{"id":1519,"date":"1997-12-01T00:00:08","date_gmt":"1997-11-30T22:00:08","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=1519"},"modified":"2022-07-26T14:26:34","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:34","slug":"die-wuste-lebt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1997\/12\/die-wuste-lebt\/","title":{"rendered":"Die W\u00fcste lebt"},"content":{"rendered":"<p>Etwa 4,8 Millionen Menschen bilden heute die soziale Klasse der Landlosen. Sie setzen sich vor allem aus Kleinbauern und -b\u00e4uerinnen, P\u00e4chterInnen und LandarbeiterInnen zusammen; aber auch StadtbewohnerInnen aus den Elendsquartieren, den Favelas, der kleineren und mittleren St\u00e4dte im Inneren des Landes. Seit ungef\u00e4hr zehn Jahren nehmen immer mehr von ihnen an den Aktionen der Landlosenbewegung &#8222;Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra&#8220; (MST) teil.<\/p>\n<p>Ihr Kampf ist nicht die erste soziale Bewegung in den l\u00e4ndlichen Regionen Brasiliens, aber sicherlich die erfolgreichste, auch wenn sie erst seit Januar 1984 aktiv ist und ihr weitreichendes Ziel &#8211; eine umfassende Agrarreform &#8211; noch nicht durchsetzen konnte.<\/p>\n<p>Das MST stellt sich bewu\u00dft in die Tradition einer langen Geschichte von l\u00e4ndlichen Befreiungsbewegungen, die durch eine Kette von Widerstandsk\u00e4mpfen gekennzeichnet ist: im 18. Jahrhundert die Bewegung entlaufener Sklaven mit dem legend\u00e4ren Zumbi als F\u00fchrer und den &#8222;Quilombos&#8220;, freien Siedlungen im Inneren des nord\u00f6stlich gelegenen Bundesstaates Bahia; 1850-1940 religi\u00f6s orientierte messianische Bewegungen; 1893- 1897 die messianische Bewegung von Ant\u00f4nio Conselheiro, der durch Predigten eine gro\u00dfe Anziehungskraft f\u00fcr die Armen hatte und mit ihnen zusammen, ebenfalls in einer abgelegenen Region in Bahia, die kommunit\u00e4r organisierte Siedlung &#8222;Canudos&#8220; aufbaute, in der 1897 etwa 20 000 Menschen lebten; 1912-1916 die Bewegung des M\u00f6nchs Jos\u00e9 Maria in Santa Catarina, im S\u00fcden Brasiliens; 1930-1934 diejenige des Padre C\u00edcero. Auf diese erste folgte 1940-1950 eine zweite Phase der K\u00e4mpfe und Revolten in verschiedenen Landesteilen, diesmal ausschlie\u00dflich in bewaffneter Form durch die Bauernligen. Von 1950 bis zum Staatsstreich der Milit\u00e4rs 1964 waren drei sehr gut organisierte Bewegungen in einer dritten Phase aktiv.<\/p>\n<p>Die sechziger Jahre, bestimmt durch die Milit\u00e4rdiktatur, die bis 1984 andauerte, waren gepr\u00e4gt von Verfolgungen und Friedhofsruhe; in den siebziger Jahren folgte die staatlich initiierte, gro\u00df angelegte Kolonisierung Amazoniens &#8211; als Versuch, eine Agrarreform zu umgehen und den Gro\u00dfgrundbesitz zu erhalten. Das Scheitern dieses Kolonisierungsprojektes lie\u00df nicht lange auf sich warten. Die tropischen Regenwaldb\u00f6den waren bald nach der Rodung f\u00fcr den Feldbau ungeeignet, die notwendige technische und soziale Infrastruktur war im Projekt nicht vorgesehen. \u00dcberdies f\u00f6rderte die Modernisierungsstrategie der Milit\u00e4rs durch steuerliche Beg\u00fcnstigungen das Eindringen von Gro\u00dfgrundbesitzern und modernen ausl\u00e4ndischen Unternehmen in den Regenwald, die den angesiedelten Landlosen und Kleinbauern und -b\u00e4uerinnen bald den Boden streitig machten.<\/p>\n<h3>Beginn und soziale Zusammensetzung der Bewegung MST<\/h3>\n<p>Die Ursachen der Entstehung der neuen Widerstandsbewegung der l\u00e4ndlichen Bev\u00f6lkerung waren das Scheitern des Kolonisierungsprojektes der Milit\u00e4rs; die Ende der siebziger Jahre einsetzende Krise des Modernisierungsmodells der Milit\u00e4rs, die durch die wachsende Auslandsverschuldung, die Inflation und die Arbeitslosigkeit sichtbar wurde; die fortschreitende private Bodenbesitzkonzentration, sei es traditionell f\u00fcr Viehweiden, sei es zunehmend f\u00fcr moderne Exportproduktion. Schlie\u00dflich stellte sich die Abwanderung in die Elendsviertel der gro\u00dfen St\u00e4dte als Scheinalternative zum Leben und Arbeiten auf dem Lande heraus. Diese Faktoren f\u00fchrten ab etwa 1978 zu zahlreichen spontanen Besetzungen gro\u00dfer Fazendas (= landwirtschaftlicher, privater Gro\u00dfgrundbesitz) durch jeweils einige hundert Familien in den S\u00fcdstaaten Brasiliens: Santa Catarina, Paran\u00e1 und Rio Grande do Sul.