{"id":15162,"date":"2016-03-01T00:00:00","date_gmt":"2016-02-29T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2016\/03\/with-a-little-help-from-my-friends\/"},"modified":"2022-07-26T14:11:57","modified_gmt":"2022-07-26T12:11:57","slug":"with-a-little-help-from-my-friends","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/03\/with-a-little-help-from-my-friends\/","title":{"rendered":"With a little help from my friends"},"content":{"rendered":"<p>Liebe Freunde,<\/p>\n<p>es geht um die Revolution, also um Alles! Manchmal sind sich auch unsere Feinde dessen bewusst. Wer Widerstand zerschlagen will, der argumentiert n\u00e4mlich so, wie der Technokrat in der inzwischen leider von der Wirklichkeit \u00fcberholten Science Fiction-Satire Brazil von 1985: &#8222;Alles ist miteinander verbunden! Alles! Ursache und Wirkung! Das ist f\u00fcr mich das Sch\u00f6ne daran\u0085 Und unsere Arbeit ist es, die Verbindungen aufzudecken!&#8220;<\/p>\n<h3>Ihr seht das im Prinzip genauso:<\/h3>\n<p>&#8222;So offensichtlich es ist, dass sich die M\u00e4chtigen verabreden, um ihre Stellung zu halten und auszubauen, so offensichtlich ist auch, dass Verschw\u00f6rung \u00fcberall stattfindet &#8211; in den Eingangshallen von Geb\u00e4uden, an der Kaffeemaschine, hinter den Kebabbuden, bei Besetzungen, in den Werkhallen, beim Hofgang, auf Abendgesellschaften, in der Liebe. Und all diese Verbindungen, all diese Gespr\u00e4che, all diese Freundschaften verweben sich im wechselseitigen Austausch zu einer historischen Partei, die weltweit am Werk ist &#8211; \u0082unsere Partei&#8216;, wie Marx sagte.&#8220;<\/p>\n<p>Der ungl\u00fcckliche Sam Lowry in Brazil aber hat Schwierigkeiten bei seinen Verschw\u00f6rungen und erkennt zu sp\u00e4t die Stimme in der Maschine als die der totalen Entfremdung. Er entkommt den Terroristenj\u00e4gern und Folterern nur durch Wahnsinn. Wir aber begegnen seit einigen Jahren nicht mehr dem imagin\u00e4ren Tuttle, sondern greifbar gewordenen Aufst\u00e4ndischen, wir haben euch, das unsichtbare Komitee.<\/p>\n<p>Viele der Menschen, die aus Sicht des Kapitals als kleine R\u00e4der funktionieren oder die von Teilhabe abgeh\u00e4ngt und angeblich \u00fcberfl\u00fcssig sind, werden eure Schrift nicht lesen. Sie lesen ohnehin meist kaum und falls doch, dann jedenfalls auch kein anderes vergleichbares Buch. Einige wenige, die es nicht aufgeben wollen, diese Welt aus den Angeln zu heben, werden eure Flugschrift in die H\u00e4nde bekommen und im Proletariat herum wuseln, egal ob sie schon dort hineingeboren wurden oder als &#8222;Drop Out&#8220; oder &#8222;Go Out&#8220; aus anderen gesellschaftlichen Klassen kommen. Nicht alle lassen sich mit Kleinwagen, Reihenhauswohnung und sozial-darwinistischen Spielshows abspeisen. Eure Schrift wird \u00fcbersetzt werden. Mit \u00dcbersetzen ist in diesem Fall Handeln gemeint, eure Sprache, mit der ihr die M\u00f6glichkeiten des Umsturzes auslotet, braucht keine Umgestaltung.<\/p>\n<p>Sie ist pr\u00e4zise, eure Beispiele sind gut gew\u00e4hlt, treffend und mit eurer Poesie seid ihr, auch wenn ihr es nicht wollt, die Kinder Camus. Deshalb will ich erst gar nicht versuchen, alles, was in diesem B\u00fcchlein steckt, wiederzugeben. Es ist die ganze Welt, ich k\u00e4me nicht weit. Wer euch verstehen will, muss &#8222;An unsere Freunde&#8220; lesen.