{"id":15166,"date":"2016-03-01T00:00:00","date_gmt":"2016-02-29T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2016\/03\/gut-erzaehlt-aber-politisch-fragwuerdig\/"},"modified":"2022-07-26T13:56:33","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:33","slug":"gut-erzaehlt-aber-politisch-fragwuerdig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/03\/gut-erzaehlt-aber-politisch-fragwuerdig\/","title":{"rendered":"Gut erz\u00e4hlt, aber politisch fragw\u00fcrdig"},"content":{"rendered":"<p>In Deutschland arbeitet sie als Prostituierte. Die Tochter eines ihrer Stammkunden, Isa, ist etwa in ihrem Alter, und auch diese flieht: vor den Erwartungen ihrer Eltern, insbesondere ihrer Mutter, die von ihrer Tochter etwas Besonderes, eine gro\u00dfe Leidenschaft f\u00fcr etwas, egal was verlangt. Die gelangweilte Studentin lernt eher zuf\u00e4llig einige Aktivist*innen kennen, kopiert deren Dresscode und Sprachduktus und macht schnell auch politische Anliegen zu ihrer eigenen Sache. Der Kampf der Gefl\u00fcchteten wird f\u00fcr sie zum wichtigsten \u00fcberhaupt. Ihr Feindbild stellt Senator Joachim Ottens dar (&#8222;Von der Titelseite grinste fett ein fettes Gesicht.&#8220;), der ein Fl\u00fcchtlingscamp r\u00e4umen l\u00e4sst und generell als wohlsituierter und konservativer Hardliner erscheint. Die Sache wird zu einem pers\u00f6nlichen Kampf.<\/p>\n<p>Wie der Titel bereits verr\u00e4t, sind L\u00fcgen das unausgesprochene Dauerthema des Romans. Alle Protagonist*innen k\u00e4mpfen mit Lebensl\u00fcgen und verdrehten Wahrheiten. Beba, die nicht wei\u00df, ob sie zu den Sexarbeiterinnen geh\u00f6rt, &#8222;die das freiwillig&#8220; tun, oder zu jenen, &#8222;die das nicht freiwillig&#8220; tun. Isa, die alle Bande zu ihrem Elternhaus kappen will, aber letztlich doch nur versucht eine Person zu werden, wie ihre Mutter sie bewundern w\u00fcrde. Senator Ottens wiederum spielt den Unersch\u00fctterlichen, w\u00e4hrend ihn die Drohungen der Antirassistischen Zone (ARZ), wie sich Isa und ihre Clique nennen, l\u00e4ngst sehr mitnehmen.<\/p>\n<p>Der Roman lebt von Dialogen. Seine Sprache ist mitunter rau, mitunter bildreich. Letzteres z.B. wenn Beba davon spricht, ihren K\u00f6rper wie einen Mantel abzulegen und selbst daneben zum Fenster hinaus zu sehen. Der Aufbau der Geschichte ist stimmig.<\/p>\n<p>Was sich zun\u00e4chst als wohltuende Kritik lesen l\u00e4sst, z.B. am Szene-Dresscode oder dem NGO-Funktion\u00e4r Sven, der mal eben zum Pressetermin erscheint, wortgewaltig Raum einnimmt und dann schon wieder verschwunden ist, wird allerdings immer mehr zur einseitigen Farce.<\/p>\n<p>Zwar wird Senator Ottens als vielschichtige Person dargestellt. Immer wieder reflektiert er das Verh\u00e4ltnis zwischen seiner jetzigen Position und der seines Vaters, von dem er sich in seiner Jugend, in der er gerne ein Arbeitersohn gewesen w\u00e4re, abgewandt hatte. Der knallharte Politiker wird im Privaten als sensibel, warmherzig und ma\u00dfvoll dargestellt. Die Liebesgeschichte seiner Ehe erscheint voller W\u00e4rme, R\u00fccksichtnahme und Vertrauen. Im Kontrast dazu erscheint Isa sehr eindimensional. Sie wird als Prototyp einer verblendeten Aktivistin dargestellt, die au\u00dfer abgedroschenen Phrasen kaum etwas zu sagen wei\u00df und sich die Realit\u00e4t und politische Zweckm\u00e4\u00dfigkeit zurecht biegt. Mit H\u00e4rte und Gruppendruck dominiert sie ihr Umfeld, w\u00e4hrend sie eigene Bed\u00fcrfnisse z.B. im Beziehungsleben verleugnet. Weder ihre Handlungen noch ihre Gedankeng\u00e4nge werden f\u00fcr die Leser*innen wirklich nachvollziehbar. Einzig das Verh\u00e4ltnis zu ihren Eltern und die fehlende Grenzsetzung durch diese, werden als Erkl\u00e4rungsmuster herangezogen.<\/p>\n<p>Die Gefl\u00fcchteten stellt Fricker als fordernd dar. Viele von ihnen sitzen vor dem Fernseher, sind aggressiv und zerst\u00f6ren grundlos alles Sch\u00f6ne, wie z.B. eine Gitarre, auf der ein Junge spielt. Sie lassen \u00fcberall ihren M\u00fcll herumliegen, beschweren sich, dass die Stadt diesen nicht wegr\u00e4umt, und werfen allen, die sagen, sie sollten selbst aufr\u00e4umen, vor, das sei rassistisch.<\/p>\n<p>Die Gefl\u00fcchteten erscheinen als Masse, unter denen nur der Wortf\u00fchrer Amidou heraussticht, der sich weigert, die besetzte Fabrik mit Obdachlosen und &#8222;Zigeunern&#8220; zu teilen. Doch selbst als dieser einen anderen Gefl\u00fcchteten umbringt, reagieren die anderen mit Solidarit\u00e4t.<\/p>\n<p>Freilich kann es nicht darum gehen, die Verh\u00e4ltnisse unter Gefl\u00fcchteten sch\u00f6n zu reden oder zu idealisieren. Doch Fricker polemisiert, statt zu beschreiben. W\u00e4hrend sie den gesellschaftlich Privilegierten mit viel Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen entgegenkommt, werden jene, die um politische Teilhabe k\u00e4mpfen, als plump, provokant und logischen Argumenten nicht zug\u00e4nglich beschrieben.<\/p>\n<p>Der Roman behandelt spannende und aktuelle Themen, tut dies aber auf eine fragw\u00fcrdige Weise. Bebas Geschichte ist sehr ergreifend und nachvollziehbar geschildert. Sie verliebt sich, und die Frage taucht auf, ob ihr Partner ihre Vergangenheit wirklich akzeptieren kann oder dies eine weitere L\u00fcge ist.<\/p>\n<p>Diese Geschichte macht das Buch lesenswert. Alles andere l\u00e4sst das Buch auf unsch\u00f6ne Weise politisch gef\u00e4hrlich werden, gerade weil es erz\u00e4hlerisch gut geschrieben ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Deutschland arbeitet sie als Prostituierte. 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