{"id":15112,"date":"2016-02-01T00:00:00","date_gmt":"2016-01-31T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2016\/02\/europaeische-kulturhauptstadt-des-antisemitismus\/"},"modified":"2020-07-30T11:54:10","modified_gmt":"2020-07-30T09:54:10","slug":"europaeische-kulturhauptstadt-des-antisemitismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/02\/europaeische-kulturhauptstadt-des-antisemitismus\/","title":{"rendered":"Europ\u00e4ische Kulturhauptstadt des Antisemitismus?"},"content":{"rendered":"\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Nationalistische Umerziehung<\/h5>\n\n\n\n<p>Die polnische Stadt Wroc\u0142aw teilt sich 2016 gemeinsam mit dem baskischen San Sebasti\u00e1n den Titel \u201eEurop\u00e4ische Kulturhauptstadt\u201c (ESK). Ein koh\u00e4rentes kulturelles Konzept ist jedoch nicht erkennbar. Die existentielle Not und massive Unterfinanzierung der bestehenden Kultur-Institutionen in Wroc\u0142aw n\u00f6tigt Kulturschaffende zur Produktion eint\u00e4giger Events, um bescheidene Grants im Rahmen der ESK zu ergattern. Doch Kultur ist keine Ware und sollte nicht produziert werden. Das ist symptomatisch f\u00fcr die heutige Situation der Kultur in Wroc\u0142aw und Polen insgesamt. Die Vergabe des imagef\u00f6rdernden Titels durch die Europ\u00e4ische Union an das niederschlesische Wroc\u0142aw macht ein grunds\u00e4tzlicheres Problem vergleichbarer Entwicklungen in Europa sichtbar. Obwohl der Titel laut einem Beschluss des Europ\u00e4ischen Parlaments \u201eden Reichtum und die Vielfalt der europ\u00e4ischen Kulturen sowie ihre Gemeinsamkeiten veranschaulichen\u201c soll, um ein besseres Verst\u00e4ndnis der B\u00fcrgerInnen Europas f\u00fcreinander zu erm\u00f6glichen, spricht der Zusammenprall der Wunschvorstellungen von einer \u201eWertegemeinschaft\u201c mit der Realit\u00e4t des wieder erstarkenden Rechtspopulismus und Nationalismus in Europa eine andere Sprache.<\/p>\n\n\n\n<p>Die vergangen 25 Jahre waren in Polen von einer stufenweise eingef\u00fchrten, sich best\u00e4tig radikalisierenden Geschichtspolitik begleitet, die zu einer nationalistischen gesellschaftlichen Umerziehung f\u00fchrte. Nicht demokratische Werte standen im Vordergrund, vielmehr versuchten alle politischen Kr\u00e4fte sich gegenseitig rechts zu \u00fcberholen, um die W\u00e4hlerInnen zu \u00fcberzeugen, dass sie die echten und alleinigen Vertreter der polnischen Nation seien. Nationalismus ersetzte den Begriff von Demokratie. In der Folge der Schock-Therapie Anfang der 1990er Jahre verfiel Demokratie zum Synonym einer Herrschaftsform, in der Verm\u00f6gen die entscheidende Voraussetzung f\u00fcr die Teilhabe an der Gesellschaft darstellt. Die soziale Frage wurde deckungsgleich mit \u201eechtem Patriotismus\u201c. Stadt-Pr\u00e4sident <em>Rafa\u0142<\/em> <em>Dutkiewicz<\/em> versuchte bei der Bewerbung um den ESK-Titel Wroc\u0142aw als Zentrum des antikommunistischen Widerstandes darzustellen und verglich es gar mit dem Untergrundstaat gegen die deutsche Besatzung vor 1945. Die Regierenden kennen offenbar keine andere Erz\u00e4hlung als jene, die den integralen Bestandteil ihrer eigenen Macht darstellt. Doch in einer Europ\u00e4ischen Kulturhauptstadt w\u00e4ren vielmehr universelle Werte notwendig, um Antworten auf die Bedrohung durch Neofaschismus in Europa und eine in Osteuropa gegenw\u00e4rtig stattfindende neokonservative und antidemokratische Revolution zu finden. Wroc\u0142aw hat offenbar nicht mehr anzubieten als ein ostentatives Festival der eigenen Macht.