{"id":15116,"date":"2016-02-01T00:00:00","date_gmt":"2016-01-31T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2016\/02\/murray-bookchins-abkehr-vom-anarchismus\/"},"modified":"2022-07-26T14:11:59","modified_gmt":"2022-07-26T12:11:59","slug":"murray-bookchins-abkehr-vom-anarchismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/02\/murray-bookchins-abkehr-vom-anarchismus\/","title":{"rendered":"Murray Bookchins Abkehr vom Anarchismus"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Libert\u00e4rer Kommunalismus und die Zukunft der Linken&#8220; hei\u00dft der Untertitel des vom Unrast-Verlag vorgelegten neuen Buchs von Murray Bookchin. Herausgegeben von Debbie Bookchin und Blair Taylor und 2015 in London ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p>Eine schnelle \u00dcbersetzung ins Deutsche von Sven Wunderlich erm\u00f6glichte eine fast zeitgleiche deutschsprachige Ausgabe. Insofern eine gro\u00dfe Leistung f\u00fcr einen kleinen Verlag. H\u00e4tten sich die Verleger aber mehr Zeit gelassen, h\u00e4tte das Resultat noch weit besser werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der am 30.06.2006 in Burlington\/Vermont verstorbene amerikanische Autor verdient es, auch in Deutschland wieder st\u00e4rker ins Bewusstsein zu gelangen.<\/p>\n<p>Nicht zuletzt die in Hamburg stattgefunden Kongresse der Kurden (die GWR berichtete) belegen seine politische Wirksamkeit. Im kurdischen Rojava und innerhalb der PKK und YPG werden seine Ideen und Konzepte rezipiert, seit \u00d6calan im Gef\u00e4ngnis sich mit Bookchins Kommunalismus auseinandergesetzt hat. Nicht zuletzt seinem Einfluss verdankt die PKK ihre Abwendung von einem eigenst\u00e4ndigen kurdischen Nationalstaat hin zu dezentralen Strukturen, die eine regionale Gegenmacht aufbauen und so zu einer weitreichenden Autonomie innerhalb der Staaten der T\u00fcrkei, Syriens, dem Iran und Irak f\u00fchren k\u00f6nnten. Dabei ist Rojava das Gebiet, in dem diese politische Richtung derzeit aufgrund des Engagements der YPG am meisten greift. Es zeigen sich durchaus ermutigende Schritte in Richtung \u00f6ffentlicher Versammlungen, Bewohnerbeteiligung an Entscheidungsprozessen oder einer Anerkennung der Gleichberechtigung der Frau.Die langj\u00e4hrige Lebensgef\u00e4hrtin Bookchins, Janet Biehl, war sowohl in Rojava wie auch bereits zweimal bei den Kongressen der Kurden als Rednerin eingeladen, zuletzt in Hamburg. Der kanadische Verleger und politische Weggenosse Bookchins, Dimitri Roussopoulos, sprach ebenso in Hamburg wie der Vertreter der kommunalistisch ausgerichteten Gruppierung Norwegens, der Demokratischen Alternative, Erik Eiglad. Auf Dimitri Roussopoulos ist auch die Initiative zur\u00fcckzuf\u00fchren, in Athen ein europ\u00e4isches Zentrum zu schaffen, das die Arbeit und die Verbreitung des libert\u00e4ren Kommunalismus in Europa vorantreibt. Dieses Zentrum, das unter dem Namen TRISE (Transnational Institute of Social Ecology &#8211; Toward democratic and ecological cities) im Jahr 2013 im kleinen Ort Mirtos auf Kreta nach einem einw\u00f6chigen Klausurtreffen unter Beteiligung von AktivistInnen aus Schweden, Italien, Frankreich, Griechenland, den USA, Norwegen, Deutschland und Kanada ins Leben gerufen wurde, soll wie das fr\u00fchere Institute for Social Ecology in Plainfield, Vermont zu einem Treffpunkt, Diskussions- und Ausbildungszentrum f\u00fcr diesen politischen Ansatz werden, der die Demokratisierung der St\u00e4dte vorantreiben will (Vgl. auch mein Interview mit Dimitri Roussopoulos in GWR Nr. 368 und 369 aus dem Jahr 2012).