{"id":15152,"date":"2016-03-01T00:00:00","date_gmt":"2016-02-29T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2016\/03\/gegengeschichten-oder-versoehnung\/"},"modified":"2022-07-26T14:22:11","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:11","slug":"gegengeschichten-oder-versoehnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/03\/gegengeschichten-oder-versoehnung\/","title":{"rendered":"Gegengeschichten oder Vers\u00f6hnung?"},"content":{"rendered":"<p>Entsprechend volumin\u00f6s kommt das neue Buch von Alexandre Froidevaux daher. Auf 600 Seiten versucht er seine Forschungsergebnisse aus spanischen Archiven vorzustellen.<\/p>\n<p>Das Wort &#8222;Vers\u00f6hnung&#8220; im Titel bezieht er auf den Versuch, nach Francos Tod 1975 eine Vers\u00f6hnung der spanischen Gesellschaft herbeizuf\u00fchren, allerdings um den Preis des &#8222;Verdr\u00e4ngens&#8220;. So steht zu Recht ein Fragezeichen hinter diesem hohen Anspruch.<\/p>\n<p>Wie soll &#8222;Vers\u00f6hnung&#8220; entstehen, wenn Wahrheiten ausgeblendet, Massengr\u00e4ber verschwiegen und Tote nicht rehabilitiert werden?<\/p>\n<p>Der 1975 vereinbarte &#8222;Pakt des Vergessens&#8220; wirkt zum Teil bis heute nach. Zu viele Menschen aus allen politischen Lagern hatten Interesse, nicht allzu genau hinschauen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Seit 2007 intensiviert sich die Suche nach den &#8222;Verschwundenen&#8220; in Francos Diktatur. Das ging selbst in Argentinien und anderen oft geschm\u00e4hten lateinamerikanischen Gesellschaften schneller. Das gewaltsame &#8222;Verschwinden Lassen&#8220; von Menschen gilt immerhin seit 2002 im internationalen Recht als Verbrechen gegen die Menschlichkeit.<\/p>\n<p align=\"center\"><b>&#8222;Es gibt nur eine S\u00fcnde, die gegen die ganze Menschheit mit all ihren Geschlechtern begangen werden kann, und dies ist die Verf\u00e4lschung der Geschichte.&#8220; Christian Friedrich Hebbel (1813 &#8211; 1863), deutscher Dramatiker und Lyriker. Quelle: Hebbel, Tageb\u00fccher<\/b><\/p>\n<h3>Pr\u00e4gung<\/h3>\n<p>Ganz richtig stellt Froidevaux fest, dass die Erinnerungen an die Spanische Revolution das Selbstverst\u00e4ndnis linker Organisationen und AktivistInnen pr\u00e4gten.<\/p>\n<p>Pr\u00e4gten? Sie pr\u00e4gen auch weiterhin; und nicht nur in Spanien, in ganz Europa, in Lateinamerika und etwas abgemildert in vielen anderen Teilen der Welt. Wir werden es in den Jubil\u00e4umsjahren 2016 bis 2019 noch h\u00e4ufig beobachten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Im Augenblick tun sich z.B. Stuttgarter Kreise sehr schwer damit, zur Jubil\u00e4umsveranstaltung einen anarchistischen oder anarchosyndikalistischen Redebeitrag zuzulassen. Deshalb stimmt die These des Buches, dass von der Existenz verschiedener politischer Ged\u00e4chtnisse ausgegangen werden muss.<\/p>\n<p>Zus\u00e4tzlich stellt sich Froidevaux 12 komplexen Themenbereichen, angefangen von den Gr\u00fcnden f\u00fcr die innerorganisatorischen Spaltungen der spanischen Organisationen und Parteien, \u00fcber die Konflikte zwischen dem innerspanischen Widerstand und den ExilantInnen, der Problematik der T\u00e4ter und der Opfer bis hin zur Frage nach der Selbstkritik f\u00fcr die jeweils eigenen Leichen im Keller oder die Ans\u00e4tze f\u00fcr die Wiederaneignung der eigenen Geschichte.