{"id":15144,"date":"2016-03-01T00:00:00","date_gmt":"2016-02-29T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2016\/03\/anarchosyndikalismus-als-alternative\/"},"modified":"2022-07-26T14:11:58","modified_gmt":"2022-07-26T12:11:58","slug":"anarchosyndikalismus-als-alternative","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/03\/anarchosyndikalismus-als-alternative\/","title":{"rendered":"Anarchosyndikalismus als Alternative"},"content":{"rendered":"<p><b>Graswurzelrevolution (GWR): Wie bist Du aufgewachsen?<\/b><\/p>\n<p><i>Heiko Maiwald:<\/i> Ich bin in der DDR aufgewachsen, im Ostteil Berlins, in Friedrichshain.<\/p>\n<p>Da habe ich die ersten Jahre gelebt, bin als Kind einige Male umgezogen, habe dann bis 1987 in Hennigsdorf gewohnt, einer zumindest damals bedeutenden Industriestadt bei Berlin, quasi im Speckg\u00fcrtel von Berlin gelegen. Sp\u00e4ter habe ich meine Jugend im heutigen Sachsen-Anhalt verbracht. Wir sind in den Bezirk Magdeburg gezogen. Immer mit unseren Eltern mit, die haben des \u00d6fteren ihre Jobs gewechselt.<\/p>\n<p><b>GWR: Wie bist Du dann auf den Anarchismus beziehungsweise den Anarchosyndikalismus gesto\u00dfen?<\/b><\/p>\n<p><i>Heiko Maiwald:<\/i> \u00dcber Umwege. Ich bin relativ fr\u00fch als Jugendlicher quasi in eine oppositionelle Haltung zur bestehenden Gesellschaftsordnung geraten, habe mich viel mit Theorie besch\u00e4ftigt, bin letztendlich \u00fcber den R\u00e4tekommunismus zum Anarchismus gekommen, eigentlich \u00fcber Erich M\u00fchsam, wenn man Namen nennen m\u00f6chte. Es wurde auch in der DDR viel \u00fcber und viel von Erich M\u00fchsam publiziert.<\/p>\n<p>Die Schriften waren zug\u00e4nglich. Es waren insbesondere B\u00fccher von Peter Kropotkin und M\u00fchsam, die mir die T\u00fcr aufstie\u00dfen. Das war mein Zugang zum Anarchismus.<\/p>\n<p><b>GWR: Wann war das ungef\u00e4hr?<\/b><\/p>\n<p><i>Heiko Maiwald:<\/i> Heiko Maiwald: Den wirklichen Zugang zum Anarchismus habe ich eigentlich erst nach der Wende gefunden. Ein diffuses Verst\u00e4ndnis vom Anarchismus hatte ich schon von jeher, eigentlich schon als Heranwachsender. Ich hatte schon l\u00e4nger eine gewisse Idee davon, konnte sie aber nicht so genau konkretisieren. Ich glaube, dass es viele Menschen gibt, die so zum Anarchismus gefunden haben, viele schon so diffuse Vorstellungen in sich tragen, vielleicht sogar auch schon relativ konkret ausgestaltet. Und dass sie irgendwann auf diese Ideen, die sie mit sich herumtragen, Antworten finden.<\/p>\n<p><b>GWR: Viele Menschen denken bis heute, Anarchie sei Chaos und Terror. Was bedeutet Anarchie f\u00fcr Dich?<\/b><\/p>\n<p><i>Heiko Maiwald:<\/i> Ich bin an sich ein friedfertiger Mensch, und ich denke, das sind die meisten Menschen. Ich habe ein ganz anderes Verst\u00e4ndnis von Anarchie und Anarchismus. F\u00fcr mich ist Anarchismus die pers\u00f6nliche und gesellschaftliche Freiheit mit Verantwortung. Die Idee setzt viele Tugenden voraus, die aber Menschen auch mit sich bringen: eine gewisse Verbindlichkeit, ein gewisses Vertrauen, Verantwortlichkeit, Selbstdisziplin, auch wenn das vielleicht zurzeit ein Begriff ist, der nicht so &#8222;anarchismus-konform&#8220; ist. Es bedeutet, sich verantwortlich f\u00fchlen und verhalten.