{"id":15164,"date":"2016-03-01T00:00:00","date_gmt":"2016-02-29T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2016\/03\/alexandre-marius-jacobs-leben-als-dieb-und-strafkolonist\/"},"modified":"2022-07-26T14:22:11","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:11","slug":"alexandre-marius-jacobs-leben-als-dieb-und-strafkolonist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/03\/alexandre-marius-jacobs-leben-als-dieb-und-strafkolonist\/","title":{"rendered":"Alexandre Marius Jacobs Leben als Dieb und Strafkolonist"},"content":{"rendered":"<p>Dieses Buch informiert \u00fcber die schillernde Figur des anarchistischen Diebes und Gefangenen der Strafkolonien in Franz\u00f6sisch-Guayana, Alexandre Jacob (sp\u00e4ter: Marius Jacob). 1994 gab es dazu eine erste, l\u00e4ngst vergriffene Brosch\u00fcre von Michael Halfbrodt bei Syndikat A.<\/p>\n<p>Wohl niemand hat die praktischen Konsequenzen des anarchistischen Grundsatzes &#8222;Eigentum ist Diebstahl&#8220; so gelebt wie Jacob: Wenn n\u00e4mlich Eigentum tats\u00e4chlich Diebstahl an den Armen, Arbeitenden und Ausgebeuteten ist, dann ist der Diebstahl des Eigentums der Reichen durch AnarchistInnen nur eine moralisch legitime Wiederaneignung (reprise).<\/p>\n<p>Alexandre Jacob lebte sich nach einer kurzen Erfahrung als Matrose in die Marseiller anarchistische Szene der Wende zum 20. Jahrhundert ein. Sein wichtigster, lebenslanger Freund wurde Charles Malato (1857-1938).Sie kritisierten bereits die anarchistische Bombenwerfer-Periode der &#8222;Propaganda der Tat&#8220; (1892-94) als f\u00fcr die Revolution ineffizient, ja die Massen von ihr abschreckend; produzierten aber dennoch Bomben, die jetzt versteckt wurden f\u00fcr den nunmehr hinausgeschobenen Moment der Revolution. Daf\u00fcr wurde Jacob ein erstes Mal verhaftet. Nach seiner Freilassung wurde er anarchistischer Dieb (1899-1903), um die Revolution zun\u00e4chst einmal finanziell vorzubereiten. 10 Prozent aller Einnahmen bei den Diebst\u00e4hlen wurden der anarchistischen Bewegung, deren Agitation in Zeitungen oder f\u00fcr Familien Verfolgter gespendet.<\/p>\n<p>Jacob wurde Safe-H\u00e4ndler, so konnten seine Teams gut \u00fcben. Mehrere von ihm ausgebildete und koordinierte Gruppen brachen in ganz Frankreich, in besten Zeiten einmal jede Nacht, manchmal gar zu zwei Teams an verschiedenen Orten in abgelegene Villen der Reichen oder reicher Witwen, auch in Kirchen ein. Jacob nannte das die Industrialisierung des Diebstahls. Letztlich konnten ihm 150 Diebst\u00e4hle nachgewiesen werden, real gehen die Sch\u00e4tzungen bis weit \u00fcber 1000.<\/p>\n<p>Allerdings waren nicht alle Beteiligten AnarchistInnen, auch EgoistInnen und einfache Kriminelle schlichen sich ein und sorgten f\u00fcr Streit: Sie wollten die 10% f\u00fcr die Bewegung nicht abgeben oder rissen manchmal die ganze Beute an sich. Dadurch kam, was kommen musste: Aussteiger, Versto\u00dfene gaben der Polizei Hinweise oder sagten bei ihr aus, wodurch die ma\u00dfgeblichen Beteiligten gefasst wurden. 26 Angeklagte standen in Amiens 1905 vor Gericht, darunter seine Mutter Marie und seine Freundin Rose Roux. Jacob wurde zu lebenslanger Zwangsarbeit in den Strafkolonien Guayanas, d.h. den dort vorgelagerten Inseln, verurteilt. Tats\u00e4chlich wurden daraus 25 Jahre Straflager und Knast, wovon er die letzten 2 Jahre in Frankreich absa\u00df. Dass er \u00fcberhaupt &#8211; als einer der wenigen Strafkolonisten &#8211; lebend zur\u00fcckkehren konnte, hatte er der Kampagne seiner Mutter, von Charles Malato, des Arztes Louis Rousseau, der mit Informationen Jacobs Mitte der Zwanzigerjahre die Zust\u00e4nde in den Lagern von Guayana erstmals skandalisierte, und dem kritischen