{"id":15170,"date":"2016-03-01T00:00:00","date_gmt":"2016-02-29T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2016\/03\/prostitution-als-trauma-und-gewalt\/"},"modified":"2022-07-26T12:58:52","modified_gmt":"2022-07-26T10:58:52","slug":"prostitution-als-trauma-und-gewalt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/03\/prostitution-als-trauma-und-gewalt\/","title":{"rendered":"Prostitution als Trauma und Gewalt"},"content":{"rendered":"<p>Mit 22 gelang ihr der Ausstieg, gepr\u00e4gt durch eine Liebesbeziehung, in der gegenseitig gewollter Sex ihr den Abgrund zur Prostitution aufzeigte &#8211; denn ihr Sex dort war bezahlt, nicht gewollt. In den Jahren danach, in der Erinnerung des Erlebten spricht sie von &#8222;Nachbeben&#8220;, sie durchlebt eine posttraumatische Belastungsst\u00f6rung (PTBS). Erst sp\u00e4t nimmt sie therapeutische Hilfe in Anspruch. Dieses Buch \u00fcber ihr Leben als Prostituierte schrieb sie im Alter zwischen 26 und 36, \u00fcber zehn Jahre hinweg, als Teil ihrer Befreiung.<\/p>\n<p>Rachel Moran wurde sich erst in diesem Prozess \u00fcber alle Dimensionen ihrer Gewalterfahrung bewusst. Selbstbestimmung und Selbstwertgef\u00fchlt hatte sie bereits als Obdachlose verloren. Sie hat als Kinderprostituierte angefangen; Kinderprostitution geh\u00f6rt zur Prostitution, \u00fcberall, auch im &#8222;Normalbetrieb&#8220; westlicher L\u00e4nder.<\/p>\n<p>Im Stra\u00dfenstrich stellte sie die ersten zwei Jahre die Bedingung, nur &#8222;Blowjobs&#8220; zu machen. Rachel Moran wehrte sich gegen damalige irische Gesetze, den Stra\u00dfenstrich zu verbieten. Sie beschreibt, dass dort durch blitzschnelles Taxieren und die Verhandlung au\u00dferhalb des Autos, vor dem Einsteigen, noch die M\u00f6glichkeit der Ablehnung bestand, der Job auch relativ schnell zu Ende gebracht werden konnte, w\u00e4hrend sie sp\u00e4ter in Bordellen nach Stunden bezahlt wurde und den Prostituierer nicht ablehnen konnte.<\/p>\n<p>Ihre Gewalterfahrungen beschreibt sie einerseits als systematische Tendenz der Mehrheit der Prostituierer, gesetzte und verhandelte Grenzen zu \u00fcberschreiten, vom unangek\u00fcndigten Einf\u00fchren von Fingern und Gegenst\u00e4nden bis hin zu Pr\u00fcgeln; andererseits als Gewalt im Rahmen des Verhandelten, die sie als sexuellen Missbrauch bezeichnet. Er besteht in der st\u00e4ndigen \u00dcberwindung physischer und sexueller Abscheu, denn die gro\u00dfe Mehrheit der Prostituierer wird als k\u00f6rperlich absto\u00dfend empfunden: &#8222;Sexueller Ekel ist eine tagt\u00e4gliche Erfahrung in der Prostitution.&#8220; (S. 216)<\/p>\n<p>Dieser ist nur zu verdr\u00e4ngen durch Pers\u00f6nlichkeitsabspaltung, &#8222;Dissoziation&#8220; (S. 191ff.). K\u00f6rperlich ist die prostituierte Frau zwar da; mental, emotional aber abwesend: Es ist, als ob es einer anderen Person geschehe. Das abgespaltene Selbst erh\u00e4lt eine Legende: Pseudonym, in seltenen Gespr\u00e4chen wird gelogen, die Lieblingsfarbe ist rot statt gr\u00fcn. Nichts vom wahren Menschen wird preisgegeben, zur Not wird verdr\u00e4ngt (Alkohol, Drogen, bei Moran vor allem Kokain). Es ist umfassendes &#8222;Schauspielern&#8220; (S. 214); die Pers\u00f6nlichkeitsspaltung ist der Grund daf\u00fcr, &#8222;dass Frauen in der Prostitution ungl\u00fccklich sind&#8220; (S. 213). St\u00e4ndig pr\u00e4sent ist eine &#8222;Angst vor Gewalt&#8220; (S. 171). Der Rest sind &#8222;\u00dcberlebensstrategien&#8220;, z.B. &#8222;Brustwarzen mit Parf\u00fcm bespr\u00fchen, um zu verhindern, dass sie abgekaut und gebissen wurden&#8220; (S. 186), langfristig der Versuch, sich weniger absto\u00dfende, nicht-gewaltt\u00e4tige Prostituierer als Dauerkunden aufzubauen.<\/p>\n<p>Systematisch widerlegt Rachel Moran die Mythen der Prostitution, u.a. den Begriff Sexarbeiterin als &#8222;rhetorische Waffe&#8220; und &#8222;Sch\u00f6nf\u00e4rberei&#8220; (S. 298f.). Sie ist heute bei SPACE International aktiv, einer internationalen Survivor-Organisation, und hat 2013 der Regierung Irlands die \u00dcbernahme des schwedischen Modells vorgeschlagen. In dieser Hinsicht bin ich anderer Meinung, denn trotz un\u00fcbersehbarer Erfolge wurde Prostitution hier mit repressiver, staatlicher Gewalt zur\u00fcckgedr\u00e4ngt. Doch Morans Argumente gegen die Normalisierung als Beruf zeigen, dass auch Legalisierung keine L\u00f6sung ist, was sie z.B. an der absurden Diskussion in der BRD festmacht, dass arbeitslosen Frauen dann auch Jobs in der Prostitution angeboten geh\u00f6rten und ihre Leistungen gestrichen werden m\u00fcssten, wenn sie ablehnten; diese Diskussion wurde erst 2009 durch ein Urteil des Bundessozialgerichts beendet (S. 287). Abschlie\u00dfend bedankt sich Rachel Moran beim Feminismus: &#8222;Ich hatte keine Stimme&#8220;, aber es gab &#8222;da drau\u00dfen eine ganze Bewegung, die versuchte, mir eine Stimme zu verleihen.&#8220; Es geht hier nicht um die weitgehend korrumpierte Schwarzer, sondern sie zitiert so viele wichtige, klassische Feministinnen wie Sheila Jeffreys, Gerda Lerner, Simone de Beauvoir u.a. Die k\u00f6nnen weder \u00fcbersehen noch einfach diskreditiert werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit 22 gelang ihr der Ausstieg, gepr\u00e4gt durch eine Liebesbeziehung, in der gegenseitig gewollter Sex ihr den Abgrund zur Prostitution aufzeigte &#8211; denn ihr Sex dort war bezahlt, nicht gewollt. In den Jahren danach, in der Erinnerung des Erlebten spricht sie von &#8222;Nachbeben&#8220;, sie durchlebt eine posttraumatische Belastungsst\u00f6rung (PTBS). 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