<\/p>\n<p><b>GWR: Wie hat Dein Umfeld auf Deine Hinwendung zum Anarchismus reagiert? Deine Geschwister, Deine Eltern, Deine Bekannten?<\/b><\/p>\n<p><i>Heiko Maiwald:<\/i> Das war sehr unterschiedlich. Letztendlich bin ich ja in einem Freundeskreis verkehrt, wo alle \u00e4hnliche Ideen wie ich hatten. Meine Eltern standen am Anfang sehr skeptisch diesen Ideen und meinem Engagement gegen\u00fcber. Ich habe mich fr\u00fch in dieser Richtung engagiert. Das war nat\u00fcrlich sehr vorurteilsbehaftet. Es gibt ja so Stichworte, die man gemeinhin mit Anarchie und Anarchismus verbindet. Und nat\u00fcrlich sind meine Eltern und mein Umfeld nicht frei davon gewesen. Da waren jede Menge \u00c4ngste im Spiel. Aber im Laufe meiner Geschichte hat sich herauskristallisiert, dass die Dinge, die ich mache, eigentlich relativ vern\u00fcnftig sind, dass es auch Sachen sind, die durchaus einen gewissen Nutzen bringen. Von daher ist die Akzeptanz gestiegen. Manche Dinge, die ich mittlerweile mache, finden sie auch gut, glaube ich.<\/p>\n<p><b>GWR: War das schon zu DDR-Zeiten oder praktisch nach der Wende?<\/b><\/p>\n<p><i>Heiko Maiwald:<\/i> Das war ein schleichender Prozess. Ich bin relativ fr\u00fch in Opposition geraten, das war ungef\u00e4hr 1988, also noch vor der Wende-Zeit. Ich habe mich damals bestimmten Dingen verweigert, die gegeben oder vorgezeichnet waren. Jeder hat die mitgemacht, und ich bin an der Stelle ausgeschert. Das hat erst einmal im kleineren Kreis f\u00fcr Aufsehen gesorgt, zum Beispiel in der Schule. Aber es nahm auch gr\u00f6\u00dfere Kreise an, weil das Umfeld immer mit einbezogen wurde, wenn ein Jugendlicher eine Meinung vertrat, die nicht systemkonform war. Meine Eltern waren wenig davon begeistert, dass ich so ein Aufsehen errege, klar. Aber sie haben mir damals, f\u00fcr mich \u00fcberraschend, auch den R\u00fccken gest\u00e4rkt. Sie haben mir klar gesagt, und ich werde diese Worte niemals vergessen: &#8222;Du entscheidest \u00fcber Dein Leben, und niemand sonst sollte Dir da hineinreden.&#8220; Das ist quasi meine Leitlinie geworden, die habe ich weiter verfolgt. Ich habe meine Eltern in der damaligen Phase, als ich wirklich Druck und Stress hatte, als unterst\u00fctzend erlebt. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich im Bezirk Magdeburg gelebt. Zehn Jahre sp\u00e4ter, lange nach der Wende, bin ich nach Niedersachsen gezogen.<\/p>\n<p><b>GWR: Und da bist Du dann zur FAU gesto\u00dfen?<\/b><\/p>\n<p><i>Heiko Maiwald:<\/i> Eigentlich bin ich das schon fr\u00fcher. Ich habe die FAU am Rande schon Anfang der 1990er mitgekriegt. Es gab damals Leute, die die Zeitung der FAU verkauft haben, die DA. Ich glaube, dass die mir in Chemnitz zum ersten Mal \u00fcber den Weg gelaufen sind, bei einer Demonstration. Ich habe die Zeitung gekauft und mich Jahre sp\u00e4ter lediglich daran erinnert, dass es da schon etwas gab, was meinen Vorstellungen zu jenem Zeitpunkt, also 1997, am n\u00e4chsten kam. Ich habe Kontakt zur FAU aufgenommen, als ich noch in Sachsen-Anhalt gelebt habe, und bin im April 1998 beigetreten.