<\/p>\n<p>In den achtziger Jahren nahmen die Landbesetzungen weiter zu und dehnten sich auf fast alle brasilianischen Bundesstaaten aus. Gleichzeitig entwickelte sich ein eigenes politisches Bewu\u00dftsein und es wurde eine organisatorische Struktur aufgebaut. Dieser Proze\u00df ist vor allem der geduldigen und beharrlichen Arbeit von Ordensleuten zu verdanken, insbesondere den Franziskanern, und Laien in einer Institution innerhalb der katholischen Kirche, der Pastoralkommission f\u00fcr die l\u00e4ndlichen Regionen &#8222;Commiss\u00e3o Pastoral da Terra&#8220; (CPT).<\/p>\n<h3>Ziele und konkrete Forderungen<\/h3>\n<p>Das MST versteht sich als das Subjekt eines alternativen Modells des landwirtschaftlichen Lebens und Arbeitens und von kommunit\u00e4ren oder sozialistischen Werten und Ordnungen, die auch in den urbanen Regionen verwirklicht werden sollen. Der Modernisierungsproze\u00df w\u00e4hrend der gut zwei Jahrzehnte andauernden Milit\u00e4rdiktatur, hat weder die elementaren sozialen und kulturellen Bed\u00fcrfnisse der Landbev\u00f6lkerung befriedigt noch ausreichend die nat\u00fcrlichen Lebensgrundlagen geschont.<\/p>\n<p>Alternativ zu dieser Modernisierung h\u00e4lt das MST eine umfassende und integrierte Agrarreform f\u00fcr notwendig. Ihre strategische Achse soll sein: die F\u00f6rderung der klein- bis mittelb\u00e4uerlichen und der genossenschaftlichen Produktionsweise; die Bevorzugung der Binnenm\u00e4rkte statt des Exports; Produkte, die die Grundversorgung der Mehrheit der Bev\u00f6lkerung, die St\u00e4dte inbegriffen, sichern oder zumindest dazu beitragen; \u00f6kologische Anpassung der landwirtschaftlichen Nutzung der B\u00f6den und der weiteren Naturressourcen; enge lokale bis regionale Verkn\u00fcpfung von kleiner bis mittlerer Agro-Industrie mit der landwirtschaftlichen Urproduktion; kontinuierliche Technikentwicklung; schlie\u00dflich Erziehung und Fortbildung, die an die erw\u00fcnschte l\u00e4ndliche Entwicklung angepa\u00dft sind.<\/p>\n<p>Die Nutzung einer ausreichend gro\u00dfen und geeigneten Fl\u00e4che f\u00fcr das Leben und Arbeiten auf dem Lande, die Unterst\u00fctzung durch eine ver\u00e4nderte Agrarpolitik und ein gesamtgesellschaftlicher Wandel, der notwendig ist aufgrund der engen Verflechtung des Gro\u00dfgrundbesitzes mit der (agro-)industriellen Bourgeoisie und der politisch herrschenden Elite &#8211; das sind die drei grundlegenden Ziele des MST.<\/p>\n<p>Konkretisiert werden diese Ziele in einem Forderungen- und Ma\u00dfnahmenpaket, das auf einer Reihe von bundesweiten Kongressen zwischen 1985 und 1990 entwickelt und angenommen worden ist:<\/p>\n<ol>\n<li>Die Enteignung der privaten Latifundien zugunsten der Sem Terra. Diese Forderung folgt aus der gegebenen l\u00e4ndlichen Eigentums- und Nutzungsstruktur. Von insgesamt 600 Millionen Hektar landwirtschaftlicher Fl\u00e4che in Privateigentum sind 44 % nicht vollst\u00e4ndig genutzt oder aufgegeben. 264 &#8222;landwirtschaftliche Betriebe&#8220; mit einer jeweiligen Fl\u00e4che von bis zu 100 000 Hektar kontrollieren zusammen 33 Millionen Hektar. 9 % der Betriebe, die 79 % der Gesamtfl\u00e4che kontrollieren, stehen 91 % der Betriebe mit zusammen 21 % der Fl\u00e4che gegen\u00fcber. Nicht Produktion, sondern Kontrolle, Spekulation, Macht und Prestige sind die ersten Motive der meisten Gro\u00dfgrundbesitzer.<br clear=\"none\" \/><br clear=\"none\" \/><\/li>\n<li>Die Enteignung des l\u00e4ndlichen Grundeigentums der internationalen Konzerne. 33 Millionen Hektar werden als Wertreserve f\u00fcr Spekulation und Exportproduktion genutzt. Auf diesem Territorium k\u00f6nnte ein Viertel der Sem Terra-Familien angesiedelt werden.<br clear=\"none\" \/><br clear=\"none\" \/><\/li>\n<li>Die Festlegung einer H\u00f6chstgrenze f\u00fcr l\u00e4ndliches Bodeneigentum von 750 Hektar. Gr\u00f6\u00dfere Fl\u00e4chen k\u00f6nnen, nach Auffassung des MST, nicht mehr von den Arbeitskr\u00e4ften einer Familie, sei es individuell, sei es in Genossenschaften, bewirtschaftet werden. Die Notwendigkeit dieser Forderung veranschaulicht die Tatsache, da\u00df die beiden gr\u00f6\u00dften Fazendas in Brasilien jeweils 2 Millionen Hektar Land umfassen &#8211; das ist eine Fl\u00e4che gr\u00f6\u00dfer als diejenige der Niederlande.<br clear=\"none\" \/><br clear=\"none\" \/><\/li>\n<li>Das Ende der Kolonisierungsprojekte, weil sie \u00f6kologisch (N\u00e4hrstoffverarmung durch Auswaschung der ohnehin wenig fruchtbaren Regenwaldb\u00f6den, Erosion und Austrocknung), wirtschaftlich (r\u00fcckl\u00e4ufige Ertr\u00e4ge) und soziokulturell (Nicht-Anpassung der SiedlerInnen an fremde Lebensbedingungen) gescheitert sind. Jedoch sollen schon angesiedelte Familien, soweit sie bleiben m\u00f6chten, unterst\u00fctzt werden.