{"id":15157,"date":"2016-03-01T00:00:00","date_gmt":"2016-02-29T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2016\/03\/oh-du-boese-weite-welt\/"},"modified":"2022-07-26T14:11:57","modified_gmt":"2022-07-26T12:11:57","slug":"oh-du-boese-weite-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/03\/oh-du-boese-weite-welt\/","title":{"rendered":"Oh du b\u00f6se, weite Welt!"},"content":{"rendered":"<p>Zum einen scheint es sich einzub\u00fcrgern, dass anarchistische Aktivistinnen und Aktivisten, die eine akademische Laufbahn einschlagen, mehr und mehr versuchen, ihre pers\u00f6nlichen politischen Erfahrungen zur Grundlage wissenschaftlicher Arbeiten zu machen.<\/p>\n<h3>Anders und polemischer ausgedr\u00fcckt:<\/h3>\n<p>Ein paar (meist willk\u00fcrlich) herausgerissene Tagebuchseiten \u00fcber den letzten Demo\u00e4rger oder das j\u00fcngste Protestcamp verwandeln sich, mit allerlei politologischer und soziologischer Theorie aufgeputzt, pl\u00f6tzlich in Doktorarbeiten. M\u00f6glich ist dies, weil f\u00fcr die meisten Professorinnen und Professoren lebende Anarchistinnen und Anarchisten noch immer eine seltene, faszinierende, fremde und milde bedrohliche Spezies sind und sie deswegen noch die lachhaftesten Banalit\u00e4ten des Szenealltags f\u00fcr \u00e4hnlich fesselnd und neuartig halten wie Berichte \u00fcber das Leben auf dem Mars.<\/p>\n<p>Es war wohl David Graeber, der die Neigung, das eigene Engagement zu verwissenschaftlichen, ins Leben gerufen hat &#8211; zun\u00e4chst mit seinem vielbeachteten Aufsatz &#8222;The New Anarchists&#8220;, der aktiven Anarchistinnen und Anarchisten zwar nichts Neues mitzuteilen hatte, aber in der wissenschaftlichen Welt aus den oben genannten Gr\u00fcnden f\u00fcr Furore sorgte, und dann mit seiner gro\u00df angelegten Studie Direct Action \u00fcber die Anti-Globalisierungsproteste im Kanadischen Qu\u00e9bec 2001, an denen er selber beteiligt war. Allerdings ist Graebers Direct Action noch eine methodisch einwandfreie anthropologische Studie, gest\u00fctzt auf reiches Material, die sich in die wissenschaftliche Tradition der sogenannten Anthropologie der N\u00e4he einreiht, die unter anderem der franz\u00f6sische Anthropologe Marc Aug\u00e9 ins Leben gerufen hat.<\/p>\n<p>Bei der Anthropologie der N\u00e4he geht es darum, Untersuchungsverfahren, die f\u00fcr fremde L\u00e4nder und Kulturen entwickelt wurden, auch einmal vor der eigenen Haust\u00fcr zu erproben. Die meisten der erw\u00e4hnten \u0082Selbstuntersuchungsdissertationen&#8216; erreichen dieses Niveau nicht.<\/p>\n<p>Nun ist es nat\u00fcrlich nicht so, dass gelebte Erfahrung f\u00fcr wissenschaftliches Arbeiten unerheblich w\u00e4re. Autoren wie Francis Dupuis-D\u00e9ri oder Uri Gordon haben bewiesen, dass man auch in diesem Feld n\u00fctzliche und erhellende Arbeiten schaffen kann, ersterer f\u00fcr die Wissenschaft, letzterer eher f\u00fcr die anarchistische Bewegung.<\/p>\n<p>Der Freifahrtschein jedoch, den die aktuellen anarchist studies all jenen auszustellen scheinen, die Materialbeschaffung, Feldforschung und kritische Distanz f\u00fcr verzichtbar halten, wird in die Irre f\u00fchren. Was man zu lesen bekommt, ist dann keine wissenschaftliche Forschung, sondern eher eine Art politischer Essayismus, der oft, garniert mit ein paar Fremdw\u00f6rtern, kaum mehr tut, als alte Szenediskussionen aufzuw\u00e4rmen.