{"id":15168,"date":"2016-03-01T00:00:00","date_gmt":"2016-02-29T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2016\/03\/ein-retroskop-fuer-die-zukunft\/"},"modified":"2022-07-26T14:11:58","modified_gmt":"2022-07-26T12:11:58","slug":"ein-retroskop-fuer-die-zukunft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/03\/ein-retroskop-fuer-die-zukunft\/","title":{"rendered":"Ein Retroskop f\u00fcr die Zukunft"},"content":{"rendered":"<p>Die Mitteilungen des Instituts f\u00fcr Syndikalismusforschung &#8222;Syfo &#8211; Forschung und Bewegung&#8220; haben sich seit 2011 zum Ziel gesetzt, &#8222;die heutige syndikalistische Bewegung in ihren Aktivit\u00e4ten auf historisch-theoretischer Ebene zu begleiten&#8220;. Inzwischen liegt das f\u00fcnfte Jahrbuch vor. Hier werden diverse aktuelle B\u00fccher und Brosch\u00fcren vorgestellt und besprochen, die sich mit der deutschen und internationalen Geschichte der anarchosyndikalistischen Bewegung befassen. Die Wiederauflagen altbekannter Klassiker werden hier ebenso gew\u00fcrdigt, wie einige neue Darstellungen und Analysen von in Vergessenheit geratenen Bewegungen und Pers\u00f6nlichkeiten.<\/p>\n<p>Neben vielen kleineren Meldungen sind ausf\u00fchrliche und informative Besprechungen, beispielsweise \u00fcber den Schweizer Luigi Bertoni (1872 &#8211; 1947), den auch in Deutschland bekannteren CNT-Aktivisten Luis Andres Edo (1925 &#8211; 2009) und \u00fcber den Mitbegr\u00fcnder des revolution\u00e4ren Syndikalismus in Frankreich Emile Pougets (1860 &#8211; 1931) zu lesen. Erg\u00e4nzt werden sie teilweise durch Interviews mit den HerausgeberInnen dieser Werke oder mit den BetreiberInnen von anarchistischen Bibliotheken und Archiven.<\/p>\n<p>Spezielle Themen, wie etwa die Machnowetschina in der Ukraine, der Anarchismus in Rum\u00e4nien, sowie Kunst und Karikaturen im Anarchosyndikalismus kommen ebenfalls zur Geltung.<\/p>\n<p>Die pr\u00e4sentierten &#8222;Fundst\u00fccke&#8220; aus der Vergangenheit sind in der Regel aus Papier und vermitteln lediglich einen Eindruck, wie die AktivistInnen sich nach au\u00dfen hin schriftlich pr\u00e4sentierten und gesehen werden wollten. Wie sie untereinander oder mit ihren AnsprechpartnerInnen tats\u00e4chlich umgingen, welche Erfahrungen, Erfolge oder Misserfolge damit verbunden waren, ob sie wom\u00f6glich nur ein sch\u00f6ner Schein oder ein papierner Existenznachweis waren &#8211; das alles l\u00e4sst sich nur bedingt aus Flugbl\u00e4ttern, Kampfschriften und Brosch\u00fcren herauslesen. Die Herausgeber sind sich des Problems wohl bewusst und fragen in einigen Interviews nach. Hierdurch lassen sie das leicht angestaubte Metier der Archiv- und buchbezogenen Arbeit hinter sich und agieren lebendiger und praxisn\u00e4her.