{"id":15228,"date":"2016-04-01T00:00:00","date_gmt":"2016-03-31T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2016\/04\/vertuschte-atomunfaelle\/"},"modified":"2022-07-26T14:22:10","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:10","slug":"vertuschte-atomunfaelle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/04\/vertuschte-atomunfaelle\/","title":{"rendered":"Vertuschte Atomunf\u00e4lle"},"content":{"rendered":"<p>F\u00fcnf Jahre nach Fukushima scheint das Thema Atomkraft die Massen nicht mehr zu bewegen. Die Kundgebungen und Demos zum Jahrestag der Katastrophe haben lediglich ein paar Tausend Menschen auf die Stra\u00dfe gebracht. Viele Menschen begn\u00fcgen sich mit der Illusion eines deutschen Atomausstiegs, die PolitikerInnen gl\u00e4nzen mit NIMBY-Mentalit\u00e4t ((1)), indem sie gegen st\u00f6ranf\u00e4llige AKW auf der anderen Seite der Grenze in Belgien und Frankreich schimpfen &#8211; ohne dabei die eigene Verantwortung beim Namen zu nennen.<\/p>\n<p>Mit der F\u00f6rderung der Atomkraft unter dem Deckmantel der &#8222;Forschung&#8220;, mit unbefristet weiter laufenden Atomanlagen wie der Urananreicherungsanlage (UAA) in Gronau und der Brennelementefabrik Lingen, mit der Versorgung von Atomanlagen dienenden Atomtransporten tr\u00e4gt Deutschland zum weltweiten Bau und Betrieb von Atomanlagen bei. Die &#8222;heimischen&#8220; AKW sind dar\u00fcber hinaus nicht weniger gef\u00e4hrlich!<\/p>\n<h3>Vertuschter Zwischenfall im AKW Fessenheim<\/h3>\n<p>Als deutsche JournalistInnen vor wenigen Wochen die Vertuschung eines Beinahe-GAU aus dem Jahr 2014 im franz\u00f6sischen AKW Fessenheim \u00f6ffentlich machten, zeigten sich die Bundesumweltministerin und die verantwortlichen PolitikerInnen der Fessenheim nahen Bundesl\u00e4nder emp\u00f6rt. Sie forderten die Abschaltung des AKW &#8211; ohne dabei zu erw\u00e4hnen, dass Deutschland seit Jahren zu dessen Weiterbetrieb beitr\u00e4gt: Das AKW Fessenheim wird &#8211; wie viele AKW in Frankreich und Belgien &#8211; u.a. mit Brennelementen aus der Atomfabrik Lingen versorgt.<\/p>\n<p>\u00dcber den Hamburger Hafen verkehrt das Uranerzkonzentrat, das anschlie\u00dfend in Frankreich verarbeitet wird und als Rohstoff f\u00fcr die Versorgung der Atomanlagen dient. Doch weder der rot-gr\u00fcne Hamburger Senat noch die rot-gr\u00fcne nieders\u00e4chsische Regierung noch die schwarz-rote Bundesregierung sind bereit, Atomanlagen und Transporte zu stoppen. Hinzu kommt der Verdacht, dass beim Ausstiegsgesetz nach Fukushima absichtlich gepfuscht wurde, um das Gesetz juristisch durch die Konzerne angreifbar zu machen. ((2))<\/p>\n<p>Das Ganze h\u00f6rt sich noch absurder an, wenn man sich den Diskurs der VertreterInnen der Regierung im aktuell laufenden Verfahren um die Schadenersatzforderung der Atomunternehmen vor dem Bundesverfassungsgericht anschaut. Man habe die acht Meiler nach Fukushima abschalten lassen m\u00fcssen, weil die Atomkatastrophe gezeigt habe, dass das Restrisiko Atomkraft nicht beherrschbar sei.<\/p>\n<p>Sp\u00e4te Einsicht &#8211; und da fragt man sich, weshalb nur acht Reaktoren abgeschaltet wurden. Wieso sind zahlreiche Atomanlagen vom Ausstiegsplan nicht betroffen? Mit der Alterung der Anlagen w\u00e4chst die Gefahr st\u00e4ndig &#8211; auch in Deutschland.