<\/p>\n<p>Zum anderen steht dieser Beschr\u00e4nkung der wissenschaftlichen Perspektive auf das unmittelbare, pers\u00f6nliche Erleben eine fast schon aberwitzige Ausweitung des Blicks gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>Um es bildlich auszudr\u00fccken: W\u00e4hrend ein Teil der anarchist studies-Autorinnen und Autoren fasziniert auf die eigenen Stiefelspitzen starrt, m\u00f6chte ein anderer am liebsten die ganze Welt umarmen. Vor allem die libert\u00e4re Welt. Seit in einer Reihe bahnbrechender Studien &#8211; zuvorderst w\u00e4re hier vermutlich der von Lucien van der Walt und Steven Hirsch herausgegebene Sammelband Anarchism and Syndicalism in the Colonial and Postcolonial World zu nennen &#8211; der Nachweis erbracht wurde, dass es auch in Afrika, im asiatischen Raum oder in bisher von der Forschung nur wenig beachteten L\u00e4ndern Lateinamerikas starke und einflussreiche anarchistische Bewegungen gab, hat es bereits mehrere Versuche gegeben, eine Art Globalgeschichte des Anarchismus zu schreiben. Zumal solche Bewegungen meist nicht einfach nur nebeneinander existierten, sondern durch transnationale Netzwerke vielf\u00e4ltig miteinander in Kontakt standen. Man spricht auch von einem methodischen transnational turn in den anarchist studies.<\/p>\n<p>Nun hat die Abkehr von einer national beschr\u00e4nkten Forschungsperspektive zweifellos die wissenschaftliche Erforschung anarchistischer Bewegungen vorangebracht. Sie hat aber auch, durch die enormen praktischen und methodischen Probleme, die eine Ausweitung der Perspektive auf mehrere Kulturen oder gar die ganze Welt mit sich bringt, einer Art von Nachl\u00e4ssigkeit und Oberfl\u00e4chlichkeit die T\u00fcre aufgesto\u00dfen, die einer Wissenschaft schlecht zu Gesicht steht. Das augenf\u00e4lligste Beispiel ist in dieser Hinsicht sicherlich die von Lucien van der Walt und Michael Schmidt verfasste Reihe Black Flame, die es fertigbringt, global anarchist studies zu betreiben, ohne auch nur eine einzige nicht-englischsprachige Quelle zu verwenden. Leider geh\u00f6rt auch Jesse Cohns Untersuchung zu anarchistischen Widerstandskulturen, Underground Passages, in diese Nachbarschaft.<\/p>\n<h3>Um es nur gleich zu sagen:<\/h3>\n<p>Cohns Arbeit ist unter den global anarchist studies noch eine der erfreulicheren Erscheinungen.Cohn bem\u00fcht sich zumindest um ein historisches, mehrsprachiges Korpus an Prim\u00e4rquellen, aus dem er seine Schl\u00fcsse zieht und so seine Thesen \u00fcberpr\u00fcfbar macht. Auch, dass er sich den anarchistischen Widerstandskulturen in einem engeren, differenzorientierten Sinne ann\u00e4hert, ist lobenswert. Er versteht Kultur nicht blo\u00df als &#8222;alles, was im Leben der Menschen der Fall ist&#8220;, sondern fokussiert ihre spezifischen Auspr\u00e4gungen, wie Literatur, Theater, Lieder, Musik, bildende Kunst, aber auch Film, Fotographie usw. Zwar l\u00e4sst seine Behauptung, dieser Ansatz sei &#8222;einzigartig&#8220; (S. 4), auf bedenkliche Schw\u00e4chen beim Bibliographieren schlie\u00dfen &#8211; Untersuchungen zur anarchistischen Kunst und Literatur gab es vor dem Erscheinen seines Buches wahrlich schon einige &#8211; aber es stimmt, dass insbesondere die anarchist studies sich bisher vor anarchistischen Versen oder Romanen eher geekelt haben. Die Hausmacht dort geh\u00f6rte (und geh\u00f6rt im Grunde noch immer) den Historikerinnen und Historikern, SoziologInnen und PolitologInnen. Und die lesen andere Sachen.