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Nationalistische Appeasement-Politik<\/h5>\n\n\n\n<p>Die heutigen Krokodilstr\u00e4nen des Westens \u00fcber den Rechtsruck in Polen vernebeln die Tatsache, dass der National-Chauvinismus und das Wiedererstarken einer gewaltt\u00e4tigen Rechten in Polen nicht erst nach dem Wahlsieg der nationalistischen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) akut geworden sind. Die Kritik aus Deutschland und Europa an den j\u00fcngsten Entwicklungen in Polen ist unglaubw\u00fcrdig, weil sie geflissentlich bei der Etablierung einer Kultur des Faschismus unter <em>Viktor Orb\u00e1ns<\/em> FIDESZ in Ungarn geschwiegen hat. Sie dr\u00fcckt offenbar Unstimmigkeiten bez\u00fcglich Polens Alleingang und milit\u00e4rischer Wortakrobatik gegen\u00fcber Russland sowie Verstimmungen in der Fl\u00fcchtlingsfrage aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Die neoliberale Vorg\u00e4ngerregierung der B\u00fcrger-Plattform (PO) hat dabei mit ihrer nationalistischen Appeasement-Politik erst die Grundlage f\u00fcr den j\u00fcngsten Wahlsieg der Nationalkonservativen gelegt. \u00dcberraschenderweise will nun auch die polnische Intelligenzija pl\u00f6tzlich die Demokratie entdeckt haben, obwohl sie bislang nur, als Empork\u00f6mmlinge der Transformation, an der Zurschaustellung ihrer Hauptbesch\u00e4ftigung: der Sicherung des wirtschaftlichen <em>status quo<\/em> in Erscheinung getreten ist. Ein Vierteljahrhundert warnten diese Intellektuellen vor allem vor \u201eLinken\u201c, erhoben die Totalitarismus-Ideologie zur Staatsr\u00e4son und behaupten, dass Faschismus mit Kommunismus gleichgesetzt werden k\u00f6nnte. Sie schwiegen auch dann, als die B\u00fcrger-Plattform acht Jahre lang eine nationalistische Politik f\u00fchrte, bei der jede Frauenrechts-Initiative zu radikal war, jede LGBTQ-Angelegenheit zu kontrovers, jeder emanzipative gesellschaftliche Gedanke zu postkommunistisch oder bedrohlich. Jede Warnung vor dem Wiedererstarken des Neofaschismus wurde, infolge ihrer durch die N\u00e4he zur Macht glatt geb\u00fcrstete Intelligenzija, als \u201eunbegr\u00fcndete Verallgemeinerung\u201c abgetan. Die polnische Intelligenzija mimt nun den besorgten B\u00fcrger und fordert, die polnische National-Fahne schwenkend, als Komitee zur Verteidigung der Demokratie (KOD), jene Demokratie zur\u00fcck, an deren Erosion sie tatkr\u00e4ftig mitgewirkt hat. Sie schwieg als Demokratie zum Synonym einer sozialen Spaltung und das Wort Gesellschaft durch eine ethnisch und national definierte Gemeinschaft ersetzt wurde. Ihr Kampf um den <em>status quo <\/em>vor dem Wahlsieg der PiS, auf welches vermeintliche Demokraten nun ein Hohelied anstimmen, ist nichts anderes als eine R\u00fcckkehr zu den Grundlagen jener Geschichtspolitik der Nationalisten, die direkt zur gegenw\u00e4rtigen politischen Radikalisierung in Polen f\u00fchrte.