<\/p>\n<p><b>GWR: Die Direkte Aktion erscheint seit 1977 als anarchosyndikalistische Zeitung. Du schreibst schon lange f\u00fcr DA und GWR. Vielleicht erz\u00e4hlst Du ein bisschen \u00fcber diese Zeit, vor allem bei der DA?<\/b><\/p>\n<p><i>Heiko Maiwald:<\/i> Die DA ist im Wesentlichen so alt wie die FAU. Und war lange ihr wichtigstes Medium nach au\u00dfen. Heute spielen, wie \u00fcberall, auch die Neuen Medien, also das Internet, eine wichtige Rolle. Die DA ist die langlebigste anarchosyndikalistische und (nach der seit 1972 erscheinenden Graswurzelrevolution) die zweit\u00e4lteste anarchistische Zeitschrift im deutschsprachigen Raum. Sie hat sich im Laufe der Jahrzehnte von einem relativ theoretischen Organ hin zu einer Gewerkschaftszeitung entwickelt. Letztendlich ist das auch die Entwicklung, die die FAU gemacht hat. Die DA ist ein Spiegelbild davon.<\/p>\n<p><b>GWR: Die meisten Zeitungen und Zeitschriften haben einen Chefredakteur, sind hierarchisch von oben nach unten gegliedert. Anders die Graswurzelrevolution. Sie hat einen Koordinationsredakteur und ist basisdemokratisch organisiert. Alle Entscheidungen werden im Konsens des GWR-HerausgeberInnenkreises gef\u00e4llt. Erz\u00e4hl bitte mal, wie das bei der Direkten Aktion aussieht? Wie trefft Ihr Entscheidungen?<\/b><\/p>\n<p><i>Heiko Maiwald:<\/i> Bei der DA werden die Redaktionen gew\u00e4hlt. Sie bestehen aus diversen Teilredaktionen, die die gesamte Redaktion stellen und die daf\u00fcr sorgen, dass die DA zweimonatlich erscheinen kann. Die Arbeit ist ehrenamtlich, die Mandate rotieren auch, das hei\u00dft, dass zum Beispiel eine Redaktion, die dieses Jahr von Hannover besetzt wird, n\u00e4chstes Jahr von Berlin gestellt werden k\u00f6nnte. Es gibt keine dauerhaften Redaktionen, die da eingesetzt werden, es gibt keine Redaktion auf Lebenszeit. Wir machen das ehrenamtlich in unserer Freizeit, nicht nur die redaktionelle Arbeit, sondern auch die Artikel, die beigesteuert werden. Die werden von Mitgliedern geliefert oder auch von Leuten, die au\u00dferhalb der FAU stehen.<\/p>\n<p><b>GWR: Es gab ja auch eine rege anarchistische Bewegung in der DDR, also mit &#8222;Kopfsprung&#8220;, einer Untergrundzeitung, dann &#8222;Umweltbl\u00e4tter&#8220;, &#8222;telegraph&#8220;, &#8222;MoAning Star&#8220; und so weiter. Eine ganze Reihe von kleinen, aber vitalen, anarchistisch verfassten Publikationen, die meistens mit dem Zusatz &#8222;Nur zur innerkirchlichen Information&#8220; erschienen, weil sie nur unter dem Dach der Kirche legal produziert werden konnten. Wie hast Du damals die Wende erlebt, in der Zeit um 1989\/1990?<\/b><\/p>\n<p><i>Heiko Maiwald: <\/i>F\u00fcr mich war die Wende-Zeit tats\u00e4chlich Befreiung und Aufbruch. Ich habe sie als intensivste Zeit meines Lebens in Erinnerung behalten. Es waren wenige Monate, aber es war f\u00fcr mich pers\u00f6nlich der Moment, wo man Freiheit sehen, schmecken, f\u00fchlen, anfassen konnte. Und dieser Moment ist geblieben; er hat mich bis heute nachhaltig gepr\u00e4gt; es ist ein Zustand, auf den ich wieder hin arbeiten m\u00f6chte. Ich m\u00f6chte genau wieder an dieser Stelle stehen, wo \u00fcberkommene gesellschaftliche Verh\u00e4ltnisse aufh\u00f6ren zu existieren, wo etwas Neues entsteht, wo f\u00fcr neue M\u00f6glichkeiten Potentiale freigesetzt werden, wo Freiheit pur entsteht.