<\/p>\n<p>Cohn besitzt gute Kenntnisse des Anarchismus und seines Kulturverst\u00e4ndnisses, eines nicht eben leicht zu fassenden Themas. Vor allem aber sind seine literaturwissenschaftlichen F\u00e4higkeiten erfrischend. Wenn er sich zum Beispiel an anarchistische Lieder und Gedichte heranmacht und sie vor ihrem literaturgeschichtlichen Hintergrund analysiert, merkt man, dass hier ein K\u00f6nner seines Fachs am Werk ist, der in seinem Leben durchaus mehr gelesen hat als nur den Text von &#8222;Dump the bosses off your back!&#8220;. Die halsbrecherische zeitliche und r\u00e4umliche Ausdehnung jedoch &#8211; 163 Jahre, rund um den ganzen Globus &#8211; f\u00fchrt unvermeidlich dazu, dass seine Untersuchung an Sch\u00e4rfe und Genauigkeit verliert.<\/p>\n<p>Was derart lang und breit gezogen wird, wird d\u00fcnn.<\/p>\n<p>So ist schon die Ausgangshypothese, auf der Cohn seine gesamte Untersuchung aufbaut, im Grunde anachronistisch. Er versteht anarchistische Kulturarbeit als einen identit\u00e4tsfestigenden R\u00fcckzug aus einer Welt, die f\u00fcr gew\u00f6hnlich rein gar nicht so aussehe, wie Anarchistinnen und Anarchisten sie sich w\u00fcnschten: &#8222;Anarchist practice culture as a means of mental and moral survival in a world from which they are fundamentally alienated&#8220; (S. 15).<\/p>\n<p>Das mag f\u00fcr zeitgen\u00f6ssische anarchistische Bewegungen, zumal im globalen Norden und Westen, zutreffen. Auch in der Geschichte des Anarchismus &#8211; man denke nur an die fr\u00fche Kommune-Bewegung Gustav Landauers &#8211; lie\u00dfen sich Beispiele finden. F\u00fcr andere anarchistische Bewegungen jedoch ist Cohns Hypothese nicht zutreffend. Die spanische und argentinische anarchistische Bewegung beispielsweise sah ihre kulturelle Praxis mitnichten als einen defensiven R\u00fcckzug, sondern im Gegenteil als ein h\u00f6chst offensives Mittel, um die bestehende Herrschaft der Zust\u00e4nde umzust\u00fcrzen. In ihrer Wahrnehmung waren beispielsweise Ateneos, anarchistische Kulturzentren, keine Weltfluchtpunkte, sondern kulturelle Kampfbasen, von denen aus die Gesellschaft ver\u00e4ndert werden sollte. Die Ausweitung kultureller Kenntnisse und die Freisetzung kreativer Energien in gesellschaftlichen Schichten, die daf\u00fcr gar nicht vorgesehen waren, waren bis in die 1930er Jahre in diesen L\u00e4ndern tats\u00e4chlich revolution\u00e4r. Dass die Revolutionierung der Gesellschaft durch eine Kombination von Kultur und Kampf gelingen w\u00fcrde, wurde in den Reihen dieser Bewegungen kaum je angezweifelt. Sie &#8222;isolierten&#8220; sich nicht, wie Cohn behauptet, sondern weiteten im Gegenteil das Feld ihrer politischen und kulturellen M\u00f6glichkeiten systematisch aus. Cohns Vorhaben, mit seiner Studie zu \u00fcberpr\u00fcfen, wo sich die kulturellen Wege der anarchistischen Vergangenheit mit denen der Gegenwart kreuzen k\u00f6nnten, scheitert also schon am Zugrundelegen einer Hypothese, die zeitliche, geographische und kulturelle Unterschiede zu wenig beachtet.<\/p>\n<p>Noch problematischer ist, dass Cohn \u00fcberhaupt nicht bef\u00e4higt ist, sein ehrgeiziges Projekt, n\u00e4mlich einen zeit\u00fcbergreifenden globalen Vergleich der anarchistischen Widerstandskulturen, auf wissenschaftlichem Niveau zu verwirklichen.