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Wiedererstarken eines gewaltt\u00e4tigen Neofaschismus<\/h5>\n\n\n\n<p>Dabei wurde die Gewaltbereitschaft und der Einfluss der polnischen Neofaschisten auf die Kultur von Wroc\u0142aw doch nicht erst bei den Protesten um die Auff\u00fchrung von <em>Elfriede Jelineks<\/em> \u201eDer Tod und das M\u00e4dchen\u201c am Teatr Polski im November 2015 sichtbar, bei der die kalkulierte Provokation mit Porno als Marketing-Strategie von einem Regisseur eingesetzt wurde. Der Westen feiert solche Spielereien als Heiland der Demokratie und freien Meinungs\u00e4u\u00dferung, anstatt diesen vermeintlichen Euro-Maidan lediglich als Ausdruck einer blasierten und kommerzialisierten Kultur zu betrachten. Selbst hier werden die tats\u00e4chlichen Gefahren der extremen Rechten in Polen verharmlost. Immerhin haben engagierte Theater-AktivsitInnen vom legend\u00e4ren Off-Theater \u201eZak\u0142ad Krawiecki\u201c St\u00fccke von <em>Brad Fraser<\/em> oder <em>Sarah Kane<\/em> schon vor einem Jahrzehnt in Wroc\u0142aw aufgef\u00fchrt, ohne aus wichtigen gesellschaftlichen Themen ein kommerzielles Vaudeville zu veranstalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei haben bereits zuvor am 1. M\u00e4rz 2013 Neofaschisten der Nationalen Wiedergeburt Polens (NOP) die Pr\u00e4sentation eines Films von <em>Tom\u00e1\u0161 Rafa<\/em> in der Galerie BWA in Wroc\u0142aw verhindert, da dieser der Ehre der sog. \u201e\u017bo\u0142nierze Wykl\u0119ci\u201c [\u201eVerfemte Soldaten\u201c] nicht zutr\u00e4glich sei. Die Idee von Lech Kaczy\u0144ski zur Einf\u00fchrung eines Nationalfeiertages am 1. M\u00e4rz, f\u00fcr solche verfemten Helden des Widerstands, deren Hauptbesch\u00e4ftigung im Zweiten Weltkrieg in der Judenjagd und Aufsp\u00fcrung von Kommunisten lag, wurde erst mit Hilfe der B\u00fcrgerplattform im Parlament verabschiedet. Paradoxerweise entstand dieser Film des slowakischen K\u00fcnstlers <em>Tom\u00e1\u0161<\/em> <em>Rafa,<\/em> in dem der Vormarsch des Nationalismus in Europa thematisiert wird, im Rahmen eines Projektes der Europ\u00e4ischen Kulturhauptstadt 2013 im slowakischen Ko\u0161ice. Die Stadtverwaltung und die Galerie BWA rechtfertigten sich, sie wollen keine \u201elinken Provokationen\u201c und verweigerten die Auff\u00fchrung.<\/p>\n\n\n\n<p>Den bisherigen vorl\u00e4ufigen H\u00f6hepunkt bildete die Verbrennung einer Juden-Puppe mit EU-Fahne in einem antisemitischen Fackel-Mysterium der faschistischen ONR [Ob\u00f3z Narodowo-Radykalny] direkt vor dem Rathaus, wenige Tage nach dem 77. Jahrestag der Reichspogromnacht. Die Kuratoren der Europ\u00e4ischen Kulturhauptstadt Wroc\u0142aw sahen sich daraufhin in einem Offenen Brief bem\u00fc\u00dfigt die nationalistische Parole \u201eGott, Ehre, Vaterland\u201c zu verteidigen, anstatt dem Nationalismus und Antisemitismus den Kampf anzusagen. Wenige Tage sp\u00e4ter konnten im Dezember 2015 die Antisemiten am gleichen Ort erneut aufmarschieren. Diesmal brachten sie abgeschnittene Schweinek\u00f6pfe mit, um ihren Protest gegen den angeblichen Ausverkauf von H\u00e4usern an Juden zu bekr\u00e4ftigen. Seit Jahren werden dabei Probleme, wie die kulturelle, wirtschaftliche und soziale Ausgrenzung der Roma in der Stadt lediglich verwaltet, anstatt sie zu l\u00f6sen. Nach einer rechtswidrigen Zwangsr\u00e4umung einer Roma-Familie mit Bulldozern just zum Jahrestag der Aufl\u00f6sung des sog. Zigeunerlagers im deutschen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau im Sommer 2015, verglich Roman Kwiatkowski, Vorsitzender der Vereinigung der Roma in Polen, den Umgang der Stadt Wroc\u0142aw mit Roma mit der Behandlung der Roma im deutschen Breslau in den 1930er Jahren.