{"id":15073,"date":"2016-01-01T00:00:00","date_gmt":"2015-12-31T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2016\/01\/solidaritaetsbewegungen-in-athen\/"},"modified":"2022-07-26T14:22:12","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:12","slug":"solidaritaetsbewegungen-in-athen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/01\/solidaritaetsbewegungen-in-athen\/","title":{"rendered":"Solidarit\u00e4tsbewegungen in Athen"},"content":{"rendered":"<p>Dreh- und Angelpunkt vieler alternativer Projekte bez\u00fcglich Selbstorganisation und Solidarit\u00e4t ist das Stadtviertel Ex\u00e1rchia. Ex\u00e1rchia hat seit langem einen anarchistischen Ruf, und dieses Flair strahlt es auch aus: Graffiti schm\u00fccken ganze Stra\u00dfenz\u00fcge.<\/p>\n<p>Hier an der Polytechnischen Universit\u00e4t begann im November 1973 der studentische Protest gegen die Milit\u00e4rdiktatur. Die Polizei h\u00e4lt sich &#8211; auch insbesondere nach schweren Krawallen in 2008 [die GWR berichtete] &#8211; aus Ex\u00e1rchia weitgehend heraus. Tags\u00fcber geht es hier bei sommerlicher Hitze eher tr\u00e4ge zu. Abends und nachts ist die zentral gelegene Gr\u00fcnanlage, die dreieckige Plat\u00eda Exarch\u00edon, dagegen stark bev\u00f6lkert von Studierenden, Freaks, Alternativen und Junggebliebenen &#8211; die Szene. Wer es sich nicht leisten kann, sich in eines der zahlreichen Kafen\u00edons und Bars um diese Plat\u00eda zu setzen, der kauft sich sein Bier u.a. einfach am Kiosk oder bei einem der Getr\u00e4nkeh\u00e4ndler direkt am Platz und stellt oder setzt sich zu den anderen. Es wird getrunken und gequatscht, Drogen spielen bestimmt auch eine gewisse Rolle, aber hier ist l\u00e4ngst nicht mehr ein zentraler Drogenumschlagsplatz wie fr\u00fcher.<\/p>\n<h3>&#8222;Solidarit\u00e4t ist unsere Waffe&#8220;<\/h3>\n<p>So stand es auf einem Transparent, das im August neben dem Kafen\u00edon Ath\u00ednaio (gegen\u00fcber D\u00edktyo) in Ex\u00e1rchia hing. Und darum geht es: befreite Zonen zu schaffen (auch wenn sie nur tempor\u00e4r sind), wo Solidarit\u00e4t und Mitmenschlichkeit im Vordergrund stehen, wo schn\u00f6der Mammon oder kalter Kapitalismus einem nichts zu sagen haben; befreite autonome Zonen, in denen ein Leben &#8211; mehr als ein reines \u00dcberleben &#8211; m\u00f6glich ist, ungeachtet der finanziellen M\u00f6glichkeiten, die einer hat. Das sind die Zonen, die J\u00fcrgen Ploog, John Holloway und Naomi Klein in ihren B\u00fcchern beschrieben haben (wobei sich beide, Ploog und Holloway, auf das Buch &#8222;T.A.Z. &#8211; Die Tempor\u00e4re Autonome Zone&#8220; von Hakim Bey beziehen).<\/p>\n<p>\u00dcber die Wichtigkeit selbstorganisierter Aktivit\u00e4ten im Sinne von (alternativer) Gemeinschaft hat sich auch der Herausgeber von PHILIA, eine Zeitschrift f\u00fcr Europa, I\/2014, im Vorwort passend ge\u00e4u\u00dfert: &#8222;Dem lang anhaltenden Pauperisierungsprozess hat die zivilgesellschaftliche Mobilisierung [der griechischen Gesellschaft] eine Reihe von lokalen bzw. kleinr\u00e4umlichen Zusammenschl\u00fcssen entgegengesetzt, deren Wirken (\u0085) \u00fcber die unmittelbare Bed\u00fcrfnisbefriedigung hinausgeht. Sollte es sich dabei nicht blo\u00df um tempor\u00e4re Enklaven eines von der Krise aufgezwungenen \u00dcberlebenskampfes handeln, dann kann man den verschiedenen Selbsthilfe-Netzwerken (Landbaukommunen, Handwerkerkooperativen, selbstverwalteten lokalen Energienetzwerken, Hilfskassen, Tauschketten, Mietergenossenschaften, etc.) durchaus ein Potential zur Selbstorganisation mit Langzeitwirkungen attestieren.