{"id":15141,"date":"2016-03-01T00:00:00","date_gmt":"2016-02-29T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2016\/03\/haeuslebauen-mal-anders\/"},"modified":"2022-07-26T14:11:58","modified_gmt":"2022-07-26T12:11:58","slug":"haeuslebauen-mal-anders","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/03\/haeuslebauen-mal-anders\/","title":{"rendered":"H\u00e4uslebauen mal anders"},"content":{"rendered":"<p>In Zeiten, in denen bezahlbarer Wohnraum zur Rarit\u00e4t wird, Investor_innen h\u00e4ufig den Ton auf dem Immobilienmarkt angeben und fast alle wissen, was unter Gentrifidingsbums zu verstehen ist, macht eine gute Idee langsam Schule.<\/p>\n<p>Im Grunde geht es um etwas Paradoxes: Wir bauen &#8222;eigene Mietsh\u00e4user&#8220;. 150 Personen werden Mieter_in und Vermieter_in in einer Person, die SZ nannte uns die &#8222;Entprivatisierer&#8220;, die gute Idee nennen wir Mietsh\u00e4user Syndikat. Bundesweit gibt es bereits \u00fcber 100 Projekte, die sich mit dem Mietsh\u00e4user Syndikat zusammengeschlossen haben. H\u00e4ufiger wurden H\u00e4user gekauft und renoviert, seltener neue gebaut.<\/p>\n<h3>Mietsh\u00e4user Syndikat<\/h3>\n<p>Die Idee des Mietsh\u00e4user Syndikats kommt urspr\u00fcnglich aus der Freiburger Hausbesetzer_innen-Szene. Sie entstand im Zuge der Besetzung des sogenannten Grethergel\u00e4ndes in den sp\u00e4ten 1980ern. Die R\u00e4ume dieser ehemaligen Eisengie\u00dferei wurden der Stadt abgerungen und bewohnbar gemacht, dabei entstand jedoch ein Finanzierungsproblem. Wie weiter? Fertige Konzepte gab es nicht. In einer Arbeitsgruppe stellten die Aktivist_innen fest, dass nach jeder Anfangsphase eines Wohnprojekts die finanziellen Belastungen mit der Zeit weniger w\u00fcrden. So kam die Idee auf, dass nach einigen Jahren und Jahrzehnten immer mehr \u00f6konomischer Spielraum entsteht, mit dem man neue Projekte anschieben und durch praktisches Know-how unterst\u00fctzen kann. Dieser solidarische Gedanke ist von Anbeginn tief im Konzept des Mietsh\u00e4user Syndikats verwurzelt.<\/p>\n<p>Nun musste noch sichergestellt werden, dass die einmal angeeigneten H\u00e4user nie wieder auf dem weniger solidarisch ausgerichteten Immobilienmarkt landen. In der Rechtsform der GmbH fand man geeignete Regelungen. Ein Gesellschafter der Haus-GmbH ist das Mietsh\u00e4user Syndikat, der andere der jeweilige Hausverein. In letzterem sind die aktuellen Hausbewohner_innen organisiert, das Mietsh\u00e4user Syndikat \u00fcbernimmt mit seinem Gesellschafteranteil eine W\u00e4chterfunktion.<\/p>\n<p>Die Satzung der GmbH legt fest, dass ein Hausverkauf nur dann m\u00f6glich ist, wenn beide Gesellschafterinnen zustimmen. Abgesehen von diesen Vorgaben steht das Mietsh\u00e4user Syndikat dem Hausverein haupts\u00e4chlich beratend zur Seite: Das Rad muss nicht immer wieder neu erfunden werden, wenn H\u00e4user dem Wohnungsmarkt entzogen werden sollen! Mittels Handbuch und Jahrzehnte langer Erfahrung ist das Mietsh\u00e4user Syndikat ein wertvoller Verb\u00fcndeter auf dem doch auch steinigen Weg.<\/p>\n<h3>Von Finanzierungsh\u00fcrden und Kleinanleger_innen<\/h3>\n<p>Rund vierzehn Millionen Euro kosten die drei neu entstehenden H\u00e4user samt der Grundst\u00fccke, die im Freiburger Stadtteil Gutleutmatten gebaut werden.<\/p>\n<p>Wie k\u00f6nnen das Menschen finanzieren, die kaum Eigenkapital besitzen und gerade deshalb auf bezahlbaren Wohnraum angewiesen sind?<\/p>\n<p>Wir finanzieren die H\u00e4user \u00fcber Kredite: Einerseits haben wir Bankkredite (L-Bank und Sparkasse), andererseits Privatkredite, sogenannte Direktkredite bekommen. Die zinsfreien Landeskredite f\u00fcr sozialen Wohnungsbau von der L-Bank machen einen gro\u00dfen Posten aus.