<\/p>\n<p><b>GWR: Es gab damals viele Freir\u00e4ume, die sich die Menschen einfach genommen haben. 1990 gab es allein in Ost-Berlin 130 instandbesetzte H\u00e4user. Auch in Potsdam, Leipzig und anderen DDR-St\u00e4dten wurden viele H\u00e4user besetzt. Es gab Freie Schulen, zum Beispiel wurde in Leipzig die Freie Schule im Sommer 1990 gegr\u00fcndet, noch ohne Konzept, aber direkt von der Oppositionsbewegung legalisiert. Im Grunde kann man sagen, dass es tempor\u00e4r ein gro\u00dfer freiheitlicher Aufbruch gewesen ist, der zum Teil durch die Wiedervereinigung zur\u00fcckgedr\u00e4ngt wurde. Es gab dann nach dem 3. Oktober 1990 die brutalen R\u00e4umungen in der Mainzer Stra\u00dfe und so weiter. In gewisser Weise war das eine Konterrevolution durch den Nationalismus, der gesch\u00fcrt wurde. Es war urspr\u00fcnglich keine nationalistische Bewegung in der DDR, sondern eine Befreiungsbewegung, eine gewaltfreie Bewegung von unten. Das wurde teilweise durch den Nationalismus, der auch von Westdeutschland gepuscht wurde, in ganz andere Bahnen gelenkt. Da ist viel verloren gegangen. Ich denke, dass wir, wie Du eben gesagt hast, darauf hinarbeiten sollten, dass eine solche Revolution praktisch wieder realisiert werden k\u00f6nnte. Wie kamst Du zum Anarchosyndikalismus? Was hat Dich da beeinflusst? Erz\u00e4hl bitte mehr zur FAU, in der Du organisiert bist.<\/b><\/p>\n<p><i>Heiko Maiwald:<\/i> Pers\u00f6nlich bin ich \u00fcber die Durruti-Biographie von Abel Paz zum Anarchosyndikalismus gekommen, die mich sehr beeindruckt hat und 1993 im Nautilus Verlag erschienen ist. Ich habe gemerkt: Das ist es, das ist der konkrete Weg! Der Anarchosyndikalismus ist das konkreteste Angebot, wie eine freie Gesellschaft zu erreichen ist. Ich bin seit 1998 Mitglied der FAU, bin ein Jahr sp\u00e4ter nach Hannover gezogen und geh\u00f6re seitdem dort der FAU an. Die bundesweite FAU ist eine Gewerkschaftsf\u00f6deration und baut sich von unten nach oben auf, aus lokalen Gewerkschaftsgruppen, Syndikate genannt, die sich vor Ort zu Lokalf\u00f6derationen zusammen schlie\u00dfen, wenn es mehrere Gruppen gibt, und in Regionen bis hin zur bundesweiten FAU. Wir haben auch einen internationalen Verband, sind international mit anderen Gewerkschaften vernetzt, nicht nur \u00fcber die Internationale ArbeiterInnen-Assoziation (IAA).<\/p>\n<p>Das gleiche Prinzip wie bei der DA kommt in der FAU zur Anwendung: Mitglieder werden von der Gewerkschaftsbasis auf Zeit in verantwortungsvolle Positionen gew\u00e4hlt, sind der Basis rechenschaftspflichtig und \u00fcben ihr Mandat ehrenamtlich aus. Die Funktionen rotieren.