&#8220;<\/p>\n<h3>Solidarity4all<\/h3>\n<p>Solidarity4all ist eine Einrichtung, die aus Beitr\u00e4gen der Parlamentsabgeordneten der Partei Syriza finanziert wird. Untergebracht in einem ger\u00e4umigen B\u00fcro im 7. Stock eines Hauses in der Akadim\u00edas, also eine der Hauptverkehrsstra\u00dfen in der Athener Innenstadt. Vierzehn Personen arbeiten hier. Hauptaufgabe ist die Koordination und F\u00f6rderung der unterschiedlichsten Solidarit\u00e4tsgruppen Griechenlands. Daneben gibt es weitere eigene Aktivit\u00e4ten, z.B. Schulkinder zum Schulbeginn mit Heften und B\u00fcchern auszustatten, die Verbindungen von ErzeugerInnen (von Lebensmitteln) zu VerbraucherInnen besser und k\u00fcrzer zu gestalten, oder Hilfe und Vermittlung im medizinischen Bereich anzubieten. Man wird dort immer freundlich empfangen, bekommt ein Glas Wasser, und ich habe auf meine Frage, wo ich mich hier in Athen bei solchen Gruppierungen solidarisch einbringen und engagieren k\u00f6nnte, wertvolle Tipps bekommen.<\/p>\n<h3>Kliniken der Solidarit\u00e4t<\/h3>\n<p>Man spricht davon, dass es in Griechenland bereits 60 soziale Kliniken der Solidarit\u00e4t geben soll. Direkt im Zentrum von Athen gibt es nur eine, n\u00e4mlich die Koinonik\u00f3 Iatr\u00edo kai Pharmak\u00edo Athinas (K.I.F.A) ganz in der N\u00e4he vom Omonia-Platz. Sie ist erst im letzten Herbst von Ex\u00e1rchia hierher umgezogen. Dank Alexandra Pavlou habe ich einiges \u00fcber diese Klinik erfahren, und bei einem Besuch hat sie mir auch die R\u00e4umlichkeiten selbst gezeigt. Die K.I.F.A gibt es seit dreieinhalb Jahren, und Alexandra arbeitet seit der Gr\u00fcndung mit. Hier arbeiten 50 \u00c4rztinnen und \u00c4rzte und 50 andere Leute ehrenamtlich. Die kostenlose Behandlung erfolgt nach telefonischer Terminvereinbarung. In einem gro\u00dfen Behandlungszimmer stehen zwei Zahnarztst\u00fchle, gespendet von Zahn\u00e4rzten, die ihre Praxis aufgegeben haben. Au\u00dferdem sind zwei Ultraschallger\u00e4te vorhanden, aus Deutschland gespendet. Ein kleines Behandlungszimmer gibt es extra f\u00fcr die Psychiater. In einem Raum ist die Apotheke untergebracht, seit neuestem mit einer Klimaanlage ausgestattet, wegen der Haltbarkeit der Medikamente. An drei Tagen in der Woche werden Medikamente kostenlos ausgegeben, nur auf Rezept, keine &#8222;kritischen&#8220; Medikamente wie Morphium, und Psychopharmaka nur \u00e4u\u00dferst sorgf\u00e4ltig.<\/p>\n<h3>Solidarit\u00e4t von Pir\u00e4us<\/h3>\n<p>&#8222;Solidarit\u00e4t von Pir\u00e4us&#8220; ist eine aktive Gruppe von zirka 100 Aktiven, die sich um ihre Mitmenschen k\u00fcmmert, insbesondere Arme und in Not geratene Menschen aus der Nachbarschaft. Ihr Wahlspruch lautet auch: &#8222;Eine bessere Art, etwas zu sagen, ist, es zu tun!&#8220; Einer ihrer Schwerpunkte ist Nahrung. Unter anderem kochen 10 bis 20 Aktive von &#8222;Solidarit\u00e4t von Pir\u00e4us&#8220; dreimal die Woche. Gekocht wird mitten auf einem relativ zentral gelegenen kleinen Platz in Pir\u00e4us, ganz in der N\u00e4he der Zentrale der &#8222;Solidarit\u00e4t von Pir\u00e4us&#8220; in der Evripidou Str. 49. Dazu werden ein Camping-Gaskocher und ein riesiger Kochtopf verwendet.