{"id":15100,"date":"2016-02-01T00:00:00","date_gmt":"2016-01-31T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2016\/02\/wir-haben-es-euch-ja-gesagt\/"},"modified":"2022-07-26T13:56:33","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:33","slug":"wir-haben-es-euch-ja-gesagt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/02\/wir-haben-es-euch-ja-gesagt\/","title":{"rendered":"&#8222;Wir haben es euch ja gesagt&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Diejenigen Personen, die noch vor wenigen Tagen Genderforschung als Geldverschwendung und die #aufschrei-Bewegung als feminine Hysterie abgetan haben, sehen sich nun in vorderster Front, um die Rechte von Frauen zu verteidigen.<\/p>\n<p>Freilich nicht aller Frauen. Um die Gesundheit und die Sicherheit von Frauen in Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnften k\u00fcmmern sich diese neuen Held*innen der Frauenbewegung herzlich wenig (lest zu dem Thema den tollen Artikel von Maria Braig in dieser Ausgabe der GWR).<\/p>\n<p>Es geht um &#8218;ihre&#8216; wei\u00dfen Frauen, die sie gegen die \u00dcbergriffe vermeintlich triebgesteuerter &#8218;S\u00fcdl\u00e4nder&#8216; verteidigen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich wird dabei gro\u00dfz\u00fcgig \u00fcbersehen, dass sexualisierte Gewalt in Deutschland immer und \u00fcberall Thema ist.<\/p>\n<p>In allen Bev\u00f6lkerungsgruppen und Bev\u00f6lkerungsschichten kommt es zu \u00dcbergriffen, nicht nur auf Frauen und M\u00e4dchen, sondern alle Geschlechter sind betroffen.<\/p>\n<p>Dieser Umstand wird jedoch aus der Berichterstattung gr\u00f6\u00dftenteils ausgeklammert, so dass Rassist*innen viel Platz f\u00fcr ihr selbstgef\u00e4lliges &#8222;Wir haben es euch ja gesagt&#8220;-Gehabe finden und sich in Pseudofeminismus \u00fcben k\u00f6nnen, der aber freilich nichts anderes macht, als patriarchale Ordnungen zu reinstallieren und auf die Gruppe der Frauen und der Gefl\u00fcchteten anzuwenden.<\/p>\n<h3>Rape Culture und Victim Blaming<\/h3>\n<p>Feminist*innen weisen seit Jahren immer wieder darauf hin, dass sexualisierte k\u00f6rperliche und sprachliche Gewalt in unserer Gesellschaft omnipr\u00e4sent ist, ((1)) aber in den seltensten F\u00e4llen geahndet wird. Berichte \u00fcber sexuelle \u00dcbergriffe beim Oktoberfest und Karneval z.B. sind enorm selten, aber erschreckend. ((2))<\/p>\n<p>In ihrem Buch &#8222;Unsagbare Dinge&#8220; schreibt Laurie Penny v\u00f6llig zutreffend: &#8222;Vergewaltigung und sexuelle Gewalt sind Alltag. Ritualisierte Frauenfeindlichkeit ist so normal, dass die Beziehung zwischen M\u00e4nnern und Frauen radikal neu definiert werden muss [\u2026].&#8220; ((3))<\/p>\n<p>Wer Beispiele sucht, dem sei der Twitter-Hashtag #aufschrei nahe gelegt, unter dem seit einigen Jahren User ihre Erfahrungen mit allt\u00e4glicher Frauenfeindlichkeit teilen.