4ltst den Betrieb am Laufen!<\/h3>\n<p>Ein eindrucksvolles Beispiel daf\u00fcr, dass kapitalistische Krisen au\u00dfer vielfachem Leid auch die Emanzipation der von der Krise betroffenen Arbeiter_innen beinhalten kann, ist die besetzte Fabrik Viomichanik\u00ed Metallevtik\u00ed (Vio.Me) in Thessalon\u00edki. Vio.Me wurde 1982 als eine von drei Tochterfirmen des Unternehmens Philkeram &amp; Johnson gegr\u00fcndet, das Keramik-Kacheln produzierte. Die Firma stellte chemische Baumaterialien wie Fugenkleber her und belieferte Baufirmen in Griechenland und dem benachbarten Ausland.<\/p>\n<p>Im Mai 2011 stellten die damaligen Eigent\u00fcmer, die Familie Fil\u00edppou, die Lohnzahlungen ein, verschuldeten den Betrieb und machten sich schlie\u00dflich aus dem Staub. Um die Demontage der Produktionsanlagen zu verhindern und die Zahlung der ausstehenden L\u00f6hne zu erzwingen, besetzten die Arbeiter_innen die Fabrik. Da ihre Lohnforderungen ignoriert wurden und die \u00fcblichen Wege &#8211; Gerichtsverfahren, Investorensuche &#8211; die der Kapitalismus f\u00fcr diesen Fall bereit h\u00e4lt, ohne Erfolg blieben, beschlossen sie nach langen Diskussionen u.a. mit Arbeitern der seit 2001 besetzten und selbstverwaltet produzierenden Ziegelfabrik Zanon aus Argentinien, die Produktion in die eigene Hand zu nehmen.<\/p>\n<p>Im Februar 2013 schlie\u00dflich feierten tausende Menschen mit einem gro\u00dfen Solidarit\u00e4tskonzert die Wiederer\u00f6ffnung der Fabrik. Seit April 2013 produziert Vio.Me mit Hilfe selbstorganisierter Strukturen Thessalon\u00edkis umweltfreundliche Wasch- und Reinigungsmittel. Die Produkte werden in sozialen Zentren, anarchistischen Treffpunkten, besetzten H\u00e4usern und auf informellen M\u00e4rkten vertrieben und inzwischen auch an solidarische Gruppen und Organisationen ins europ\u00e4ische Ausland geliefert.<\/p>\n<p>Sie k\u00f6nnen in Deutschland \u00fcber verschiedene FAU-Syndikate oder das Griechenland Solidarit\u00e4tskomitee K\u00f6ln (GSKK) bestellt werden\u00a0 ((1)).<\/p>\n<p>Ziel ist auch, mittels des Produkts und der selbstverwalteten Produktion und Verteilung die Vision einer selbst organisierten Gesellschaft zu vermitteln. Alle Gespr\u00e4che mit staatlichen Beh\u00f6rden sind trotz der mehrfach wechselnden Regierungen seit 2011 gescheitert.<\/p>\n<p>Auch die von der KKE dominierte Gewerkschaftsfront Pame und der Gewerkschaftsdachverband GSEE verweigern die Unterst\u00fctzung der Fabrik in Selbstverwaltung, da &#8222;Arbeiterselbstverwaltung nicht auf der Tagesordnung&#8220; stehe. Trotzdem machen die Arbeiter_innen weiter und k\u00e4mpfen f\u00fcr das Ziel eines selbstbestimmten Lebens.