<\/p>\n<p>Der Unfall im AKW Fessenheim ist nur ein weiterer Beweis daf\u00fcr. Der Unfall ist tats\u00e4chlich besorgniserregend. Der Betreiber EDF verlor auf Grund einer \u00dcberschwemmung des Steuerungsraums die Kontrolle \u00fcber das AKW. Es wurde einige Minuten &#8222;blind&#8220; gesteuert. Die Kontrollst\u00e4be lie\u00dfen sich nicht mehr bedienen, die Kettenreaktion drohte vollst\u00e4ndig au\u00dfer Kontrolle zu geraten. Die Mannschaft rief den Krisenplan auf und entschied sich f\u00fcr den Einsatz von Bors\u00e4ure zur Unterbrechung der Kettenreaktion. Eine Ma\u00dfnahme, die nur im Katastrophenfall vorgesehen ist. Der Unfall wurde anschlie\u00dfend vertuscht und selbst von der zust\u00e4ndigen Atomaufsichtsbeh\u00f6rde ASN herunter gespielt. Dass er nun \u00f6ffentlich wurde, ist der Arbeit von JournalistInnen zu verdanken. Beh\u00f6rden und Politik haben versagt. Die Gefahr, dass die Kontrolle \u00fcber das AKW im Falle einer \u00dcberschwemmung verloren geht, besteht auf Grund eines Konzeptionsfehlers bei 16 franz\u00f6sischen Atomreaktoren<\/p>\n<p>Besorgniserregend ist, dass diese Vertuschung von ernsthaften Zwischenf\u00e4llen zum Normalbetrieb geh\u00f6rt.<\/p>\n<h3>Beispiele f\u00fcr vertuschte Unf\u00e4lle und Beinahe-Unf\u00e4lle<\/h3>\n<p>Wenig bekannt ist der Fall der AKWs Saint Laurent des Eaux an der Loire &#8211; er wurde erst im vergangenen Jahr durch Investigativ-JournalistInnen der Sendung &#8222;pi\u00e8ce \u00e0 conviction&#8220; ans Licht der \u00d6ffentlichkeit gebracht. Es kam 1969 zu einer Teilkernschmelze im Graphit-Gas-Reaktor Nummer 1 der Anlage. 50 Kilo Uran sind geschmolzen. 1980 ereignete sich eine weitere Teilkernschmelze, diesmal im Graphit-Gas-Reaktor Nummer 2. 20 Kilo Uran sind geschmolzen. Die Brennelemente befanden sich schon zwei Jahre im Reaktor, so dass die freigesetzte Strahlung h\u00f6her war als 1969. Ca. 500 ArbeiterInnen wurden zur Begrenzung und Vertuschung des Unfalls eingesetzt. In Bodenproben aus der Umgebung des AKW Saint Laurent des Eaux sind heute noch Spuren von Plutonium zu finden. Interne Unterlagen bezeugen, dass Plutonium f\u00fcnf Jahre lang peu \u00e0 peu freigesetzt wurde. Das findet der ehemalige Pr\u00e4sident des Stromkonzerns EDF &#8222;nicht schlimm&#8220;. Er vergleicht den Unfall mit einem Autounfall (siehe Kasten). Neben den stillgelegten Reaktoren in Saint Laurent des Eaux sind heute Druckwasserreaktoren in Betrieb. Versorgt mit Brennelementen aus Lingen!<\/p>\n<p>Als 1999 das AKW Le Blayais bei Bordeaux auf Grund eines Sturmes notabgeschaltet wurde, die K\u00fchlung ausfiel, die Brennelemente im Reaktor kurz vor der Kernschmelze standen und Radioaktivit\u00e4t ins Meer freigesetzt wurde, wurde die \u00d6ffentlichkeit ebenfalls nicht informiert. Obwohl hier auch ein nur im Katastrophenfall vorgesehener nationaler Krisenplan ausgerufen wurde und ein GAU erst in letzter Minute verhindert werden konnte. ((3))<\/p>\n<p>Die \u00d6ffentlichkeit erfuhr von dem Unfall erst nach zehn Tagen, dank der Aufkl\u00e4rungsarbeit von AtomkraftgegnerInnen. Das AKW Le Blayais wird regelm\u00e4\u00dfig mit Brennelementen aus Lingen versorgt.<\/p>\n<p>Ich erinnere mich an einen Unfall auf der Autobahn, 2004 in der N\u00e4he von Orl\u00e9ans, wo ich aufgewachsen bin. Ein mit Brennelementen beladener LKW stie\u00df mit einem anderen LKW zusammen, die Autobahn musste voll gesperrt werden. Der andere LKW hatte gl\u00fccklicherweise keine brennbare explosive Fl\u00fcssigkeit wie Benzin geladen, sondern Handys. Radioaktivit\u00e4t wurde offiziellen Angaben zur Folge nicht freigesetzt. ((4))<\/p>\n<p>Dies zeigt aber, dass nicht nur der Betrieb von Atomanlagen Gefahren mit sich bringt, sondern auch die Atomtransporte selbst.