<\/p>\n<p>Die Rape Culture ist also ganz bestimmt kein Import irgendwelcher &#8217;nordafrikanisch aussehender&#8216; M\u00e4nner. Stattdessen ist hier ein rassistisches Narrativ am Werk, das dem &#8217;schwarzen Mann&#8216; eine ungehemmte Libido zuspricht &#8211; freilich im Gegensatz zum selbstbeherrschten wei\u00dfen Mann &#8211; und eine Tendenz, diese an &#8218;wei\u00dfen&#8216; Frauen auszulassen &#8211; freilich ebenfalls ganz im Gegensatz zum &#8218;wei\u00dfen Mann&#8216;. Dabei haben gerade in j\u00fcngster Vergangenheit immer wieder Hassposts und Shitstorms Aufsehen erregt, in denen just diese &#8218;wei\u00dfen&#8216; M\u00e4nner Frauen mit Vergewaltigung gedroht haben und ihre Gewaltphantasien in deren Timelines hinterlassen haben.<\/p>\n<p>Ein krasses Beispiel ist der Shitstorm gegen Frauen in der Computerspielbranche, der unter dem Hashtag #gamergate aufgearbeitet wurde. Aber auch in Bezug auf die aktuelle Fl\u00fcchtlingspolitik kam es vermehrt zu sexualisierten Hasspostings, die sich gegen Politikerinnen richteten. ((4))<\/p>\n<p>Genau dieser Hassdiskurs gegen die Einwanderung von gefl\u00fcchteten Menschen kippt nun um zu einer Instrumentalisierung der Debatte um die Sicherheit von Frauen durch Rassist*innen und Faschist*innen.<\/p>\n<p>Mindestens ebenso gef\u00e4hrlich ist ein weiterer Diskursstrang, der mit dem Begriff &#8222;Victim Blaming&#8220; bezeichnet wird und sich in dem absurden Titel eines Buches von Birgit Kelle zusammenfassen l\u00e4sst: &#8222;Dann mach doch die Bluse zu.&#8220;<\/p>\n<p>Die Frauen d\u00fcrfen sich halt nicht so aufreizend anziehen, dann seien sie ja selbst schuld und es w\u00e4re schon ratsam, stets eine Arml\u00e4nge Abstand von fremden M\u00e4nnern zu halten &#8211; so und schlimmer sahen die Verhaltensma\u00dfregeln f\u00fcr die Opfer aus, die nach den Angriffen von K\u00f6ln ge\u00e4u\u00dfert wurden. ((5))<\/p>\n<p>Nicht die T\u00e4ter haben etwas falsch gemacht, so suggerieren diese \u00c4u\u00dferungen, sondern die Opfer haben sich falsch verhalten, sich falsch angezogen, sich falsch bewegt, falsch geredet usw.<\/p>\n<p>Auf dem K\u00f6lner Hauptbahnhof treffen also rassistische und frauenfeindliche Diskurse aufeinander: die Instrumentalisierung des &#8218;wei\u00dfen&#8216; weiblichen K\u00f6rpers f\u00fcr rassistische Hetze, die die berechtigte Skandalisierung von Gewalt gegen Frauen dazu nutzt \u00fcberkommene rassistische Narrative neu aufzulegen und gleichzeitig die sexualisierte Gewalt &#8218;wei\u00dfer&#8216; M\u00e4nner zu verdr\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Gleichzeitig werden die Opfer gema\u00dfregelt und als Verantwortliche ausgemacht, was vielleicht zun\u00e4chst paradox erscheint, aber einer spezifischen sexistischen und rassistischen Logik folgt: &#8218;Wei\u00dfe&#8216; Frauen werden Opfer &#8217;schwarzer&#8216; m\u00e4nnlicher Gewalt, das ist schlimm und muss aufh\u00f6ren, aber im Augenblick sind die Frauen die vernunftbegabtere Spezies unter den beteiligten Akteuren, daher werden diese zun\u00e4chst angesprochen, sich auf eine bestimmte Art zu verhalten, die die &#8217;schwarze&#8216; Libido nicht unn\u00f6tig reizt, solange die &#8217;schwarzen&#8216; M\u00e4nner noch nicht ausreichend in unsere Gesellschaft integriert sind.