{"id":15161,"date":"2016-03-01T00:00:00","date_gmt":"2016-02-29T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2016\/03\/imperiale-gewaltkultur\/"},"modified":"2022-07-26T13:30:57","modified_gmt":"2022-07-26T11:30:57","slug":"imperiale-gewaltkultur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/03\/imperiale-gewaltkultur\/","title":{"rendered":"Imperiale Gewaltkultur"},"content":{"rendered":"<p>Wer sich \u00fcber die Logik imperialistischer Gewalt und Gewaltt\u00e4ter, ihre Selbstbilder, ihr Weltbild, das Funktionieren ihrer Eroberungs-, Raub- und Vernichtungsfeldz\u00fcge und die Eskalationsmechanik unterrichten will, der liegt mit dieser Arbeit richtig. Dies wird in Zeiten einer erneuten Konfrontation zwischen NATO und Russland einerseits, den sich steigernden Milit\u00e4reins\u00e4tzen in der Levante und Nordafrika andererseits immer wichtiger. Was die just beschlossenen Bundeswehreins\u00e4tze in Syrien und Mali angeht: Wer dieses Buch gelesen hat wird die wahrscheinlichen Abl\u00e4ufe und Resultate dieser Interventionen vorhersagen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Denn auch diese Eins\u00e4tze stehen in einer langen Tradition, die ideologisch und kulturell in die Geschichte Europas und seiner kolonialen Gr\u00fcndungen im n\u00f6rdlichen Teil Amerikas eingeschrieben ist. Weil dies so ist, taugt das Buch nicht dazu, \u00fcberzeugten &#8222;Bellizisten&#8220; die Logik solcher europ\u00e4ischen Interventionen und ihre verheerenden Konsequenzen f\u00fcr die indigenen, wie auch f\u00fcr die angreifenden Gesellschaften aufzuzeigen. Das Buch l\u00e4sst deutlich werden, vor welcher politischen und kulturellen Herkulesaufgabe Friedensbewegte, PazifistInnen und AntimilitaristInnen stehen, wenn an die Stelle latenter und offener Kriegsbereitschaft und -f\u00fchrung eine friedfertige, freie und gleiche Gesellschaft treten soll, die sich anderer Konfliktl\u00f6sungsmechanismen bedient.<\/p>\n<p>Walter ist es ein wichtiges Anliegen, auf die Kontinuit\u00e4ten in dieser von ihm eindrucksvoll illustrierten imperialen Gewaltkultur hinzuweisen. In den letzten f\u00fcnf Jahrhunderten haben sich zwar die Formen ihrer Herrschaft und die legitimatorischen Figuren gewandelt: offen davon zu sprechen, Kolonialkriege f\u00fchren zu wollen tut niemand mehr und es m\u00fcssen schon &#8222;humanit\u00e4re Ziele sein&#8220;, um derentwillen Drohnen zu illegalen Hinrichtungen losfliegen &#8211; in Kontrast zu den so oft beschworenen Werten des Abendlandes, in dessen Revolutionen es sehr oft gerade um &#8222;fair trial&#8220; und Habeas corpus&#8220; ging! &#8211; bevor dann Bomber in Gang gesetzt werden. Aber im Kern herrscht Kontinuit\u00e4t: &#8222;Die globale Reichweite des \u0082Weltsystems&#8216; ist heute nahezu absolut; und die westlichen Industrienationen legen (zusammen mit einzelnen Regionalm\u00e4chten in der Dritten Welt) in diesem System die Regeln fest, nach denen die \u00fcbrigen Staaten zu spielen haben oder widrigenfalls mit politischen und wirtschaftlichem Druck und in letzter Instanz mit Waffengewalt dazu angehalten werden.&#8220; (S. 10f.)<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu den Fata Morgana, mit denen die neoliberalen Hegemonen dem staunenden Publikum wei\u00dfmachen wollen, dass sich mit dem Markt auch Demokratie und Freiheit von selbst einstellen, ist die westliche Durchdringung der Welt von Anfang an au\u00dferordentlich gewaltsam geschehen (S. 12).