<\/li>\n<li>Eine Agrarpolitik, die auf die Notwendigkeiten der kleinen und mittleren ProduzentInnen abgestimmt ist mit Anbaukrediten und technischen Hilfen, mit Beratung und Preispolitik.<br clear=\"none\" \/><br clear=\"none\" \/><\/li>\n<li>&#8222;Demokratisierung des Wassers&#8220;, der Hunderte von kleineren Reservoirs im trockenen Nordosten, die mit \u00f6ffentlichen Mitteln gebaut worden sind, zugunsten des Bew\u00e4sserungsfeldbaues von Agrarreform- Betrieben.<br clear=\"none\" \/><br clear=\"none\" \/><\/li>\n<li>Die Durchsetzung der \u00f6kologischen Notwendigkeiten Schutz der Naturressourcen und ihre erhaltende Nutzung (um nicht das inflation\u00e4r verkommene Modewort &#8222;nachhaltig&#8220; zu gebrauchen) vermittels einer \u00f6kologischen Strukturierung der Produktion von vornherein zu sichern, statt, wie in der kapitalistischen \u00d6kologie, \u00fcberwiegend im Nachhinein eine Schadensbegrenzung zu versuchen.<br clear=\"none\" \/><br clear=\"none\" \/><\/li>\n<li>Die territoriale und kulturelle Autonomie der indigenen Bev\u00f6lkerung, die heute in Brasilien nur noch 250 000 Menschen umfa\u00dft, vor allem in Amazonien, im mittleren Westen und im S\u00fcdwesten Brasiliens &#8211; als Begleichung einer historischen Schuld der Enteignung und des V\u00f6lkermords. Bis heute gibt es zahlreiche Landkonflikte zwischen Kleinbauern und -b\u00e4uerinnen (posseiros) und Ind\u00edgenas, in deren Territorium jene vordrangen aus Mangel an verf\u00fcgbaren und geeigneten Bewirtschaftungsfl\u00e4chen. Eine Agrarreform w\u00fcrde beide Bev\u00f6lkerungsgruppen zufriedenstellen, indem sie vor allem Latifundien enteignet und deren Fl\u00e4chen verteilt und so die indigenen Lebensr\u00e4ume entlastet.<\/li>\n<\/ol>\n<h3>Die Aktualit\u00e4t und Dringlichkeit der Agrarreform<\/h3>\n<p>F\u00fcr die unver\u00e4nderte Notwendigkeit einer umfassenden Agrarreform im Sinne der oben angef\u00fchrten strategischen Achse gibt das MST folgende Gr\u00fcnde an:<\/p>\n<ol>\n<li>Die j\u00e4hrliche pro-Kopf-Produktion von Getreide ist in Brasilien au\u00dferordentlich niedrig. Sie liegt bei 500 kg gegen\u00fcber 1 000 kg und mehr in anderen L\u00e4ndern, &#8222;Entwicklungsl\u00e4nder&#8220; eingeschlossen.<br clear=\"none\" \/><br clear=\"none\" \/><\/li>\n<li>Der Anteil am gesamten Gro\u00dfgrundbesitz der von den Eigent\u00fcmern nicht ausreichend bewirtschaftet wird und\/oder verlassen worden ist, liegt bei 80 %.<br clear=\"none\" \/><br clear=\"none\" \/><\/li>\n<li>Die Fehlnutzung der landwirtschaftlichen Fl\u00e4chen. Nur 10 % werden f\u00fcr Ackerbau genutzt, der Rest ist Viehweide oder gering genutzt oder mit dem Anbau von Exportfr\u00fcchten belegt. Andererseits geh\u00f6rt Brasilien zu den L\u00e4ndern, die weltweit die h\u00f6chste Eignung f\u00fcr die ackerbauliche Produktion von Grundnahrungsmitteln aufweisen.<br clear=\"none\" \/><br clear=\"none\" \/><\/li>\n<li>Die brasilianische Landwirtschaft produziert vor allem Exportg\u00fcter (Soja, Orangen, Kaffee, Baumwolle, Tabak und Fleisch). Gleichzeitig sind 60 % der Bev\u00f6lkerung unterern\u00e4hrt. Die viel zu geringe Nahrungsmittelproduktion f\u00fcr den Binnenmarkt wird von kleinen und mittleren landwirtschaftlichen Betrieben erbracht, nicht von den Latifundien und den Agrarunternehmen.<br clear=\"none\" \/><br clear=\"none\" \/><\/li>\n<li>Zwischen 1970 und 1990 hat Brasilien mit 30 Millionen Menschen die gr\u00f6\u00dfte Wanderungsbewegung in der menschlichen Geschichte erlebt, in diesem Falle innerhalb desselben Landes. Das Ergebnis: lebte 1960 erst 1\/3 der brasilianischen Bev\u00f6lkerung in St\u00e4dten, so waren es 1990 schon 2\/3. Diese Binnenmigration beruht vor allem auf der Konzentration des Bodeneigentums und der Spezialisierung auf mechanisierten Anbau von Exportg\u00fctern in der Landwirtschaft. Unl\u00f6sbare Probleme in den Gro\u00dfst\u00e4dten waren die Folge. In S\u00e3o Paulo zum Beispiel, mit 18 Millionen EinwohnerInnen die gr\u00f6\u00dfte Stadt Brasiliens und eine der gr\u00f6\u00dften der Welt, leben 60 % der Bev\u00f6lkerung in Elendsquartieren (favelas), 10 % leben vom Drogenhandel. Obdachlosigkeit, Verkehrsprobleme, Gewalt und Umweltverschmutzung &#8211; der Gro\u00dfraum S\u00e3o Paulo ist weltweit das gr\u00f6\u00dfte Industriegebiet mit deutschen Firmen &#8211; runden das Bild ab. Unter solchen Umst\u00e4nden ist jede umfassende und vorsorgende soziale Stadt- und Regional-Entwicklungsplanung unm\u00f6glich.