<\/p>\n<p>In dieser Formulierung wird eins deutlich: Hier ist ein patriarchaler Diskurs am Werk, der sowohl Frauen als auch gefl\u00fcchtete M\u00e4nner in eine untergeordnete Position unter die m\u00e4nnliche, &#8218;wei\u00dfe&#8216; Subjektposition einordnet, dabei aber eine Hierarchie zwischen den &#8218;wei\u00dfen&#8216;, &#8218;vernunftbegabten&#8216; Frauen und den &#8217;schwarzen&#8216;, &#8218;triebgesteuerten&#8216; M\u00e4nnern zieht. &#8218;Wei\u00dfe&#8216; Frauen sind aber nur deshalb h\u00f6her in dieser Hierarchie verortet, weil sie in diesem patriarchalen Diskurs sozialisiert wurden und damit ausreichend konditioniert und zugerichtet sind. Ihre Vernunftbegabtheit besteht also in dem Inkorporieren patriarchaler Ideologien.<\/p>\n<p>Am K\u00f6lner Hauptbahnhof waren in der Silvesternacht widerliche Gewaltt\u00e4ter am Werk, die Frauen sexuell missbraucht haben. Diese Straftaten sind mit aller Vehemenz zu verurteilen und d\u00fcrfen nicht toleriert werden.<\/p>\n<p>In der Folge jedoch, insbesondere in der medialen Berichterstattung, war es der &#8218;Male Gaze&#8216;, der westlich-m\u00e4nnliche Blick, der die Geschehnisse in seinem Sinne diskursiviert und in seine ideologische Ordnung integriert hat. Und auch das ist Gewalt.<\/p>\n<p>Es ist an der Zeit andere Stimmen zu h\u00f6ren: die der Opfer mindestens, aber auch die von m\u00e4nnlichen und weiblichen Gefl\u00fcchteten.<\/p>\n<p>Wie sieht deren Bild von Geschlechterverh\u00e4ltnissen eigentlich aus?<\/p>\n<p>Mir ist keine Studie bekannt, die dieser Frage einmal systematisch nachgeht und dem &#8218;Bauchgef\u00fchl&#8216;, das anscheinend viele Diskursteilnehmende in Deutschland haben, einmal etwas Handfestes entgegensetzt.<\/p>\n<h3>Kollektivschuld<\/h3>\n<p>&#8222;Wir leben in einem Rechtsstaat, in dem Schuld individuell und nicht kollektiv geahndet wird. Wenn es zul\u00e4ssig w\u00e4re, angesichts der \u00dcbergriffe von K\u00f6ln die Zuwanderungspolitik infrage zu stellen, dann m\u00fcsste es angesichts von \u00fcber 800 Anschl\u00e4gen auf Fl\u00fcchtlingsheime [im Jahr 2015] auch zul\u00e4ssig sein, Pegida, AfD und NPD zu verbieten und die Anh\u00e4nger zu inhaftieren.&#8220;<\/p>\n<p>Dieser Leserkommentar von Linus Blacha auf der Facebook-Seite von Zeit Online pointiert eine weitere Qualit\u00e4t, die die Debatte \u00fcber Zuwanderung seit Silvester angenommen hat: Die T\u00e4ter werden nicht als Individuen wahrgenommen, sondern die gesamte Bev\u00f6lkerungsgruppe der Gefl\u00fcchteten wird in Sippenhaft genommen, obwohl l\u00e4ngst nicht gekl\u00e4rt ist, wer \u00fcberhaupt die T\u00e4ter sind.<\/p>\n<p>Das &#8218;arabische Aussehen&#8216; der T\u00e4ter hatte gen\u00fcgt, um die Angriffe in der Silvesternacht mit dem Migrationsdiskurs zu verkn\u00fcpfen und aus straff\u00e4llig gewordenen Einzelpersonen Stellvertreter ihrer vermeintlichen Community zu machen.