<\/p>\n<p>Am Dienstag-, Donnerstag- und Samstagmittag kann damit Bed\u00fcrftigen aus der Nachbarschaft eine warme Mahlzeit nebst Brot angeboten werden. Aufgrund der Gegebenheiten sind nur einfache Gerichte m\u00f6glich: Suppen, Bri\u00e1m (das Ratatouille Griechenlands), Spaghetti, Reisgerichte,\u0085 Um ein Uhr mittags erscheinen rund 120 Personen, um sich ihre Portion in mitgebrachten Plastikgef\u00e4\u00dfen abzuholen.<\/p>\n<p>Ich bin w\u00e4hrend meines Athen-Aufenthalts morgens oft nach Pir\u00e4us gefahren, um bei diesen Koch-Aktionen mitzuhelfen. Trotz zweier gro\u00dfer Sonnenschirme wird es beim sommerlichen Kochen sehr hei\u00df, so dass diese Aktivit\u00e4t anstrengend ist.<\/p>\n<p>Diese Solidarit\u00e4ts-Initiative soll die Menschen hier vor Ort nicht nur mit dem N\u00f6tigsten versorgen, sondern ihnen auch das Gef\u00fchl vermitteln, dass jemand f\u00fcr sie da ist, damit sie ihre W\u00fcrde behalten. Dies ist ein wesentlicher Aspekt, auch dass man menschlich miteinander umgeht; schon (zu) viele Griechen, die Selbstmord begangen haben. Ich habe den Umgang der Aktiven von &#8222;Solidarit\u00e4t von Pir\u00e4us&#8220; mit den Bed\u00fcrftigen, auch wenn sie obdachlos waren, immer als sehr freundlich und &#8222;auf Augenh\u00f6he&#8220; wahrgenommen. Viele der Aktiven leben selbst in prek\u00e4ren Verh\u00e4ltnissen: Da sie \u00fcber wenig Geld verf\u00fcgen, nehmen sie das Angebot einer warmen Mahlzeit auch f\u00fcr sich selber in Anspruch und ziehen nach der mitt\u00e4glichen Kochaktion mit ihrem gef\u00fcllten Plastikgef\u00e4\u00df nebst Brot nach Hause.<\/p>\n<p>Einmal habe ich auch an einer Aktion teilgenommen, die zweimal pro Monat durchgef\u00fchrt wird. Und zwar sich vor einem Supermarkt-Eingang zu mehreren platzieren, mit Schildern, Handzetteln und Einkaufswagen &#8222;bewaffnet&#8220;, und die Kundschaft dann aufzufordern, auch Lebensmittel im Supermarkt zu kaufen, um sie uns dann zu spenden. Auf eine solche Lebensmittelspende antwortet man mit einem freundlichen Efcharisto\u00fame, also &#8222;wir danken&#8220;. Eine Kundin, die sich als Journalistin entpuppte, kam mit uns ins Gespr\u00e4ch, fand es erstaunlich, dass jemand aus Deutschland an solch einer Aktion teilnimmt, machte Fotos von uns, was dann letztendlich zu einem kurzen Artikel gef\u00fchrt hat. Bei einer solchen Aktion, die vier bis f\u00fcnf Stunden dauert, k\u00f6nnen schon einmal drei Einkaufswagen gut gef\u00fcllt werden.<\/p>\n<p>Neben dem Essen Kochen (und Sammeln) gibt es andere Aktivit\u00e4ten dieser Gruppe: Es werden 80 Familien mit Lebensmitteln versorgt, auch eine Sonderschule wird entsprechend unterst\u00fctzt; zweimal pro Monat nach Schlie\u00dfung des Wochenmarkts von Pir\u00e4us wird dort kostenlos Obst und Gem\u00fcse abgeholt, das dann gleich weiterverteilt oder zum Kochen verwendet wird; zwecks Kleiderabgabe wird ein Lager f\u00fcr Kleidung in Pir\u00e4us betrieben; Zusammenarbeit mit einer sozialen Klinik und einer Blutbank f\u00fcr Bluttransfusionen; Kinder bei der Schule betreuen; soziale Bewegungen unterst\u00fctzen; Arbeitslosen helfen (Lebenslauf schreiben, Pl\u00e4ne f\u00fcr alternative Jobs, Fortbildungsma\u00dfnahmen).