{"id":15158,"date":"2016-03-01T00:00:00","date_gmt":"2016-02-29T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2016\/03\/gelungener-einstieg-in-die-anarchistische-kulturgeschichte\/"},"modified":"2022-07-26T14:11:57","modified_gmt":"2022-07-26T12:11:57","slug":"gelungener-einstieg-in-die-anarchistische-kulturgeschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/03\/gelungener-einstieg-in-die-anarchistische-kulturgeschichte\/","title":{"rendered":"Gelungener Einstieg in die anarchistische Kulturgeschichte"},"content":{"rendered":"<p>Als sei das alles nicht genug, besitzt sie auch noch \u00fcberragende Kenntnisse zu solch unterschiedlichen Bereichen der spanischen Literatur wie der erotischen Massenliteratur des fr\u00fchen 20. Jahrhunderts oder dem Werk des gro\u00dfen andalusischen Dichters Juan Ram\u00f3n Jim\u00e9nez. Man durfte also gespannt sein, wie Litvak eine Schwerpunktausgabe der spanischen Kulturzeitschrift <i>El rapto de europa<\/i> [\u0082Der Raub der Europa&#8216;] zum Thema &#8222;Anarchismus: Kultur und Ethik&#8220; koordinieren und zusammenstellen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Die Zeitschrift <i>El rapto de europa<\/i> ist ein kleines, aber feines Magazin, das sich bem\u00fcht, kulturelle, literarische und philosophische Fragen auf wissenschaftlich hohem, zugleich aber allgemeinverst\u00e4ndlichem Niveau zu diskutieren. Mit Anarchismus hatte die Redaktion bisher nichts zu tun. Dies mag erkl\u00e4ren, warum sie es fertigbringt, den Namen ihrer ber\u00fchmten Koordinatorin auf den ersten f\u00fcnf Seiten gleich zweimal falsch zu schreiben: Einmal dankt sie &#8222;Lily Litvek&#8220; (S.2) f\u00fcr ihre gro\u00dfz\u00fcgige Mitarbeit, dann wird auf die au\u00dferordentlichen wissenschaftlichen Leistungen von Frau Professor &#8222;Lily Litvack&#8220; (S. 5) hingewiesen.<\/p>\n<p>Dazwischen steht der Name, f\u00fcr alle deutlich lesbar, in korrekter Schreibweise (S. 3). Ist das nun ein Versehen oder schon offenes Desinteresse? \u00dcble Vorahnungen machen sich breit.<\/p>\n<p>Sie schwinden beim Weiterlesen. Die Redaktion von <i>El rapto de europa<\/i> und vor allem ihre Lektorinnen und Lektoren m\u00f6gen bei der Fertigstellung ihres Bandes noch nicht ganz ausgeschlafen gewesen sein, ihre Schwerpunktausgabe jedoch ist eine gelungene Angelegenheit, die f\u00fcr Fachleute und neugierige Laien gleicherma\u00dfen interessant ist. Lily Litvak hat hervorragende Experten f\u00fcr die Mitarbeit gewinnen k\u00f6nnen, nicht minder \u00fcberzeugende \u00e4ltere Texte beigemischt und das Ganze mit einigen literarischen Werken aus anarchistischer Feder abgerundet, die zum Teil noch unbekannt waren. Herausgekommen ist ein Band, der auf denkbar knappem Raum einen tiefgreifenden und differenzierten Einblick in die anarchistische Kulturarbeit bietet und gleichzeitig fast schon als Einf\u00fchrungsb\u00fcchlein verwendet werden kann, seiner gro\u00dfen Klarheit und Anschaulichkeit wegen. Es lohnt sich, f\u00e4hige Fachleute mit derartigen Aufgaben zu betrauen.<\/p>\n<p>Den Anfang macht ein \u00e4lterer Text von Heleno Sa\u00f1a, &#8222;La \u00e9tica anarquista&#8220; [\u0082Die anarchistische Ethik&#8216;] (S. 7-17). Sa\u00f1a kann im wissenschaftlichen Kontext ein durchaus problematischer Autor sein. Seine Ausf\u00fchrungen zum ethischen Grundverst\u00e4ndnis des Anarchismus jedoch sind ein kleines Meisterwerk: knapp, klar, kenntnisreich, reflektiert, und trotz ihrer offenen Parteilichkeit korrekt und \u00fcberzeugend. Sollte es noch keine deutsche \u00dcbersetzung geben, w\u00e4re sie w\u00fcnschenswert.