<\/p>\n<p>Inzwischen haben drei Konferenzen stattgefunden, zuletzt in Athen 2015.<\/p>\n<p><b>Warum ich das alles in einer Rezension zu einem neuen Buch Bookchins schreibe, bevor noch ein Satz zum eigentlichen Buch auftaucht? <\/b><\/p>\n<p>Weil es sehr viel Aktuelles zu erz\u00e4hlen gegeben h\u00e4tte und nichts davon in einem scheinbar aktuellen Buch vorkommt.<\/p>\n<p>Mal abgesehen davon, dass dieses Buch f\u00fcr Menschen, die noch nichts von Bookchin gelesen haben, durchaus einen Einblick in sein Denken vermittelt, so ist es f\u00fcr den deutschen Sprachraum doch \u00e4rgerlich, dass sich der Verlag keinen Verfasser f\u00fcr ein deutsches Vorwort geleistet hat, der oder die in der Lage gewesen w\u00e4re, auf aktuelle Entwicklungen hinzuweisen oder auch nur die vorliegenden deutschen \u00dcbersetzungen Bookchins zu kommentieren, vor allem dann, wenn es sich um inhaltlich \u00e4hnliche Beitr\u00e4ge gehandelt hat wie sie in dem Buch aufgenommen sind oder worauf im Buch hingewiesen wird. Stattdessen wird eins zu eins die englische Ausgabe bei Verso ins Deutsche \u00fcbertragen und dort werden logischerweise die US-Titel der Aufs\u00e4tze oder die Buchtitel zitiert, die bei Dimitri Roussopoulos im Black Rose Verlag Montr\u00e9al in Kanada erschienen sind. Dabei h\u00e4tten die beiden Herausgeber, Bookchins Tochter Debbie und Blair Taylor, vermutlich selbst f\u00fcr eine bessere deutsche Ausgabe sorgen k\u00f6nnen, da Debbie lange Zeit in Frankfurt\/M. gelebt hat und sehr viel von der deutschen Anarchoszene pers\u00f6nlich mitbekommen hat.<\/p>\n<p>Schauen wir uns die aufgenommenen Beitr\u00e4ge an, sie stammen aus den Jahren 1990, 1992, 1993, 1995, 1998 und 2002 und sind somit nicht neueren Datums als die in Deutschland bereits \u00fcbersetzt publizierten Artikel, die an dieser Stelle im Anhang nachgereicht werden, zumal viele davon durchaus noch lieferbar sind. Auch der aktuellste Beitrag von 2002 gibt in erster Linie eine \u00dcbersicht \u00fcber die kommunalistische Theorie und zitiert selbst \u00e4ltere Beitr\u00e4ge.<\/p>\n<h3>Ursula K. Le Guins Vorwort<\/h3>\n<p>Doch beginnen wir mit dem Vorwort von Ursula K. Le Guin, der Autorin von &#8222;Planet der Habenichtse&#8220; (Die Enteigneten \/ The Dispossessed.<\/p>\n<p>An Ambiguous Utopia) und vieler anderer hervorragender Science Fiction-B\u00fccher. Sie schreibt eine gute Einf\u00fchrung f\u00fcr das amerikanische Publikum und konstatiert richtig, dass dort bereits der &#8222;Liberalismus&#8220; zum Schreckgespenst gemacht wird; erst recht dann alles was &#8222;links&#8220; davon sein k\u00f6nnte. Aber schon auf Seite 8 entschl\u00fcpft ihr ein g\u00e4nzlich verkehrter Hinweis: &#8222;Murray Bookchin war Experte f\u00fcr gewaltlose Revolutionen.&#8220; Mensch kann viel interpretieren, aber &#8222;gewaltlos&#8220; war Bookchin sicherlich nicht; weder in seiner Revolutionsvorstellung, noch in seiner politischen \u00dcberzeugung. Lou Marin von der GWR musste dies leidvoll erfahren, als er an meiner Stelle zur Konferenz nach Plainfield fliegen wollte und von Murray mit dem unqualifizierten Hinweis, er brauche dort keine Gandhi-Anh\u00e4nger abgewiesen wurde.<\/p>\n<p>Als dies 1999 geschah, begann sich Murray unter dem Eindruck manch b\u00f6sartiger Angriffe US-amerikanischer Anarchisten gerade vom Anarchismus abzul\u00f6sen. Seine grunds\u00e4tzliche Abh\u00e4ngigkeit von Kropotkin und seine durchg\u00e4ngige Analyse und Ablehnung von Herrschaft verbinden ihn bei seiner aktuellen \u00f6kologischen Analyse jedoch weiterhin tief mit der anarchistischen Tradition. Dies belegt der aufgenommene Beitrag &#8222;Die Umweltkrise und die Notwendigkeit gesellschaftlicher Erneuerung&#8220; aus dem Jahr 1992.