<\/p>\n<p>Ich habe bei den Filmabenden der &#8222;Solidarit\u00e4t von Pir\u00e4us&#8220; auch Vassilis, den &#8222;Lawyer&#8220;, also den Rechtsbeistand der Gruppe, kennengelernt. Er hilft ehrenamtlich bei Rechtsstreitigkeiten und gerichtlichen Problemen, z.B. bei angedrohten Zwangsr\u00e4umungen.<\/p>\n<p>An einem Freitagabend, nach Einbruch der Dunkelheit, wurde in dem kleinen idyllischen Park Plat\u00eda Terpsich\u00e9as, und das mitten in Pir\u00e4us, in einer Gemeinschaftsveranstaltung von &#8222;Solidarit\u00e4t von Pir\u00e4us&#8220; und den Freunden des Gartens Terpsich\u00e9as der Film &#8222;Casablanca&#8220; (mit Humphrey Bogart und Ingrid Bergman) gezeigt, englisch im Original mit griechischen Untertiteln. Auff\u00e4llig die Parallele der Fl\u00fcchtlingsstr\u00f6me: Im Film fl\u00fcchten die Menschen aufgrund des Einmarsches der Nazis in Paris 1940; es wird sogar die Route der Refugees gezeigt: Von Paris durch Frankreich nach Marseille, dann per Schiff nach Afrika, weiter auf dem Landweg nach Casablanca, um dort mit viel Gl\u00fcck ein Flugzeug nach Amerika zu erwischen. W\u00e4hrend also damals, w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs, die Menschen aus Europa fl\u00fcchteten, zieht es heute viele der Gefl\u00fcchteten gerade dorthin!<\/p>\n<h3>D\u00edktyo<\/h3>\n<p>In der Tsamado\u00fa Stra\u00dfe Nr. 13, einer kleinen Fu\u00dfg\u00e4ngerzone, befinden sich die R\u00e4umlichkeiten von D\u00edktyo (griech. Netz oder Netzwerk). D\u00edktyo steht hier f\u00fcr zweierlei: das Netzwerk f\u00fcr Politische und Soziale Rechte und das Netzwerk f\u00fcr die Rechte der Fl\u00fcchtlinge und MigrantInnen. Dazu geh\u00f6rt auch noch das Steki Metanaston, was soviel wie &#8222;Einwanderer-Stammkneipe&#8220; hei\u00dft, ein selbstverwaltetes Caf\u00e9. W\u00e4hrend meines Aufenthalts in Athen wurde mir von den unterschiedlichsten Leuten immer wieder die Geschichte von den Fl\u00fcchtlingen im Park erz\u00e4hlt. Im nahe gelegenen Ar\u00e9os-Park (zu deutsch Marsfeld) lebten bis vor kurzem 600 afghanische Fl\u00fcchtlinge, die aber mittlerweile von der Stadt Athen in Containern am Rande der Stadt untergebracht worden sind. D\u00edktyo und die Leute drum herum (Achilles, einer der Hauptaktiven von D\u00edktyo sprach zu mir von einem Umkreis, also nicht nur D\u00edktyo, sondern andere Aktive, aber sie seien alle eine gro\u00dfe &#8222;Community&#8220;) hatten es sich zur Aufgabe gemacht, dreimal am Tag f\u00fcr die Refugees zu kochen, und zwar in einer provisorischen Gemeinschaftsk\u00fcche gegen\u00fcber von D\u00edktyo. Auch ein Sprachunterricht wurde f\u00fcr sie organisiert. Zu meiner Zeit waren immer noch Gefl\u00fcchtete im Ar\u00e9os-Park, auch waren hier noch ganz vereinzelt kleine Zelte zu sehen, man konnte f\u00f6rmlich merken, dass hier bis vor kurzem zahlreiche Menschen &#8222;gehaust&#8220; hatten. Mittlerweile sammelten sich zahlreiche Gefl\u00fcchtete auf der Plat\u00eda Viktorias, einer kleinen Gr\u00fcnanlage an der gleichnamigen Metrostation.