<\/p>\n<p>Hinzu kommen F\u00f6rdermittel der KfW f\u00fcr energetisch anspruchsvolles Bauen und Barrierefreiheit. F\u00fcr die Kredite der Banken ist jedoch Eigenkapital n\u00f6tig, das die k\u00fcnftigen Mieter_innen selbst nicht besitzen. Als Ausweg aus dem Dilemma bietet sich eine Abk\u00fcrzung an: der Direktkredit. Menschen, die das Projekt kennen und unterst\u00fctzenswert finden, k\u00f6nnen Ersparnisse direkt bei dem Hausverein bzw. der GmbH anlegen &#8211; frei nach dem Motto: &#8222;Lieber 1.000 Freunde im R\u00fccken als eine Bank im Nacken.&#8220; Direktkredite sind viele kleine (und auch gr\u00f6\u00dfere) Betr\u00e4ge ab 500 Euro, die Unterst\u00fctzer_innen dem Projekt zu moderaten Zinsen zur Verf\u00fcgung stellen. Die Mieteinnahmen flie\u00dfen dann in Zins und Tilgung, wie auch bei einem ganz &#8222;normalen&#8220; Mietshaus, nur dass eben keine Traumrenditen auf dem R\u00fccken der Mieter_innen erwirtschaftet werden.<\/p>\n<p>So bleiben die Mieten auf Dauer sozialvertr\u00e4glich. Direktkreditgeber_in k\u00f6nnen alle werden, die in sozialen Wohnungsbau investieren wollen ((1)).<\/p>\n<p>Mit der Neuformulierung des Verm\u00f6gensanlagegesetzes im September 2014 wollte die Bundesregierung vorgeblich Kleinanleger_innen vor riskanten Finanzprodukten sch\u00fctzen. Nebenwirkung w\u00e4re in der urspr\u00fcnglichen Fassung jedoch gewesen, dass s\u00e4mtliche Projekte, die sich \u00fcber Direktkredite von Unterst\u00fctzer_innen finanzieren, in ihrer Existenz stark bedroht gewesen w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Das 3H\u00e4userProjekt machte sich an einem Freiburger Runden Tisch gemeinsam mit dem Mietsh\u00e4user Syndikat, Freien Schulen, Energiegenossenschaften, Wohngenossenschaften und anderen Vertreter_innen der solidarischen Wirtschaft daf\u00fcr stark, dass das Gesetz abge\u00e4ndert wurde. Bundesweit ackerten Initiativen daf\u00fcr, dass sie weiterhin Direktkredite f\u00fcr ihre Projekte einwerben d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Mit Erfolg: Das im April 2015 endg\u00fcltig verabschiedete Kleinanlegerschutzgesetz ber\u00fccksichtigt die Belange solidarisch wirtschaftender Projekte.<\/p>\n<h3>Wer wir sind und was wir tun<\/h3>\n<p>Neben der politischen Arbeit engagieren wir uns haupts\u00e4chlich in Arbeitsgruppen. Ende M\u00e4rz 2014 starteten wir im 3H\u00e4userProjekt optimistisch in das f\u00fcr uns komplette Neuland. Im 3H\u00e4userProjekt haben wir &#8211; der Name h\u00e4lt, was er verspricht &#8211; drei Hausvereine gegr\u00fcndet, die im Freiburger Westen drei neue H\u00e4user bauen. Die Hausvereine sind aus unterschiedlichen Initiativen entstanden: Im Hausverein LAMA sind Personen organisiert, die derzeit schon in einem Mietshaus zusammenwohnen, welches aber seit dem Verkauf an eine Investorengruppe von Gentrifizierung bedroht ist. Mehrere Versuche, das Haus selbst in Kooperation mit dem Mietsh\u00e4user Syndikat zu erwerben, scheiterten.<\/p>\n<p>Die Gruppe Luftschloss sucht seit vielen Jahren nach einer bezahlbaren Immobilie f\u00fcr ein gemeinschaftliches Hausprojekt in Freiburg. Der Wunsch nach selbstbestimmtem Wohnen, nach Gemeinschaft und dem solidarischen Teilen von Ressourcen hat sie als Gruppe zusammengebracht.<\/p>\n<p>schwereLos ist die &#8222;j\u00fcngste&#8220; Gruppe im 3H\u00e4userProjekt. Die Kaufoption f\u00fcr das Grundst\u00fcck, auf dem schwereLos bauen wird, hat der Bauverein &#8222;Wem geh\u00f6rt die Stadt?