<\/p>\n<p><b>GWR: Wie sieht Eure Arbeit lokal aus? <\/b><\/p>\n<p><i>Heiko Maiwald:<\/i> In Hannover machen wir ganz konkrete Gewerkschaftsarbeit. Wir haben uns vor einiger Zeit neu aufgestellt. Im Moment gibt es zwei Syndikate in Hannover, einmal die Gewerkschaft Gesundheits- und Soziale Berufe, der ich als Krankenpfleger angeh\u00f6re, und dann das Allgemeine Syndikat, wo alle anderen Berufe organisiert sind.<\/p>\n<p>Als GGB organisieren wir das Gesundheits- und Sozialwesen, also Erzieherinnen, Erzieher, Krankenschwestern, Krankenpfleger, \u00c4rzte und \u00c4rztinnen, andere Heilberufe, Sozial Arbeitende. Uns geht es darum, unsere Lebens- und Arbeitsbedingungen zu verbessern. Das ist das konkrete Angebot, das wir interessierten Menschen machen k\u00f6nnen, dass sie sich bei uns organisieren und wir fortan gemeinsam daf\u00fcr eintreten, dass sich etwas bei ihnen im Job zu ihren Gunsten ver\u00e4ndern kann.<\/p>\n<p>Wir machen Betriebsarbeit, beteiligen uns an Arbeitsk\u00e4mpfen. Einmal im Monat bietet die FAU Hannover eine gewerkschaftliche Beratung an, wo all jene Unterst\u00fctzung finden, die mit Problemen im Job ringen. Dar\u00fcber hinaus halten wir regelm\u00e4\u00dfig Schulungsseminare ab, mit Schwerpunkt auf betriebliche Organisierung sowie Arbeitsrecht. Das Allgemeine Syndikat ist derzeit sehr r\u00fchrig gegen Union Busting (Gewerkschaftssprengung), macht mit \u00f6ffentlichkeitswirksamen Aktionen auf seine Akteure aufmerksam, unterst\u00fctzt betroffene Kolleginnen und Kollegen, auch die Mitglieder anderer Gewerkschaften. Unsere AG Stadtteilpolitik ist in die hier im Entstehen begriffene Bewegung gegen Zwangsr\u00e4umungen eingebunden. In naher Zukunft wollen wir in Hannover ein eigenes FAU-Lokal er\u00f6ffnen und treffen seit Monaten alle daf\u00fcr n\u00f6tigen Vorbereitungen.<\/p>\n<p><b>GWR: Du hast erz\u00e4hlt, dass Dich die Biographie \u00fcber Durruti, den ber\u00fchmten spanischen Anarchosyndikalisten, beeindruckt hat. Kannst Du etwas \u00fcber die Spanische Revolution erz\u00e4hlen, die sich im Juli 2016 zum 80. Mal j\u00e4hrt?<\/b><\/p>\n<p><i>Heiko Maiwald:<\/i> Die Spanische Revolution war bisher der gr\u00f6\u00dfte und weitestgehende Versuch, eine libert\u00e4re Gesellschaft aufzubauen. Der Schwerpunkt lag damals in Katalonien, einem industriell gepr\u00e4gten Gebiet. Aber auch in eher landwirtschaftlichen Regionen wurden Strukturen etabliert, die aus der Gewerkschaft, der CNT, heraus entstanden und in Spanien die anarchistische Gesellschaft vorwegnahmen bzw. die Kurs darauf nahmen, eine solche aufzubauen. Kollektivierungen fanden im gro\u00dfen Ma\u00dfe statt, nicht nur in der Industrie, sondern auch in der Landwirtschaft. Die Verteilung der Produkte, das ganze Zusammenleben wurde selbstorganisiert. Der Verkehr, das Gesundheitswesen, das Schulsystem &#8211; s\u00e4mtliche Lebens- und Wirtschaftsstrukturen wurden grundlegend umgew\u00e4lzt. In Spanien gab es den bis heute konkretesten Versuch.<\/p>\n<p><b>GWR: Welche Literatur w\u00fcrdest Du zum Thema Spanische Revolution empfehlen?