<br clear=\"none\" \/><br clear=\"none\" \/><\/li>\n<li>Die verfassungsgem\u00e4\u00dfen Grund- und B\u00fcrgerrechte sind in den l\u00e4ndlichen Regionen weitgehend au\u00dfer Kraft. Es herrscht, wie seit Jahrhunderten, der Fazendeiro, jetzt zus\u00e4tzlich der Agro- Industrielle, als patron \u00fcber die Menschen in einer oder mehreren Gemeinden in Verbindung mit Klientilismus, \u00c4mterpatronage und Korruption. 80 % der 6 Millionen LandarbeiterInnen haben keinen Arbeitsausweis, k\u00f6nnen daher zu Minimall\u00f6hnen ausgebeutet werden und sind von der Sozialversicherung, die ohnehin nur mangelhaft funktioniert, ausgeschlossen. 65 % verdienen nur einen monatlichen Mindestlohn (ca. 160 DM) oder noch weniger. Die ArbeiterInnen haben nicht selten unter Gewaltt\u00e4tigkeiten zu leiden.<br clear=\"none\" \/><br clear=\"none\" \/><\/li>\n<li>In diesen Landgemeinden ist Kinderarbeit statt Schulbesuch die Regel.<br clear=\"none\" \/><br clear=\"none\" \/><\/li>\n<li>Schlie\u00dflich gibt es an den Meilern f\u00fcr die Holzkohleherstellung noch regelrechte Sklavenarbeit, Kinderarbeit eingeschlossen. Sie beruht &#8211; als Schuldsklaverei &#8211; auf der wirtschaftlichen Abh\u00e4ngigkeit der Arbeitskr\u00e4fte, die sich aus niedrigen L\u00f6hnen und hohen Preisen f\u00fcr Konsumg\u00fcter ergibt, die in eigenen L\u00e4den des patron gekauft werden m\u00fcssen und f\u00fchrt \u00fcber Verschuldung zur Versklavung.<\/li>\n<\/ol>\n<h3>Die Aktionen des MST und ihre Wirksamkeit<\/h3>\n<p>Strategisch begreift sich das MST als eine Bewegung, die Abstand zu jeder Parteipolitik h\u00e4lt. &#8222;Wir k\u00e4mpfen&#8220;, so Jos\u00e9 Rainha, einer der nationalen Koordinatoren der Bewegung, &#8222;f\u00fcr mehr als f\u00fcr gute Wahlergebnisse.&#8220; Der MST m\u00f6chte der Arbeiterpartei &#8222;Partido dos Trabalhadores&#8220; (PT) &#8222;helfen, ein alternatives Projekt f\u00fcr Brasilien aufzubauen.&#8220; Aber selbst &#8222;\u2026eine politische Partei werden zu wollen &#8211; das w\u00e4re das Ende des MST &#8211; und dies zu recht.&#8220; Die Kontinuit\u00e4t der direkten Aktionen und das breite B\u00fcndnis mit anderen sozialen Bewegungen und linken Kr\u00e4ften bleibt die bevorzugte Politik der Bewegung.<\/p>\n<p>Die Kampfformen des MST sind den Strategien, Methoden und Taktiken sehr \u00e4hnlich bzw. identisch, die wir in Europa als zivilen Widerstand kennen.<\/p>\n<p>Die brasilianische Verfassung von 1988 verpflichtet die Regierung zur Agrarreform. Das MST versteht daher seine Aktivit\u00e4ten nicht allein als legitim, sondern auch als legal. Ziel ist immer, soviel Druck auf die Beh\u00f6rden auszu\u00fcben, da\u00df sie ihrer staatsrechtlichen Pflicht der \u00dcbereignung landwirtschaftlicher Fl\u00e4chen nachkommen. Im Falle der Enteignung von privatem Eigentum schlie\u00dft das die Entsch\u00e4digung der Fazendeiros in &#8222;Staatsschuldverschreibungen der Agrarreform&#8220; ein. Die unkonventionellen direkten Aktionen des MST stehen daher in einem Zusammenhang mit seinen Verhandlungen mit Beh\u00f6rden und mit Gerichtsprozessen zur Frage der Enteignung vor den Agrargerichten.<\/p>\n<p>Die Aktionen umfassen kurzfristige Besetzungen (ocupac\u00f5es) von Teilen der Gro\u00dfgrundbesitzt\u00fcmer, aber auch von \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tzen und Geb\u00e4uden, so z.B. der Agrarreform-Beh\u00f6rde. Eine andere Form sind die Camps (acampamentos) mit Plastikzelten als Unterkunft und einfachem Grundnahrungsmittelanbau. Tausend Familien und mehr errichten diese Siedlungen auf Fazendeiras oder \u00f6ffentlichem Eigentum in den l\u00e4ndlichen Regionen und leben dort mehrere Monate, manchmal auch einige Jahre. Seit Oktober 1997 gibt es das gr\u00f6\u00dfte acampamento in der Geschichte des MST auf einer fazenda im Staat Mato Grosso do Sul mit 2 000 Familien und ca. 6 000 Menschen. In Verbindung mit diesen Camps organisiert das MST Hungerstreiks, massive &#8222;Besuche&#8220; bei tr\u00e4gen Beh\u00f6rden und Demonstrationsm\u00e4rsche, die neben den vielen lokalen und regionalen Demonstrationen gro\u00dfe, alle l\u00e4ndlichen Regionen Brasiliens aktivierende M\u00e4rsche \u00fcber mehrere Monate einschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Von strategischer Bedeutung f\u00fcr das MST und von gesamtgesellschaftlicher f\u00fcr Brasilien ist es, da\u00df sich die Binnenwanderung der Landlosen seit etwa 20 Jahren nicht mehr bevorzugt auf die Gro\u00dfst\u00e4dte richtet, sondern auf mittlere und kleine