<\/p>\n<p>Ihr klart unsere Depressionen auf, seid aus dem lakandonischen Urwald hinaus geschleuderte Zapatistas, denn ihr verbindet euch wie einst Sitting Bull und die Wei\u00dfe B\u00fcffelfrau mit Erde, Baum und Tier.<\/p>\n<p>Gro\u00dfes Lob, wenn ihr keinen &#8222;Ismus&#8220; bem\u00fcht, nicht einmal den Anarchismus. Unsere Seelen sind weit mehr als Schachteln f\u00fcr Ideologien. Es gibt sie, die &#8222;Hui wie verwegen&#8220;-Anarchisten, die bei einem &#8222;Das Schwarze Auge&#8220;-Rollenspielkreis besser aufgehoben w\u00e4ren, als in politischen Zusammenh\u00e4ngen, vielleicht spricht sich am Ende aber auch bei ihnen herum, dass wir alle mit etwas Selbstironie und Eingest\u00e4ndnis unserer Unperfektion nur gewinnen k\u00f6nnen. Wichtigtuerei, sich selber gro\u00df und andere klein machen, sich mit fremden Federn schm\u00fccken, sind geistige Beschr\u00e4nkungen, die auf einen schlimmen seelischen Hunger hindeuten. Wir wollen doch zusammen Wesentliches \u00e4ndern. Immer ist entscheidend, was wir tun und was wir daraus lernen. Genau deshalb m\u00fcsst ihr die Frage, was es eigentlich mit Revolution und Revolution\u00e4ren auf sich hat, verst\u00f6rend beantworten:<\/p>\n<p>&#8222;Seit der Niederlage der 1970er Jahre ist an die Stelle der strategischen Frage der Revolution unmerklich die moralische Frage der Radikalit\u00e4t getreten. Die Revolution hat also dasselbe Schicksal erlitten wie alles in diesen Jahrzehnten: Sie wurde privatisiert.<\/p>\n<p>Sie ist zur M\u00f6glichkeit geworden, sich pers\u00f6nlich aufzuwerten, und das Bewertungskriterium ist die Radikalit\u00e4t.<\/p>\n<p>Die \u0082revolution\u00e4ren&#8216; Taten werden nicht mehr vor dem Hintergrund der Situation, der M\u00f6glichkeiten bewertet, die sie er\u00f6ffnen oder verschlie\u00dfen. Vielmehr extrahiert man aus jeder von ihnen eine Form. Eine bestimmte Sabotage zu einem bestimmten Moment auf eine bestimmte Art aus einem bestimmten Grund wird schlicht eine Sabotage. Und die Sabotage als G\u00fctesiegel revolution\u00e4rer Praxis reiht sich artig ein auf einer Skala, in der der Molotowcocktail \u00fcber dem Steinewerfen, aber unter dem Schuss ins Bein steht, der wiederum unterhalb der Bombe angesiedelt ist. Das Drama liegt darin, dass keine Aktionsform per se revolution\u00e4r ist: Sabotage wurde von Reformisten ebenso betrieben wie von Nazis. Der Grad an \u0082Gewalt&#8216; einer Bewegung sagt nichts \u00fcber ihre revolution\u00e4re Entschlossenheit aus. \u0085 Wo sich der Pazifist vom Lauf der Welt freisprechen und gut bleiben m\u00f6chte, indem er nichts B\u00f6ses tut, spricht sich der Radikale durch kleine illegale Aktionen, verziert mit unvers\u00f6hnlichen \u0082Stellungnahmen&#8216;, von jeder Beteiligung am \u0082Bestehenden&#8216; los. Beide sehnen sie sich nach Reinheit: der eine durch gewaltt\u00e4tige Aktion, der andere, indem er sich diese versagt. Jeder ist der Albtraum des anderen. Es ist zu bezweifeln, dass diese beiden Figuren lange bestehen k\u00f6nnten, wenn nicht jede die andere tief in sich tragen w\u00fcrde.&#8220;<\/p>\n<p>Das trifft tats\u00e4chlich auf viele Rebell*innen zu. Ich erkenne mich selbst auch zum Teil wieder, jedenfalls fr\u00fcher, als ich durch die karrierebesessene Konsum- und Gewalterlebniswelt des wiedervereinigten Deutschlands irrte und versuchte, Trennungen zu ziehen, gegen die Hass und Angst getriebenen Pre Pegida zum Beispiel. Auf unseren Demos rief ein Freund den unbeteiligt oder \u00e4rgerlich davoneilenden Passanten manchmal fast sehns\u00fcchtig zu: &#8222;Ihr werdet es nicht vermuten, wir sind die Guten!