<\/p>\n<p>Es folgt ein Beitrag von Arturo \u00c1ngel Madrigal Pascual \u00fcber die anarchistische Plakatkunst w\u00e4hrend des Spanischen B\u00fcrgerkriegs (1936-1939) (S. 17-35). Madrigal ist in Spanien ein Pionier der kulturellen Anarchismusforschung, der mit seiner Doktorarbeit (u.a.) \u00fcber die anarchistische bildende Kunst (&#8222;Arte y compromiso. Espa\u00f1a 1917-1936&#8220; [\u0082Kunst und Engagement. Spanien 1917-1936&#8242;], erschienen 2002) Ma\u00dfst\u00e4be gesetzt hat. Seine Studie \u00fcber die k\u00fcnstlerisch innovative Plakatkunst der Anarchisten w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkriegs sch\u00fcttelt er sozusagen aus dem \u00c4rmel, so sicher ist seine Kenntnis der Materie. Unter anderem hebt er die gro\u00dfe Eigenst\u00e4ndigkeit hervor, die die organisierten bildenden K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler innerhalb der anarchistschen Bewegung genossen, und dass <i>sie<\/i> es waren, die die CNT mit Vorschl\u00e4gen und Entw\u00fcrfen versorgten, und nicht umgekehrt. Sie waren also nicht blo\u00df \u0082Auftragsk\u00fcnstler&#8216; ihrer Gewerkschaft, die kriegerische \u0082Nutzkunst&#8216; herstellten. Dem Beitrag beigef\u00fcgt sind einige qualitativ hochwertige Faksimile-Drucke anarchistischer B\u00fcrgerkriegsplakate.<\/p>\n<p>David G. Panadero setzt sich mit dem Spielfilm &#8222;Carne de fieras&#8220; [\u0082L\u00f6wenfutter&#8216;] auseinander (S. 35-43), der in letzter Zeit des \u00f6fteren das Interesse der Forschung auf sich gezogen hat. Das Besondere an &#8222;Carne de fieras&#8220; ist dabei nicht unbedingt der Plot oder das leise avantgardistische Dekors, sondern die Tatsache, dass die Dreharbeiten unter dem Regisseur Jos\u00e9 Mar\u00eda Est\u00edbalis Calvo, der sich \u0082Armand Guerra&#8216; nannte, in Spanien bereits liefen, als der B\u00fcrgerkrieg begann. So sieht man im Film im Hintergrund Milizkolonnen zur Front marschieren, und Guerra, der im Krieg klar Partei f\u00fcr die bedrohten Linkskr\u00e4fte ergriff, wandelte mitunter sein Drehbuch ab, um die reale Geschichte des Augenblicks in seine Fiktion hineinzulassen.<\/p>\n<p>Besonders erfreulich ist der Beitrag von Mary Carmen Lara Orozco \u00fcber das anarchistische Theater (S. 43-59). Denn w\u00e4hrend sich die bisherigen Beitr\u00e4ge ganz auf Europa konzentrierten, geht es in Laras Studie um die anarchistische Kultur in Mexiko w\u00e4hrend der 1920er Jahre. In einer Zeit, in der bahnbrechende Studien \u00fcber den Anarchismus im kolonialen und postkolonialen Raum vorliegen, ist eine solche Ausweitung der Perspektive dringend geboten.<\/p>\n<p>Lara wendet sich der Rolle des Theaters als agitatorischem Medium und gemeinschaftsstiftendem gesellschaftlichem Ereignis zu, kontextualisiert die von ihr untersuchten Auff\u00fchrungen aber immer auch sozial-und arbeitsgeschichtlich. Die \u0082B\u00fchne&#8216; des politischen und kulturellen Kampfes \u0082ihrer&#8216; Anarchistinnen und Anarchisten ist die Hafenstadt Veracruz. Die Unterschiede in der politischen und kulturellen Praxis dies- und jenseits des Atlantiks sind augenf\u00e4llig.