<\/p>\n<p>Ein analytischer Zugewinn des Buches besteht aber darin, die Gewaltkomponente des Imperialismus als eine Konfliktart \u0082sui generis&#8216; zu bearbeiten (S.13).K\u00f6nnte es sein, dass das ehrliche Erschrecken \u00fcber die Erfolge und die Gewaltstrategien des &#8222;Islamischen Staates&#8220; auch damit zusammenh\u00e4ngt, dass hier ein im Westen entwickeltes Konzept aggressiver Staatenbildung, gewaltsamer globaler Expansionsanspr\u00fcche und religi\u00f6sen Totalitarismus gleichsam zur\u00fcckschl\u00e4gt? Und das Europa somit einen Spiegel vorgehalten bekommt und sich in den Z\u00fcgen der Dschihadisten wohl wiedererkennen k\u00f6nnte? Wer hat wohl die heute im IS wirkenden und planenden Geheimdienstoffiziere des untergegangenen Saddam Hussein-Regimes ausgebildet?<\/p>\n<p>Walter formuliert den Anspruch, &#8222;eine Art Idealtypus (mit Variablen) zu entwickeln. (&#8230;) Die Dichte wiederkehrender empirischer Beobachtungen in der Gewaltgeschichte des westlichen Imperialismus legt nahe, dass auch die sie verbindende Interpretation des gro\u00dffl\u00e4chigen Konfliktmusters, der Funktionsweise, der inneren Logik dieser Geschichte, die ich hier versuche, verallgemeinerbar ist. Das Buch macht ein Angebot f\u00fcr die Einordnung solcher Beobachtungen in der k\u00fcnftigen empirischen Aufarbeitung weiterer Konflikte, davon ausgehend, dass die Logik der Gewaltkomponente der europ\u00e4ischen Expansion \u00fcbertragbare R\u00fcckschl\u00fcsse zul\u00e4sst.&#8220; (S. 19).<\/p>\n<p>Die Darstellung dieser Elemente ist nicht nur f\u00fcr eine Forschungsperspektive nutzbar. Mittel, Methoden, Eskalationsstrategien und die dazu geh\u00f6renden ideologischen Konstrukte zu erkennen ist eine Voraussetzung jeder antimilitaristischer und gewaltfreier Intervention, jeder Politik in friedensf\u00f6rdernder Perspektive. Dazu kann der Band beitragen.<\/p>\n<p>So ist es bei auch bei den aktuellen milit\u00e4rischen Auseinandersetzungen f\u00fcr die &#8222;Heimatfront&#8220;, sprich: in der medialen und politischen Vermittlung zur Herstellung und Wahrung von Massenloyalit\u00e4t von Belang, dass die imperiale Gewaltkultur &#8222;von der Suche nach einer schnellen, abschlie\u00dfenden Entscheidung in offener Feldschlacht&#8220; gepr\u00e4gt ist (S. 37 et.al.). Die Niederlagen der USA in Vietnam und der Alliierten in Afghanistan sind sicher auch darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass die europ\u00e4ische Kriegsf\u00fchrung in langanhaltenden, asymmetrisch gef\u00fchrten Kriegen gro\u00dfe Schwierigkeiten hat und diese Konflikte ab einem bestimmten Zeitpunkt auch kriegsbereiten Bev\u00f6lkerungsmajorit\u00e4ten nicht mehr vermittelbar sind. Was aber nicht hei\u00dft, dass solche Kriege nicht &#8222;gewonnen&#8220; werden k\u00f6nnten. Voraussetzung daf\u00fcr ist aber eine schwache Staatlichkeit des Gegners: &#8222;Der Ideale Staat als Gegner war also schwach genug, um instrumentalisierbar zu sein, aber gerade stabil genug, um im Fall der Niederlage weiter zu funktionieren, um den Sieg der Imperien abschlie\u00dfend zu machen und die Folgekosten gering zu halten.&#8220;(S. 50) Hinzu kommt, dass das &#8222;Imperium (\u0085) als praktisch unverletzliche und nahezu unersch\u00f6pfliche Ressourcenproduktionsmaschine gelten (kann) &#8211; und dabei ist die Natur der Ressourcen, die h\u00e4ufig (\u0085) konstatierte \u00dcberlegenheit professioneller westlicher Truppen und westlicher Milit\u00e4rtechnik, noch unerw\u00e4hnt.&#8220;(S. 60)<\/p>\n<p>Dennoch: Die Unterwerfung indigener Gesellschaften dauerte in der Regel Jahrzehnte, bedurfte der Serienkriege und einer andauernden Gewalt. Dabei ist bemerkenswert, dass diese Gewalt in ihrer expansiven Dynamik im Regelfall von den Akteuren an der Peripherie ausging. Gewonnen werden konnten diese Kriege nur, wenn die europ\u00e4ischen lokalen Gewaltunternehmer und die Siedler das demographische \u00dcbergewicht durch massive Besiedlung und die Zerst\u00f6rung der Lebensgrundlagen der indigenen Gegner gewannen (Nord-, Mittel- und S\u00fcdamerika, Neuseeland, Australien, Tasmanien).