<\/p>\n<p>Bei diesen Aktivit\u00e4ten h\u00e4tte ich gerne mitgeholfen. Aber Ende August waren die meisten Leute noch in den Sommerferien, D\u00edktyo machte ein Sommercamp auf einer n\u00f6rdlich von Athen gelegenen Halbinsel. Anfang September waren die meisten Leute wieder in der Stadt, aber die Aktivit\u00e4ten waren heruntergefahren, und so musste sich das Netzwerk (wie auch andere Gruppierungen) erst wieder reorganisieren. Ich war bei zwei der \u00f6ffentlichen Versammlungen im Steki Metanaston dabei, hatte das Gl\u00fcck, dass mir jemand das Griechische ins Englische \u00fcbersetzt hat. Hier wurden u.a. Planungen durchgef\u00fchrt f\u00fcr neue Gruppen f\u00fcr die Fl\u00fcchtlingshilfe. Es ging ums gemeinsame Kochen, Sprachunterricht und Organisatorisches bzw. darum, den Barbetrieb des selbstverwalteten Caf\u00e9s zu organisieren. Bevor es zu konkreten Aktivit\u00e4ten kam, war ich bereits abgereist.<\/p>\n<h3>Containerlager<\/h3>\n<p>Durch die Vermittlung von Solidarity4all bin ich dann auch mit dem Containerlager f\u00fcr Gefl\u00fcchtete der Stadt in Ber\u00fchrung gekommen. Es ging um Kinderbetreuung, also &#8222;playing with refugee children&#8220;. Ich bin dann eines Nachmittags zu Fu\u00df an den Stadtrand gelaufen. Durch \u00fcbelstes heruntergekommenes Gewerbegebiet. Und dort, zwischen all den gammeligen Firmen und Unrat, waren sie dann untergebracht, in der Ag\u00eda Polikarpou Nr. 89. Auf einem gr\u00f6\u00dferen eingez\u00e4unten Gel\u00e4nde standen viele Container. Es gab eine Eingangskontrolle. Ich habe dann gleich Anthi gefunden, eine junge Griechin, meine Kontaktperson. Sie erz\u00e4hlte mir, dass die urspr\u00fcnglich hier vor allem untergebrachten Afghanen bereits weitergezogen seien, hoffentlich bereits in Deutschland. Die Gefl\u00fcchteten hier bekommen Verpflegung von der Armee. Die zus\u00e4tzliche Hilfe, die hier im Moment gebraucht w\u00fcrde, ist die Kinderbetreuung. Daf\u00fcr wollten sie nur Frauen einsetzen, mit M\u00e4nnern h\u00e4tten sie keine guten Erfahrungen gemacht. Ich bin dann also weitergezogen. Auff\u00e4llig war die Polizei, die sich aber auf den Eingangsbereich beschr\u00e4nkte. Anthi sagte mir, es sei der Polizei nicht erlaubt, weiter einzudringen, sie diene auch mehr als Schutz f\u00fcr die Fl\u00fcchtlinge.<\/p>\n<h3>Nosotros<\/h3>\n<p>Im Zentrum von Ex\u00e1rchia, in der Themistokleous 66, liegt das Nosotros, ein alternatives Zentrum, ein nicht-kommerzieller, rein demokratischer Ort, unabh\u00e4ngig von jeder politischen Ideologie, von Hierarchien oder Verordnungen; &#8222;frei &amp; sozial&#8220; steht bereits auf dem Eingangsschild. In den Sommermonaten hat hier nur die Dachterrasse auf. Hier oben, \u00fcber den D\u00e4chern von Ex\u00e1rchia und mit Blick auf die Plat\u00eda Exarch\u00edon, kann man bei gem\u00e4\u00dfigter Musik chillen. Im Winterhalbjahr gibt es regelm\u00e4\u00dfig politische oder Musikveranstaltungen, Theaterworkshops und andere Aktivit\u00e4ten. Es werden diverse Sprachkurse angeboten. Es gibt die &#8222;Kouz\u00edna Nosotros&#8220;, die jeden Tag mittags ge\u00f6ffnet hat. Hier kann man preiswert essen (man gibt soviel, wie man mag oder kann), und hier haben auch schon exquisite K\u00f6che gekocht.<\/p>\n<h3>Embros<\/h3>\n<p>Im Stadtteil Psirr\u00ed, ganz in der N\u00e4he des touristischen Trubels, aber doch ein wenig abseits, in der Riga Palam\u00eddou 2, etwas versteckt hinter der \u00c1gii-An\u00e1rgiri-Kirche, liegt das von K\u00fcnstlerInnen besetzte Theater Embros (= Vorw\u00e4rts!).