<\/p>\n<h3>Internationaler Unterst\u00fctzerkreis<\/h3>\n<p>Ein informeller Zusammenschluss aus Kollektivbetrieben, Basisgewerkschaften, politischen Gruppen, Netzwerken und Einzelpersonen aus verschiedenen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern versucht den Kampf der Vio.Me-Arbeiter_innen solidarisch zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Das Beispiel der selbstverwalteten Fabrik in Thessalon\u00edki soll europaweit noch bekannter gemacht werden. Dar\u00fcber hinaus soll es auch andere Arbeiter_innen ermutigen, sich nicht dem Krisendiktat der Troika aus Europ\u00e4ischer Zentralbank (EZB), EU-Kommission und Internationalem W\u00e4hrungsfond (IWF) zu beugen, sondern Widerstand zu leisten und sich selbstorganisierten, emanzipatorischen Initiativen anzuschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Vio.Me zeigt, dass es eine Alternative jenseits von Austerit\u00e4t, Nationalismus und sozialer Zertr\u00fcmmerung gibt &#8211; die Solidarit\u00e4t sozialer Bewegungen und die Selbstorganisierung von unten.<\/p>\n<p>Desweiteren versucht der Unterst\u00fctzerkreis Druck auf die griechische Syriza-Anel-Regierung auszu\u00fcben, da die Gefahr einer R\u00e4umung des Projekts immer &#8211; und gerade jetzt durch die angestrebte Zwangsversteigerung des Betriebsgel\u00e4ndes akut &#8211; besteht:<\/p>\n<h3>Direkte Aktion gegen Zwangsversteigerung der Fabrikanlagen<\/h3>\n<p>Mit der \u00dcbernahme der Fabrik durch die ehemaligen Angestellten und der Umwandlung der Produktion, hin zu biologisch abbaubaren Wasch- und Reinigungsmitteln, mit der Produktion unter Arbeiterkontrolle und der Vollversammlung der Arbeiter_innen als h\u00f6chstes Entscheidungsgremium, und mit der t\u00e4glich erlebbaren gegenseitigen Hilfe der verschiedensten Initiativen in Griechenland und der Unterst\u00fctzung der internationalen Solidarit\u00e4tsbewegung, ist es den Vio.Me-Arbeiter_innen seit nunmehr zweieinhalb Jahren gelungen ihr \u00f6konomisches \u00dcberleben zu sichern. Gleichzeitig jedoch, und das ist der Grund f\u00fcr die andauernden Angriffe, stellt das Projekt die kapitalistischen Besitzverh\u00e4ltnisse und damit das \u00dcberleben des Systems an sich in Frage.<\/p>\n<p>Durch die nun angesetzte Zwangsversteigerung des Betriebsgel\u00e4ndes will der Insolvenzverwalter die Forderungen der Gl\u00e4ubiger des insolventen Mutterkonzerns Philkeram &amp; Johnson eintreiben, um dessen Schulden bei verschiedenen Banken, beim griechischen Staat und bei privaten Gl\u00e4ubigern zu begleichen. Die Alteigent\u00fcmer der Familie Fil\u00edppou hatten 2011 die bis dahin erfolgreiche Fabrik f\u00fcr Baumaterialien in die Insolvenz getrieben.<\/p>\n<p>Schon seit Anfang Oktober 2015 hatten die Arbeiter_innen zur Verhinderung der drohenden Zwangsversteigerung und einer internationalen Aktionswoche vom 17.11. bis 24.11.2015 aufgerufen.<\/p>\n<p>Am 24. November fand eine gro\u00dfe Demonstration in Thessaloniki statt, an der sich verschiedenste politische Initiativen, soziale Zentren, besetzte H\u00e4user und Gewerkschafter_innen beteiligten. Mit dabei waren entlassene Besch\u00e4ftigte der lokalen Tageszeitung &#8222;Angeliof\u00f3ros&#8220;, die seit zwei Jahren gegen die Schlie\u00dfung und f\u00fcr die Wiederer\u00f6ffnung ihres Werkes k\u00e4mpfenden Arbeiter_innen von Coca-Cola, Aktivist_innen der Karawane der Solidarit\u00e4t und eine Delegation der gegen den geplanten Goldabbau auf Chalkidik\u00ed k\u00e4mpfenden Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>&#8222;Von Vio.Me bis Chalkidik\u00ed, Krieg den Bossen auf der ganzen Welt&#8220;, oder &#8222;Die Solidarit\u00e4t ist die Waffe der V\u00f6lker, Krieg dem Krieg der Bosse&#8220;, waren zwei der gerufenen Parolen. Am 25. November hatte im Gewerkschaftshaus von Thessaloniki eine landesweite Versammlung zur Vorbereitung der Blockade-Aktion im Gerichtssaal stattgefunden.