Industriest\u00e4dte in dem jeweiligen Bundesstaat. Das erm\u00f6glicht es dem MST, erstens, politisch mit den OrganisatorInnen der Favelas zusammenzuarbeiten, und es f\u00fcllt zweitens, aus diesen Favelas die Reihen der Landbesetzenden auf. Dieser Sachverhalt ist von grundlegender Bedeutung, hei\u00dft es doch immer im Jargon linker TechnokratInnen, die Urbanisierung sei nicht r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen. Das MST beweist: es geht, und es ist sinnvoll, zum Teil jedenfalls. Daher werden hier, drittens, einige objektive Bedingungen f\u00fcr ein alternatives Entwicklungsmodell sichtbar: Verflechtung landwirtschaftlicher und industrieller Produktion; bevorzugte Binnenmarktversorgung; Verflechtung l\u00e4ndlicher und st\u00e4dtischer Gemeinden oder beider Elemente in einer Gemeinde.<\/p>\n<p>Der offensichtliche Widerspruch zwischen reichlich vorhandener, aber nicht oder nur gering genutzter landwirtschaftlicher Fl\u00e4che und der Armut der Landlosen; ihre Disziplin, Konsequenz und Opferbereitschaft; die zivile Militanz ihres Widerstandes; die Tatsache, da\u00df die Gewalt zun\u00e4chst einmal in der strukturellen Gewalt ihre tiefere Ursache hat, die das Latifundium darstellt und die sich fortsetzt in der direkten Gewalt der Gegenseite (deren Aktionen von der sublimen Gewalt der unwahren und vorurteilsvollen Berichterstattung in einem Teil der Medien gedeckt wird; die Zusammenarbeit des MST mit den unabh\u00e4ngigen, k\u00e4mpferischen Gewerkschaften, die in der &#8222;Confedera\u00e7\u00e3o \u00danica dos Trabalhadores&#8220; CUT zusammengeschlossen sind, und mit anderen sozialen Bewegungen, so mit der Obdachlosenbewegung &#8222;Movimento dos Sem Teto&#8220; MST (Bewegung derer ohne ein Dach \u00fcber dem Kopf) &#8211; all diese Charakteristika haben dem MST eine breite Sympathie in der Bev\u00f6lkerung und gro\u00dfe Aufmerksamkeit und zum Teil auch objektive und genaue Berichterstattung in den Medien gesichert und diese Bewegung zu einem nicht mehr \u00fcbersehbaren Faktor im sozialen Wandel Brasiliens gemacht.<\/p>\n<h3>Acampamentos<\/h3>\n<p>Die wirksamste unter den direkten Aktionen des MST ist sicher die langandauernde Besetzung, das acampamento. &#8222;Besetzen &#8211; Widerstehen &#8211; Produzieren (Ocupar &#8211; Resistir &#8211; Produzir) &#8211; mit dieser Losung charakterisiert sich die Bewegung selbst. Produzieren, um menschenw\u00fcrdig zu leben, ist Grundlage und Ziel, Besetzen und Widerstehen sind Mittel, die den l\u00e4ndlichen Ausgeschlossenen durch die wirtschaftliche und die politische Situation aufgezwungen werden.<\/p>\n<p>Ein acampamento beginnt mit dem Zerschneiden des Stacheldrahtzaunes, der die ohne oder mit zuwenig gutem Land von denen mit zuviel gutem bis sehr gutem Land trennt. Das acampamento beginnt also mit der ganz praktischen Landnahme. Mit LKWs und Omnibussen, vollgeladen mit einfachsten Haushalts- und Arbeitsger\u00e4ten, mit Pf\u00e4hlen und Plastik f\u00fcr die Zelte, erreichen die Sem Terras das St\u00fcck Land, das sie sich f\u00fcr ihre Aktion ausgesucht haben. Schnell werden einfache Unterk\u00fcnfte errichtet und wird mit dem Anbau von Grundnahrungsmitteln, vor allem Reis, Mais und Bohnen, begonnen. Ein acampamento setzt, wie andere Aktionen auch, bei der Gruppe eine klare Konzeption, Mut, Verl\u00e4\u00dflichkeit und Sicherheit in einer egalit\u00e4ren und solidarischen Gruppe voraus. Die Gruppe, die ein acampamento wagen will, bereitet sich daher in einem Lernproze\u00df, der \u00fcber viele Monate geht, darauf vor.<\/p>\n<p>Die Campgemeinschaften sind, wie wir sagen w\u00fcrden, basisdemokratisch organisiert. In Vollversammlungen mit gew\u00e4hlter Leitung und gew\u00e4hlten Aussch\u00fcssen f\u00fcr die grundlegenden Lebensaufgaben: Anbau und Ern\u00e4hrung, Gesundheit, Erziehung, Fortbildung, Kultur und politische Arbeit werden die Angelegenheiten des Camps geregelt. Diese Basisdemokratie kann zugleich der Kern f\u00fcr eine sp\u00e4tere Selbstverwaltung und wirtschaftliche Zusammenarbeit in den legalen Siedlungen sein, die vielfach aus den acampamentos hervorgehen.