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Kommunikationsguerilla gegen Antisemitismus<\/h5>\n\n\n\n<p>Die seit Jahren von den Stadtverantwortlichen betriebene Verharmlosung der neonazistischen Gruppen, und die wachsende Zahl von \u00dcbergriffen auf Ausl\u00e4nderInnen in Wroc\u0142aw griff das Kollektiv \u201eCentrum Postaw Antyrasistowskich\u201c [Zentrum f\u00fcr Antirassistische Haltungen] auf. Es postete auf YouTube ein <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/Centrum-Postaw-Antyrasistowskich-509299182583737\">satirisches Video,<\/a> in dem sie die Werbebotschaften der ESK-Macher mit Szenen des allt\u00e4glichen Rassismus, Antisemitismus und Sexismus vermischten. Nach mehr als 10.000 Zugriffen wurde das Video auf Intervention der Stadt aus dem Netz verbannt. Es findet sich jedoch noch auf einem Facebook-Account.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Blindheit der Verantwortlichen gegen\u00fcber dem Treiben der neofaschistischen Szene in Wroc\u0142aw und des latenten Antisemitismus bleibt jedoch bestehen. Die im Zusammenhang mit dem Video des Centrum Postaw Antyrasistowskich kurz aufgeflammte Debatte in Wroc\u0142aw machte deutlich, dass Antisemitismus nicht als gesamtgesellschaftliches Problem, sondern eine Frage der Imagepflege im Kontext des Gro\u00df-Events Kulturhauptstadt betrachtet wird. Als polnische Nazis im Anschluss an den Unabh\u00e4ngigkeitstag im November 2012 das alternative Wohnprojekt \u201eWagenburg\u201c \u00fcberfielen, und wenige Tage zuvor Scheiben in der Synagoge einschlugen, rang sich Pr\u00e4sident <em>Rafa\u0142 Dutkiewicz<\/em> lediglich zu einem Taschenspielertrick durch. Als Symbol einer offenen Stadt und des Kampfes gegen Rassismus, enth\u00fcllte Dutkiewicz nach den Angriffen ein paar Zwergen-Figuren im Afro-Look, welche mit Dreadlocks auf Bongos spielen. Damit w\u00e4rmte er die Legende von der \u201ePomara\u0144czowa Alternatywa\u201c [Orangefarbene Alternative], also Provo-Happenings von Jugendlichen aus den 1980er Jahren auf, die damals mit orangefarbenen Zipfelm\u00fctzen als revolution\u00e4re Zwerge auftraten. Als ein Vortrag des Soziologen <em>Zygmunt Bauman, <\/em>der infolge antisemitischer Ausschreitungen 1968 aus Polen ausgewiesen wurde, an der Universit\u00e4t Wroc\u0142aw im Sommer 2013 von Antisemiten gest\u00f6rt wurde, konnte der \u00dcbergriff erst durch eine Anti-Terror-Einheit beendet werden. Pr\u00e4sident <em>Dutkiewicz<\/em> setzte sich pers\u00f6nlich f\u00fcr eine Umwandlung der Haftstrafen in soziale Arbeit um.