{"id":15102,"date":"2016-02-01T00:00:00","date_gmt":"2016-01-31T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2016\/02\/schutzkonzept-fuer-gefluechtete-frauen\/"},"modified":"2022-07-26T13:56:34","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:34","slug":"schutzkonzept-fuer-gefluechtete-frauen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/02\/schutzkonzept-fuer-gefluechtete-frauen\/","title":{"rendered":"Schutzkonzept f\u00fcr gefl\u00fcchtete Frauen"},"content":{"rendered":"<p>Kriege werden angeblich gef\u00fchrt, um Frauen in Afghanistan und anderswo vor M\u00e4nnergewalt und Unterdr\u00fcckung zu retten. Und von den Menschen, die vor diesen Kriegen fliehen und bei uns Schutz suchen, wird das Bekenntnis zur Gleichberechtigung der Frauen verlangt.<\/p>\n<p>Wir leben in einem Land, in dem M\u00e4nner und Frauen gleiche Rechte und Pflichten haben und wo sich alle mit dem geb\u00fchrenden Respekt begegnen &#8211; hei\u00dft es. Diese christlichen und westlichen Werte wollen wir exportieren und wer zu uns kommt, muss von uns lernen und sich zu diesen Werten bekennen.<\/p>\n<p>Neben den Lohnzetteln sprechen allerdings auch die Zahlen der deutschen Frauenberatungsstellen und Frauenh\u00e4user eine ganz andere Sprache.<\/p>\n<p>Fl\u00fcchtlingen \/ Gefl\u00fcchteten wird nicht erst nach den K\u00f6lner Silvestervorkommnissen unterstellt, dass sie, weil sie aus anderen Kulturen kommen, keinen Respekt gegen\u00fcber Frauen h\u00e4tten. In diesem Zusammenhang steht Fl\u00fcchtling ganz eindeutig f\u00fcr Mann.<\/p>\n<p>Fl\u00fcchtlinge werden als Bedrohungspotenzial genutzt, vor dem deutsche Frauen gesch\u00fctzt werden m\u00fcssen. Jeder frauenfeindliche Vorfall, in den augenscheinlich oder auch nur vorgeblich ein gefl\u00fcchteter Mann verwickelt ist, wird von denen, die Deutschland f\u00fcr sich haben wollen, benutzt, um den Fl\u00fcchtling als solchen zu diskreditieren und Ressentiments in der Bev\u00f6lkerung zu sch\u00fcren, auch unter jenen, die aus Mitleid bisher aufgeschlossen waren. &#8222;Jetzt reicht es aber! Statt dankbar zu sein, bedrohen sie unsere Frauen.&#8220; Gefordert wird dann eine Begrenzung der Fl\u00fcchtlingszahlen &#8211; die gefl\u00fcchteten Frauen inbegriffen.<\/p>\n<p>In dieser Situation ist es nicht einfach, f\u00fcr gefl\u00fcchtete Frauen in den Gemeinschaftsunterk\u00fcnften den Schutz einzufordern, den sie brauchen, ohne falsche Signale zu geben. Es muss immer und immer wieder betont werden: Gefl\u00fcchtete Frauen brauchen besonderen Schutz, weil sie als Frauen unter M\u00e4nnern leben und dies in einer extremen Ausnahmesituation. Sie brauchen diesen Schutz nicht, weil sie unter gefl\u00fcchteten M\u00e4nnern leben, unter Fl\u00fcchtlingen.<\/p>\n<p>Dieser Zwiespalt, sich f\u00fcr gefl\u00fcchtete Frauen einzusetzen, ohne der Hetze gegen Gefl\u00fcchtete allgemein Futter zu geben, bedeutet eine immerw\u00e4hrende Gratwanderung. F\u00fcr die Frauen, aber nicht gegen die Gefl\u00fcchteten m\u00fcssen wir einstehen. Dieser feine Unterschied ist oft nur schwer zu vermitteln.