<\/p>\n<p>Wird eine BesetzerInnengemeinschaft von der Staatsgewalt oder von gekauften Verbrechern im Dienste der Gro\u00dfgrundbesitzer vertrieben, so versucht sie die Besetzung an anderen Orten so lange, bis sie Erfolg hat. Wird die Landnahme geduldet und staatlich legalisiert, geht das acampamento in ein assentamento, eine Siedlung der Agrarreform \u00fcber. Deren sozio\u00f6konomische Organisation ist genossenschaftlich, entweder als Voll- (Produktiv-)Genossenschaft mit Gemeinschaftseigentum, bei Privatbesitz einer Familienparzelle, und demokratischer innerer Verwaltungsstruktur, oder es entstehen Dienstleistungsgenossenschaften bei privatem Familieneigentum und gemeinsamer Nutzung von Ger\u00e4tschaften und Nachbarschaftshilfe bei der Feldbestellung. Die Mehrzahl der sich stabilisierenden und legalisierten acampamentos geht bisher in Dienstleistungsgenossenschaften oder in rein private familienb\u00e4uerliche Betriebe \u00fcber. Eine Minderheit h\u00e4lt an der vollgenossenschaftlichen Wirtschaftsweise fest. Die Mehrheit repr\u00e4sentiert also eine Ver\u00e4nderung und Modernisierung innerhalb der kapitalistischen Marktwirtschaft. Einige der Produktivgenossenschaften k\u00f6nnen hingegen als Zellen einer freien sozialistischen Gesellschaft angesehen werden, \u00fcber deren weitere Entwicklung die Zukunft entscheiden wird.<\/p>\n<h3>Erfolge des MST<\/h3>\n<p>Das MST konnte bisher durch die kurzfristigen Besetzungen und die Camps die legale Gr\u00fcndung bzw. die Legalisierung von 580 Siedlungen erreichen, in denen zweihunderttausend Familien leben, die 5 Millionen Hektar landwirtschaftliche Nutzfl\u00e4che bearbeiten. Hinzu kommen derzeit noch 47 000 Familien in acampamentos auf 274 besetzten L\u00e4ndereien.<\/p>\n<p>Probleme dieser assentamentos sind: h\u00e4ufig geringe Bodenfruchtbarkeit, schwer zug\u00e4ngliche Fl\u00e4chen und das Desinteresse der Agrarreform-Beh\u00f6rde daran, die neuen Betriebe und Genossenschaften finanziell, technisch und durch fachliche Beratung zu f\u00f6rdern. Diese L\u00fccke ist bisher teilweise durch Spenden schon \u00e4lterer assentamentos, von Solidarit\u00e4tsorganisationen und von der Kirche geschlossen worden. Au\u00dferdem leben immer wieder AgraringenieurInnen, SozialarbeiterInnen und LehrerInnen freiwillig eine Zeitlang im acampamento oder assentamento.<\/p>\n<p>Von gro\u00dfer politischer Bedeutung ist die Tatsache, da\u00df die Produktion in diesen assentamentos das f\u00fcnf- bis zehnfache des fr\u00fcheren Latifundiums betr\u00e4gt und die mittleren Ernten pro Hektar auch \u00fcber denjenigen in der Nachbarschaft liegen.<\/p>\n<p>\u00dcber die landwirtschaftliche Produktion von Grundg\u00fctern hinaus haben die assentamentos des MST in den letzten Jahren einen entscheidenden Schritt in Richtung einer Verflechtung der Grundg\u00fcterproduktion mit verarbeitender Agro-Industrie getan. &#8222;Wir haben&#8220;, so Gilberto de Oliveira, Mitglied der nationalen Koordinierung des MST, &#8222;54 industrielle Verwertungsbetriebe und zentrale Kooperativen.&#8220;<\/p>\n<p>Dieser wichtige Schritt bedeutet: Einnahmen der MST-Betriebe in den assentamentos, die \u00fcber den Versorgungsbedarf f\u00fcr das pure \u00dcberleben weit hinausgehen; die weitere \u00f6konomische Stabilisierung der assentamentos; schlie\u00dflich ein nicht zu untersch\u00e4tzender Entwicklungsbeitrag f\u00fcr die betreffenden Gemeinden und Regionen.<\/p>\n<p>Eine strategische Frage im Hinblick auf die gesellschaftspolitische Qualit\u00e4t der Sem-Terra-Siedlungen zielt auf die gesellschaftlichen Produktionsformen. Die F\u00fchrung des MST versucht, eine vollgenossenschaftliche, selbstverwaltete Produktionsweise anzuregen. Aber darauf hat sich bisher nur eine Minderheit der NeusiedlerInnen eingelassen. Die Mehrheit bevorzugt bis jetzt noch die private, familienb\u00e4uerliche Zusammenarbeit, vielfach verbunden mit Nachbarschaftshilfe (multirao) bei der Feldbestellung und der Maschinennutzung.<\/p>\n<p>Man mu\u00df daher das MST als eine uneinheitliche Agrarreformbewegung bezeichnen, worin die Mehrheit die Integration in einen sozial reformierten Kapitalismus, die Minderheit hingegen eine selbstverwaltete sozialistische Gesellschaft anstrebt.<\/p>\n<h3>Die Gewalt der &#8222;DemokratInnen&#8220;<\/h3>\n<p>Die Konflikte, die das MST immer wieder durchk\u00e4mpfen mu\u00df, sind oft \u00e4u\u00dferst brutal aufgrund der Gewaltt\u00e4tigkeit des Staatsapparates und der von den Gro\u00dfgrundbesitzern gekauften M\u00f6rder. Seit der Gr\u00fcndung des MST sind mehrere tausend Sem Terras get\u00f6tet worden. Daran hat der \u00dcbergang von der Milit\u00e4rdiktatur zur &#8222;Demokratie&#8220; nichts ge\u00e4ndert, weil diese, wie in Chile oder in Argentinien, auf den Staatsapparaten beruht, die die Diktaturen geschaffen haben. Zu erinnern ist an die j\u00fcngsten F\u00e4lle: das Massaker von Corumbiara 1995, und das von Eldorado de Caraj\u00e1s, 1996, das 19 Tote auf seiten der Landlosen forderte. Die ber\u00fcchtigte Milit\u00e4rpolizei, PM, hatte eine Demonstration in der N\u00e4he eines acampamento auf der Stra\u00dfe eingekesselt und dann wahllos auf die wehrlosen Menschen geschossen. Die Schuldigen sind in beiden F\u00e4llen bis heute nicht zur Verantwortung gezogen und bestraft worden &#8211; eine Einladung an die PM f\u00fcr die n\u00e4chsten Morde?