<\/p>\n<p>Mit der erfolgreichen Blockade der gut 250 Aktivist_innen am folgenden Morgen konnte die angestrebte Zwangsversteigerung der selbstverwalteten Fabrik vorerst verhindert werden. Entschlossene Vio.Me-Arbeiter_innen und Aktivist_innen aus den Solidarit\u00e4tsgruppen hatten sich teils in Ketten vor dem Gerichtssaal postiert und diesen dicht gemacht. Auch beim n\u00e4chsten Termin am 3. Dezember waren gut 500 Demonstrant_innen vor das Gerichtsgeb\u00e4ude gezogen. Weitere direkte Aktionen sind angek\u00fcndigt.<\/p>\n<p>&#8222;Wir haben es geschafft die Zwangsversteigerung zu verhindern, weil wir geschlossen wie eine geballte Faust sind. (&#8230;) Wir werden die Fabrik nicht verlassen. Die haben unser Leben zerst\u00f6rt und wir haben alleine gek\u00e4mpft, um wieder auf die Beine zu kommen. Wir werden es niemandem erlauben unser Leben erneut zu zerst\u00f6ren&#8220;, betonte M\u00e1kis Anagn\u00f3stou, einer der Vio.Me-Sprecher.<\/p>\n<p>Von der Syriza-Anel-Regierung erwarten die Arbeiter_innen nichts mehr. In ihrer Erkl\u00e4rung zum Zwangsversteigerungstermin stellen sie klar: &#8222;Vio.Me gegen\u00fcber stehen Staat und Kapital, die in den letzten Jahren Millionen Menschen in Griechenland in Armut und Elend gest\u00fcrzt haben, die Tausende in den Selbstmord getrieben haben, die Grenzz\u00e4une am Evros (Grenzfluss zur T\u00fcrkei) hochziehen und den Kampf der Bev\u00f6lkerung Chalkidik\u00eds gegen den Goldabbau mit Gewalt niederschlagen; die parastaatliche faschistische Kr\u00e4fte dulden, oder besser ausgedr\u00fcckt anleiten, und die Ermordung von Antifaschisten und Einwanderern und Angriffe auf alle, die nicht ins faschistische Weltbild passen, erlauben.&#8220;<\/p>\n<p>Seit dem ersten Syriza-Wahlsieg am 25. Januar 2015 hatten die Vio.Me-Arbeiter vergeblich einen Termin im zust\u00e4ndigen Ministerium gefordert. Syriza war vor den Wahlen eine der Organisationen im Unterst\u00fctzerkreis von Vio.Me und auch der jetzige Ministerpr\u00e4sident Alexis Ts\u00edpras hatte pers\u00f6nlich seine Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Fabrik in Arbeiterhand zugesagt. Weder Syriza noch Ts\u00edpras wollen jetzt, nach ihrer Wiederwahl im September, noch etwas davon wissen. W\u00e4hrend das Wirtschaftsministerium eisern schweigt, verweist Ts\u00edpras inzwischen lapidar auf die &#8222;Unabh\u00e4ngigkeit der Justiz&#8220;. Dabei sei jedes Urteil und jede m\u00f6gliche L\u00f6sung des Konflikts &#8222;eine klare politische Entscheidung&#8220;, so die Vio.Me-Arbeiter_innen in einer Presseerkl\u00e4rung. Laut den Ver\u00f6ffentlichungen des Gerichts handelt es sich um insgesamt 