<\/p>\n<p>Die in diesem Zusammenhang von women in exile (https:\/\/www.women-in-exile.net\/) verbreitete Parole &#8222;Keine Lager f\u00fcr Frauen&#8220; f\u00fchrt bereits zur n\u00e4chsten Stolperfalle im politischen Kampf f\u00fcr einen menschenw\u00fcrdigen Umgang mit allen Gefl\u00fcchteten: Auch f\u00fcr M\u00e4nner sind Lager kein unterst\u00fctzenswerter Aufenthaltsort. Auch f\u00fcr M\u00e4nner muss es Alternativen, muss es vern\u00fcnftige Wohnkonzepte geben.<\/p>\n<p>Dennoch bleibt der Satz &#8222;Keine Lager f\u00fcr Frauen&#8220; eine notwendige Forderung, denn in der aktuellen Situation sind wir nicht in der Lage, die Forderung &#8222;No Lager&#8220; zeitnah durch- und umzusetzen. Und die Frauen in den Lagern leiden ganz aktuell und ganz besonders unter dem Leben in den Sammelunterk\u00fcnften, unter dem Leben in der Ausnahmesituation als Frauen unter M\u00e4nnern.<\/p>\n<h3>Frauen fliehen anders<\/h3>\n<p>F\u00fcr Frauen gelten vielfach die gleichen Fluchtursachen wie f\u00fcr M\u00e4nner. Kriege, politische Verfolgung, Religion, sexuelle Orientierung, Hunger und Elend als Folge von wirtschaftlichen Entwicklungen und Klimaver\u00e4nderung,\u0085<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus gibt es geschlechtsspezifische Fluchtgr\u00fcnde. So fliehen M\u00e4nner h\u00e4ufiger vor Zwangsrekrutierung oder vor der Verfolgung als Deserteure.<\/p>\n<p>F\u00fcr Frauen wiederum bedeuten Krieg und politische Verfolgung fast immer das Erleiden sexualisierter Gewalt (oder zumindest die st\u00e4ndige Bedrohung damit), die oft gezielt als Waffe, auch gegen die Angeh\u00f6rigen der Betroffenen, eingesetzt wird.<\/p>\n<p>Frauen fliehen vor Genitalverst\u00fcmmelung, vor Zwangsverheiratung (dies trifft immer mehr auch homosexuelle M\u00e4nner), sie fliehen, weil sie keine M\u00f6glichkeit auf ein eigenst\u00e4ndiges Leben ohne Mann haben.<\/p>\n<p>Unterwegs sind Frauen gef\u00e4hrdeter als M\u00e4nner. Neben den Gefahren, die eine Flucht auf dem Weg durch viele L\u00e4nder und \u00fcber das Wasser f\u00fcr alle Gefl\u00fcchteten mit sich bringt, sind Frauen immer zus\u00e4tzlich von sexualisierter Gewalt bedroht. Teilweise werden sie sogar bewusst als Zahlungsmittel &#8222;benutzt&#8220;, um f\u00fcr ganze Fl\u00fcchtlingsgruppen die Weiterreise zu erm\u00f6glichen. (Emmanuel Mbolela: Mein Weg vom Kongo nach Europa, Mandelbaum Verlag 2014)<\/p>\n<p>Im Zufluchtsland angekommen, sind sie noch lange nicht sicher. Ganz abgesehen von Berichten \u00fcber sexualisierte \u00dcbergriffe durch Heimleiter, die es immer wieder gibt, stellt das Leben im Lager eine dauernde Gefahr dar. Besonders gef\u00e4hrdet sind allein reisende Frauen und Minderj\u00e4hrige. H\u00e4ufig in un\u00fcbersichtlichen alten und heruntergekommenen Geb\u00e4uden einquartiert, stellen Wege zur Gemeinschaftsk\u00fcche, zur Dusche, zur Toilette immer eine Gefahr dar. Und dies nicht, weil gefl\u00fcchtete Frauen unter Fl\u00fcchtlingen leben, sondern weil Frauen in unertr\u00e4glichen Verh\u00e4ltnissen zusammengepfercht mit zahlreichen gelangweilten, verzweifelten M\u00e4nnern hausen.