<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Polizei und die pistoleiros der fazendeiros schie\u00dfen, verst\u00e4rkt die hohe Politik mit ihren Mitteln den Druck. Nur einige Beispiele: Im August 1996 hat Landwirtschaftsminister Ra\u00fal Jungmann die Verhandlungen mit dem MST abgebrochen mit der Begr\u00fcndung, Landbesetzungen seien illegal und k\u00f6nnten von der Regierung nicht geduldet werden. Im Januar 1997 wurde die Receita Federal, die Bundes-Steuerbeh\u00f6rde, beauftragt, die Finanzen des MST zu untersuchen &#8211; bisher ohne die erw\u00fcnschten Beweise f\u00fcr strafbare Handlungen. Es wurde au\u00dferdem bekannt, da\u00df der brasilianische Geheimdienst ABIN die Organisation infiltriert hatte; im M\u00e4rz 1997 beschuldigte Justizminister Jobin die Leitung des MST, Tumulte und Verbrechen anzuzetteln und kriminelle Banden zu bilden. Einer der MST-Koordinatoren, Jos\u00e9 Rainha, wurde wegen Doppelmordes zu 26 Jahren Gef\u00e4ngnis verurteilt, obgleich er nachweislich zum Zeitpunkt der Morde viele hundert Kilometer vom Tatort entfernt mit Regierungsvertretern verhandelt hatte, und die Aussagen gegen ihn nur von der Milit\u00e4rpolizei kamen &#8211; ein politischer Racheakt der &#8222;DemokratInnen&#8220; am MST und seiner demokratischen Politik.<\/p>\n<h3>\u00d6konomisch-politische Konjunktur und Perspektiven<\/h3>\n<p>1998 wird das Jahr sein, in dem sich die weitere \u00f6konomische Entwicklung entscheidet. Mit den Tricks der monetaristischen Politik &#8211; hohe Zinsen, Geldmengenkontrolle, Auslandskapitalf\u00f6rderung, notfalls Devisenverk\u00e4ufe &#8211; wird versucht werden, die Inflation auf dem bisherigen, f\u00fcr brasilianische Verh\u00e4ltnisse niedrigem Niveau zu halten &#8211; bis zu den Wahlen. Was danach kommt, wei\u00df niemand. Aber auch diese Instrumentalisierung der W\u00e4hrung f\u00fcr Parteipolitik mu\u00df nicht gelingen. Der angeh\u00e4ufte Sprengstoff der negativen \u00f6konomischen Indikatoren kann schon vor den im kommenden Jahr stattfindenden Pr\u00e4sidentschaftswahlen eine radikale Abwertung der brasilianischen W\u00e4hrung erzwingen. Das w\u00fcrde ganz sicher die Wiederwahl von Fernando Enrique Cardoso erschweren, aber nicht notwendig eine alternative Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik erm\u00f6glichen. Die Linke hat (noch) kein neues \u00fcberzeugendes Programm. Sie beklagt den Verlust des Sozialstaates und organisiert den Widerstand. Konstruktive Elemente f\u00fcr den Aufbau einer anderen Gesellschaft gibt es in Ans\u00e4tzen: die Betriebe und Gemeinden, die aus dem Kampf des MST hervorgehen, sind derzeit die wichtigsten.<\/p>\n<p>Wirtschaftspolitisch hat Cardoso eine entschieden neoliberale Politik verfolgt, unter dem Schleier eines Sozialdemokraten und Intellektuellen, mit der \u00fcblichen Rezeptur: \u00d6ffnung zum Weltmarkt, Abbau des Sozialsystems, Privatisierung von Unternehmen und der Universit\u00e4ten.<\/p>\n<p>In den drei Jahren seiner bisherigen Amtszeit hat der Soziologe Cardoso keinerlei sozialpolitische Konzeption oder Kompetenz vorgezeigt und stattdessen die erw\u00e4hnte Politik des Abbaus und der Privatisierung betrieben. Besch\u00e4digt wurden vor allem das Gesundheitswesen, die Schulen und Universit\u00e4ten und die Sozialversicherung, hier vor allem die Renten.<\/p>\n<p>In diesem \u00f6konomisch-politischen Umfeld macht das MST seine Politik. Zum Ende der neunziger Jahre ist die Landlosenbewegung ein politischer Faktor geworden, der nicht mehr illegalisiert oder \u00fcbersehen werden kann &#8211; aufgrund der intelligenten und zahlreichen Aktionen und der unmittelbaren \u00f6ffentlichen Nachvollziehbarkeit der Notwendigkeit wie der Legitimit\u00e4t einer Agrarreform, wie sie von der Bewegung angestrebt wird.<\/p>\n<p>Mit konkurrierenden Tendenzen in der Praxis hinsichtlich der Richtung der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung zeigt sich die brasilianische Landlosenbewegung als eine uneinheitliche Agrarreformbewegung, die teils die Integration in die kapitalistische Gesellschaft, teils die Erfindung und den Aufbau eines demokratischen Sozialismus anstrebt.