14 Grundst\u00fccke der insolventen Philkeram&amp;Johnson, die versteigert werden sollen. Die Fl\u00e4che der Tochtergesellschaft, die besetzte Fabrik Vio.Me, &#8222;macht nur ca. 1\/7 der Fl\u00e4che aus, die unkompliziert vom Rest des Betriebsgel\u00e4ndes abtrennbar&#8220; sei. Dass die Anspannung auf Seiten der Arbeiter_innen und ihrer Familien immer mehr ansteigt, ist klar, &#8222;da es sich nach vier Jahren des Kampfes inzwischen um eine Frage des \u00dcberlebens&#8220; handelt. Den Alteigent\u00fcmern der Familie Fil\u00edppou wurden im \u00dcbrigen vom Staat in der Vergangenheit Teile der Betriebsfl\u00e4chen umsonst \u00fcbertragen; &#8222;als staatliche Anerkennung f\u00fcr die soziale Leistung durch die Schaffung von Arbeitspl\u00e4tzen&#8220;.<\/p>\n<h3>Generalstreik am 3. Dezember &#8211; Syriza streikt mit<\/h3>\n<p>Zum zweiten Mal in nur drei Wochen wurde Griechenland am 3. Dezember durch einen Generalstreik lahmgelegt. Wie beim ersten Generalstreik am 12. November ging insbesondere im \u00f6ffentlichen Sektor nichts mehr. Beh\u00f6rden, Schulen und Universit\u00e4ten blieben geschlossen, der \u00f6ffentliche Nahverkehr stand \u00fcber Stunden still, Z\u00fcge und Schiffe fuhren den ganzen Tag nicht und etliche Fl\u00fcge fielen aus. Um berichten zu k\u00f6nnen, hatten die Mediengewerkschaften ihren Ausstand einen Tag vorverlegt.<\/p>\n<p>Im \u00f6ffentlichen Gesundheitswesen wurde sogar zwei Tage lang in Notdiensten gearbeitet. \u00c4rzt_innen und Pfleger_innen der staatlichen Krankenh\u00e4user hatten die Arbeit schon am Mittwoch niedergelegt. Hier fehlen nach offiziellen Angaben rund 20.000 Pfleger_innen und mehr als 6.000 \u00c4rzt_innen. Ging es beim letzten Generalstreik am 12. November gegen die inzwischen von der Syriza-Anel-Regierungskoalition verabschiedete Freigabe von Zwangsversteigerungen von Wohnungen ihrer \u00fcberschuldeten Besitzer_innen, so wurde am 3. Dezember vor allem gegen die anstehenden Verschlechterungen im Rentensystem gestreikt. Zwar sind die Details mit den Gl\u00e4ubigern von EZB, IWF und EU-Kommission noch nicht ausgehandelt, die zentralen Achsen jedoch stehen bereits fest.<\/p>\n<p>Eine allgemeinverbindliche Anhebung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre, die erneute Senkung der Mindestrente auf dann 365 Euro und die Zusammenlegung aller Rentenkassen in eine zentrale Kasse, bei Angleichung der Renten auf niedrigstem Niveau, scheinen beschlossene Sache zu sein. Die Regierungspartei Syriza hatte wie schon im November auch diesmal zur Teilnahme am Streik aufgerufen. &#8222;Regierung und Partei sind verschiedene Dinge&#8220;, au\u00dferdem d\u00fcrfe man nicht vergessen, dass &#8222;die Verhandlungen mit den Gl\u00e4ubigern um die Details&#8220; fortgesetzt w\u00fcrden, so Syriza-Parlamentarier Chr\u00edstos M\u00e1ntas. &#8222;Sch\u00e4mt euch!&#8220; waren die Rufe der Streikenden, die diese Syriza-Taktik als Versuch der Vereinnahmung werteten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 3. 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