<\/p>\n<p>Ausf\u00fchrlicher finden sich diese Argumente jedoch in seinem 1992 auf Deutsch ver\u00f6ffentlichten Buch &#8222;Die Neugestaltung der Gesellschaft&#8220;; dort schrieb er beispielsweise: &#8222;Was die Menschen zu \u0082Fremden&#8216; der Natur gegen\u00fcber gemacht hat, sind soziale Ver\u00e4nderungen, die viele Menschen zu Fremden in ihrer eigenen sozialen Umgebung werden lie\u00dfen: die Herrschaft des Alters \u00fcber die Jugend, der M\u00e4nner \u00fcber die Frauen sowie der M\u00e4nner untereinander.<\/p>\n<p>Heute wie vor Jahrhunderten gibt es Menschen &#8211; Unterdr\u00fccker &#8211; die buchst\u00e4blich die Gesellschaft besitzen, und andere, von denen Besitz genommen wird. Solange die Gesellschaft nicht von einer vereinten Menschheit zur\u00fcckerobert wird, die gesamte kollektive Weisheit, ihre kulturellen Errungenschaften, technologischen Innovationen, wissenschaftlichen Erkenntnisse und angeborene Kreativit\u00e4t zu ihrem eigenen Besten und zum Nutzen der nat\u00fcrlichen Welt einsetzt, erwachsen alle \u00f6kologischen Probleme aus sozialen Problemen.&#8220;<\/p>\n<p>Vom Staat erwartet er dabei nichts, die einzige M\u00f6glichkeit Menschen zu organisieren, sieht er auf der Ebene der Gemeinden, dort wo direkte Demokratie funktionieren k\u00f6nnte. Philosophisch bedient er sich dabei bei dem Vorbild der Athener Polis, einer Vorform f\u00fcr direkte Beteiligung, die noch historisch bedingt beschr\u00e4nkt blieb, weil sie M\u00e4nnern vorbehalten war, und in einer Gesellschaft stattfand, die gleichzeitig eine Sklavenhaltergesellschaft war. Dennoch wurden in Athen erste Schritte f\u00fcr eine Demokratievorstellung gegangen, die es neu zu definieren und in den Delegationsgesellschaften heutiger Demokratien neu zu beleben gilt.<\/p>\n<p>Ein zentraler Artikel des Buches, der Beitrag &#8222;Libert\u00e4rer Munizipalismus&#8220; &#8211; er fand sich bereits 1993 im Schwarzen Faden &#8211; stellt u.a. das Konsensprinzip bei Entscheidungsfindungen in Frage: &#8222;Konsensentscheidungen sind, wie ich meine, in sehr kleinen Gruppen praktikabel, in denen sich Menschen untereinander kennen. In gr\u00f6\u00dferen Gruppen wird der Zwang zum Konsens jedoch tyrannisch und erlaubt einer kleinen Minderheit zu bestimmen.&#8220; Eine Einsch\u00e4tzung, die sicherlich von vielen AnarchistInnen hinterfragt wird.<\/p>\n<p>Bis zur Seite 129 des neuen Buches k\u00f6nnen sich die LeserInnen mit dem spannenden aktuell verwertbaren Teil auseinandersetzen, wie St\u00e4dte demokratisiert, wie Dezentralisierung organisiert und \u00d6kologie einer sozialen Herrschaft entzogen werden k\u00f6nnte. Dann folgen etwas \u00fcberraschend und nicht ganz folgerichtig 32 Seiten zum Nationalismus, vielleicht dem angenommenen Interesse der Kurden geschuldet, die Bookchins Ansicht \u00fcber die R\u00fcckw\u00e4rtsgewandtheit der Nationalstaatsgedanken genauer kennenlernen sollten? Dabei wird nichts Verkehrtes vermittelt und doch fragt man sich, weshalb die Herausgeber diesen Beitr\u00e4gen eine so wichtige Bedeutung beima\u00dfen, dass sie in dieser Ausf\u00fchrlichkeit in das Buch aufgenommen wurden. Letztlich wird nur das Erwartete ausf\u00fchrlich bewiesen, n\u00e4mlich dass jede Form von Nationalismus kontr\u00e4r zu