<\/p>\n<p>In den Sommermonaten gibt es kein Programm, und auch das Caf\u00e9 hat nicht ge\u00f6ffnet. Es treffen sich nur interne Gruppen oder es gibt nicht\u00f6ffentliche Tanzproben. Aber ansonsten gibt es hier Theater, Performances, Tanz etc. Dabei ist das Embros selbstverwaltet und arbeitet ohne Hierarchien. Jeden Sonntag ab 19 Uhr gibt es eine \u00f6ffentliche Versammlung.<\/p>\n<h3>Die Stimmung in Griechenland<\/h3>\n<p>Ich habe in Athen \u00fcberwiegend Leute aus dem linken Milieu kennengelernt. W\u00e4hrend meines Aufenthalts (also vor der griechischen Wahl vom 20. September 2015) war das linke Lager gespalten, ein gro\u00dfer Teil der Parteimitglieder von Syriza ist ausgetreten, wovon einige dann direkt der von Syriza (links) abgespaltenen Partei Laik\u00ed En\u00f3tita (&#8222;Volkseinheit&#8220;) beigetreten sind. Der andere Teil hat nach wie vor fest zu Tsipras gehalten, h\u00e4lt ihn f\u00fcr einen ehrlichen Menschen, der bez\u00fcglich des dritten Memorandums sein Bestes versucht h\u00e4tte. Eine kleine Umfrage von mir bei Mitgliedern von der &#8222;Solidarit\u00e4t von Pir\u00e4us&#8220; ergab, dass die meisten f\u00fcr Syriza waren, was auch damit zusammenh\u00e4ngt, dass diese Partei den vielf\u00e4ltigen Solidarit\u00e4tsgruppen und anderen selbstorganisierten Aktivit\u00e4ten positiv gegen\u00fcbersteht und sie unterst\u00fctzt (z.B. \u00fcber Solidarity4all). Alle anderen (etablierten) Parteien werden als mafi\u00f6s abgelehnt. Die generelle Stimmung der Griechen w\u00fcrde ich nicht als hoffnungslos bezeichnen, aber schon von einer gro\u00dfen Ratlosigkeit gepr\u00e4gt, da keine\/r so recht wei\u00df, wie es &#8211; im privaten wie im staatlich\/gesellschaftlichen Umfeld &#8211; weitergehen soll. Ein Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung muss mit verdammt wenig Geld versuchen, \u00fcber die Runden zu kommen. Neofaschistische oder rassistische Aktivit\u00e4ten, \u00c4u\u00dferungen etc. habe ich in Athen nicht erlebt. Demgegen\u00fcber waren in einigen Teilen von Athen die Gefl\u00fcchteten sehr pr\u00e4sent, z.B. an der Plat\u00eda Viktorias.<\/p>\n<h3>Stromsperren<\/h3>\n<p>Die Verarmung immer breiterer Bev\u00f6lkerungsgruppen hat dazu gef\u00fchrt, dass diese Leute ihre Stromrechnung nicht mehr bezahlen k\u00f6nnen. Im Gegenzug wurde ihnen von der Elektrizit\u00e4tsgesellschaft der Strom abgestellt. Eine landesweite solidarische Aktivit\u00e4t in diesem Zusammenhang besteht darin, diese Stromsperren zu \u00fcberbr\u00fccken bzw. aufzuheben, eine illegale Aktion. Ich habe mit einer Frau gesprochen, die an solchen Aktionen beteiligt war, diese Form der &#8222;Selbstverteidigung&#8220; aber auch bei sich zu Hause praktiziert hat. Dann kam eines Tages ein Mann von der Elektrizit\u00e4tsgesellschaft vorbei und wollte ihre Stromsperre offiziell wieder freischalten. Dass sie das schon selbst gemacht hatte, war dann auch okay. Hintergrund war gewesen, dass von Staatsseite Stromsperren und \u00c4hnliches nicht mehr rigoros eingesetzt werden, nachdem es zu einem tragischen Unfall gekommen war. Aus der Not heraus hatte eine Frau in ihrer Wohnung einen improvisierten Holzofen betrieben, allerdings ohne ein gescheites Abzugsrohr vorzusehen. Dabei hat sie sich mit Kohlenmonoxid gesch\u00e4digt, ihre 13-j\u00e4hrige Tochter ist dabei gestorben. Aus diesem Grund sind diese illegalen Aktionen des Stromsperrenaufhebens nicht mehr sonderlich verbreitet. Dies f\u00fchrt aber im Gegenzug dazu, dass sich bei vielen Leuten Schulden gegen\u00fcber der Elektrizit\u00e4tsgesellschaft anh\u00e4ufen, verst\u00e4rkt durch stark gestiegene Stromkosten plus der automatischen Einziehung der Fernsehgeb\u00fchren \u00fcber die Stromrechnung. Diese neuen Schuldenberge bilden die Saat f\u00fcr die zuk\u00fcnftige Armut dieser Privatleute.