<\/p>\n<p>Das bedeutet auch, da\u00df eine andere Option f\u00fcr die L\u00f6sung des brasilianischen Agrarproblems offen ist: die technokratische Integration der l\u00e4ndlichen Bev\u00f6lkerung in den weiteren Modernisierungsproze\u00df der Gesamtgesellschaft. Sie w\u00fcrde beruhen auf<\/p>\n<p>(a) einer Bodenreform, die das r\u00fcckst\u00e4ndige Latifundium enteignet, jedoch nicht die modernen agro-industriell vernetzten Unternehmen;<\/p>\n<p>(b) Bodensteuer-Zahlung und Entsch\u00e4digung f\u00fcr Enteignung auf der Grundlage des jeweiligen Marktwertes (statt, wie bisher: Unter- oder \u00dcberbewertung);<\/p>\n<p>(c) F\u00f6rderung der b\u00e4uerlichen und genossenschaftlichen Produktionsweise &#8211; ohne sozialistische Aspekte;<\/p>\n<p>(d) Arbeitsteilung zwischen moderner Export- und moderner Grundnahrungsmittelproduktion, diese vorzugsweise f\u00fcr den Binnenmarkt;<\/p>\n<p>(e) Finanzierung der Agrarreform durch Besteuerung des Gro\u00dfgrundbesitzes.<\/p>\n<p>Den Anfang f\u00fcr genau diese Agrarreform hat die Regierung mit einem neuen Bodensteuer-Gesetz gemacht, das Ende Oktober 1997 im Kongre\u00df von einer breiten Koalition von b\u00fcrgerlichen DemokratInnen und Linken angenommen worden ist (die Lobby des Latifundiums war in diesem Fall isoliert). Ist dies ein solcher Anfang, so h\u00e4tte das MST nicht die Funktion, den \u00dcbergang zu einer sozialistischen Gesellschaft zu f\u00f6rdern, sondern nur die, Druck zu machen f\u00fcr eine technokratische Agrarreform innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft. Diese Entwicklung w\u00fcrde auch der Tatsache entsprechen, da\u00df, unabh\u00e4ngig von der H\u00e4rte des Kampfes, die bei einem Teil des MST mit sozialistischer Ideologie verbunden ist, die Mehrheit der Landlosen die private familienb\u00e4uerliche Produktion anstrebt, die der technokratischen Agrarreformperspektive der Regierung entspricht. Schlie\u00dflich ist die Geschichte der Moderne voll von &#8222;revolution\u00e4ren&#8220; (ebenso von sozialreformerischen) Bewegungen, die objektiv und real nicht mehr und nicht weniger bewirkt haben als eine weitere Modernisierung innerhalb des Kapitalismus.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund zur\u00fcck zur Politik des MST. Es pflegt und vertieft seine Beziehungen zu den anderen sozialen Bewegungen und zur Zivilgesellschaft. Im August 1997 hat Raul Pedro St\u00e9dile, Mitglied der MST- Koordination, &#8222;die Arbeitslosen aufgefordert, die stillgelegten Fabriken zu besetzen, diejenigen, die Hunger leiden, vor den Superm\u00e4rkten zu demonstrieren, die Obdachlosen, sich auf verlassenen Grundst\u00fccken niederzulassen.&#8220; Das MST wird die direkten Aktionen 1998 weiter eskalieren, zusammen mit seinen B\u00fcndnispartnerInnen, auch im Hinblick auf die Pr\u00e4sidentschaftswahlen. Es soll der herrschenden Klasse seitens des anderen Brasiliens die Legitimit\u00e4t entzogen werden. Dieser politische Erfolg ist durchaus m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Die BrasilianerInnen erwachen gerade aus den sch\u00f6nen Tr\u00e4umen von &#8218;market based freedom and democracy&#8216;, reiben sich die Augen und beginnen, etwas Lebenswichtiges zu lernen: da\u00df diese Demokratie, so wie sie ist, nicht vor dem Terror der staatlichen und privaten Gewalt sch\u00fctzt, auch nicht vor Hunger, vor Krankheit, vor Elend, vor Arbeitslosigkeit und vor Armut im Alter, nicht vor Dem\u00fctigung und Beleidigung durch traditionelle Herrschaften und zu weitgehender Ohnmacht verurteilt bleibt gegen\u00fcber der herrschenden Klasse und der kapitalistischen Dynamik. Das alles hei\u00dft nur eins: wehren mu\u00df sich, wer seine W\u00fcrde bewahren oder wiedererlangen will:<\/p>\n<p>&#8222;Selbst, wenn die M\u00e4chtigen der Welt es heute laut herausposaunen lassen, ihr kapitalistisches System hat l\u00e4ngst nicht alle seine Gegner besiegt, sondern schafft sich t\u00e4glich neue. \u00dcberall auf der Welt wird nach Alternativen gesucht. Wir suchen mit.&#8220;, so der oben schon zitierte Gilberto Oliveira.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Etwa 4,8 Millionen Menschen bilden heute die soziale Klasse der Landlosen. Sie setzen sich vor allem aus Kleinbauern und -b\u00e4uerinnen, P\u00e4chterInnen und LandarbeiterInnen zusammen; aber auch StadtbewohnerInnen aus den Elendsquartieren, den Favelas, der kleineren und mittleren St\u00e4dte im Inneren des Landes. 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