einer libert\u00e4ren gesellschaftlichen Organisation steht und dass diese Gemeinschaft ganz anders definiert: &#8222;Gruppenzugeh\u00f6rigkeiten sollten am besten durch Gemeinschaften ersetzt werden \u0085 ohne R\u00fccksicht auf Geschlechter, ethnische Merkmale, sexuelle Vorlieben, F\u00e4higkeiten oder pers\u00f6nliche Neigungen. Ein solches Gemeinschaftsleben l\u00e4sst sich einzig durch eine neue Politik des libert\u00e4ren Munizipalismus wiedererlangen: durch die Demokratisierung der Gemeinden, sodass diese von den BewohnerInnen selbst verwaltet werden k\u00f6nnen, und durch die Schaffung einer Konf\u00f6deration dieser Gemeinden, um eine duale Gegenmacht zum Nationalstaat aufzubauen.&#8220;<\/p>\n<p>Hier spricht Bookchin von der &#8222;dualen Gegenmacht&#8220; und so schlie\u00dft sich folgerichtig der n\u00e4chste Aufsatz zur Spanischen Revolution mit der Aussage an, die CNT habe die Macht, die sie 1936 in Katalonien bereits in H\u00e4nden hielt, aus ideologischen, anarchistischen Gr\u00fcnden nicht in Gegenmacht umsetzen wollen und auf diese Weise viele \u00fcberzeugte Revolution\u00e4re der Reaktion ausgeliefert.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber l\u00e4sst sich trefflich streiten und in dieser Verk\u00fcrzung, den Blick nur auf Barcelona zu richten, \u00fcbersieht Murray, dass die CNT die politischen Verh\u00e4ltnisse in Gesamtspanien in den Blick nehmen musste und deshalb manche Entscheidung nicht zu treffen wagte, die sie &#8222;ideologisch anarchistisch&#8220; gerne getroffen h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Das letzte Kapitel in diesem Buch besch\u00e4ftigt sich mit der &#8222;Zukunft der Linken&#8220; und mit Bookchins eigener Abkehr vom Anarchismus &#8211; nach 40 Jahren.<\/p>\n<p>Eine lesenswerte Auseinandersetzung, die jedoch sehr darauf beruht, dem Anarchismus einen zu gro\u00dfen Hang zum Individualismus und damit zu einer Beliebigkeit, Verherrlichung der Vielfalt oder gar Realit\u00e4tsferne vorzuwerfen. Hier w\u00fcrde sich eine Diskussion lohnen. Von den Hinweisen auf eine zuk\u00fcnftige Revolutionierung der Gesellschaft aus diesem Kapitel seien abschlie\u00dfend zwei Gedanken zitiert, die deutlich machen, wie sehr Bookchin der Aufkl\u00e4rung und somit letztlich auch Adorno verpflichtet ist:<\/p>\n<p>&#8222;Die Verfassung und die Gesetze der (libert\u00e4ren) Gemeinschaft sollten die Pflichten und Rechte der B\u00fcrgerInnen festlegen, sollten also den Bereich des Notwendigen und den Bereich der Freiheit ausdr\u00fccklich verdeutlichen. Das Leben der Gemeinschaft wird durch Gesetze, nicht willk\u00fcrlich durch Menschen, bestimmt.<\/p>\n<p>Gesetze als solche sind nicht unbedingt unterdr\u00fcckerisch&#8230;&#8220; und &#8222;Eine revolution\u00e4re Politik bek\u00e4mpft nicht die Existenz von Institutionen an sich, sondern beurteilt vielmehr, ob eine bestimmte Institution freiheitlich und rational oder aber unterdr\u00fcckerisch und irrational ist.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Libert\u00e4rer Kommunalismus und die Zukunft der Linken&#8220; hei\u00dft der Untertitel des vom Unrast-Verlag vorgelegten neuen Buchs von Murray Bookchin. Herausgegeben von Debbie Bookchin und Blair Taylor und 2015 in London ver\u00f6ffentlicht. Eine schnelle \u00dcbersetzung ins Deutsche von Sven Wunderlich erm\u00f6glichte eine fast zeitgleiche deutschsprachige Ausgabe. Insofern eine gro\u00dfe Leistung f\u00fcr einen kleinen Verlag. 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