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Europ\u00e4ische Kulturhauptstadt \u2013 Fremdk\u00f6rper in der Stadt<\/h5>\n\n\n\n<p>Die \u201eEurop\u00e4ische Kulturhauptstadt\u201c bleibt ein Fremdk\u00f6rper in Wroc\u0142aw. Ein gro\u00dfes kommerzielles Festival, flankiert von kleinen Projekten ohne Nachhaltigkeit bei dem ein koh\u00e4rentes Konzept nicht erkennbar ist. Anstatt unabh\u00e4ngige Kultur zu unterst\u00fctzen fand die Stadt in der Stadtkasse 1,6 Mio. Euro f\u00fcr den Erwerb fragw\u00fcrdiger Bilder von <em>Marylin Monroe<\/em>. Was hat diese Retro-Spielerei mit moderner Kultur dieser Stadt zu tun? Wroc\u0142aw als Kulturhauptstadt bietet ein <em>Iron Maiden<\/em> und <em>David Gilmour<\/em>-Konzert. \u00dcber Wroc\u0142aws avantgardistische Kultur erf\u00e4hrt man dagegen in der Ausstellung \u201eDzikie Pola\u201d, die vom Zeitgen\u00f6ssischen Museum in Wroc\u0142aw und der Warschauer Zach\u0119ta erarbeitet wurde. Um diese zu besuchen muss man aber nach Warschau fahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die unabh\u00e4ngige Kultur ist in ihren kleinen Enklaven eingeschlossen. Eine Parallel-Struktur, eine Unterwelt zum offiziellen Fahrplan der Stadt. Betrieben von AktivistInnen ohne F\u00f6rderung oder Wertsch\u00e4tzung seitens der Stadt. Das ber\u00fchmte Theater \u201eZak\u0142ad Krawiecki\u201c scheiterte an der Kulturpolitik der Stadt, die erfolgreiche unabh\u00e4ngige Kultur nicht duldet, sondern zu kommerzialisieren versucht. Viele emigrieren. So auch <em>Monika Chmielarz<\/em>, die einstige Regiesseurin, die heute erfolgreich in Irland das Magazin \u201eBlowPhoto\u201c herausbringt. Der Namensgeber des Theaters <em>Dominik Krawiecki<\/em> begr\u00fcndete in Bern die Company PINK MAMA THEATRE. Der Name \u201eZak\u0142ad Krawiecki\u201c wurde dagegen sp\u00e4ter von anderen benutzt, um fragw\u00fcrdige Musicals zu produzieren.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Unabh\u00e4ngige Musikszene<\/h5>\n\n\n\n<p>Am st\u00e4rksten scheint derzeit noch die unabh\u00e4ngige Musikszene zu sein. Wer einmal eine Liveperformance der queeren Electro-Band \u201eZdrada Pa\u0142ki\u201c in einem Keller im Stadtteil Grabiszynek erlebt hat, der wird sich der Energie dieser Band nicht entziehen k\u00f6nnen und mehr \u00fcber die komplizierten kulturellen Lebensverh\u00e4ltnisse im katholisch dominierten Polen erfahren als im ESK-Programm zu finden ist. Aber die K\u00fcnstlerin <em>Martyna H.<\/em> ist bereits emigriert. Die Post-Punk Band \u201eUkryte Zalety Systemu\u201c wird dagegen mittlerweile vom legend\u00e4ren Alternativ-Radio KEXP-FM gehypt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stadt hat zwar das alternative Kulturleben und unabh\u00e4ngige Kultur-Projekte als Begr\u00fcndung bei der Titel-Bewerbung in Anschlag gebracht. So bei dem engagierten Projekt \u201eD\u017awi\u0119ki z Odzysku\/Recycled Sounds\u201c, bei dem Kinder aus dem benachteiligten und gentrifizierten Stadtteil Nadodrze, aus Abf\u00e4llen Instrumente und ein Orchester aufbauten. Nach Vergabe des Titels findet es sich jedoch nicht mehr im offiziellen ESK-Programm wieder. Ein B\u00fcrger-Rat f\u00fcr Kultur (<em>Obywatelska Rada Kultury<\/em>) bem\u00fchte sich diese \u201eKultur-Walze\u201c von unten aufzuhalten, protestierte gegen die Herabsetzung der Kultur zu einer Marketing-Ma\u00dfnahme von Werbefachleuten. Gefordert wurde die St\u00e4rkung der Kultur-Bildung, der Jugendarbeit. In den Armutsghettos der Stadt werden Jung und Alt von Kultur ausgeschlossen. Die Hoffnungen die ESK werde durch eine kluge Kulturf\u00f6rderpolitik die soziale Kluft schlie\u00dfen, scheiterten. Eine gesellschaftlich-partizipative Seite ist nicht vorhanden. Bis heute ist unklar, was das daf\u00fcr vorgesehene <em>Wroc\u0142awski Akcjonariat Kultury<\/em> [Kulturbeteiligung Wroc\u0142aw] eigentlich macht. Eine nachhaltige Kulturstadtpolitik, die sowohl ihre BewohnerInnen als auch die ihre Kulturschaffenden einbezieht, sieht anders aus. Brisante ist dabei, dass die lokale Kulturszene sich mittlerweile zu einem Gegenentwurf nicht in der Lage sieht und sich mit der Situation abgefunden hat.