<\/p>\n<p>Diese Beispiele zeigen: Wir sind mehrfach haarscharf an einer schwerwiegenden Katastrophe vorbei geschrammt. Es ist noch mal gut gegangen. Wie lange noch?<\/p>\n<h3>Kein Verlass auf die Politik<\/h3>\n<p>Frankreichs Pr\u00e4sident Hollande hat im Wahlkampf die Schlie\u00dfung des AKW Fessenheim sp\u00e4testens 2016 versprochen. Sein Versprechen hat er nicht eingehalten, und es ist nicht damit zu rechnen, dass er dies noch tun wird. Im Januar hie\u00df es seitens der Regierung, man werde in diesem Jahr (2016!) entscheiden, wann das AKW stillgelegt wird. 2017 sind Pr\u00e4sidentschaftswahlen, die n\u00e4chste Regierung kann dann das Abschaltdatum nach Belieben nach hinten schieben.<\/p>\n<p>Nach dem Bekanntwerden des vertuschten Unfalls hie\u00df es dann, man werde das AKW doch in diesem Jahr schlie\u00dfen. Konkret wurde die Regierung jedoch nicht. Stattdessen hat die franz\u00f6sische Atomaufsichtsbeh\u00f6rde die Laufzeitverl\u00e4ngerung f\u00fcr zahlreiche marode AKW genehmigt.<\/p>\n<h3>Flamanville<\/h3>\n<p>Weiter geht auch der Bau des EPR Reaktors in Flamanville in der Normandie. Der Bau verz\u00f6gert sich auf Grund von diversen M\u00e4ngeln, die Kosten explodieren. Von anfangs 3 Milliarden Euro sind sie auf 9 Milliarden gestiegen. Der Beton ist por\u00f6s und weist Unregelm\u00e4\u00dfigkeiten auf. Die atomare Aufsichtsbeh\u00f6rde ASN bem\u00e4ngelte au\u00dferdem die Zusammensetzung des Edelstahls, aus dem der Reaktorkessel besteht.<\/p>\n<p>Sie hat Untersuchungen angeordnet. Von deren Ergebnis, das f\u00fcr den Sommer zu erwarten ist, h\u00e4ngt ab, ob der Kessel ersetzt werden muss. Die Untersuchungen finden in Deutschland in Karlstein statt. Deutschland unterst\u00fctzt dem versprochenen Atomausstieg zum Trotz den Bau des neuen AKW! ((5))<\/p>\n<p>Die franz\u00f6sischen SteuerzahlerInnen werden auf den Mehrkosten sitzen bleiben. Es ist zu hoffen, dass der Bau sich f\u00fcr eine Ewigkeit verz\u00f6gert und der Reaktor nie in Betrieb geht. Die Mehrkosten w\u00e4ren hier das kleinere \u00dcbel.<\/p>\n<p>Die franz\u00f6sische Regierung steckt weiter den Kopf in den Sand. Der AREVA-Konzern, der weltweit Atomanlagen baut und betreibt sowie Uran f\u00f6rdert, ist pleite. Die Pleite hat mit den fehlenden Auftr\u00e4gen nach Fukushima, mit den Pannen beim Bau von EPR-Reaktoren in Frankreich und Finnland sowie mit diversen Korruptionsskandalen zu tun. Der Stromkonzern EDF soll deshalb AREVA NP (nuclear products) \u00fcbernehmen und 2,7 Milliarden Euro hineinpumpen. Bis 2017 ben\u00f6tigt AREVA jedoch 7 Milliarden Euro. Die SteuerzahlerInnen sollen die Atomindustrie retten und f\u00fcr das t\u00e4gliche Restrisiko zahlen.<\/p>\n<h3>Willkommen im Atomstaat Frankreich!<\/h3>\n<p>Diese verantwortungslose, menschenverachtende Politik m\u00fcsste &#8211; egal auf welcher Seite der Grenze &#8211; die Menschen in Scharen auf die Stra\u00dfe bringen.<\/p>\n<p>Es ist aber leider oft so, dass die Mehrheit lieber die Beruhigungspillen der Regierungen (Versprechen eines Atomausstiegs, die Behauptung, dass keine Gefahr f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit bestanden habe) schluckt und erst aktiv wird, wenn es zu sp\u00e4t und der eigene Garten gef\u00e4hrdet ist.<\/p>\n<p>Die Antiatombewegung hat viele Atomanlagen erfolgreich verhindert und Abschaltungen erzielt. Es ist jedoch noch viel zu tun! Atomausstieg bleibt Handarbeit!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcnf Jahre nach Fukushima scheint das Thema Atomkraft die Massen nicht mehr zu bewegen. 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