<\/p>\n<h3>Schutzkonzept f\u00fcr Frauen<\/h3>\n<p>Ganz langsam scheint die Problematik auch in den K\u00f6pfen der Regierenden anzukommen. Aber anstatt sich Gedanken dar\u00fcber zu machen, wie Lager insgesamt abgeschafft werden k\u00f6nnen und als ersten Schritt dazu Konzepte zu entwickeln, Frauen nicht mehr in Lagern unterzubringen, geht es nun um Schutzr\u00e4ume f\u00fcr Frauen innerhalb der Gemeinschaftsunterk\u00fcnfte.<\/p>\n<p>Das gerne angef\u00fchrte Argument, da so viele Gefl\u00fcchtete bei uns eintr\u00e4fen, ginge es nicht anders, wird nicht erst angesichts der Tatsache, dass beispielsweise f\u00fcr das Erstaufnahmelager Bramsche-Hesepe in Niedersachsen das Angebot von privaten Wohnr\u00e4umen durch eine Initiative der Einheimischen ohne Begr\u00fcndung abgelehnt wurde, unglaubw\u00fcrdig.<\/p>\n<p>Ende 2015 wurde in Niedersachsen vom Sozial- und Innenministerium ein sogenanntes Schutzkonzept f\u00fcr Frauen vorgestellt. Empfohlen wird die separate Unterbringung von Familien, insbesondere von M\u00fcttern mit ihren Kindern. Wohlgemerkt, die separate Unterbringung innerhalb des Lagers. Mindestanforderung: &#8222;Es muss einen Platz geben, wo muslimische Frauen ihren Schleier ablegen und ihre Kleinkinder ungest\u00f6rt stillen k\u00f6nnen&#8220; (Sozialministerin Cornelia Rundt, SPD). Wo bleiben hier allein reisende Frauen, Frauen, die keine M\u00fctter sind, Frauen, die keine Muslima sind und\/oder keinen Schleier tragen? Ben\u00f6tigen sie keine R\u00fcckzugsm\u00f6glichkeiten? Und was ist auf dem Weg zum R\u00fcckzugsort?<\/p>\n<h3>Aber es kommt noch schlimmer.<\/h3>\n<p>Es wird &#8222;empfohlen&#8220;, geschlechtergetrennte Sanit\u00e4rbereiche sowie abschlie\u00dfbare nicht einsehbare Toiletten einzurichten.<\/p>\n<p>Wer schon einmal eine Erstaufnahmeeinrichtung \/ ein Lager f\u00fcr Gefl\u00fcchtete besucht hat, wei\u00df um diese Zust\u00e4nde. Dennoch ist diese Situation kaum zu glauben und noch weniger zu ertragen: Keine geschlechtergetrennten Sanit\u00e4ranlagen, keine abschlie\u00dfbaren und nicht einsichtigen Toiletten? In Deutschland sind getrennte Toiletten und Sozialr\u00e4ume seit vielen Jahren Grundstandard. Ich habe vor langer Zeit fast eine Stelle nicht bekommen, auf die ich mich beworben hatte, weil die entsprechende Toilette fehlte.<\/p>\n<p>Und welche Frau, die nicht dem g\u00e4ngigen Rollenbild entspricht, kennt nicht die Situation, dass sie von anderen Frauen oder vom Personal aus \u00f6ffentlichen Damentoiletten verwiesen wurde? Und in Gemeinschaftsunterk\u00fcnften f\u00fcr Gefl\u00fcchtete gibt es keine getrennten Sanit\u00e4rbereiche? In Gemeinschaftsunterk\u00fcnften f\u00fcr Gefl\u00fcchtete gibt es keine abschlie\u00dfbaren und nicht einsehbaren Toiletten? Menschen in unserer Gesellschaft, die sich keinem der beiden Geschlechter zuordnen wollen oder k\u00f6nnen &#8211; auch diese gibt es unter den Gefl\u00fcchteten und auch sie leiden sehr unter den Verh\u00e4ltnissen in den Lagern &#8211; k\u00e4mpfen seit einigen Jahren f\u00fcr die (zus\u00e4tzliche) Einf\u00fchrung von Unisex-WCs. Einzelduschen, Einzeltoiletten &#8211; abschlie\u00df- und nicht einsehbar! Diese L\u00f6sung w\u00fcrde schon ausreichen und damit w\u00e4re allen geholfen.