<\/p>\n<p>Dass dies nicht leicht zu bew\u00e4ltigen ist, wird durch die Aussage deutlich, dass Erinnerungskultur nicht statisch aufgefasst werden kann, sondern sich fortw\u00e4hrend in einem &#8222;gesellschaftlichen Aushandlungsprozess&#8220; befindet, in dem die Akteure versuchen, die Deutungshoheit \u00fcber die Ereignisse und das historische Erbe zu erlangen. In sich w\u00e4re dies bereits bedeutsam genug, da jedoch der zweite Aspekt, die Identifikation heutiger AktivistInnen mit ihren historischen Vorg\u00e4ngern, hinzukommt, gewinnen die identit\u00e4tsstiftenden Interpretationen Macht \u00fcber zuk\u00fcnftiges Handeln.<\/p>\n<h3>Die Francozeit<\/h3>\n<p>Gro\u00dfen Raum nehmen die zusammenfassenden Darstellungen der Francozeit und der Ereignisse zwischen dem Francoputsch 1936 und der Niederlage der Revolution und Republik 1939 ein.<\/p>\n<p>Mit dem franquistischen Staat begann die <i>nationale<\/i> Interpretation von Erinnerungskultur.<\/p>\n<p>Der &#8222;rote Terror&#8220; wurde aufgebauscht und ins kollektive Ged\u00e4chtnis eingebrannt, die eigenen Massenmorde mit bis zu 200.000 Opfern wurden vertuscht. Vom Gegner wurde als von den &#8222;Kommunisten&#8220; gesprochen, eine Unterscheidung wurde bewusst unterlassen, damit der pr\u00e4gende Anteil der AnarchistInnen und SozialistInnen in Vergessenheit geraten sollte und mit der Zeit verschwand.<\/p>\n<p>Bei den Revolutionsschilderungen folgt Froidevaux weitgehend den Untersuchungen von Walter L. Bernecker. Auff\u00e4llig ist, dass Froidevaux sich sehr auf die neueren Darstellungen st\u00fctzt.<\/p>\n<p>So liefern die Belege f\u00fcr die Maik\u00e4mpfe 1937 in Barcelona Reiner Tosstorff, Heleno Sana, Pierre Brou\u00e9, Emile T\u00e9mime, Hans Schafranek, Helen Graham, Michael Schumann und Heinz Auweder, Andreas Baumer und eben Walter L. Bernecker, w\u00e4hrend die ZeitzeugInnen, die zeitgen\u00f6ssischen AutorInnen oder die Darstellungen und Berichte aus den zeitgen\u00f6ssischen Zeitungen oder Briefen fehlen. Dies steht in einem seltsamen Widerspruch zu den zahlreichen Archivalien und Zeitungen, die Froidevaux f\u00fcr seine Gesamtdarstellung ausgewertet hat. Gerade weil er hier augenscheinlich viel Zeit und Arbeit investiert hat, h\u00e4tte ich mir an solchen Stellen mehr Details aus schwerer zug\u00e4nglichen Quellen erhofft.<\/p>\n<h3>Aufarbeitung linker Debatten<\/h3>\n<p>Die eigentliche Bedeutung der Arbeit Froidevaux liegt aber in der Aufarbeitung linker Debatten und Schuldzuweisungen: \u00fcber den Grund der Niederlage, \u00fcber die Maik\u00e4mpfe 1937, \u00fcber Casados Absetzung der Negrin-Regierung 1939, \u00fcber den m\u00f6glichen Widerstand in Francos Spanien, \u00fcber die wirklichen und vermeintlichen B\u00fcndnispartner und \u00fcber das schwierige Verh\u00e4ltnis zwischen Exil und Untergrundarbeit innerhalb der Diktatur. Langsam begann die selbstkritische Analyse der AnarchosyndikalistInnen, weshalb die Revolution verloren ging, ob die Regierungsbeteiligung der entscheidende Fehler war oder die Aufgabe der revolution\u00e4ren Milizen.<\/p>\n<p>Sobald es um Erinnerungskultur und innerorganisatorische Debatten geht, greift Froideveaux auf Originalquellen zur\u00fcck und wertet zahlreiche Zeitungen aus. In diesem Zusammenhang formuliert er eine entscheidende Erkenntnis: &#8222;Andererseits waren sich die Anarchisten ab dem Juli 1936 schlagartig bewusst geworden, dass die Revolution freiheitlich nur sein konnte, wenn ein Gro\u00dfteil des Volkes sie mittrug. Selbst in der republikanischen Zone hatte es jedoch starke Kr\u00e4fte gegeben, die hierzu nicht bereit waren.