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend beispielsweise die anarchistischen <i>Mujeres Libres<\/i> [\u0082Freie Frauen&#8216;] w\u00e4hrend des Spanischen B\u00fcrgerkriegs sogenannte <i>Liberatorios de la prostituci\u00f3n<\/i> einrichteten [\u0082Einrichtungen zur Befreiung von der Prostitution&#8216;], um Frauen durch berufliche Ausbildung vom Strich zu erl\u00f6sen, organisierten in Veracruz die Anarchistinnen und Anarchisten die zahllosen Prostituierten der Stadt gewerkschaftlich, in ihrem <i>Sindicato de Mujeres Libertarias<\/i> [\u0082Gewerkschaft anarchistischer Frauen&#8216;].<\/p>\n<p>Beim ber\u00fchmten Mietstreik 1922 waren es just die Prostituierten, die an vorderster Front k\u00e4mpften und beispielsweise mitten in der Stadt die Einrichtungen ihrer \u00fcberteuerten Bleiben demonstrativ verbrannten, ehe die Polizei sie gewaltsam vertrieb. Auch in Dramen wie Ricardo Flores Mag\u00f3ns &#8222;Verdugos y v\u00edctimas&#8220; [\u0082Henker und Opfer&#8216;] wurden die Prostituierten nicht als \u0082gefallene M\u00e4dchen&#8216; dargestellt, sondern als selbstbewusste Opfer sozialen Unrechts, das es zu bek\u00e4mpfen galt. Laras Studie ist ein \u00fcberzeugendes Beispiel daf\u00fcr, dass man sich durch den universalen Anspruch der anarchistischen Utopie wissenschaftlich nicht blenden lassen sollte: Die kulturelle (und auch politische) Praxis der Bewegung(en) wurde durch nationale, regionale und manchmal sogar lokale Besonderheiten gepr\u00e4gt, die zuweilen im offenen Widerspruch zur \u0082Leitideologie&#8216; standen. Dieses Wissen im Zuge des vieldiskutierten &#8222;transnational turns&#8220; der <i>anarchist studies<\/i> zu vernachl\u00e4ssigen, f\u00fchrt zu Ungenauigkeiten, Schiefheiten, und manchmal zu libert\u00e4rer Propaganda in wissenschaftlichem Gewand.<\/p>\n<p>Der literarische Teil des Bandes besteht zum einen aus Kurzerz\u00e4hlungen des anarchistischen Schriftstellers Rafael Barrett (S. 59-71), der von 1876 bis 1910 lebte, und Gedichten des zeitgen\u00f6ssischen Dichters Claudio Rodr\u00edguez Fer, der zugleich Inhaber der <i>C\u00e1tedra Valente<\/i> f\u00fcr Poesie und \u00c4sthetik ist (S. 71-83). Beide liefern wertvolles Prim\u00e4rmaterial.<\/p>\n<p>Vor allem die Gedichte von Rodr\u00edguez Fer sind auch k\u00fcnstlerisch \u00fcberzeugend und beweisen, dass anarchistische Poesie weder d\u00fcnn, blechern, noch ein Ding der Vergangenheit sein muss. Die literarische Produktivit\u00e4t der anarchistischen Kultur durch die Jahrhunderte wird hier besonders augenf\u00e4llig.<\/p>\n<h3>Fazit<\/h3>\n<p>Zusammenfassend l\u00e4sst sich sagen, dass Lily Litvak durch die gr\u00fcndliche und zielf\u00fchrende Auswahl der Beitr\u00e4ge das Kunstst\u00fcck fertig gebracht hat, die wissenschaftliche Forschung zur anarchistischen Kultur einerseits voranzubringen, und andererseits all jenen, die noch nie von einer solchen Kultur geh\u00f6rt haben, einen kompetenten, verst\u00e4ndlichen und gr\u00fcndlichen Einstieg ins Thema zu erm\u00f6glichen. Es gibt nicht viele, die eine solche \u0082Quadratur des Kreises&#8216; fertigbekommen.<\/p>\n<p>Die Schwerpunktausgabe von <i>El rapto de europa<\/i> ist daher uneingeschr\u00e4nkt zu empfehlen. Spanisch allerdings sollte man k\u00f6nnen, um sie zu genie\u00dfen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als sei das alles nicht genug, besitzt sie auch noch \u00fcberragende Kenntnisse zu solch unterschiedlichen Bereichen der spanischen Literatur wie der erotischen Massenliteratur des fr\u00fchen 20. Jahrhunderts oder dem Werk des gro\u00dfen andalusischen Dichters Juan Ram\u00f3n Jim\u00e9nez. 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