{"id":15154,"date":"2016-03-01T00:00:00","date_gmt":"2016-02-29T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2016\/03\/es-gibt-keinen-grund-nicht-weiterzumachen\/"},"modified":"2022-07-26T14:11:58","modified_gmt":"2022-07-26T12:11:58","slug":"es-gibt-keinen-grund-nicht-weiterzumachen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/03\/es-gibt-keinen-grund-nicht-weiterzumachen\/","title":{"rendered":"&#8222;Es gibt keinen Grund, nicht weiterzumachen!&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Die ersten Interviews hatte ich gelesen, als ich anfing, meine Gedanken in Worte zu fassen.<\/p>\n<p>Ich begann zu schreiben, was mir an dem Buch fehlte, realisierte, wie hoch meine Erwartungen an das Buch gewesen sein mussten, denn sonst h\u00e4tte es mich nicht entt\u00e4uschen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die immer gleichen Fragen nach dem Verh\u00e4ltnis zum Tod und zur Revolution sowie dem Selbstbild als AktivistIn wirkten sp\u00e4testens ab dem vierten Interview etwas nach einem abgearbeiteten Soziologie-Fragebogen, und manche der Interviews behandeln das eigentliche Thema nicht, sondern erz\u00e4hlen prim\u00e4r die Lebensgeschichte von Menschen in Form von Kurzbiografien. Aus meiner Sicht zudem bedauerlich: Von den einunddrei\u00dfig interviewten Personen ist der allergr\u00f6\u00dfte Teil zwischen 48 und 59, die allermeisten Interviewten kommen aus Berlin, Hamburg oder K\u00f6ln, lediglich zwei Interviews sind nicht mit Gro\u00dfst\u00e4dter_innen.<\/p>\n<p>Erstmal legte ich das Buch beiseite, hatte genug von Geschichten \u00fcber Ruhe, Haustiere, Kunst, Mitl\u00e4ufer und Konsumverzicht und \u00fcberlegte, was das Thema denn f\u00fcr mich bedeutet h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Debatten \u00fcber Schutz vor Entpolitisierung, Solidarit\u00e4t und Perspektiven widerst\u00e4ndigen Lebens kenne ich. \u00dcber gemeinsame \u00d6konomie und solidarischen Umgang mit Geld, Infrastruktur und Wohnraum als Gegenmodell zu individualisierter Lohnarbeit. Ich wurde selbst konfrontiert mit vormaligen Mit-Aktiven, die mich fragten, ob bei mir diese Phase nicht auch mal vorbei gehen w\u00fcrde, ich nicht auch langsam mal &#8222;normal&#8220; werden wollen w\u00fcrde. Ich habe enge Vertraute und Mit-Aktivist_innen dabei beobachtet, wie sie von Castorblockierenden innerhalb weniger Jahre zu Lobbyist_innen wurden. Ich habe erlebt, wie schwer es ist, immer neuen Leuten zu vertrauen und mich auf neue Zusammenh\u00e4nge einzulassen, weil ich oft entt\u00e4uscht worden war.<\/p>\n<p>Mit deutlich geringerer Erwartungshaltung las ich weiter und wurde positiv \u00fcberrascht.<\/p>\n<p>Die Interviews behandelten nun tats\u00e4chlich das aus meiner Sicht eigentliche Thema, facettenreich und angenehm widerst\u00e4ndig. Auseinandersetzungen im Betrieb, Widerstand gegen Zwangsr\u00e4umungen, Beteiligungen an den Protesten im Gezi-Park tauchten als selbstverst\u00e4ndliche Bestandteile widerst\u00e4ndigen \u00c4lterwerdens auf. Interviews mit mehreren Personen gleichzeitig lie\u00dfen eine dynamische Debatte um die Frage, was entscheidend war und ist im Leben, um politisch zu bleiben, lebendig werden, und auch Kontroverse wurde abgebildet. Ich freute mich \u00fcber die erfrischende Deutlichkeit, mit der beispielsweise Samira auf die Frage nach den Gr\u00fcnden f\u00fcr das Dabei Bleiben antwortet: &#8222;Weil sich nix ge\u00e4ndert hat&#8220; und &#8222;Es gibt doch gar keinen Grund, nicht weiterzumachen!&#8220;<\/p>\n<p>Was bleibt, ist das Gef\u00fchl, dass die von Rehzi Malzahn empfundene Bedeutung von &#8222;dabei geblieben&#8220; deutlich weiter ist als meine. Zudem wirkt es, als habe die Autorin mit diesem Buch vergeblich versucht, ihre eigene verlorene Motivation wieder zu finden. Sie antwortet z.B. auf die Ausf\u00fchrungen Wolfgangs, es mache Spa\u00df, gemeinsam anders zu sein, und neben dem Aktivismus seien ja auch Bier und Liebe Klebstoff zwischen den Menschen, mit Ausf\u00fchrungen zu Sinnverlust, Resignation, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Sie ist damit nicht nur an dieser Stelle, sondern bedauerlicherweise weitgehend nicht in der Lage, sich mitrei\u00dfen und motivieren zu lassen von den Menschen, die an das glauben, wof\u00fcr sie k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Dazu passend schreibt die Autorin auch im Vorwort direkt, dass sie Rebellion als eine Zust\u00e4ndigkeit der Jugend begreift und f\u00fcr etwas Kindliches h\u00e4lt und nach einer erwachseneren Art des Widerspruchs zur Gesellschaft sucht. Erfreulicherweise sehen das nicht alle Interviewten so, und der eine oder die andere widerspricht solchen Einsch\u00e4tzungen der Autorin angenehm deutlich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die ersten Interviews hatte ich gelesen, als ich anfing, meine Gedanken in Worte zu fassen. Ich begann zu schreiben, was mir an dem Buch fehlte, realisierte, wie hoch meine Erwartungen an das Buch gewesen sein mussten, denn sonst h\u00e4tte es mich nicht entt\u00e4uschen k\u00f6nnen. 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