<\/b><\/p>\n<p><i>Heiko Maiwald:<\/i> Da gibt es eine ganze Reihe von B\u00fcchern in kleineren Verlagen, die man aber in gut sortierten Buchl\u00e4den finden und im Internet bestellen kann, die sich explizit mit der Spanischen Revolution oder mit Teilfragen besch\u00e4ftigen. Ich bin ein bisschen \u00fcberfordert, da jetzt einen \u00dcberblick zu geben. (lacht)<\/p>\n<p><b>GWR: Auch bei der Edition AV und im Verlag Graswurzelrevolution gibt es etliche B\u00fccher zum Spanischen B\u00fcrgerkrieg, die ich empfehlen kann. Viele dieser Verlage werden auch im M\u00e4rz auf der Leipziger Buchmesse sein. Als AnarchistInnen stellen wir uns ja die Frage: Wie kann man Anarchie erreichen? In Spanien ist 1936 viel umgesetzt worden, es gab \u00fcber 3.000 Freie Schulen, es gab ein riesiges Alphabetisierungsprogramm. Gro\u00dfe Betriebe in Barcelona und weit dar\u00fcber hinaus wurden kollektiviert. Unter den schwierigen Bedingungen des B\u00fcrgerkriegs wurde versucht, die Gesellschaft anarchistisch zu organisieren. Wie stellst Du Dir vor, dass man heute oder in naher Zukunft eine herrschaftslose, gewaltfreie Gesellschaft realisieren k\u00f6nnte?<\/b><\/p>\n<p><i>Heiko Maiwald:<\/i> Ich denke, dass das ein sehr weiter Weg sein wird, dass man diesen Zustand, den man anstrebt, tats\u00e4chlich erreicht, wo man ab einem bestimmten Punkt sagen kann, das ist die Gesellschaftsordnung, die ich angestrebt habe. An diesem Punkt sind wir heute gewiss nicht, sondern es geht darum, \u00fcberhaupt erst einmal Menschen mit dieser Idee vertraut zu machen, diese Idee publik zu machen, uns bekannt zu machen und Leute zu begeistern, so dass sie sich mit uns gemeinsam f\u00fcr Teilaspekte, die unser Leben bestimmen, engagieren. F\u00fcr mich ist der Anarchosyndikalismus das Angebot, das wir machen k\u00f6nnen, dass sich \u00fcber eine gewerkschaftliche Sto\u00dfrichtung Menschen organisieren k\u00f6nnen, dass sie Verantwortung \u00fcbernehmen und Dinge anders handhaben, selbst organisieren, basisdemokratisch und verantwortlich. In der Organisationsform k\u00f6nnten die gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen, die wir anstreben, schon vorweggenommen werden. Meine pers\u00f6nlichen Ziele sind da bescheiden: Wenn ich am Lebensende eine Massenorganisation von 50.000 Mitgliedern in der FAU sehe, ist das f\u00fcr mich ein erstrebenswertes Ziel, und ich w\u00e4re damit zumindest f\u00fcr meinen Lebensabschnitt zufrieden. Ich denke, dass es viel l\u00e4nger dauern wird, bis unsere Ideen durch mehr K\u00f6pfe gegangen sind. Ein Trend der letzten Jahre ist, dass die FAU gr\u00f6\u00dfer wird und an Anziehungskraft gewinnt.<\/p>\n<p><b>GWR: Was wolltest Du schon immer mal sagen?<\/b><\/p>\n<p><i>Heiko Maiwald:<\/i> Kapitalismus ist die Zurichtung und Zerst\u00f6rung von Mensch und Natur. Doch der Kapitalismus ist nicht alternativlos.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution (GWR): Wie bist Du aufgewachsen? Heiko Maiwald: Ich bin in der DDR aufgewachsen, im Ostteil Berlins, in Friedrichshain. Da habe ich die ersten Jahre gelebt, bin als Kind einige Male umgezogen, habe dann bis 1987 in Hennigsdorf gewohnt, einer zumindest damals bedeutenden Industriestadt bei Berlin, quasi im Speckg\u00fcrtel von Berlin gelegen. 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