<\/p>\n<p>Helge D\u00f6hring kritisiert in der Besprechung eines anarchistischen W\u00f6rterbuches Selbstbezogenheit und Weltfremdheit bestimmter anarchistischer Szenen. Anarchistische Str\u00f6mungen wie &#8222;Anarchokapitalismus&#8220;, &#8222;Nationalanarchismus&#8220; und &#8222;Christlichen Anarchismus&#8220; findet er zumindest bedenklich bis hin zu &#8222;nicht mehr alle Tassen im Schrank&#8220;. Bei den beiden Ersteren kann man das so sagen. Aber beim Christlichen Anarchismus? Auch wenn es gute Gr\u00fcnde daf\u00fcr gibt, Religionen kritisch zu sehen, sollten wir differenzieren. Die &#8222;Catholic Workers&#8220; in den USA haben beispielsweise mit den IWW zusammengearbeitet und verf\u00fcgten \u00fcber eine Praxis, die derjenigen des Anarchismus nahekam (siehe auch das Buch &#8222;Christlicher Anarchismus&#8220; aus dem Verlag Graswurzelrevolution, 2013).<\/p>\n<h3>Absolutistische Gedankeng\u00e4nge<\/h3>\n<p>In dem zur Diskussion gestellten Artikel &#8222;\u00dcber das Soll des Anarchosyndikalismus&#8220; von Hans J\u00fcrgen Degen fordert er einen &#8222;definitiven Schlussstrich&#8220; unter die bisherige &#8211; seiner Meinung nach &#8211; sektiererische Politik des neueren Anarchosyndikalismus. Hinweg mit dem &#8222;verquasten Jargon der Linken&#8220;, &#8222;blinden kampagnengetriebenen Aktionismus&#8220;, &#8222;Gro\u00dfm\u00e4uligkeit&#8220; und &#8222;revolution\u00e4rer Selbstbeweihr\u00e4ucherung&#8220;, stattdessen mehr konkrete Betriebsarbeit! &#8211; So weit, so gut.<\/p>\n<p>Aber dann fordert er eine rigorose Abschottung gegen\u00fcber allen linken Str\u00f6mungen und vielen wichtigen thematischen Schwerpunkten, beispielsweise die Abkehr von Umweltpolitik- und Antifa-Themen. Was n\u00fctzen seine auf mehreren Seiten zu einem un\u00fcberwindbar hohen Berg aufget\u00fcrmten hehren Anspr\u00fcche und wohlfeilen Postulate, wenn sie in dieser Form unter den gegebenen Umst\u00e4nden mangels Masse kaum umgesetzt werden k\u00f6nnen? Da Degen \u00fcberall Grenzz\u00e4une und Verbotsschilder f\u00fcr Kooperationen aufstellt, gibt es noch nicht einmal Verb\u00fcndete!<\/p>\n<p>Fast fanatisch steigert er sich in geradezu &#8222;absolutistische Gedankeng\u00e4nge&#8220; hinein, dargelegt in einem unangenehmen Muss-Muss-Befehlston, wie er typisch f\u00fcr Sektierer ist: &#8222;Untaugliches mu\u00df ausgeschieden werden&#8220;! Auf der Strecke bleiben bei seinem Anarchosyndikalismus-Verst\u00e4ndnis die Solidarit\u00e4t und die Gegenseitige Hilfe. Spektren\u00fcbergreifend untereinander, einfach und ohne ideologische Vorbehalte den N\u00e4chsten zugewandt. Ganz gleich, ob jemand bei Ver.di ist oder bisher nirgendwo organisiert war.<\/p>\n<p>L\u00e4ngst gibt es basisgewerkschaftliche Plattformen und Zusammenschl\u00fcsse wie LabourNet oder sogar im 54. Jahrgang die sozialistische Betriebszeitung &#8222;Express&#8220;, die sich teilweise einer libert\u00e4ren Praxis ge\u00f6ffnet haben. Durch diese Zusammenarbeit k\u00f6nnten sich meiner Meinung nach f\u00fcr die Zukunft ebenfalls Perspektiven f\u00fcr die \u00fcberschaubare Anzahl von AnarchosyndikalistInnen ergeben.