&#8220; e.V. &#8211; ein wohnungspolitisch aktiver Ableger des Mietsh\u00e4user Syndikats &#8211; im st\u00e4dtischen Losverfahren gewonnen.<\/p>\n<p>Alle drei H\u00e4user garantieren mit 70% Wohnungen f\u00fcr Menschen mit Wohnberechtigungsschein deutlich mehr gef\u00f6rderten Wohnraum, als in der Ausschreibung f\u00fcr Gutleutmatten gefordert wurde. In allen drei H\u00e4usern reservieren wir zudem je eine Wohnung f\u00fcr Personen mit Fluchterfahrungen. Sch\u00f6n f\u00e4nden wir es, wenn auch diese Idee weitergetragen wird: W\u00fcrde bei jedem Neubau eine Wohnung oder ein Zimmer f\u00fcr Personen mit Fluchterfahrungen bereitgestellt werden, dann h\u00e4tten wir zumindest wohnungspolitisch eine sch\u00f6ne Alternative zu der grauseligen Lagervariante von LEAs und BEAs! Zudem bauen wir die H\u00e4user rollstuhlgerecht und doch billig, weil g\u00fcnstiger Wohnraum echte Mangelware geworden ist. Im gr\u00f6\u00dften Haus schwereLos ist auch noch Platz f\u00fcr eine KiTa.<\/p>\n<p>In regelm\u00e4\u00dfigen Treffen und Arbeitsgemeinschaften stimmen die Gruppen ihr Vorgehen miteinander ab, loten aus, wo Synergien entstehen k\u00f6nnen, und gehen den gemeinsamen Weg zu solidarischem Wohnen. Durch die Arbeit am 3H\u00e4userProjekt haben sich ganz unterschiedliche Menschen kennengelernt und viele Aktionen gemeinsam gestemmt: Gleichzeitig werden Baupl\u00e4ne gemacht, Bauantr\u00e4ge eingereicht, Infost\u00e4nde bei Flohm\u00e4rkten und Festen bestritten und viel, viel diskutiert und noch mehr Emails geschrieben und gelesen als jemals zuvor.<\/p>\n<p>Ganz klar geh\u00f6ren zu solch einem Vorhaben viel Engagement und Durchhalteverm\u00f6gen, jedoch m\u00fcssen nicht alle Personen alle Aufgaben bearbeiten, sondern engagieren sich arbeitsteilig im jeweiligen Hausverein, in den Arbeitsgruppen (Architektur, \u00d6ffentlichkeitsarbeit, Orga und Finanzen), auf dem Gesamtplenum oder bei Veranstaltungen des Mietsh\u00e4user Syndikats. Eine Durststrecke von ein bis zwei Jahren steht uns nun noch bevor, bis die H\u00e4user bezugsfertig sind. Wir freuen uns schon sehr auf diesen Zeitpunkt, endlich in Gemeinschaft und selbstbestimmt nicht nur zu leben, sondern auch zu wohnen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Zeiten, in denen bezahlbarer Wohnraum zur Rarit\u00e4t wird, Investor_innen h\u00e4ufig den Ton auf dem Immobilienmarkt angeben und fast alle wissen, was unter Gentrifidingsbums zu verstehen ist, macht eine gute Idee langsam Schule. Im Grunde geht es um etwas Paradoxes: Wir bauen &#8222;eigene Mietsh\u00e4user&#8220;. 150 Personen werden Mieter_in und Vermieter_in in einer Person, die SZ &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/03\/haeuslebauen-mal-anders\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"H\u00e4uslebauen mal anders - graswurzelrevolution","description":"In Zeiten, in denen bezahlbarer Wohnraum zur Rarit\u00e4t wird, Investor_innen h\u00e4ufig den Ton auf dem Immobilienmarkt angeben und fast alle wissen, was unter Gentrif"},"footnotes":""},"categories":[885,1042],"tags":[],"class_list":["post-15141","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-407-maerz-2016","category-ohne-chef-und-staat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15141","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=15141"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15141\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=15141"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=15141"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=15141"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}