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Die Konstruktion der polnischen Nation<\/h5>\n\n\n\n<p>Der Grund f\u00fcr die Weigerung sich mit dem Antisemitismus in der Stadt auseinanderzusetzten, der durch die ESK-Titelvergabe sichtbar wurde, geht jedoch \u00fcber die Veranstaltung hinaus. Dieser ist eng mit der identit\u00e4tsstiftenden Funktion des Nationalismus und f\u00fcr Politik und Gesellschaft verkn\u00fcpft. In Polen darf \u00fcber alles geredet werden, nur nicht dar\u00fcber, dass der latente Antisemitismus ein gesamtgesellschaftliches Problem darstellt. Die Verleugnung des Antisemitismus ist konstitutiv f\u00fcr die heutige nationale Identit\u00e4tsbildung. Dass das antisemitische Vorurteil ohne konkreten Juden auskommt, daf\u00fcr ist der polnische Antisemitismus empirischer Beleg. Der Zusammensto\u00df der ESK mit der antisemitischen Realit\u00e4t Polens verursachte jedoch, dass der diskrete Charme der nationalistischen und antisemitischen Geschichtspolitik aus den Fugen geriet. Die Berufung der ESK-Manager auf nationalistische Parolen wie \u201eGott, Ehre, Vaterland\u201c in ihrem Offenen Brief nach der \u201eJuden-Verbrennung\u201c macht zugleich das Elend der Intelligenzija in Polen im Kontext der Kulturhauptstadt Wroc\u0142aw besonders unertr\u00e4glich. Man kann nicht nach Demokratie rufen und zugleich vom polnischen Nationalismus, der Heldenverehrung und der antisemitischen Geschichtspolitik naschen.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Antisemitismus<\/h5>\n\n\n\n<p>Anders als in Deutschland muss der Antisemitismus in Polen \u201enicht durch Auschwitz hindurchgehen\u201c, sondern existiert trotz Auschwitz. So als h\u00e4tte die planm\u00e4\u00dfige Ermordung europ\u00e4ischer Juden durch die Deutschen die polnische Gesellschaft nie ber\u00fchrt. Nicht zuf\u00e4llig entstand die polnische Geschichtspolitik Anfang der 2000er Jahre als Abwehrreaktion auf die Debatte, um die Morde in Jedwabne, wo 1941 Polen ihre polnischen, j\u00fcdischen Nachbarn grausam ermordeten. Es tr\u00f6stet wenig, dass dies kein Akt der Kollaboration mit den Deutschen, sondern vielmehr eine origin\u00e4r polnische antisemitische Tat war. Seit Jedwabne ist es nicht mehr m\u00f6glich solche Verbrechen den b\u00f6sen \u201eAnderen\u201c, dem \u201eSzmalcownik\u201c, der Juden f\u00fcr Geld an die Gestapo auslieferte oder herbeifabulierten kommunistischen Verr\u00e4tern oder den Juden selbst in die Schuhe zu schieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Holocaust stellt eine polnische Identit\u00e4t, die auf v\u00f6lkischem Nationalismus aufbaut an sich in Frage. Ein zweites Opfer neben sich kann diese Identit\u00e4t nicht ertragen. Seine moderne Auspr\u00e4gung leugnet nicht, dass es den Holocaust gab, aber dieser wird \u2013 \u00e4hnlich wie in den baltischen Staaten \u2013 verzerrt dargestellt, als etwas, womit die Polen nichts zu tun hatten. Das B\u00f6se muss \u00e4u\u00dferlich bleiben, wird an Extreme verbannt, einen Rassismus der Mitte gibt es in dieser Erz\u00e4hlung nicht. Der Holocaust fand jedoch nicht in einem sozialen Vakuum statt. Selbst nach der Befreiung durch die Rote Armee wurden nach 1945 mindestens 2000 j\u00fcdische \u00dcberlebende von ihren polnischen Nachbarn ermordet.