&#8220;<\/p>\n<p>Und das war genau jene Falle, aus der wir nicht mehr herauskamen: Uns selbst mit scheinbar richtiger Identit\u00e4t getrennt von den anderen vorzustellen! Dabei wurde vor unseren Augen der kommunistische Anarchist zum auspressenden, Profit besessenen Unternehmer und ein Stra\u00dfenk\u00e4mpfer zum Au\u00dfenminister. Nicht die edelste Gesinnung macht einen Menschen aus, sie ist nur eine H\u00fclle, die abgestreift werden kann, sondern sein Charakter. Kommunist, Anarchist, Pazifist, Jesuit, Christ, Muslim, und die entsprechenden &#8230;innen (au\u00dfer Jesuit), das alles sind nur Verkleidungen, von der jede und jeder zudem eine andere Vorstellung hat; niemand ist je alles ganz und gar.<\/p>\n<h3>Nun aber zum Aufstand:<\/h3>\n<p>Ihr beschriebt nicht nur seine Sackgassen, sondern macht Vorschl\u00e4ge und Beobachtungen, wie er funktionieren kann: Die MACHT sitzt nicht mehr in den nationalen Parlamenten, wenn sie es denn je tat, heute schweift sie offen umher und entpuppt sich als hochtechnisierte, multinationale, Drohnen bewaffnete Aufstandsbek\u00e4mpfung. Obama ist in erster Linie nicht Pr\u00e4sident des US-Imperiums, sondern Priester dieser MACHT, und der Putschist und Mordpate Kissinger ist ihr Heiliger.<\/p>\n<p>Ihr argumentiert \u00fcberzeugend, dass es heute Logistik ist, Stra\u00dfen, Pipelines, Schienen, Datenkabel, durch die wir beherrscht werden.<\/p>\n<p>Genau aus dem Grund ist die Besetzung von zentralen Pl\u00e4tzen wirksam, alles bleibt stehen. Durch diesen Stillstand werden neue Verbindungen m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Soziale Revolutionen wurden nie nur von einzelnen Radikalen gestrickt, werden nicht von Besessenen gemacht, sagen wir mal drei Menschen, die, nachdem sie aus ihrer Sicht alle anderen hinter sich gelassen haben, widerwillig und Z\u00e4hne knirschend anerkennen, dass die anderen beiden an ihrer Seite \u00e4hnlich, n\u00e4mlich fast(!) genauso radikal zu sein scheinen wie sei selbst. Diese \u00dcberheblichkeit und versteckte Herrschsucht der Hyper-Radikalen, ein Wahn, der meist nur ein bis f\u00fcnf Jahre lang andauert, aber zusammengenommen Tausende aus unseren Reihen vertrieben hat, bewirkt bei empfindsamen Menschen n\u00e4mlich Abscheu.<\/p>\n<p>Zu Recht! Nein, Revolutionen sind konkrete Handlungen, die von jedem gemacht werden k\u00f6nnen, der oder die zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist und das Richtige tut. So waren es in \u00c4gypten und in der T\u00fcrkei die nach Ma\u00dfst\u00e4ben der puritanischen Radikalen durch das Raster fallenden Fu\u00dfballfans, die sich der entfesselten Polizeigewalt entgegenstellen konnten.<\/p>\n<p>Ich habe auch Bedenken, die ihr mir nicht ganz zerstreuen konntet: Zum einen ist davon auszugehen, dass ein Herrschaftssystem, wenn es Menschen wie R\u00e4der behandeln will, besser damit f\u00e4hrt, Fluchtwege zuzulassen, ja diese sogar f\u00f6rdern sollte. Die totalit\u00e4ren Systeme scheitern (hoffentlich alle) irgendwann genau daran, dies nicht zu tun. Im Kapitalismus aber sind diese Fluchten Religionen, Halleluja Sekten, Filme, Computerspiele, Internet und vieles mehr. Vielleicht z\u00e4hlen auch alle (!) Ismen dazu!? Ihr beschreibt, wie der Kapitalismus es sich zum System gemacht hat, zu zerst\u00f6ren, um neue Produktionsverfahren aufzubauen und engere Ausbeutungsnetze zu kn\u00fcpfen. Was aber, wenn wir Aufst\u00e4ndischen diejenigen sind, die den Reichen helfen zu zerst\u00f6ren, damit sie ihre Mauern nur umso h\u00f6her wieder aufbauen? Oder schlimmer: Was, wenn das Ergebnis unseres Aufstandes nach unserer vollst\u00e4ndigen Niederlage ein gerade durch den Aufstand legitimierter \u00dcberwachungsstaat w\u00e4re oder die Willk\u00fcr von fanatischen M\u00f6rderbanden wie Islamischer Staat und Boko Haram bedeutet?