<\/p>\n<p>Eine anarchistische Revolution h\u00e4tte deshalb autorit\u00e4re Ma\u00dfnahmen ergreifen m\u00fcssen, was ihrer Ethik widersprach. Auf dieses Dilemma waren CNT und FAI nicht vorbereitet gewesen.&#8220;<\/p>\n<p>H\u00e4tten sie es sein k\u00f6nnen? Lehren aus den vorausgegangenen Revolutionen konnten sie jedenfalls nicht ziehen, es sei denn als Best\u00e4tigung dieses Dilemmas, denn hatten die vorausgegangenen Revolutionen nicht genau aus diesem Grund im Terror geendet? Dem Terror Robespierres, dem Terror Stalins oder, weil die R\u00e4terevolution in ihrem fr\u00fchen Stadium nicht erfolgreich genug war, in dem Terror der konterrevolution\u00e4ren, von der SPD bezahlten, rechtsradikalen Freikorps?<\/p>\n<p align=\"center\"><b>&#8222;Da das Buch im anarchistischen Graswurzelverlag erschienen ist, muss man sich nicht wundern, dass phantastischen Auffassungen von der \u0082Befreiung von der Arbeit&#8216; breiter Raum gew\u00e4hrt wird.&#8220; (Der bekennende Stalinist Dr. Seltsam am 30.1.2016 in der marxistischen Tageszeitung &#8222;junge Welt&#8220; \u00fcber das Buch &#8222;Gegengeschichten oder Vers\u00f6hnung?&#8220;)<\/b><\/p>\n<h3>Ein tiefer Riss<\/h3>\n<p>Froideveaux macht deutlich, dass der tiefe Riss innerhalb der Franco-feindlichen Kr\u00e4fte w\u00e4hrend der Revolution in der Erinnerungskultur des Exils in den verschiedenen Lagern vertieft wurde. Heldenkult und M\u00e4rtyrertum der ersten Nachkriegsjahre verhinderten zudem lange den Blick auf die eigenen Fehler.<\/p>\n<p>Die Nichtbeteiligung von AnarchosyndikalistInnen und SozialistInnen an Francos Gewerkschaften \u00fcberlie\u00df dieses m\u00f6gliche Kontaktfeld f\u00fcr die nachwachsende Arbeitergeneration den KommunistInnen, die sich Ende der 60 Jahre \u00fcber die Arbeiterkommissionen der CCOO als Opposition zum Regime konkurrenzlos etablieren konnten. CNT und UGT wurden endg\u00fcltig marginalisiert.<\/p>\n<p>Ihre Organisationen waren zus\u00e4tzlich in Fraktionen zerstritten. Der B\u00fcrgerkrieg oder gar die Soziale Revolution war kein Thema mehr, so dass die Opposition genauso zum &#8222;Vergessen&#8220; beitrug wie das Franco-Regime selbst. Sprachlosigkeit machte sich breit. Froideveaux belegt, dass dies auch die ExilantInnen im franz\u00f6sischen Exil erfasste, die in ihrer neuen Umgebung mit den &#8222;alten Geschichten&#8220; keine Aufmerksamkeit erzielen konnten und deshalb sich eher darauf verlegten, \u00fcber ihre Beteiligung an der franz\u00f6sischen Resistance zu sprechen.<\/p>\n<p>Eine Wiederbelebung der Bewegungen und eine Wiederaneignung der eigenen Geschichte musste von au\u00dfen kommen: Die 68er-Bewegung h\u00e4tte dies ausl\u00f6sen k\u00f6nnen. Und man h\u00e4tte erwarten k\u00f6nnen, dass mit Francos Tod am 20.11.1975 das Ventil endlich vollends ge\u00f6ffnet wurde.<\/p>\n<p>Doch so einfach war es nicht, wie Froideveaux recherchierte.<\/p>\n<p>Die linken Parteien PSOE und PCE akzeptierten den &#8222;Pakt der Vers\u00f6hnung&#8220; und konzentrierten sich auf die Amnestiekampagne, die nat\u00fcrlich auch die Folterer in den Gef\u00e4ngnissen miteinschloss. Der PCE feierte die &#8222;Vers\u00f6hnungspolitik&#8220; sogar als ureigenste Erfindung. Und f\u00fcr die Legalisierung der Parteien im Jahr 1977 wurde auch die parlamentarische Monarchie geschluckt! Die Morde, die Repressionen w\u00e4hrend der Diktatur mussten deshalb &#8222;vergessen&#8220; werden, damit diese Vers\u00f6hnung gelingen konnte.