<\/p>\n<p>Wo weder die Entscheidungsschlacht &#8211; in der die Indigenen in der Regel den k\u00fcrzeren zogen, auch wenn sie europ\u00e4ische Methoden und Waffen einsetzten &#8211; noch die Demographie den Sieg brachten, &#8222;ist Imperialkrieg der Versuch der milit\u00e4rischen Raumbeherrschung und der Bev\u00f6lkerungskontrolle&#8220;. (79)<\/p>\n<p>Diese Imperialkriege betrachtet Walter &#8222;als tempor\u00e4re zeitr\u00e4umliche Verdichtungen einer ohnehin endemischen Gewaltsamkeit an der imperialen Frontier&#8220; (S.82), die auf eine jahrhundertealte und bis ins 19. Jahrhundert wirksame permanente Gewaltstruktur &#8211; die Sklaverei &#8211; aufsetzte (S. 81). Aber: Ohne eine signifikante Beteiligung eines Teils der Indigenen, der sich im Konflikt oder in der Konkurrenz zu anderen Indigenen befand, an der Gewalt der Europ\u00e4er kam eine dauerhafte und effektive Beherrschung von Raum und Bev\u00f6lkerung durch die Europ\u00e4er nicht zu Stande. Die Europ\u00e4er wurden oft als willkommene Verb\u00fcndete in den B\u00fcrgerkriegen vor Ort betrachtet. Das auch die indigenen Verb\u00fcndeten dabei am Ende das Nachsehen haben w\u00fcrden, schien ihnen unvorstellbar. Nach dem gemeinsamen Sieg wurden die Verb\u00fcndeten selbst in der Regel die n\u00e4chsten Opfer des Willens zur &#8222;v\u00f6llige(n) Unterwerfung und territoriale(n) Herrschaft&#8220;. Die skrupellose Bereitschaft, &#8222;etablierte Systeme umzust\u00fcrzen und r\u00fccksichtslos die Vorherrschaft anzustreben&#8220;, \u00fcberforderte das kulturelle Fassungsverm\u00f6gen vieler indigener Gegnergesellschaften (S. 99).<\/p>\n<p>Auf europ\u00e4ischer Seite dominierte demgegen\u00fcber kulturelle Ignoranz, \u00dcberlegenheitskult und die Unf\u00e4higkeit, die Welt &#8222;mit den Augen der Anderen zu sehen&#8220;. Daraus resultierte ein Unterwerfungs- und Vernichtungswille, der seine traurigen H\u00f6hepunkte im Faschismus und Stalinismus erreichte. Walter untersucht die Facetten dieser Gestalt und Logik des Imperialkrieges in vielen Einzelheiten. Ein wesentlicher Ansatzpunkt f\u00fcr Friedensarbeit besteht in der Entwicklung von Gegenstrategien, die an solchen psychologischen Freund-Feind-Konstrukten und imperialem Gr\u00f6\u00dfenwahn ansetzen.<\/p>\n<p>Hier bleiben leider auch in der <i>Graswurzelrevolution<\/i> allzu h\u00e4ufig Leerstellen &#8211; gegen die Gewaltkultur reicht die einfache Negation nicht aus.<\/p>\n<p>Es geht Walter nur am Rande um die Urspr\u00fcnge und Ursachen, die Konzepte, die der europ\u00e4ischen imperialen Gewaltkultur zu Grunde lagen und liegen, es geht nur am Rande um die sozialen und \u00f6konomischen Interessen, die Europas und Nordamerikas Staaten bis heute zu &#8222;masters of the universe&#8220; machen. Auch eine Verkn\u00fcpfung mit der Untersuchung des Zusammenhanges der Gewaltkultur mit Staatlichkeit und kapitalistischer Wirtschaft findet man nicht.<\/p>\n<p><b>Fazit<\/b><\/p>\n<p>Die f\u00fcr das Buch zentrale Figur der imperialen Gewaltkultur wird in ihren Erscheinungsformen spannend und detailreich beleuchtet, aber zu ihrer Genese, zu ihren inneren Triebkr\u00e4ften und Tiefenstrukturen darf man von Walters Buch keine Vertiefung erwarten. Hier bleibt noch einiges zu tun.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer sich \u00fcber die Logik imperialistischer Gewalt und Gewaltt\u00e4ter, ihre Selbstbilder, ihr Weltbild, das Funktionieren ihrer Eroberungs-, Raub- und Vernichtungsfeldz\u00fcge und die Eskalationsmechanik unterrichten will, der liegt mit dieser Arbeit richtig. 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