<\/p>\n<p>Die Antwort liegt wohl in dem, was ihr als anarchistisches Milieu in Barcelona bis 1936 beschreibt: Eine Vielzahl von Gruppen, Werkst\u00e4tten, H\u00e4ndlern und Gewerkschaften hat ein widerst\u00e4ndiges Netz gekn\u00fcpft. Es ist dieses Geflecht, aus dem die neue Gesellschaft erwachsen kann. Die Gesellschaft der selbstverwalteten, freien Kommunen. Dieses Netz aus CNT-FAI plus anderen Organisierten und Unorganisierten war \u00fcber Jahrzehnte nicht nur unregierbar, sondern auch unbesiegbar, jedenfalls bis zur verh\u00e4ngnisvollen Entscheidung eines fast unsichtbaren Komitees am 23. Juli, eures Schatten Bruders sozusagen, den Aufstand nicht bis zum Ende durchzuf\u00fchren. Laut Garcia Oliver war dies der entscheidende Wendepunkt der Spanischen Revolution bis zum Mai 1937, als Gewalt und Politik dieses Netz endg\u00fcltig zerschlugen. Dennoch: Wir betrachten die vergangenen Revolutionen nicht, um uns an ihnen zu berauschen, sondern aus ihren St\u00e4rken und Schw\u00e4chen zu lernen. Die Voraussetzung f\u00fcr diesen Sommer der Anarchie war das widerst\u00e4ndige Netz. Also ist es richtig, alternative Strukturen aufzubauen, auch in der Wirtschaft, nur m\u00fcssen sie sich st\u00e4ndig mit dem Widerstand verbinden, oder sie kippen um und werden zum verbesserten Rad im Getriebe des Systems. Gegenseitige Hilfe durchbricht Ausbeutung. Ohne diese Vorbereitung, ohne viele kleine dauerhafte Verschw\u00f6rungen, gen\u00fcgend Menschen, die erkannt haben, dass sie nicht nach mehr Konsum, sondern nach Seele hungern, keine Revolution!<\/p>\n<p>Au\u00dferdem m\u00fcssen wir nicht nur zornige, sondern auch gl\u00fcckliche Revolution\u00e4re werden, oder wir tragen in uns selbst die kommende neue Unterdr\u00fcckung und sollten es dann lieber gleich lassen.<\/p>\n<p>Wie es Durruti ausdr\u00fcckte, sind wir f\u00e4hig, eine neue Welt mit unseren H\u00e4nden und unseren Herzen aufzubauen. Ihr und nicht Syriza oder andere staatliche Vertreter von Castro oder Chavez seid entscheidend. Denn allzu leicht ersticken Staatsparteien die Kreativit\u00e4t der Menschen, verf\u00fchren nicht zur\u00fcck zum bodenst\u00e4ndigen Begreifen und Staunen, sondern zur Entfremdung, damit zur Gier, die Leere zu f\u00fcllen, damit zu Korruption und Vetternwirtschaft.<\/p>\n<p>Liebe Freunde, ihr habt das Kommunistische Manifest von Marx und Engels weiterentwickelt und es auf den Stand von Gegenwart und Zukunft gebracht. Da es Freiheit atmet, mag ihm ein hoffnungsvolleres Schicksal verg\u00f6nnt sein als seinem Vorg\u00e4nger.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Freunde, es geht um die Revolution, also um Alles! Manchmal sind sich auch unsere Feinde dessen bewusst. Wer Widerstand zerschlagen will, der argumentiert n\u00e4mlich so, wie der Technokrat in der inzwischen leider von der Wirklichkeit \u00fcberholten Science Fiction-Satire Brazil von 1985: &#8222;Alles ist miteinander verbunden! Alles! Ursache und Wirkung! 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