<\/p>\n<h3>Erfahrungen verarbeiten und Lernprozesse f\u00f6rdern<\/h3>\n<p>Das SyFo-Interview mit Wolfgang Haug, dem Herausgeber der 2004 nach 24 Erscheinungsjahren eingestellten anarchistischen Vierteljahreszeitung &#8222;Schwarzer Faden&#8220; und Betreiber des &#8222;Trotzdem Verlags&#8220;, ist mit seinen 29 Seiten (!) das Highlight des Heftes geworden. Einige AkteurInnen des historischen Anarchismus kannte er noch pers\u00f6nlich und verlegte ihre Werke. Auf Augustin Souchy, Murray Bookchin, Noam Chomsky und viele andere wird ausf\u00fchrlich eingegangen.<\/p>\n<p>Haug macht im Gegensatz zu Degen deutlich, dass betriebliche und antirassistische K\u00e4mpfe sowie die Fl\u00fcchtlingsarbeit zusammengeh\u00f6ren, weil die \u00f6konomische Ungleichheit weltweit Fluchtursache und N\u00e4hrboden f\u00fcr rechte und autorit\u00e4re Denkweisen gleicherma\u00dfen darstellt. Wer k\u00f6nnte diesen Zusammenhang aufgrund ihrer internationalistischen Praxis nicht kompetenter verdeutlichen als Anarchosyndikalisten?<\/p>\n<p>Das Interview spannt einen weiten Bogen \u00fcber Haugs Erfahrungen w\u00e4hrend der ersten Jahre in der FAU, der Gr\u00fcndung und Entwicklung von &#8222;Schwarzer Faden&#8220; und &#8222;Trotzdem Verlag&#8220;, des Diskussionsnetzwerkes &#8222;Forum f\u00fcr libert\u00e4re Informationen&#8220; (FLI) bis hin zur Publikationspraxis anarchistischer Verlage im Nachkriegsdeutschland.<\/p>\n<p>Am Beispiel des &#8211; getrennte organisatorische Wege gehenden &#8211; spanischen Anarchosyndikalismus zeigt er, dass mensch gegen\u00fcber komplizierten Sachverhalten sehr wohl eine differenzierte Haltung einnehmen kann.<\/p>\n<p>Die Sympathien der SF-Redaktion geh\u00f6rte zwar der &#8222;alten&#8220; CNT, doch auch der anderen Organisation konnte sie positive Seiten abgewinnen: &#8222;Andererseits nahmen wir wahr, dass die CGT sich leichter tat, alte Dogmen beiseite zu legen und sich so ohne Probleme in soziale Bewegungen und in viele Betriebe einzubringen.&#8220;<\/p>\n<p>Der Vorzug dieses langen Interviews liegt darin, dass in ihm kein fertiges, in sich abgeschlossenes Denkgeb\u00e4ude pr\u00e4sentiert wird, sondern dass hier wertvolle und manchmal auch widerspr\u00fcchliche Erfahrungen nachvollziehbar vermittelt und ausgewertet werden. Auf diese Weise werden Lernprozesse gef\u00f6rdert und f\u00fcr die zuk\u00fcnftige Arbeit nutzbar gemacht.<\/p>\n<p>Abgeschlossen wird dieses Buch durch die Rubrik &#8222;Auf Reisen&#8220;. Eine Reihe von Veranstaltungsberichten vermittelt ein lebendiges Bild, wie die \u00d6ffentlichkeitsarbeit von Syfo aussieht.<\/p>\n<h3>Fazit<\/h3>\n<p>Insgesamt ist dieser Band eine interessante Fundgrube f\u00fcr alle, die sich auf historischer Ebene mit der anarchosyndikalistischen Bewegung auseinandersetzen und sich gleichzeitig f\u00fcr die zuk\u00fcnftige politische Praxis Anregungen holen wollen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Mitteilungen des Instituts f\u00fcr Syndikalismusforschung &#8222;Syfo &#8211; Forschung und Bewegung&#8220; haben sich seit 2011 zum Ziel gesetzt, &#8222;die heutige syndikalistische Bewegung in ihren Aktivit\u00e4ten auf historisch-theoretischer Ebene zu begleiten&#8220;. Inzwischen liegt das f\u00fcnfte Jahrbuch vor. 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