<\/p>\n<h3>Gegengeschichte<\/h3>\n<p>V\u00f6llig pr\u00e4gen konnten die alten M\u00e4chte und die beiden gro\u00dfen linken Parteien jedoch die politische Atmosph\u00e4re im Land nicht mehr. Eine unabh\u00e4ngige Bewegung, die sich erinnern wollte, entstand am Rand der Gesellschaft und erfasste die Jugend. Gegengeschichte lebte auf. 1976 gr\u00fcndete sich die CNT neu und fand schnell 50.000 Mitglieder.<\/p>\n<p>Zu den Jornadas Libertarias in Barcelona str\u00f6mten im Juli 1977 an die 100.000 Menschen. Die Stimmung im Jahr 1977 war fantastisch und \u00fcbertrug sich ins ganze Land. Ich verbrachte den Sommer in Galizien, t\u00e4glich diskutierend auf den Stra\u00dfen Santiago de Compostellas, t\u00e4glich bildeten sich Spontandemos der verschiedenen Berufsgruppen, Streiks f\u00fcr bessere Arbeitsbedingungen wurden in die Stadt hineingetragen und eine Bereitschaft, bisherige Orientierungen in Frage zu stellen, beispielsweise vom katholischen Opus Dei zur CNT oder zu den Trotzkisten \u00fcberzugehen, sich neu zu outen als AktivistIn der Schwulen- und Lesbenbewegung oder der Anti-AKW- und Umweltbewegung, pr\u00e4gte die Szene.<\/p>\n<p>Alles schien m\u00f6glich\u0085 aber diese Aufbruchsstimmung konnte sich nicht halten, zu wenig lie\u00df sich erreichen, und so gebe ich Froideveaux Recht: Der Ver\u00e4nderungswille in der Gesamtgesellschaft war zu z\u00f6gerlich, gebremst durch den Vers\u00f6hnungskurs der beiden gro\u00dfen linken Parteien und der Angst vor den Milit\u00e4rs.<\/p>\n<p>Ein Jahr sp\u00e4ter, an gleicher Stelle, konnte ich nichts davon wiederfinden. Die Stra\u00dfen waren leer, die Jugendclubs geschlossen, Demonstrationen Fehlanzeige.<\/p>\n<p>Noch weitere zwei Jahre sollte es dauern, bis die CNT in Barcelona 1980 eine erste Erinnerungsfeier an die Spanische Revolution durchf\u00fchren konnte. Der Putschversuch 1981 scheiterte zwar als Putsch, aber er sorgte doch daf\u00fcr, dass die aufkeimende Erinnerungskultur wieder in sich zusammenbrach. Zu gro\u00df war die Angst vor den Milit\u00e4rs und der Guardia Civil. Eine Sorge, die weitere 20 Jahre anhielt. Froideveaux Buch enth\u00e4lt neben seinem Hauptthema viele interessante organisationsgeschichtliche Details, eingebettet in die politische Entwicklung der spanischen Gesellschaft.<\/p>\n<p>Er schafft es, die politischen Entscheidungen der SozialistInnen, KommunistInnen und AnarchosyndikalistInnen in der jeweiligen historischen Situation nachvollziehbar und transparent zu machen. Sein entscheidender Hinweis, dass Erinnerungskultur sich fortw\u00e4hrend in einem &#8222;gesellschaftlichen Aushandlungsprozess&#8220; befindet, sollte uns Hinweis genug sein, uns weiter um die Deutungshoheit \u00fcber die Ereignisse und das historische Erbe zu k\u00fcmmern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Entsprechend volumin\u00f6s kommt das neue Buch von Alexandre Froidevaux daher. Auf 600 Seiten versucht er seine Forschungsergebnisse aus spanischen Archiven vorzustellen. Das Wort &#8222;Vers\u00f6hnung&#8220; im Titel bezieht er auf den Versuch, nach Francos Tod 1975 eine Vers\u00f6hnung der spanischen Gesellschaft herbeizuf\u00fchren, allerdings um den Preis des &#8222;Verdr\u00e4ngens&#8220;. 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