<\/p>\n<p>Dass so etwas \u00fcberhaupt erst in ein Konzept \u00fcbernommen werden muss, dass es jemand wagt, so etwas als neue Errungenschaft und die L\u00f6sung bestehender Probleme anzupreisen, macht sprachlos.<\/p>\n<p>Was sind das f\u00fcr Leute, die es f\u00fcr &#8222;normal&#8220; halten, andere Menschen auf eine \u00f6ffentliche Latrine zu schicken, w\u00e4hrend sie selbst sogar in ihrem Einfamilienhaus die Toilettent\u00fcr hinter sich abschlie\u00dfen? Was sind das f\u00fcr Menschen, die meinen, Gefahren, denen Frauen in Sammellagern ausgesetzt sind, durch Frauenbereiche innerhalb dieser Sammellager zu beseitigen?<\/p>\n<h3>Frauen raus aus den Lagern &#8211; sofort!<\/h3>\n<p>Gefl\u00fcchteten Frauen fehlen Informationen \u00fcber die Situation von bedrohten Frauen in Deutschland und \u00fcber die M\u00f6glichkeiten, Hilfe zu erfahren.<\/p>\n<p>Wohin k\u00f6nnen sie sich wenden, was k\u00f6nnen sie tun und d\u00fcrfen sie \u00fcberhaupt die Unterkunft verlassen, wenn sie sich bedroht f\u00fchlen?<\/p>\n<p>Gefl\u00fcchtete Frauen mit Gewalterfahrung haben mit den gleichen Schwierigkeiten zu k\u00e4mpfen, die wir auch von deutschen Frauen mit Gewalterfahrung kennen: Sie sch\u00e4men sich oft, \u00fcber die Ereignisse zu sprechen, sie suchen die Schuld bei sich selbst, sie haben mit Retraumatisierung zu k\u00e4mpfen, die schon allein durch harmloses L\u00e4rmen m\u00e4nnlicher Jugendlicher auf den Fluren der Gemeinschaftsunterkunft ausgel\u00f6st werden kann.<\/p>\n<p>Dagegen helfen keine Schutzbereiche und erst recht keine R\u00fcckzugsr\u00e4ume innerhalb der Sammelunterk\u00fcnfte. Dagegen hilft einzig und allein: Frauen raus aus den Lagern &#8211; jetzt sofort! Und auf Dauer: Keine Lager &#8211; No Lager &#8211; f\u00fcr niemanden!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kriege werden angeblich gef\u00fchrt, um Frauen in Afghanistan und anderswo vor M\u00e4nnergewalt und Unterdr\u00fcckung zu retten. Und von den Menschen, die vor diesen Kriegen fliehen und bei uns Schutz suchen, wird das Bekenntnis zur Gleichberechtigung der Frauen verlangt. Wir leben in einem Land, in dem M\u00e4nner und Frauen gleiche Rechte und Pflichten haben und wo &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/02\/schutzkonzept-fuer-gefluechtete-frauen\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Schutzkonzept f\u00fcr gefl\u00fcchtete Frauen - graswurzelrevolution","description":"Kriege werden angeblich gef\u00fchrt, um Frauen in Afghanistan und anderswo vor M\u00e4nnergewalt und Unterdr\u00fcckung zu retten. 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