Journalisten Albert Londres zu verdanken. Dieser Abschnitt von Jacobs Leben, oft vernachl\u00e4ssigt, wirft einen Blick auf die m\u00f6rderischen, die Gefangenen brutalisierenden und einer permanenten Folter gleichkommenden Zust\u00e4nde in den Strafkolonien. In Frankreich sind dazu im Jahre 2000 die Briefe Jacobs aus den Straflagern an seine Mutter ver\u00f6ffentlicht worden, manche werden in Thomas&#8216; Buch wiedergegeben. Schlie\u00dflich verbrachte Jacob die letzten drei\u00dfig Jahre seines Lebens als weiser, zur\u00fcckgezogener, auch selbstkritischer Anarchist, als Freund des antimilitaristischen Anarchisten Louis Lecoin, bis zu seinem Freitod 1954 in der franz\u00f6sischen Provinz.<\/p>\n<p>Bei den Einbr\u00fcchen waren Jacob und seine Teams durchweg bewaffnet: falls Eigent\u00fcmer, Hausverwalter wider Erwarten doch anwesend waren oder NachbarInnen die Polizei riefen, wurde sofort geschossen, das Leben eines Gendarmen galt den Dieben nichts. Durch diese Schie\u00dfw\u00fctigkeit wurde der m\u00f6gliche Unterschied zwischen reinem Diebstahl und blutigem Raub\u00fcberfall verwischt. Unangenehm zu lesen ist auch der Furor der Rache des Jacob, dem es noch w\u00e4hrend des Prozesses gelang, die aussagende Ex-Freundin eines Diebes zu vergiften oder sp\u00e4ter im Straflager Verr\u00e4ter gnadenlos abzustechen. Bernard Thomas weidet sich manchmal zu sehr in solchen Beschreibungen, seine Sprache ist zuweilen militarisiert &#8211; die Ann\u00e4herung Jacobs an seine Geliebte Rose beschreibt er z.B. in Sch\u00fctzengrabensprache als zun\u00e4chst &#8222;Belagerung&#8220;, dann &#8222;intensiven Beschuss&#8220; und schlie\u00dflich setzt er abschlie\u00dfend zum &#8222;Sturmangriff&#8220; auf sie an (S. 82). Es war deswegen n\u00f6tig, das Buch im Titel als &#8222;Roman&#8220; zu kennzeichnen, Dieser &#8222;Kriminalroman&#8220; liest sich spannend und fl\u00fcssig, doch Thomas neigt zur unkritischen Heroisierung und Legendenbildung. Mit den Tatsachen nimmt er es nicht so genau, was allerdings zu gro\u00dfen Teilen durch eine Flei\u00dfarbeit von 30 Seiten Richtigstellungen, Fakten und Zusatzinformationen durch die \u00dcbersetzerInnen im Anhang ausgeglichen wird.<\/p>\n<p>Ich hoffe, dass dieses Buch den Auftakt zu weiteren \u00dcbersetzungen bildet. Neben den Strafkoloniebriefen st\u00fcnden da noch Jacobs in der ersten Gef\u00e4ngniszeit geschriebene Autobiographie \u00fcber die Diebstahlsphase, &#8222;Les Travailleurs de la nuit&#8220; (Die Nachtarbeiter), 1999 ver\u00f6ffentlicht, zur Auswahl, besonders aber die detaillierten Biographien des wichtigsten Jacob-Historikers Jean-Marc Delpech, &#8222;Alexandre Jacob, l&#8217;honn\u00eate cambrioleur&#8220; (Der ehrliche Einbrecher), 2008, sowie &#8222;Alexandre Marius Jacob. Voleur et Anarchiste&#8220; (Dieb und Anarchist), 2015. Interessant bei Delpech auch, dass er F\u00fchrungen in franz\u00f6sischen Nazi-KZs wie Struthof durchf\u00fchrt und die franz\u00f6sischen Strafkolonien in Guayana als ihre Vorl\u00e4ufer sieht. Letztlich sei noch auf die eben in Frankreich erschienene, wunderbare Graphic Novel von Vincent und Ga\u00ebl Henry hingewiesen: &#8222;Alexandre Jacob. Journal d&#8217;un anarchiste cambrioleur&#8220; (Tagebuch eines anarchistischen Einbrechers), \u00c9ditions Sarbacane, Paris 2016.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieses Buch informiert \u00fcber die schillernde Figur des anarchistischen Diebes und Gefangenen der Strafkolonien in Franz\u00f6sisch-Guayana, Alexandre Jacob (sp\u00e4ter: Marius Jacob). 1994 gab es dazu eine erste, l\u00e4ngst vergriffene Brosch\u00fcre von Michael Halfbrodt bei Syndikat A. 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