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Holocaust st\u00f6rt empfindlich die eigene Geschichts-Mystifikation und das Heldengedenken, da die Helden der einen als antisemitische M\u00f6rder der anderen entlarvt werden. Die Auseinandersetzung mit dem heutigen Antisemitismus stellt unweigerlich die Frage nach der Rolle der polnischen Gesellschaft w\u00e4hrend der Shoah. Das ist keine origin\u00e4r polnisch-j\u00fcdische Problematik, sondern vor allem eine Herausforderung, der sich die Polen als Gesellschaft und als Individuen in Europa selbst stellen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was \u00fcberraschen mag, der Nationalismus und seine intellektuelle Variante, der Patriotismus, wird als etwas Positives, als Ausdruck der gesellschaftlichen Solidarit\u00e4t wahrgenommen. Selbst Teile der radikalen Linken kn\u00fcpfen in ihrer Heldenverehrung an diesen an, was zugleich Ursache f\u00fcr einen regressiven Antifaschismus in Polen ist. \u00dcber alle gesellschaftlichen Schichten hinweg, alle wollen Anteil an der nationalen Mystifikation haben, selbst die polnische Antifa. Keiner stellt das Konstrukt der nationalen Identit\u00e4t in Frage. Eine echte Aufarbeitung der polnischen Beteiligung am Holocaust hat es nie gegeben. W\u00e4hrend also die Alliierten f\u00fcr die deutsche Nachkriegsgesellschaft eine Diskontinuit\u00e4t zum deutschen Faschismus durchzusetzen versuchten, wird die polnische Nation auf dem Boden der Ideologie der Totalitarismus-Theorie als Kontinuit\u00e4t zu 1939 konstruiert. W\u00e4hrend jedoch in Deutschland offener Neonazismus und Antisemitismus aus dem akzeptierten Meinungsspektrum ausgegrenzt wurde, werden antisemitische Mordtaten in Polen zum angeblichen Widerstand und zur Bek\u00e4mpfung \u201ekommunistischer Besatzer\u201c verkl\u00e4rt. Es ginge, so die These, dabei nicht um Morde an Juden, sondern um den Widerstand gegen Unterst\u00fctzer der sowjetischen Besatzungsmacht. Dabei wird ausgeblendet, dass die Sowjetunion gemeinsam mit den USA und Gro\u00dfbritannien einen wesentlichen Beitrag der Anti-Hitler-Koalition leistete, um die Vernichtungspolitik des deutschen Faschismus zu beenden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><strong>Kamil Majchrzak<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">Kamil Majchrzak, 1976 in Wroc\u0142aw geboren emigrierte 1995 nach Deutschland, wo er u.a. als Regie-Assistent von Hans-Christian Schmid beim Spielfilm \u201eLichter\u201c oder Rechercheur und Tonmeister des Dokumentarfilms \u201eFamilienreise\u201c im Rahmen der Reihe \u201eDenk ich an Deutschland\u201c des Bayerischen Rundfunks arbeitete.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nationalismus und Antisemitismus erstarken in Polen seit \u00fcber 25 Jahren. 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