<\/p>\n<p>In seiner Einleitung r\u00e4umt er freim\u00fctig ein, nur eine einzige Fremdsprache (n\u00e4mlich Franz\u00f6sisch) lesen, wenn auch nicht sprechen, und sich mit zwei weiteren (Spanisch und Portugiesisch) leidlich abstrampeln zu k\u00f6nnen. Diese Offenheit ist lobenswert. Beim Weiterlesen ist man dann allerdings erstaunt, dass Cohn Prim\u00e4rbelege auf Japanisch oder Koreanisch in seine Fu\u00dfnoten streut (vgl. u.a. S. 73) oder mit un\u00fcbersetzten deutschen Prim\u00e4rzitaten aufwartet. Das ist dann pseudo-wissenschaftliche Hochstapelei. Wer derart seine pers\u00f6nlichen &#8211; zumal sprachlichen &#8211; F\u00e4higkeiten \u00fcberdehnt, wird naturnotwendig abh\u00e4ngig von zum Teil dubioser, fehlerhafter oder offen parteiischer Forschungsliteratur und hat keine M\u00f6glichkeit mehr, das Gesagte systematisch an seinen historischen Prim\u00e4rquellen zu \u00fcberpr\u00fcfen. Schon gar nicht mit der w\u00fcnschenswerten kulturellen Tiefensch\u00e4rfe.<\/p>\n<p>So muss Cohn zum Beispiel immer wieder sehr konkrete Forschungsfragen in abstractum diskutieren, weil er die von ihm bem\u00fchten Quellen gar nicht lesen kann. Sich z.B. ausgerechnet am Beispiel der anarchistischen Trivialromanreihe La Novela Ideal aus Spanien Gedanken \u00fcber die Deutungsambivalenz des literarischen Kunstwerks zu machen, h\u00e4tte er sich sparen k\u00f6nnen, wenn er den ein- oder anderen Roman der Reihe wirklich gelesen h\u00e4tte: Denn deutungsambivalent ist dort rein gar nichts!<\/p>\n<p>Man bekommt das ungute Gef\u00fchl, dass der Verfasser in voller Absicht fremde Muskeln schwellen l\u00e4sst, sich mit Bildungsfedern schm\u00fcckt, die nicht die seinen sind, und offensichtlich nicht damit rechnet, dass seine Leserinnen und Leser sich nicht einsch\u00fcchtern lassen k\u00f6nnten. Zu praktisch jeder seiner schwach und br\u00fcchig abgest\u00fctzten Thesen lassen sich Gegenbeispiele finden. Cohns global vergleichende Perspektive ist in Wahrheit eine weidlich willk\u00fcrliche und erkl\u00e4rungsschwache kulturelle Bl\u00fctenlese entlang vorgefasster Parameter, oder, schlimmer noch, eine blo\u00dfe Ansammlung von \u0082Kultursplittern&#8216;. Die von ihm zusammengetragenen anarchistischen Angriffe gegen den sentimentalen Roman (S. 46-47) zum Beispiel sind \u00fcberhaupt nicht repr\u00e4sentativ.<\/p>\n<p>Gerade tiefe Empfindungen erwarteten etwa die spanischen Anarchistinnen und Anarchisten unbedingt von einem literarischen Kunstwerk. Nach Ansicht des franz\u00f6sischen Soziologen Guyau, den Kropotkin einen &#8222;Anarchisten, ohne es zu wissen&#8220; nannte, waren es sogar allein die menschlichen Empfindungen, die die Menschheit zu einer gro\u00dfen, harmonischen Familie zusammenschwei\u00dfen konnten. Kunst und Literatur waren seiner Ansicht nach die Mittel dazu &#8211; durch ihren gemeinsamen, f\u00fchlenden Genuss.<\/p>\n<p>Leichtfertige Verallgemeinerungen, Oberfl\u00e4chlichkeiten und Nachl\u00e4ssigkeiten beim kritischen \u00dcberpr\u00fcfen des Gesagten finden sich viele in Underground Passages.<\/p>\n<p>Da mag es eine l\u00e4ssliche S\u00fcnde sein, dass Cohn sich mit einigem Tamtam &#8211; und, wie gesagt, ohne ausreichende Sprachkenntnisse &#8211; auch auf Artikel aus der Graswurzelrevolution bezieht, aber noch nicht einmal in der Lage war, kurz im Netz nachzuschauen, seit wann diese Zeitschrift wirklich erscheint. Das Jahr 2000 markiert gewiss nicht ihre Geburtsstunde (vgl. S. 39).