<\/p>\n<p>Menschen in Schubladen einzuordnen, diesen dann stereotype Eigenschaften zuzuordnen, die dann wiederum auf die einzelnen Individuen bezogen werden, ist eine Denkstruktur der westlichen Gesellschaften, die Antirassist*innen, Anarchist*innen und Feminist*innen immer wieder kritisiert haben. Hier aber spitzt sich der Diskurs zu einem Narrativ zu, der vor verschiedensten Pogromen in der Vergangenheit am Werk war: der Mythos vom Juden, der den Brunnen vergiftet; der Kommunist, der den Reichstag in Brand setzt; der &#8218;Neger&#8216;, der &#8218;wei\u00dfe&#8216; Frauen vergewaltigt &#8211; immer wird in diesen Szenarien die vermeintliche Tat eines einzelnen genutzt, um die ganze Gruppe zu verfolgen und zu vernichten.<\/p>\n<p>Was hier vorliegt, ist nicht einfach ein verfehlter juristischer Diskurs. Vielmehr wird hier der gedankliche N\u00e4hrboden f\u00fcr eine Pogromstimmung gegen &#8218;Ausl\u00e4nder&#8216; bereitet, die weitere Gewaltexzesse nach sich ziehen kann, wie die brennenden Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnfte in ganz Deutschland ja bereits jetzt deutlich machen.<\/p>\n<h3>Was man sagen &#8218;darf&#8216;<\/h3>\n<p>Gegen dieses Schubladendenken, das zu einer Pogromstimmung auswachsen kann, hilft zun\u00e4chst einmal ein reflektierter Umgang mit der Art und Weise, wie wir \u00fcber die Geschehnisse vom Silvesterabend sprechen, aber auch \u00fcber Menschen und ihre vermeintlichen &#8218;Zugeh\u00f6rigkeiten&#8216; im Allgemeinen. Ganz konkret muss gefordert werden, dass in Polizei- und Medienberichten auf Aussagen wie &#8222;die T\u00e4ter hatten ein s\u00fcdl\u00e4ndisches Aussehen&#8220; verzichtet wird.<\/p>\n<p>Viele fordern jetzt, dass die &#8218;arabische&#8216; oder &#8217;nordafrikanische&#8216; Herkunft der T\u00e4ter etwas sei, das man doch sagen &#8218;d\u00fcrfen&#8216; m\u00fcsse, was man nicht verschleiern d\u00fcrfe, da es der Wahrheitsfindung diene. ((6))<\/p>\n<p>Im Gegenteil. Der Zusatz &#8218;arabisch aussehend&#8216; etc. ist nicht nur nichtssagend, er f\u00fchrt auch dazu, dass von vornherein stereotype Vorstellungen ins Spiel gebracht werden &#8211; denn was ist schon ein arabisches Aussehen?<\/p>\n<p>Zudem aber setzt er besagten Pogrommechanismus in Gang, indem gleich eine ganze Gruppe mit bezeichnet bzw. stigmatisiert wird. Es geht dabei nicht darum, eine bestimmte Sprache zu &#8218;verbieten&#8216; oder bestimmte &#8218;Wahrheiten&#8216; zu unterdr\u00fccken.<\/p>\n<p>Denn die &#8218;Zugeh\u00f6rigkeit&#8216; einzelner Individuen zu einer Nation oder Kultur, die sich dann auch noch am Aussehen erkennen lassen soll, ist keine Wahrheit, sondern eine Ideologie.<\/p>\n<p>Es geht also nicht um Sprechverbote, sondern um die Forderung nach einer ideologiefreien, bewertungsfreien und damit gewaltfreien libert\u00e4ren Sprache, die unser Denken pr\u00e4gt und damit Vorurteile, Hierarchien und Kollektivkonstrukte abbaut. Am K\u00f6lner Bahnhof sieht man die Notwendigkeit einer libert\u00e4ren Sprache nur allzu deutlich und erkennt, dass es um mehr geht als um &#8218;political correctness&#8216;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diejenigen Personen, die noch vor wenigen Tagen Genderforschung als Geldverschwendung und die #aufschrei-Bewegung als feminine Hysterie abgetan haben, sehen sich nun in vorderster Front, um die Rechte von Frauen zu verteidigen. Freilich nicht aller Frauen. 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