<\/p>\n<h3>Sprachkenntnisse<\/h3>\n<p>Ich musste schmerzlich feststellen, dass mangelnde Sprachkenntnisse die Teilnahme an vielen Aktivit\u00e4ten verhindert haben. In Touristenhochburgen kommt man als Tourist meist mit Englisch, manchmal sogar mit Deutsch zurecht. Aber in einer Gro\u00dfstadt wie Athen gibt es viele Leute, die nur Griechisch k\u00f6nnen oder Englisch nur so gebrochen sprechen und verstehen, dass eine inhaltliche Unterhaltung nicht wirklich m\u00f6glich ist. Je tiefer ich versuchte, mich in Griechenland vor Ort zu engagieren, umso eher fiel mir die massive Sprachbarriere auf, wenn man kaum Griechisch kann. Ich habe dabei erkannt, dass ich mit meinen Bem\u00fchungen (auch und gerade bei zuk\u00fcnftigen Reisen) ohne gutes Griechisch nicht viel weiter kommen werde.<\/p>\n<h3>Meine Erfahrungen, mich aktiv bei Solidarit\u00e4tsgruppen einzubringen<\/h3>\n<p>Wer mithilft, bekommt einen besseren Zugang, insbesondere tiefere Einblicke in die (\u00f6rtlichen) Zusammenh\u00e4nge und Strukturen. Es erm\u00f6glicht einem auch, (leichter) Fotos zu machen, da man einfach dazu geh\u00f6rt. Als au\u00dfen stehender Fotograf ist das oft schwierig.<\/p>\n<h3>Aktivit\u00e4ten \u00fcber die Reise hinaus<\/h3>\n<p>Ich konnte w\u00e4hrend meines Aufenthalts in Athen\/Pir\u00e4us ausreichend Anregungen f\u00fcr von Deutschland aus praktizierte Solidarit\u00e4t gegen\u00fcber Griechenland sammeln:<\/p>\n<p>Von Aktiven, aber auch von Solidarity4all wurde mir gegen\u00fcber der Wunsch bzw. Bedarf ge\u00e4u\u00dfert, dass &#8222;Solidarit\u00e4t von Pir\u00e4us&#8220; eine mobile K\u00fcche, eine sogenannte Gulaschkanone oder Feldk\u00fcche braucht. Damit m\u00f6chte man die warme Mahlzeit, die ja im Moment nur ortsgebunden verf\u00fcgbar ist, r\u00e4umlich flexibler anbieten k\u00f6nnen, um somit auch Arme und Bed\u00fcrftige in anderen, auch abgelegenen Teilen von Pir\u00e4us erreichen zu k\u00f6nnen. Die Idee ist, mittels einer Spendenaktion Geld einzusammeln, um davon eine gebrauchte Feldk\u00fcche hier in Deutschland kaufen zu k\u00f6nnen, und dann nach Pir\u00e4us zu transportieren.<\/p>\n<p>Eine Medikamentensammlung hier in Frankfurt am Main zu organisieren, und zwar f\u00fcr die K.I.F.A. (Athener Gesundheitszentrum und Apotheke), die mir hierf\u00fcr eine Liste mit achtzehn verschiedenen Medikamenten\/Wirkstoffen zusammengestellt hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dreh- und Angelpunkt vieler alternativer Projekte bez\u00fcglich Selbstorganisation und Solidarit\u00e4t ist das Stadtviertel Ex\u00e1rchia. Ex\u00e1rchia hat seit langem einen anarchistischen Ruf, und dieses Flair strahlt es auch aus: Graffiti schm\u00fccken ganze Stra\u00dfenz\u00fcge. Hier an der Polytechnischen Universit\u00e4t begann im November 1973 der studentische Protest gegen die Milit\u00e4rdiktatur. 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