<\/p>\n<p>Aber auch bei der von ihm benutzten Forschungsliteratur l\u00e4sst es Cohn oft an der n\u00f6tigen Kritik und Gr\u00fcndlichkeit fehlen. Das Petit l\u00e9xique philosophique de l&#8217;anarchisme: De Proudhon \u00e0 Deleuze (2001) [\u0082Kleines philosophisches Lexikon des Anarchismus: Von Proudhon bis Deleuze&#8216;] von Daniel Colson beispielsweise, auf das sich Cohn fast durchg\u00e4ngig zustimmend bezieht und das zeitweise sein theoretisch-ideologisches R\u00fcstzeug darstellt, ist ein mehr als bedenkliches Machwerk. Colsons Bem\u00fchungen, ein geistesgeschichtlich erneuertes Bild des Anarchismus zu zeichnen, scheitern n\u00e4mlich gr\u00fcndlich. Unter dem Eintrag: &#8222;Sexualit\u00e4t&#8220; beispielsweise ist Pierre-Joseph Proudhon sein Gew\u00e4hrsmann. Ausgerechnet Proudhon, der im Band vier seines Hauptwerks De la justice dans la r\u00e9volution et dans l&#8217;\u00c9glise (1860) [\u0082\u00dcber die Gerechtigkeit in der Revolution und der Kirche&#8216;] hunderte von Seiten darauf ver(sch)wendete, den &#8222;Unfug von der Gleichheit der Geschlechter&#8220; auszumerzen und endg\u00fcltig die &#8222;k\u00f6rperliche, geistige und moralische Unterlegenheit der Frau&#8220; zu beweisen. Als dann eine ganze Gruppe kritischer, selbstbewusster und gebildeter Frauen \u00fcber sein Buch herfiel, lie\u00df er in seiner erst posthum ver\u00f6ffentlichten Schrift La Pornocratie einen derart hemmungslosen Schwall sexistischer Schm\u00e4hungen von der Leine, dass einem noch heute der Mund offen stehen bleibt. Proudhon also, der eigentliche Begr\u00fcnder des bis heute wirkungsm\u00e4chtigen anarchistischen Anti-Feminismus, darf in Colsons Lexikon Leserinnen und Leser \u00fcber anarchistische Positionen zur menschlichen Sexualit\u00e4t aufkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Weibliche Autorinnen (wie Emma Goldman oder Voltarine de Cleyre) werden nicht rezipiert. All dies scheint Cohn noch nicht einmal aufgefallen zu sein.<\/p>\n<p>So muss man denn wohl, trotz einiger durchaus interessanter Detailbeobachtungen und diskussionsw\u00fcrdiger Thesen in Cohns Arbeit, Underground Passages als ein gescheitertes Projekt bezeichnen. Anstatt signifikante oder erhellende kulturelle Gemeinsamkeiten zu entdecken, verliert sich Cohn &#8211; man ist versucht zu sagen: unvermeidlicherweise &#8211; im faszinierenden und verwirrenden Durcheinander anarchistischer kultureller Ausdrucksformen rund um den Globus. Das gesetzte Ziel der Studie wird somit nicht erreicht. Es w\u00e4re an der Zeit, die Anspr\u00fcche der global anarchist studies etwas zur\u00fcckzuschrauben. Zwischen der Skylla individueller Partikularit\u00e4t und der Charybdis eines oberfl\u00e4chlichen, weltumspannenden Blahblahs f\u00fchrt nur der Weg \u00fcber internationale Zusammenarbeit und freien Austausch nationaler Forschungsergebnisse zum Anarchismus, der eben nicht nur einen globalen und universellen Anspruch hatte, sondern immer auch eine nationale, zumal kulturelle Wirklichkeit.<\/p>\n<p>Das neue Selbstbewusstsein, das die institutionelle Verankerung einiger Anarchismusforscherinnen und Anarchismusforscher an US-amerikanischen, kanadischen und englischen Universit\u00e4ten bewirkt hat, ganz zu schweigen vom gewachsenen Interesse an anarchistischer Geschichte, Kultur und Organisation, darf nicht auf Kosten der wissenschaftlichen Gr\u00fcndlichkeit gehen.<\/p>\n<p>Die Welt (nicht nur die Welt des Anarchismus) ist zu weit, widerspr\u00fcchlich, vielf\u00e4ltig und kompliziert, als dass man sie vom Schreibtisch aus mit ein paar B\u00fcchern und Zeitschriften vor der Nase forsch wissenschaftlich umrunden k\u00f6nnte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum einen scheint es sich einzub\u00fcrgern, dass anarchistische Aktivistinnen und Aktivisten, die eine akademische Laufbahn einschlagen, mehr und mehr versuchen, ihre pers\u00f6nlichen politischen Erfahrungen zur Grundlage wissenschaftlicher Arbeiten zu machen. 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